SPIEF 2026: Putin, Minister, Topmanager zu Russlands Wirtschaft und Konjunkturflaute

Am diesjährigen St. Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum (SPIEF) haben laut offiziellen Angaben 24.500 Menschen aus mehr als 130 Ländern teilgenommen. Beim Forum wurden über 1000 Abkommen im Wert von rund 6,6 Bio. Rubel (78 Mrd. Euro) abgeschlossen, im vergangenen Jahr waren es 1030 Abkommen, das Volumen belief sich damals auf über 6,3 Bio. Rubel (74 Mrd. Euro).

Im Rahmen des Forums hat die Wirtschaftselite Russlands in zahlreichen Diskussionsrunden ein Lagebild der russischen Wirtschaft gezeichnet – und auf Kritik angesichts der Wirtschaftsabkühlung in Russland reagiert. Eine Zusammenfassung.

TN_Herkunft_de.png

Deutsch-russisches Wirtschaftspanel, 03.06.2026

Frage von Panel-Moderator Matthias Schepp: Kann die Wirtschaft eine Rolle spielen, wenn ein Friedensprozess beginnt – dass sich Russland und Deutschland wieder annähern können?

Thomas Bruch, Eigentümer von Hyperglobus OOO; Gesellschafter Globus Holding GmbH & Co. KG

„Das ist eine schwierige Frage. […] Das Leben ist voller Dinge, wo es unterschiedliche Meinungen gibt, die aufeinanderprallen. Die Frage ist, wie man damit umgeht.

Ich mache schon seit Jahrzehnten bei uns im Unternehmen genau zu solchen Fragen Schulungen für Nachwuchsführungskräfte. Da sage ich immer, wenn es unterschiedliche Meinungen zu einer und der gleichen Sache gibt, da braucht es immer drei Dinge, damit man damit ins Konstruktive kommt. Erstens braucht es die Fähigkeit, mit Leuten, die eine andere Meinung haben, konstruktiv umzugehen. Wenn man den Kopf in den Sand steckt oder sagt, ich rede nicht mit Leuten, die eine andere Meinung haben, dann entsteht keine Lösung, kein Fortschritt. Zweitens braucht es Freimut, etwas, was mit Offenheit zu tun hat: Ich sage, was ich denke, ich höre aber auch zu und interessiere mich dafür, was der andere denkt und warum er das denkt. Wenn Beides da ist, dann kann man zum dritten Punkt kommen: Man kann gemeinsam gucken, ob es einen gemeinsamen Weg in die Zukunft gibt. In Unternehmen ist es so, wenn es um Entscheidungen geht, aber auch in der Politik. Diese Dinge versuche ich in meinem Umfeld zu fördern.

Es kann eigentlich jeder in seinem Umfeld schauen, wie er mit schwierigen Situationen umgeht – und auch mit dieser Situation. Ich glaube, jeder Konflikt, auch der, über den wir jetzt gerade sprechen, wird sich nur über Dialog und Diplomatie lösen lassen. Sich dem nicht zu verweigern, sondern sich dem zu stellen, das halte ich für wichtig.“

Pawel Isajew, stellv. Generaldirektor Severstal PAO

„Wir haben mal Wirtschaftsgeographie studiert. Im Grunde geht es um Folgendes: Wo befinden sich die Ressourcen, wo die Märkte, wo sind die Logistikwege und wie lassen sich diese Lieferketten effizienter gestalten? Wir wissen, dass Deutschland und Russland auf dem europäischen Kontinent bleiben werden. Und viele Ressourcen sind, wie man so schön sagt, ein Geschenk der Natur. Wenn es Vorkommen gibt, müssen diese erschlossen werden, um der Gesellschaft und den Unternehmern, die sie abbauen, auf den Markt bringen und so die Bedürfnisse der Menschen befriedigen, einen Nutzen zu bringen. Die Wirtschaftsgeographie zeigt uns, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben. Die Geschichte verläuft zyklisch; das haben wir schon oft erlebt.

Ein anderer Aspekt ist, dass die Politik die Wirtschaftsgeografie mittlerweile dominiert. Fast alle Anwesenden sagten: ‚Wir kommen zurecht.‘ Wir haben lediglich einen deutlich komplexeren Prozess geschaffen, der mehr Aufwand und höhere Transaktionskosten verursacht. Wir könnten diese Ressourcen sinnvoller für unsere Bevölkerung einsetzen, anstatt sie zu verschwenden. Da dies aber derzeit unmöglich ist, versucht jeder, so gut wie möglich damit umzugehen.

Gleichzeitig möchte ich meine Kollegen daran erinnern, dass sich viele Manager in Russland in den 1990er-Jahren plötzlich in einer Situation befanden, in der die Kooperationsmöglichkeiten weggefallen waren, die sie unter der Sowjetunion hatten. Viele, die lange auf dem russischen Markt tätig sind, erinnern sich noch daran, wie sie Taschen voller Bargeld durchs Land schleppten. Für diejenigen, die das miterlebt haben, ist klar, dass die Abschaltung von SWIFT uns weder erschrecken noch aufhalten wird. Und tatsächlich haben sich Unternehmen neuen Märkten zugewandt und haben sich dort etabliert. Wir hatten gedacht, es würde viel schlimmer kommen. Doch unsere Überlebensinstinkte setzten ein. Wir haben uns neu orientiert, Lieferketten gefunden und neue Kunden gewonnen.

Eine andere Frage ist, dass der europäische Markt Premium-Produkte bot und berechenbar war. Man hätte eine fertige Lösung kaufen können, anstatt sie selbst zusammenzubasteln. Einerseits ist das eine Übung, eine Herausforderung für uns. Andererseits macht es uns stärker. Ich hoffe aber, dass die Wirtschaftsgeographie eines Tages wieder die Bedeutung erlangt, die sie einst in den Lehrbüchern hatte, und dass wir dementsprechend zu einer engeren Zusammenarbeit zurückkehren, denn, ich wiederhole das, die Nationen bleiben auf der Landkarte.“

Leo Eppinger, Gründer Masterlock OOO

„Eine Annäherung zwischen Deutschland und Russland ist unvermeidbar. Das ist eine Frage der Zeit. Das haben wir auch nach dem Zweiten Weltkrieg gesehen. Es hat etwas gedauert, bis die beiden Länder sich doch angenähert haben. Und jetzt wird es genauso sein. Wir hoffen alle, dass der Krieg sehr bald vorbei ist. Und das ist der erste Schritt. Und danach wird es deutlich schneller gehen als nach dem Zweiten Weltkrieg, dass die Seiten wieder zueinander finden. Kulturell haben sich Deutschland und Russland immer gut verstanden. Die Kulturbeziehungen bleiben auch jetzt, auch wenn etwas weniger leider. Aber das kommt sehr schnell wieder zurück. Das ist meine Meinung. Und das ist dieser junge Maximalismus. Wir hoffen das Beste. Das kommt. Und wir tun auch was dafür.“

Polina Scharowa, Inhaberin von Hermes-Ural

„Als kleine und mittelständische Unternehmen haben wir wenig Einfluss auf die große Politik. Natürlich hängt alles von der Politik ab. Und wie die Erfahrung gezeigt hat, tun wir, was man uns sagt. Aber ich kann für mich selbst sprechen: So wie wir uns schnell an veränderte Lieferketten und so weiter angepasst haben, werden wir uns auch wieder anpassen, sollte sich der Prozess umkehren. Am wichtigsten ist es jetzt, das Gesicht zu wahren und einander mit Respekt zu begegnen, und genau das tun wir heute in dieser Sitzung. Das bedeutet, dass noch nicht alles verloren ist; der Dialog wurde aufrechterhalten, und wir werden unsere Beziehungen weiterentwickeln.“

Stefan Dürr, Gründer EkoNiva, Geschäftsführer EkoNiva-APK Holding

„Ich bin mir sicher, es ist nicht so abgebrochen, wie es vielleicht manchmal ausschaut, aber es ist alles dafür getan worden, dass abgebrochen wird. Ich denke, dass weder die Sanktionen noch der ganze Abbruch, was Sport, Kultur etc. angeht, nichts Gutes war. Das wird wieder zurückkommen. Wie Herr Eppinger gesagt hat, da muss man was dafür tun. Das wird nicht von alleine zurückkommen. Das ist etwas, wofür ich auch schon die ganze Zeit arbeite. Ich gehöre nicht zu denen, die sagen, wir müssen warten, bis die Waffen schweigen, und dann fangen wir an zu arbeiten. Sondern das Arbeiten muss die ganze Zeit gegangen sein. Und wer das noch nicht gemacht hat, sollte zumindest heute damit anfangen. […]

Je mehr geredet wird, desto größer ist die Chance für einen Waffenstillstand. Es ist doch logisch: Es wird keinen Waffenstillstand geben, der einfach vom Himmel fällt. Deshalb müssen viele Menschen dran arbeiten. […]

Manche Sachen laufen anders, als man sich gedacht hat, aber jeder sollte daran arbeiten. Irgendetwas klappt, irgendetwas klappt vielleicht nicht – und dann gibt es sicher Enttäuschungen. Aber zu sagen, wir sitzen jetzt da und warten, bis das irgendwann aufhört, weil… Warum soll es denn aufhören, wenn man nichts dafür tut? Man kann natürlich sagen, wir sind alles kleine Lichter und haben da gar nichts zu tun, aber der Dialog ist wichtig und der sollte auf allen Ebenen weitergehen, soweit es eben jeder oder jede machen kann.

Andreas Böldt, Berater des Abteilungsleiters, Gazprom; Leiter der OMV-Repräsentanz in Russland (2017–2023)

„Ja, so sehr ich mir auch wünsche, dass es eine Annäherung geben wird, da bin ich doch versucht, etwas Wasser in den Wein zu gießen. Die Beziehungen werden nicht wieder so sein, wie sie mal waren. Dafür ist einfach zu viel Porzellan zerschlagen worden und, was viel schwerer in meinen Augen wiegt, da ist viel Vertrauen verloren gegangen. Insbesondere eben auch in Energiebeziehungen. Man hat darauf vertraut, dass die Lieferverpflichtungen eingehalten werden, dass das, was vertraglich vereinbart wurde, auch bei dem Abnehmer ankommt. Versorgungssicherheit, Energiesicherheit ist ein hohes Gut und wenn das erschüttert wird, dann ist das Vertrauen verloren. Im Energiebereich wird es nicht mehr so sein, wie es vor 2022 war.

Wie ich schon sagte, man setzt jetzt auf Diversifizierung, verschiedene Lieferanten. Man versucht eine Abhängigkeit zu vermeiden. Es sind natürlich auch widersprüchliche Ziele. Auf der einen Seite will man die Gewissheit haben, dass man die Ressourcen bekommt, die man braucht. Auf der anderen Seite will man sich aber auch nicht strikt an einen Abnehmer binden. Generell ist es so, dass die Welt sich verändert, politisch, wirtschaftlich. Man ist gefordert, sich anzupassen, die Realitäten anzuerkennen, darauf zu reagieren. Aber auf der anderen Seite müssen wir auch miteinander auskommen. Wir sind alle Europäer und wir haben keine andere Alternative. Wir müssen miteinander auskommen. Noch besser ist es, wenn wir miteinander zusammenarbeiten, zum gegenseitigen Vorteil. Das hat in der Vergangenheit funktioniert. Warum soll es in der Zukunft nicht auch funktionieren? Unter anderen Vorzeichen vielleicht auch mit den Lehren, die man aus der vergangenen Krise zieht, das in Zukunft besser zu machen.“

Präsident Wladimir Putin zu Sanktionen und der Lage der russischen Wirtschaft

Sanktionen und der Westen

„Für viele Jahrzehnte basierte das globale Entwicklungsmodell auf einer begrenzten Anzahl von Finanzzentren, technologischen Lösungen, Versicherungs- und Logistikzentren, Ratingagenturen und Reservewährungen. Diese Struktur wurde als universell, angeblich für alle geeignet und vor allem als neutral dargestellt. In Wirklichkeit wurde sie zunehmend als Instrument für politischen Druck und unfairen Wettbewerb missbraucht, wodurch Zahlungen, Technologie, Logistik und sogar der Zugang zu Informationen jederzeit unterbrochen werden konnten, um diejenigen zu bestrafen, die im eigenen nationalen Interesse handelten. Im Wesentlichen handelte es sich dabei um ein speziell geschaffenes System der Abhängigkeit und Ressourcenausbeutung.“ / Russ. Präsident

„Ich habe es bereits gesagt: Sanktionen und Blockaden, und im Grunde der Diebstahl der russischen Währungsreserven, haben die Positionen der globalen Währungen (Dollar und Euro) unwiderruflich beeinflusst. Eine offenkundige Tatsache ist: Alle Länder – und ich möchte betonen, ausnahmslos alle – könnten wie Russland jederzeit den Zugang zu ihren legitimen, in Dollar oder Euro gehaltenen Vermögenswerten sowie zur westlichen Finanz- und Zahlungsinfrastruktur verlieren.“ / Russ. Präsident

„Als Beispiel dafür, wie sich das globale Handelssystem von einer westlich geprägten Position löst, möchte ich Folgendes anführen: In den vergangenen 25 Jahren hat sich der Anteil der BRICS-Staaten am weltweiten Warenhandel mehr als verdoppelt. Im vergangenen Jahr entfiel fast ein Viertel der weltweiten Exporte auf unsere Länder. Diese Zahl wächst stetig weiter, ebenso wie der Binnenhandel der BRICS-Staaten. Er übersteigt bereits eine Billion Dollar pro Jahr.“ / Russ. Präsident

„Historisch betrachtet wurde der Westen von anderen Ländern als Quelle der technologischen Entwicklung betrachtet, aber auch hier erleben wir einen bedeutenden Wandel. In den letzten 25 Jahren haben die BRICS-Staaten ihre Hightech-Exporte deutlich gesteigert. Sie decken mittlerweile mehr als ein Drittel des weltweiten Angebots ab, was auf eine Verschiebung der globalen Technologieführerschaft hindeutet.“ / Russ. Präsident

„Im Grunde stehen große Staaten, echte Zivilisationen, vor einer historischen Entscheidung: Entweder schaffen sie ihre eigene Plattform und ihre eigenen technologischen Rahmenbedingungen oder sie werden zu digitalen Randgebieten. Und wir sollten uns hier nichts vormachen. Ausländische Dienstleistungen mögen zunächst bequem sein, aber der Preis dieser Abhängigkeit wird sich später unweigerlich zeigen.“ / Russ. Präsident

„Russland hat diese Lektion bereits gelernt. Wir haben erlebt, wie einige Softwareanbieter den Markt verlassen, wie Zahlungen blockiert und wie eine Politik der Einmischung in Geschäftsbeziehungen betrieben wird. Daher werden wir unsere eigene kritische Infrastruktur stärken und nur mit jenen Partnern zusammenarbeiten, die gegenseitige Verpflichtungen respektieren.“ / Russ. Präsident


Putin_Rede_de.png

Lage der russischen Wirtschaft

„Unter diesen angespannten und schwierigen Umständen stärkt Russland weiterhin seine Souveränität, nicht durch Isolation, sondern durch die Erweiterung des Kreises seiner Partner. Ja, die wirtschaftliche Dynamik ist derzeit gedämpft. […] Ich möchte Sie an dieser Stelle an die Aufgabe der Regierung erinnern: Ab dem nächsten Jahr müssen wir zu nachhaltigen Wachstumsraten in der Binnenwirtschaft zurückkehren. Dies kann nur unter einer Bedingung erreicht werden: durch erhöhte Kapitalinvestitionen und die Einleitung eines neuen Investitionszyklus.“ / Russ. Präsident

„Wir hören natürlich von allen Seiten Kritik, dass es bergabwärts geht. Ja, aber wir sind auf dasselbe Niveau gesunken, das die Länder der Eurozone in den letzten Jahren erreicht haben, und wir spüren den Aufschwung. Entscheidend ist, dass wir die Grundlagen unserer makroökonomischen Politik beibehalten haben. Ich bin zuversichtlich, dass der Aufwärtstrend sichergestellt wird.“/ Russ. Präsident

„Eine starke, souveräne und dynamische Wirtschaft erfordert die Förderung privater Initiativen, denn es sind Unternehmer und Unternehmen, die Marktnischen finden und gestalten, Waren und Dienstleistungen produzieren und Arbeitsplätze schaffen. Für eine hohe Wirtschaftsaktivität ist ein berechenbares und stabiles Investitionsklima unerlässlich. Unternehmen müssen das Steuersystem, die Zölle, die Vorschriften, die staatlichen Fördermaßnahmen und -mechanismen sowie ganz allgemein die Rahmenbedingungen für die kommenden Jahre genau verstehen.“ / Russ. Präsident

„Und abschließend: Ein starkes, souveränes Land kann, wie ich schon oft gesagt habe, nicht abgeschottet werden. Die Realität hat gezeigt, dass wir wichtige Waren selbst herstellen und die Infrastruktur stärken müssen, die für die nationale Sicherheit, für Unternehmer und für die Verbesserung der Lebensqualität der Bevölkerung von grundlegender Bedeutung sind. Gleichzeitig müssen wir unsere Beziehungen zu ausländischen Partnern vertiefen, die Zusammenarbeit ausbauen und grenzüberschreitende Projekte fördern.“ / Russ. Präsident

Deals_de.png

Weitere Stimmen zur Lage der russischen Wirtschaft

Maxim Oreschkin, stellvertretender Leiter der russischen Präsidialverwaltung

„Die westliche Wirtschaft befindet sich in Aufruhr, sie ist wie im Fieber, und ein Teil dieses Fiebers schwappt auch auf uns über. Die Ereignisse im Nahen Osten versetzen die ganze Welt in Aufruhr. Das betrifft auch uns. Doch Chinas Wirtschaft wächst weiter, Indiens Wirtschaft verzeichnet ebenfalls Wachstum, ebenso wie die afrikanische Wirtschaft. Wir müssen diese Chancen nutzen. Darüber hinaus müssen wir Reformen und Strukturveränderungen umsetzen.“ / RBC (RU)

„Wir müssen uns von einem rein defensiven Modell (im Hinblick auf Sanktionen – Anm. d. Red.) verabschieden. Und wir sollten nicht erwarten, dass alte Zeiten zurückkehren oder Sanktionen aufgehoben werden. Sanktionen sind nicht an bestimmte Ereignisse gebunden, sondern an die Veränderungen in der Welt. Die Welt von vor 10–20 Jahren wird nie wiederkehren. Wir bewegen uns schrittweise von dem rein defensiven Modell, das wir 2022/23 hatten, hin zu einem ausgewogeneren. Wir müssen aktiver agieren, sowohl im Inland als auch im Ausland. Das Gleichgewicht zwischen Verteidigung und Angriff muss bestehen bleiben und sich in Richtung Offensive verschieben.“ / RBC (RU)

„Alle Länder durchlaufen eine permanente Epoche des Modellwechsels. In den Jahren 2023 bis 2025 wuchs die russische Wirtschaft um mehr als 10%, Europa um 3%. Was war das Wachstumsmodell? Russische Unternehmen besetzten die von westlichen Firmen hinterlassenen Nischen. Durch die Integration von Russen in den Arbeitsmarkt schuf die Wirtschaft zusätzlich zwei Millionen Arbeitsplätze. Der Verteidigungssektor war in den letzten Jahren zweifellos einer der Wachstumstreiber. Digitale Plattformen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Das Modell wandelt sich. Welche Faktoren bleiben bestehen? Technologie, digitale Plattformen, vereinfachte Rechnungslegungsvorschriften und natürlich der Bedarf an einem neuen Investitionszyklus.“ / RBC (RU)

Maxim Reschetnikow, russischer Wirtschaftsminister

„Es geht um den Arbeitsmarkt. Wenn wir diesen betrachten, verstehen wir, dass es uns ohne neue Arbeitskräfte schwerfallen wird zu wachsen. Wir bemühen uns, sowohl junge als auch ältere Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren; wir verfügen über gewisse Reserven. Und natürlich setzen wir Programme zur Steigerung der Arbeitsproduktivität um, insbesondere in Branchen mit niedriger Produktivität, wie dem Einzelhandel.“

„Wir sprechen oft darüber, dass Produktivität eine Funktion von Investitionen ist, und die aktuelle Situation ist natürlich herausfordernd. Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht die Ressourcen haben, die Arbeitsproduktivität zu steigern. Nehmen wir beispielsweise Lean Manufacturing, das haben wir noch nicht überall eingeführt. Wir müssen weiter daran arbeiten. Wir haben das volle Potenzial definitiv noch nicht ausgeschöpft. Künstliche Intelligenz: hier steckt viel Potenzial, und die Digitalisierung ist noch nicht abgeschlossen.“

Anton Siluanow, russischer Finanzminister

„Die Zentralbank erntet Kritik wegen der hohen Zinsen, das Finanzministerium wegen der Steuern und Kürzungen. Liebe Freunde, das Leben ist einfach, wenn man Ausgaben macht, die Zinsen senkt und gleichzeitig Wachstum erzielt – doch wie nachhaltig ist dieses Wachstum? Wir sehen jetzt, dass es nicht so weitergehen kann. Es ist an der Zeit, dieses Wachstum ausgewogener und stabiler zu gestalten, damit es nicht länger auf staatlichen Ausgaben und hohen Haushaltsdefiziten oder niedrigen Zinsen beruht.“ / RBC (RU) 

„Viele Länder sind nach wie vor auf Kredite internationaler Finanzinstitutionen wie des IWF angewiesen. Wir nicht. Unsere Auslandsverschuldung beträgt lediglich 10%, die wir bald zurückzahlen werden. Wir sind nicht auf die externe Finanzinfrastruktur angewiesen. Wir verfügen über eine eigene, funktionierende Infrastruktur, und selbst die Unterbrechung des Zugangs zu Finanzdienstleistungen hat unsere Zahlungsfähigkeit in keiner Weise beeinträchtigt. Wir treffen unsere Haushaltsentscheidungen eigenständig und orientieren uns dabei an unseren eigenen Prioritäten. Wir haben die niedrigste Verschuldung aller G20-Staaten.“ / RBC (RU)

„Wir leben derzeit ohne externe Investitionszuflüsse, in einer Situation, in der wir völlig autark sind und unsere internen Finanzmittel nutzen. Und die Ergebnisse sprechen für sich. Wir sehen, dass das Wirtschaftswachstum in den vergangenen drei Jahren recht stabil war und bei rund 10% lag.“ / RBC (RU)

„Wir leben schon seit Jahren in chaotischen globalen Verhältnissen. Wir brauchen dringend eine solide Finanzpolitik und einen äußerst umsichtigen Umgang mit den Staatsfinanzen. Dann werden diese von außen auferlegten Regeln kaum noch Auswirkungen haben. Je größer die externen Turbulenzen, desto mehr Rahmenbedingungen müssen wir für die inländische Entwicklung, inländische Investoren und Unternehmen schaffen. Wir müssen Regulierungen lockern, Unternehmen entgegenkommen und die grundlegenden Eigentumsrechte gewährleisten.“ / RBC (RU)

Alexander Nowak, Vizepremierminister

„Was die Risiken betrifft, so wurden diese bereits identifiziert: Eines der größten ist der Arbeitskräftemangel und das hinter dem Lohnwachstum zurückbleibende Wachstum der Arbeitsproduktivität. Ein Wandel von unproduktiven Branchen hin zu solchen mit höherer Wertschöpfung ist erforderlich, und die Flexibilität der Arbeitskräfte muss erhöht werden.“ / RBC

„Der zweite wichtige Faktor, der berücksichtigt und ausgeglichen werden muss, ist das Risiko von Veränderungen in der Haushaltsstruktur. In den letzten Jahren gab es erhebliche Haushaltszuflüsse in Form von Investitionen in Wirtschaft, technologische Entwicklung und Soziales. Die Struktur hat sich verändert, unter anderem durch erhöhte Ausgaben für Sicherheit und Verteidigung. Die aktuellen Bemühungen der Regierung zur Haushaltskonsolidierung und Ausgabenpriorisierung sind ein wichtiger Baustein, um die Voraussetzungen für Wirtschaftswachstum und Möglichkeiten für Vergabe von Krediten an die Wirtschaft zu schaffen.“ / RBC

Inflation_de.png


German Gref, Sberbank-Chef

„Wir müssen anerkennen, dass ein Teil der Reserven, die unsere Wirtschaft angetrieben haben, nun erschöpft ist. […] Tatsächlich befindet sich die Arbeitslosigkeit weiterhin auf einem historischen Tiefstand, während die Kapazitätsauslastung nach wie vor sehr hoch ist und die Arbeitsproduktivität nicht in einem Maße wächst, das diese Faktoren ausgleichen könnte. All dies zeigt, dass die traditionellen, trägen Faktoren des Wirtschaftswachstums an ihre Grenzen stoßen.“ RBC

„Manchmal spricht man von den vier apokalyptischen Reitern. Für die Wirtschaft sind das hohe Zinsen, steigende Steuern, ein starker Rubel und bürokratische Hürden. All das erschwert die wirtschaftliche Entwicklung angesichts sinkender Nachfrage erheblich.“
„Es ist von kritischer Bedeutung, den Unternehmen zuzuhören und die Politik an die tatsächliche Wirtschaftslage anzupassen. Statistiken allein reichen manchmal nicht aus, um die Realität zu erfassen. Doch die Wirtschaft im Hier und Jetzt, im jetzigen Augenblick, hat ein klares Gespür für die Zukunft, und diese Verbindung, dieses gegenseitige Verständnis zwischen Regierung und Wirtschaft, ist von kritischer Bedeutung.“ RBC

Alexej Mordaschow, Vorsitzender „Severgroup“

„Was die Wirtschaftsabkühlung betrifft: Die Statistiken lassen sich wahrscheinlich unterschiedlich interpretieren, aber ich sehe Folgendes. Wir beobachten einen sehr deutlichen Rückgang der Investitionen. […] Dieser Zinssatz, von dem wir sprechen – und er gilt bereits seit recht langer Zeit –, scheint nun kumulative Effekte zu entfalten. Und diese für alle zu spürenden kumulativen Effekte bezeichnen wir zunehmend als Abkühlung.“ / RBC

Stimmen zu Leitzins, Inflation und Rubelkurs

Anton Siluanow, russischer Finanzminister 

„Es ist klar, dass wir alle niedrigere Zinsen und eine geringere Inflation wollen. Unsere Maßnahmen im Bereich Haushaltspolitik zielen darauf ab, die Inflation innerhalb unserer Zielvorgaben zu halten und sicherzustellen, dass Unternehmen zu diesen Zinsen Kredite sowohl für die Entwicklung als auch die Betriebstätigkeit aufnehmen können. In Verbindung mit Haushalt und Geldpolitik werden wir eine Lockerung der Geldpolitik anstreben, unter Berücksichtigung der Straffung und Verschärfung der Haushaltspolitik.“ / RBC (RU)

German Gref, Sberbank-Chef

„Wir beobachten einen Trend zur Lockerung der Zentralbankpolitik und halten an unserer Zinssatzprognose von 12% bis zum Jahresende fest. Wir glauben, dass dies die psychologische Schwelle ist, ab der Unternehmen wieder Investitionen erhalten und einen Investitionszyklus in Gang setzen können. 10–12 % ist die entscheidende Schwelle, die uns vom Investitionszyklus trennt.“


Maxim Reschetnikow, russischer Wirtschaftsminister

„Wir müssen unser Wirtschaftsmodell jedes Mal anpassen, wenn sich irgendetwas Wichtiges ereignet, und das passiert ständig. Die Umrisse des nächsten Wirtschaftsmodells sind weitgehend klar. Dazu gehören ein stärkerer Rubel, als vielen lieb ist, leicht höhere Zinsen, weil es Sorgen bezüglich des Haushaltsdefizits gibt, auf die die russische Zentralbank reagiert. Wir haben die Kapitalabflüsse gestoppt, was den Devisenmarkt erneut unter Druck setzt.“ / RBC (RU)

„Welchen Rubel braucht unsere Wirtschaft? Für Exporteure sehen wir gerade, dass der Rubel nicht ganz komfortabel ist. Für Importeure ist er natürlich stärker als in unseren Prognosen. Der Rubel wird benötigt, damit einerseits die Interessen der Bevölkerung berücksichtigt werden – importierte Waren und Technologien sind verfügbar, und andererseits, damit die Exporte rentabel sind, damit es nicht dazu kommt, dass wir alles aus dem Ausland importieren, obwohl Kapazitäten da sind. Eine Anpassung der Haushaltsregel (59 USD pro Barrel – Anm. d. Red.) gestattet es, Vorhersagbarkeit zu schaffen und die aktuelle Situation mit dem Wechselkurs auszugleichen.“ / RBC (RU)

Leitzins_de.png


Äußerungen zu Beziehungen mit ausländischen Unternehmen

Anton Alichanow, Minister für Industrie und Handel

„Ende vergangenen Jahres haben wir darüber geredet, dass mehr als 80% der zuvor stillgelegten Produktionsstätten wieder in Betrieb genommen wurden, und wir bewegen uns stetig auf 100% zu – unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Serienproduktion von Senat-Fahrzeugen in den ehemaligen Toyota-Werken in Schuschary bereits angelaufen ist.“ / Kommersant

Denis Tjupyschew, stellvertretender Minister für wirtschaftliche Entwicklung

„Wir und ausländische Unternehmen haben ein gegenseitiges Interesse aneinander. Heute hat jeder Redner darüber gesprochen, wie die Rückkehr aussehen könnte und dass Unternehmen, die den Markt verlassen haben, über Rückkehrregeln diskutieren. Das zeigt, dass das Interesse auf Gegenseitigkeit beruht.“ / SPIEF 2026

„Vertrauen muss gepflegt werden. Wenn wir uns die russische Gesetzgebung ansehen, liegt der Staatsduma derzeit ein Gesetzentwurf über Privatisierungsfristen vor. Er betrifft die ausländischen Unternehmen vielleicht nicht direkt, aber damit zeigt die Regierung erneut, dass sie das Vertrauen unterstützt und das Eigentum bewahrt, das auf die eine oder andere Weise erworben wurde.“ SPIEF 2026

„Zur Beschlagnahmung von Vermögenswerten: Das ist ein sehr vielschichtiges Thema, das differenziert betrachten werden muss. Entscheidungen, die in Bezug auf ausländische Unternehmen getroffen werden, erfolgen im Einklang mit unserer Gesetzgebung. Dies sind keine systemischen Dinge und nicht unsere Aufgaben: Wir haben niemals erklärt, dass wir planen, fremde Vermögenswerte zu beschlagnahmen oder wegzunehmen. So etwas gibt es nicht. Dies sind zielgerichtete, vereinzelte und nachvollziehbare Fälle. Wir analysieren diese Fälle gemeinsam mit den ausländischen Unternehmen auf all unseren Plattformen und verstehen die Zusammenhänge.“ / SPIEF 2026

Rubelkurs_de.png


Stimmen aus Deutschland zur Teilnahme deutscher Unternehmen

ARD Morgenmagazin, 03.06.2026
Jürgen Hardt, CDU-Außenpolitiker

„Wir haben uns entschlossen, der Aggression Russlands entschlossen entgegenzutreten. […] Dazu gehört die wirtschaftliche und politische Isolation Russlands. […] Deswegen brauchen wir diesen wirtschaftlichen Druck auf Putin. Und wenn wir dann erleben, dass Wirtschaftsvertreter aus Deutschland auf einem Wirtschaftsforum in St. Peterburg auftreten, wo man ja normalerweise über die Geschäftsanbahnung und von Geschäftskontakten spricht, sage ich: Das ist gegen die Interessen der deutschen und europäischen Außenpolitik gerichtet. Das ist nicht patriotisch, sondern sehr eigensinnig.“

Welt, 03.06.2026
Marc Henrichmann, CDU-Bundestagsabgeordneter

„Es geht hier nicht um einen zuverlässigen Partner, mit dem man vielleicht morgen wieder nach Beendigung dieses völkerrechtswidrigen Krieges Russlands Geschäfte macht. Es gibt knallharte Interessen. Da kennt Putins Regime nur eine Richtung, nämlich die eigene, den eigenen Vorteil. Und da müssen alle Unternehmen eben aufpassen, sie sind nicht Geschäftspartner auf Augenhöhe in der Blickweise von Putin, sondern sie sind eben Mittel zum Zweck und Werkzeug. Da kann ich nur hoffen, dass allen dieser Ernst der Lage bewusst ist.“

Handelsblatt, 03.06.2026
Roderich Kiesewetter, CDU-Außenpolitiker

„Deutsche Unternehmen, die in St. Petersburg einen Kriegsverbrecher hofieren, konterkarieren unsere nationalen Sicherheitsinteressen und beschädigen Deutschlands internationale Glaubwürdigkeit.“
Sebastian Roloff, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion
„Solange ihre Tätigkeiten nicht unter die Sanktionen der EU fallen, mögen ihr Engagement und die Teilnahme legal sein, sie senden aber ein katastrophales Zeichen.“ Zwar gebe es ein Leben nach dem Krieg und unter einer anderen Führung Russlands. „Aber jetzt ist bei Weitem noch nicht der Zeitpunkt für eine Normalisierung der Beziehungen gekommen, weder politisch noch wirtschaftlich.“

Zeit, 04.06.2026
Holger Friedrich, Verleger der „Berliner Zeitung“ und der „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“, SPIEF-Teilnehmer

„Solange die politischen und medialen Rahmenbedingungen in der Europäischen Union und Deutschland bleiben, wie sie sind, wird es keine größere Annäherung geben. Die Deutschen haben ihr Handelsvolumen mit Russland um 90% reduziert, ohne dass es in dieser Drastik nötig gewesen wäre. Das war vorauseilender Gehorsam. Gleichzeitig haben andere Akteure in Russland viele Märkte übernommen– die Chinesen, Zentralasiaten, auch die Amerikaner. Diese Akteure waren die ganze Zeit über hier und machen ihre Geschäfte.“

Geschäfte, die sanktioniert sind, darf es nicht geben, daran besteht kein Zweifel. Das gilt zum Beispiel für alles, wo es ums Militärische oder Dual Use geht. Viele Bereiche sind jedoch nicht von den Sanktionen betroffen, Lebensmittel und Pharmaerzeugnisse zum Beispiel. Hier könnten wir uns viel stärker einbringen, auch weil Deutschland andernfalls weiter an Einfluss in dieser Weltregion verliert. Unternehmen, die das tun, würden und werden aber in Deutschland attackiert und riskieren einen immensen Reputationsschaden. Deshalb hält kaum jemand den Kopf aus dem Fenster. Die Amerikaner und die Chinesen sagen lächelnd Danke für diesen deutschen Rigorismus.“

Focus, 04.06.2026
Oliver Stock, Focus-Autor resümiert in seinem Artikel zu SPIEF 2026:

„Ist St. Petersburg ein Versuch, einen Gesprächsfaden für die Zeit nach dem Krieg zu sichern? Oder erleben wir hier die ersten sichtbaren Risse in der westlichen Front gegenüber Russland?
Die Antwort liegt vermutlich dazwischen. Das Forum wird weder die Sanktionen beenden noch die europäische Russlandpolitik neu schreiben. Aber es zeigt, dass unter der Oberfläche der politischen und kriegerischen Konfrontation wirtschaftliche Interessen durchscheinen.“

ℹ️ Auch interessant









    

09.06.2026

War dieser Beitrag für Sie hilfreich?

Bewerten Sie diesen Beitrag von 1 bis 5, wobei 5 "sehr gut" bedeutet.

Vorheriger Beitrag

Carsharing auf der Überholspur

Nächster Beitrag

EU vs. Russland: Wirtschaftsprognosen im Vergleich

Unser Telegram-Kanal

Bleiben Sie auf dem Laufenden mit unserem Telegram-Kanal

Возврат к списку