Experten: Steht Russlands Wirtschaft vor Kollaps?

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft hat Mitte Juni einen Bericht zur russischen Wirtschaft mit dem Titel: „Endgame: The State of the Russian Economy“ veröffentlicht. Die russische Wirtschaft habe bereits das „Endstadium erreicht“ und stehe vor dem Kollaps, heißt es. Zahlreiche westliche Medien griffen die Analyse der Kieler Wirtschaftswissenschaftler auf. Doch etliche Experten – und auch das britische Wochenmagazin The Economist – widersprechen.

Dem Kieler Report zufolge haben sich Russlands wirtschaftliche Grundlagen deutlich abgeschwächt. „Die fiskalischen Reserven sind weitgehend aufgebraucht, das Wachstum ist zum Stillstand gekommen, und die Abhängigkeit von China wird immer ausgeprägter“, sagt Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft und Co-Autor des Überblickskapitels des Berichts.

Der Bericht kommt zu dem Ergebnis, dass die liquiden Vermögenswerte des russischen Staatsfonds von 6,5% des Bruttoinlandsprodukts zu Beginn des Krieges auf nur noch 1,8% im April 2026 gesunken seien. Das Haushaltsdefizit habe in den ersten drei Monaten des Jahres 2026 das für das gesamte Jahr angestrebte Ziel der Regierung überschritten, während die Öl- und Gaseinnahmen im ersten Quartal 2026 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 45% eingebrochen seien.

Experten widersprechen

Dr. Janis Kluge, Russlandexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, kommentierte den Kieler Report gegenüber dem Nachrichtenkanal t-online. Er sehe aktuell keine Anzeichen für einen Kollaps in Russland, betonte der Experte. Vielmehr befinde sich die russische Wirtschaft in einer „konjunkturellen Abkühlung“, so Kluge, „durch die Steigerung der Militärausgaben und den Arbeitskräftemangel war die Wirtschaft zuletzt überhitzt. Dadurch stieg die Inflation, wogegen die Zentralbank dann Maßnahmen ergriff. Die Zinsen wurden drastisch erhöht, was wiederum die Wirtschaft ausbremste.“

Auch Alexander Libman, Professor für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Osteuropa und Russland an der Freien Universität Berlin, bewertete den aktuellen Zustand der russischen Wirtschaft als andauernde Stagnation und rechnet nicht mit einem plötzlichen Kollaps. „Solange die Märkte in Russland grundsätzlich funktionieren, werden sie sich anpassen und die Wirtschaft am Laufen halten – wobei natürlich von einem Wirtschaftswachstum dann trotzdem keine Rede sein kann“, so Libmann.

Seit der Einführung harter Sanktionen habe man Russland bereits mehrmals einen Zusammenbruch prophezeit, betonte Vasily Astrov, Russlandexperte des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche, im Podcast der österreichischen Zeitung Die Presse. Das habe aber bisher nicht stattgefunden. „Wir sehen zwar tatsächlich Probleme. Und diese Probleme haben sich, vor allem was das Wirtschaftswachstum betrifft, in den letzten Monaten gehäuft. Aber ich glaube, von einem wirklichen Kollaps ist Russland noch weit entfernt.“

The Economist zweifelt

Auch das englische Wirtschaftsmagazin The Economist widersprach in Teilen dem Kieler Bericht. Seine Position gibt die Zeitschrift bereits in der Überschrift zu erkennen: „Russia’s war economy has problems – but is not about to crash“. „Zwischen 2022 und 2025 stieg das inflationsbereinigte Pro-Kopf-BIP Russlands um 12%. Angesichts der düsteren Prognosen ist das kein schlechtes Ergebnis“, schreibt das Magazin.

Laut der offiziellen russischen Statistik schrumpfte das reale BIP im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 0,2%. Dabei sei aber zu berücksichtigen, so The Economist, dass bei der BIP-Entwicklung eine Reihe von Faktoren berücksichtig werden müssen wie beispielsweise das Vorziehen von Käufen ins vierte Quartal 2025 wegen der Mehrwertsteuererhöhung Anfang 2026, weniger Arbeitstage und schlechtes Wetter. Die Daten der staatlichen VEB Bank deuteten sogar auf eine Beschleunigung des BIP-Wachstums im März und April hin, teilweise dank steigender Ölpreise, heißt es im Artikel weiter. Die Inflation betrage nur noch etwa die Hälfte ihres jüngsten Höchststands von über 10%. Russlands Rüstungsausgaben betrugen laut The Economist im vergangenen Jahr 7% bis 8% des BIP. Allerdings entspreche das im Vergleich mit dem Vorkriegsniveau einem Anstieg von 3% bis 4%. Nicht unerheblich, aber auch nicht groß genug, um massive Folgewirkungen auszulösen, resümiert die Zeitschrift.

Russland könne in diesem Jahr mit einem BIP-Wachstum von rund 1% rechnen – ungefähr auf dem Niveau von Frankreich oder Kanada. Das Fazit von The Economist: „Russlands Wirtschaft befindet sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in einer Rezession.“

Einkommen steigen schwächer, Industrieproduktion schwächelt

Das Wachstum der real verfügbaren Einkommen wird sich 2026 laut Prognose der VEB-Bank angesichts der Erhöhung der Mehrwertsteuer und niedrigerer Unternehmenseinkommen stark verlangsamen. Es erreicht nicht mehr 7,4% wie im Jahr 2025, sondern nur noch 0,6%. Dabei beschleunigt sich das Wachstum der Reallöhne geringfügig von 5,2% auf 5,5% im Jahr 2026.

Das Statistikamt Rosstat teilte am 24. Juni mit, dass die Industrieproduktion im Mai im Vergleich zum Vorjahr um 0,7% sank. Von Januar bis Mai 2026 wuchs sie im Vorjahresvergleich lediglich um 0,4%. Der Rückgang der Industrieproduktion im Mai war auf den Rückgang der Produktion im Bereich Bergbau, Förderung von Rohstoffen zurückzuführen: minus 2,7% im Vergleich zum Mai 2025 und minus 0,2% im Vergleich zu Januar bis Mai 2025, wobei der Hauptfaktor der Rückgang im Öl- und Gassektor war. 

Quelle: Kiel Institut (EN), t-online, FU Berlin, Die Presse, The Economist (EN)

 

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09.07.2026

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