Rubelkurs: Warum in der Stärke Schwäche liegt

Seit mehr als einem Jahr wertet der Rubel kontinuierlich auf. Dennoch kommt der jüngste Kursprung für viele Ökonomen überraschend. Mit Stand 22. Mai war die russische Währung 70,79 Rubel zum Dollar wert. Am heutigen Freitag beträgt der Kurs 71,37 Rubel zum Dollar. Die US-Nachrichtenagentur Bloomberg kürte den Rubel vergangene Woche zur stärksten Währung im zweiten Quartal 2026 hinsichtlich der Entwicklung zum Dollar. Seit Anfang April hat die russische Währung demnach um mindestens 12% aufgewertet.

Die jüngste Tendenz veranlasste das russische Wirtschaftsministerium im Mai dazu, die Währungsprognose für die nächsten drei Jahre zu überarbeiten. Im Jahr 2026 rechnet das Wirtschaftsressort nun mit einem durchschnittlichen Rubelkurs von 81,5 Rubel zum Dollar – zehn Rubel höher als in der vergangenen Prognose (92,2 Rubel zum Dollar). 2027 klettert die russische Währung dann auf 87,4 Rubel zum Dollar im Vergleich zu 95,8 Rubel in der Herbstprognose. Für 2028 rechnen die Ökonomen mit einer Abwertung auf 92 Rubel zum Dollar, zuvor lag die Prognose bei 100,1 Rubel. Für 2029 sagt das Wirtschaftsministerium eine weitere Abschwächung auf 96 Rubel zum Dollar voraus.

Anfang 2025 lag die russische Währung noch bei mehr als 100 Rubel zum Dollar. Ab März ging es für den Rubel steil aufwärts. Der Durchschnittskurs im März 2025 betrug 86 Rubel zum Dollar und 92,73 Rubel zum Euro, Ende des Jahres lag der Wert bereits bei 78,43 Rubel zum Dollar und 91,91 Rubel zum Euro. Der durchschnittliche Währungskurs belief sich im vergangenen Jahr auf 86,50 Rubel zum Dollar sowie 94,28 zum Euro.

Wie stark kann der Rubel noch werden?

Der Chefanalyst der russischen Staatsbank VTB Rodion Latypow geht davon aus, dass sich die russische Währung in diesem Sommer auf 75-78 Rubel zum Dollar abschwächen wird. Ilja Fjodorow, Chefanalyst der Investmentholding „BKS Mir Investizij“, knüpft die weitere Rubelkursentwicklung an die Devisenkäufe des russischen Finanzministeriums, die im Juni auf 270 Mrd. Rubel (3,2 Mrd. Euro) steigen werden. Der Prognose zufolge wird die russische Währung infolgedessen im Juni auf 76-78 und im Juli auf 78-80 zum Dollar abwerten.

Sollte der Nahostkonflikt nicht beigelegt werden, hält Alexander Golowzow, Leiter für Analyse beim russischen Geldhaus Promswjasbank (PSB), sogar kurzfristig einen Währungskurs unter 70 Rubel zum Dollar für möglich. Eine anhaltend starken Rubelkurs in den kommenden Monaten prognostiziert auch der Chefanalyst der Sovcombank Michail Wassiljew: 71–76 Rubel zum Dollar. Nach seiner Einschätzung gibt es aber auch Anzeichen dafür, dass sich der Rubel bei 70 Rubel einpendeln könnte. Russische Exporteure hätten momentan mehr davon, wenn sie ihre Deviseneinnahmen gegen Rubel verkauften, statt Kredite in der Landeswährung aufzunehmen, erklärt Wassiljew. Als weitere Faktoren nennt er eine verhaltene Nachfrage nach Import und Fremdwährung für den Kapitalabfluss ins Ausland. 

Natalia Pyrjewa vom Investmentunternehmen Zifra Broker erwartet eine Abwertung der russischen Landeswährung in der zweiten Jahreshälfte. Im Fall von weiteren Leitzinssenkungen und einer Stabilisierung der Lage im Nahen Osten könnte der Rubel auf 75-80 zum Dollar abwerten.

In der Stärke liegt die Schwäche

Den Hauptgrund für die Rubelaufwertung sehen Ökonomen in den gestiegenen Preisen für Öl, Gas und weitere Rohstoffe aufgrund des Nahostkonflikts, was das Devisenangebot in Russland erhöht. Die Exporteure tauschten einen Teil ihrer Devisenerlöse zur Entrichtung der Rohstofffördersteurer in Rubel um, erklärt Wladimir Tschernow, Analyst beim Brokerunternehmen Freedom Finance Global. Dadurch wachse das Devisenangebot und die Devisenpreise gerieten unter Druck, so der Experte weiter. Hinzu kommt der hohe Leitzins von 14,5%, der wiederum die Nachfrage nach Fremdwährung ausbremst. Die strikte Geldpolitik der russischen Zentralbank macht die russische Währung für Anleger attraktiver als Fremdwährung, erklären Marktkenner.

Der starke Rubel bedeutet für den Staat aber auch sinkende Öl- und Gaseinnahmen, die in Dollar abgerechnet werden. Vom Wirtschaftsblatt Izvestia befragte Experten schätzen die Mindereinnahmen auf 100 bis 150 Mrd. Rubel (1,2 bis 1,8 Mrd. Euro) pro Rubel Abweichung vom Dollarkurs, der dem Haushalt zugrunde liegt. Laut dem Chefanalysten der russischen Verwaltungsgesellschaft Finam Alexander Potawin birgt eine starke Landeswährung für die russische Wirtschaft mehr Risiken als Vorteile. Kurzfristig gesehen hemme ein hoher Rubelkurs jedoch die Inflation und senke den Preisdruck, da der Import günstiger sei, so Potawin.

Der Preis für die russische Ölsorte Urals lag im Januar-Februar bei 40 US-Dollar pro Fass. Im März schnellte der Urals-Preis auf 77 US-Dollar und im April auf 95 US-Dollar pro Fass hoch. Im April stiegen die Öl- und Gaseinnahmen um 38,7% auf 855,6 Mrd. Rubel, umgerechnet 10,36 Mrd. Euro, belegen Zahlen des russischen Wirtschaftsministeriums. Laut russischer Zentralbank steigerten die Öl- und Gasexporteure im selben Monat ihre Devisenverkäufe um das Dreifache auf 7,3 Mrd. US-Dollar gegenüber dem Vormonat. 

Quelle: Vedomosti 1, 2, Izvestia, Russ. Zentralbank, Myfin (alle RU), Bloomberg (EN)


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29.05.2026

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