EU vs. Russland: Wirtschaftsprognosen im Vergleich

Die russische Regierung senkte ihre Mitte Mai veröffentlichte Wachstumsprognose für 2026 von 1,3% auf 0,4%. Ende Mai legte die EU-Kommission ihre Frühjahrsprognose vor und erwartet für Russland 1,3% – mehr als das Dreifache. Russische Analysten halten die Moskauer Zahl für realistischer: Ihre Konsensprognose liegt bei 0,6%.

Moskau rechnet konservativer als Brüssel, Berlin und IWF

Das russische Wirtschaftsministerium kappte auch die Prognose für 2027: von 2,8% auf 1,4%. Für 2028 senkte es die Erwartung von 2,5% auf 1,9%, für 2029 setzt es 2,4% an. Als Grund nennt das Ministerium die straffe Geldpolitik. Es rechnet 2026 mit einem Leitzins von im Schnitt 14,0% bis 14,5%, im September hatte es noch 12,0 %bis 13,0% angenommen. Damit liegt das Ministerium auch unter der April-Prognose der Zentralbank, die für 2026 ein Wachstum von 0,5% bis 1,5% erwartet. Im ersten Quartal sank das BIP laut der russischen Statistikbehörde Rosstat um 0,2% gegenüber dem Vorjahr. Das Ministerium erklärt das Minus mit Kalender- und Wettereffekten: Das Quartal hatte drei Arbeitstage weniger als der Vorjahreszeitraum.

Die EU-Kommission hob ihre Russland-Prognose dagegen an: von 1,1% im Herbst 2025 auf 1,3%. Der IWF erhöhte Mitte April von 0,8% auf 1,1%, die UN-Wirtschaftsabteilung erwartet 1%. Der deutsche Sachverständigenrat, auch bekannt als „die Wirtschaftsweisen“, erwartet für Russland in seiner Frühlingsprognose 1,2%. Der Grund: Der Nahost-Konflikt treibt die Energiepreise. Russisches Urals-Öl notierte Ende Mai bei 101 US-Dollar je Barrel, doppelt so hoch wie zu Jahresbeginn. Eine Lockerung der Sanktionen lehnte EU-Wirtschaftskommissar Valdis Dombrovskis dennoch erneut ab. Für 2027 drehen sich die Vorzeichen: Brüssel erwartet dann eine Abkühlung auf 1,1%, Moskau eine Beschleunigung auf 1,4%.

Russische Analysten stützen die Regierungssicht

Das Konjunkturforschungsinstitut der Moskauer Higher School of Economics befragte vom 18. bis 27. Mai russische und internationale Experten; die Ergebnisse erschienen am 27. Mai. Deren Konsensprognose für 2026: 0,6% Wachstum, nach 0,9% in der Februar-Umfrage. Für 2027 erwarten die Analysten 1,3%. Die Inflation sehen sie Ende 2026 bei 5,4% und damit etwas unter den 5,6% vom Dezember 2025. Die Zentralbank peilt 4,5% bis 5,5% an, die EU-Kommission setzt im Jahresschnitt 5,7% an, nach 8,7% im Jahresdurchschnitt 2025. Der Rückgang der Teuerung stockte im Januar, weil die Mehrwertsteuer um 2 Prozentpunkte stieg: Die Jahresrate kletterte um 0,4 Prozentpunkte auf 6% und verharrte dort bis März. Den Leitzins, der seit dem 24. April bei 14,5% liegt, erwarten die Befragten zum Jahresende bei 12,4%. Der Rubel ist derzeit so stark wie seit Anfang 2023 nicht. Bis Dezember rechnen die Analysten mit einer Abwertung von aktuell rund 72 auf 83 Rubel je US-Dollar.

Die EU-Kommission erwartet, dass sich der Konsum 2026 weiter abkühlt, weil das Lohnwachstum trotz Ölpreisboom nachlässt und sich die Verbraucherstimmung eintrübt. Der private Verbrauch wuchs noch um 3,6% im vergangenen Jahr, 2024 waren es noch 6,7%. Bei den Exporten sieht Brüssel nur einen leichten Anstieg: Die Ölproduktion liegt nahe der Kapazitätsgrenze und bleibt durch die OPEC+-Quoten begrenzt. Die Arbeitslosenquote in Russland lag 2025 bei historisch niedrigen 2,2%, bis 2027 erwartet die Kommission nur einen leichten Anstieg auf 2,4%.

Der Öl-Preisschub seit Ende Februar verbessert die Haushaltslage Moskaus wieder: Die EU-Kommission hält den Einnahmenplan der Regierung für 2026 für realisierbar, die veranschlagten Ausgaben angesichts der andauernden Kampfhandlungen in der Ukraine aber für „unrealistisch niedrig“.

EU-Länder: Energieschock statt Wachstumsimpuls

Der Energieschock durch die Hormus-Krise trifft die europäischen Volkswirtschaften hart. Die Kommission senkt die Wachstumsprognose für die EU von 1,4% auf 1,1% und halbiert sie für Deutschland auf 0,6%. Die Inflation der Eurozone verdoppelt sich gegenüber der alten Vorhersage fast: 3,0% statt 1,9%, für 2027 erwartet die Kommission 2,3%. Treiber ist die Energie: Die Energieinflation erreicht laut Prognose über 10%.

Innerhalb der EU trifft es die großen Industrieländer am härtesten. Frankreich kommt 2026 auf 0,8% (zuvor: 0,9%), Italien auf 0,5% (zuvor: 0,8%). Spanien bleibt der Ausreißer nach oben: 2,4% in diesem Jahr, 1,9% im nächsten. Für Deutschland erwartet die Kommission 2027 eine leichte Erholung auf 0,9%. 

Quelle: Ostwirtschaft; EU-Kommission, Russische Zentralbank (beide EN); Interfax, Rosstat, HSE Moscow, Kommersant (alle RU)


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11.06.2026

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