Mit der Senkung der Wachstumsprognose des russischen Wirtschaftsministeriums für 2026 von 1,3% auf 0,4% rutscht die Regierungsprognose nicht nur knapp unter die Prognosespanne der russischen Zentralbank, die von 0,5% bis 1,5% reicht. Die Prognose der Regierung ist damit jetzt auch niedriger als die Wachstumserwartungen großer internationaler Wirtschaftsorganisationen sowie zahlreicher westlicher und russischer Experten. Der Internationale Währungsfonds (IWF) beispielsweise hat noch Mitte April seine Prognose für das Wachstum der russischen Wirtschaft auf 1,1% erhöht. Das Wiener Sekretariat der Organisation Erdölexportierender Länder (OPEC) bleibt in seinem am 13. Mai veröffentlichten „Monthly Oil Market Report“ bei seiner Einschätzung, dass die russische Wirtschaft 2026 um 1,3% und 2027 um 1,5% wachsen dürfte.
Auch die Teilnehmer einer Umfrage der russischen Zentralbank erwarteten Mitte April für dieses Jahr im Mittelwert einen Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion von 1,0%, also ein mehr als doppelt so hohes Wachstum wie die russische Regierung. Bei der monatlichen Analysten-Umfrage der russischen Nachrichtenagentur Interfax nahmen die Teilnehmer ihre Wachstumsprognosen zwar leicht zurück, für 2026 aber im Durchschnitt lediglich von 1,0% auf 0,8% und für 2027 von 1,7% auf 1,6%.
Die staatliche russische Promsvyazbank (PSB) geht sogar davon aus, dass sich das Wachstum der russischen Wirtschaft von 1,0% im Jahr 2026 auf 2,5% im Jahr 2027 beschleunigen wird. Damit läge Russlands Wachstum im nächsten Jahr am oberen Rand der Prognosespanne der russischen Zentralbank für 2027 (1,5% bis 2,5%).
PSB-Chefanalyst Denis Popov erläuterte gegenüber Vedomosti, warum er – anders als die Regierung – an seiner Prognose festhält, dass die russische Wirtschaft 2026 um 1,0% wachsen dürfte. Popov erwartet eine Erholung der Wirtschaftstätigkeit ab der zweiten Jahreshälfte, weil dann die geldpolitische Lockerung stärker wirksam werde. In den nächsten zwei Jahren könne sich das Wachstum auf 2% bis 2,5% beschleunigen, so Popov. Zudem begrenzen aus Popovs Sicht „externe Faktoren“ das „Rezessionsrisiko“ für Russland zumindest in diesem Jahr deutlich. Aufgrund des Nahostkrieges und der Sperrung der Straße von Hormus prognostiziert der Analyst auf das aktuelle Jahr gerechnet einen deutlichen Anstieg der Öl- und Gaseinnahmen, die nicht nur die Unternehmen der Energiebranche, sondern auch die Entwicklung des Staatshaushalts positiv beeinflussen würden.
Im Detail verweist der Chef-Analyst auf Frühindikatoren, die eine verstärkte Nachfrage in Sektoren mit einem hohen Anteil ausländischer Abnehmer und im Bereich der Produktion von Vorleistungen signalisieren. So habe unter anderem der Warentransport der russischen Eisenbahn wieder zugenommen.
Popov merkt kritisch an, dass das Wirtschaftsministerium die positiven Auswirkungen der globalen Energiekrise für Russland „eher vorsichtig“ einschätze. Die Prognose des Ministeriums für die Warenexporte im Jahr 2026 liege deutlich unter den Schätzungen der russischen Zentralbank und der PSB. Das Ministerium rechne mit Exporten von lediglich 442 Mrd. US-Dollar. Die Prognosen der Zentralbank (485 Mrd. US-Dollar) und seiner Bank, der PSB (490 Mrd. US-Dollar,) seien rund ein Zehntel höher.
Zusammengenommen würden diese Entwicklungen den Rückgang der Anlageinvestitionen begrenzen und für ein weiteres Wachstum der Haushaltseinkommen sorgen. Popov hält die Prognose der Regierung für das Wachstum der Reallöhne (+2,2% im Jahr 2026) deshalb für zu niedrig. Im Januar und Februar sei der Reallohn im Jahresvergleich um 8,9% gestiegen und habe damit die meisten Prognosen deutlich übertroffen.
Auch die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute liegen über der Wachstumserwartung des russischen Wirtschaftsministeriums. Die Spanne der Frühjahrsprognosen der Institute reicht von 0,8% bis 1,3% gegenüber 0,6% bis 0,9% in der Winterprognose.
Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen (RWI) beließ seine Prognose für das Wachstum der russischen Wirtschaft im Jahr 2026 unverändert bei 0,8%, für 2027 rechnet das Institut mit einem russischem BIP von 1%. Am stärksten erhöhte das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) seine Prognose von 0,5% auf 1,0% BIP-Zuwachs. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) erwartet 0,9% Wachstum in Russland im Vergleich zu 0,6% im Winter, für das nächste Jahr liegt die Prognose bei 1,1%. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) sagt 1,1% im Vergleich zu 0,7% Ende 2025 voraus, für 2027 prognostiziert das IWH einen leichten Rückgang auf 1%.
Quelle: Forbes, Russ. Zentralbank 1, 2, Finmarket, Vedomosti (alle RU), OPEC (EN), Fokusanalyse
Teile des Textes sind einer ausführlichen Analyse zum russischen Wirtschaftswachstum von Klaus Dormann entnommen, dem ehemaligen Russland-Chefanalysten von Ruhrgas. Sein Text erschien am Montag im Nachrichtenportal ostwirtschaft.de.
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