Hormus-Folgen für Russland und Deutschland zwischen Modell und Realität

Russlands Brutto-Ölerlöse lagen Mitte Mai 2026 im Bereich des 100-Dollar-Szenarios der Modellrechnung der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer vom März. Urals notierte im Mai laut Bloomberg im Steuerdurchschnitt bei 94,87 US-Dollar pro Fass – 61% über dem Haushaltsplanwert von 59 US-Dollar.

Urals auf 13-Jahres-Hoch

Brent stieg seit Kriegsbeginn am 28. Februar von 77 auf zwischenzeitlich 126 US-Dollar am 30. April und notierte am 20. Mai bei 108 US-Dollar. Das Plus gegenüber dem Vorkriegsniveau von rund 72 US-Dollar Anfang Dezember 2025 beträgt 49%, wie Daten von Trading Economics zeigen.

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Die russische Ölsorte Urals stieg von 45 US-Dollar Ende Februar auf 70 im März und 110 im April. Im Mai notiert die russische Hauptsorte im Steuerdurschnitt bei 94,87 US-Dollar – das höchste Niveau seit März 2013. Auch der Abschlag russischen Öls gegenüber der Nordseesorte Brent schrumpft. Anfang 2026 lag der Abschlag noch bei 31 US-Dollar pro Fass, getrieben durch US-Sanktionen gegen indische Käufer russischen Öls. Mit dem Wegfall iranischer Konkurrenz und der 30-Tage-Sanktionsausnahme des US-Finanzministeriums vom 8. März fiel der Diskont auf 16 bis 22 US-Dollar. Im Mai liegt er bei rund 20 US-Dollar.

Der Tankerverkehr durch die Straße von Hormus ist faktisch zum Erliegen gekommen. Laut Schiffsdaten der Branchenanalysten von Kpler, ausgewertet durch das US Naval Institute, passierten in der ersten Maihälfte täglich nur noch 14 bis 15 Tanker die Meerenge. Vor Kriegsbeginn liefen monatlich rund 3000 Tanker durch den Persischen Golf. Im April 2026 waren es 191 – ein Rückgang um 94%. Die Asien-Pazifik-Region bezieht 46% ihrer Ölimporte aus dem Persischen Golf und sucht nach Alternativen.

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Die Kammer-Prognose vom März im Realitätscheck

Die Modellrechnung der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer vom 11. März 2026, die von zahlreichen Zeitungen und Fernsehsendern zitiert wurde, hatte Russlands jährliche Bruttoeinnahmen aus Rohölexporten in sechs Urals-Preisszenarien beziffert: 87,6 Mrd. US-Dollar bei 50 US-Dollar pro Barrel, 131,4 Mrd. bei 75 US-Dollar, 175,2 Mrd. bei 100 US-Dollar, 227,8 Mrd. bei 130 US-Dollar, 262,8 Mrd. bei 150 US-Dollar und 350,4 Mrd. im Extremszenario von 200 US-Dollar. Der Haushaltsplanwert lag bei 59 US-Dollar pro Fass russischen Öls.

Das April-Steuerdurchschnittsniveau von 94,87 US-Dollar liegt knapp unter dem 100-Dollar-Szenario. Hochgerechnet auf Jahresbasis ergeben sich Bruttoexporterlöse von rund 166 Mrd. US-Dollar – etwa 63 Mrd. US-Dollar mehr als im Haushaltsplan. Vor Kriegsbeginn handelte Urals bei 41 bis 45 US-Dollar und die Einnahmen lagen unter dem Planwert. Innerhalb von zehn Wochen ist daraus ein zweistelliger Milliarden-Überschuss geworden.

Russische Analysten lagen mit ihren konservativen Erwartungen näher am Ziel als westliche Kommentatoren. Sergej Kaufman vom Moskauer Online-Broker Finam erwartete einen Diskont-Rückgang unter 17 Euro pro Barrel – das ist eingetreten. Sein Kollege Nikolaj Dudtschenko rechnete bei einem Urals-Jahresdurchschnitt von 51,7 bis 55,9 Euro mit Mehreinnahmen von bis zu 775 Mrd. Rubel, rund 9 Mrd. Euro. Alexander Frolow vom Institut für Nationale Energie sah Öl- und Gaseinnahmen ab März um 30% bis 50% steigen. Tatsächlich verfehlte der April-Wert die Obergrenze, da Dumping-Mechanismus-Zahlungen und die Stärke des Rubel einen Großteil des Preisaufschlags abschöpften.

Haushalt: Mai-Sprung gegenüber Vorjahr

Russlands föderale Öl- und Gaseinnahmen aus Steuern beliefen sich im April auf 855,6 Mrd. Rubel, 10,5 Mrd. Euro. Das waren 40% mehr als im März, wie das russische Finanzministerium meldete. Für Mai 2026 berechnete eine Reuters-Hochrechnung ein Plus von 39% gegenüber Mai 2025. Die russische Gazprombank schätzt die Sondereinnahmen aus dem Iran-Krieg allein im Mai auf 400 bis 500 Mrd. Rubel, 5-6 Mrd. Euro, basierend auf einem Urals-Preis von rund 100 US-Dollar.

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Über die ersten vier Monate 2026 lagen die Öl- und Gaseinnahmen bei 2,3 Bio. Rubel, rund 28 Mrd. Euro, 38,3% unter dem Vorjahreszeitraum. Die niedrigen Preise in Januar und Februar sowie der starke Rubel drücken den Jahresdurchschnitt. Der russische Energieanalyst Kirill Rodionow vom Moskauer Zentrum für wirtschaftliche und politische Reformen hatte im März gegenüber der Wirtschaftszeitung RBC erklärt, der Durchschnittspreis von 40 US-Dollar in den vorhergehenden Monaten sei „für den Haushalt kritisch“ gewesen. Diese kritische Phase endete mit dem israelisch-amerikanischen Angriff auf den Iran am 28. Februar.

EU-Ratspräsident António Costa erklärte in Brüssel schon Mitte März: Russland gewinne neue Ressourcen zur Finanzierung seines Militärs. James Henderson vom Oxford Institute for Energy Studies sagte gegenüber dem US-Sender NBC, es würde „niemanden überraschen, wenn die russischen Militärausgaben infolgedessen steigen würden.“

Indien und China kompensieren Iran-Ausfall

Die größte Verschiebung der Handelsströme seit Beginn der Militärschläge gegen den Iran und der Sperrung der Straße von Hormus betreffen Indien. Laut dem Washingtoner Thinktank Center for Strategic and International Studies (CSIS) lieferte Russland im März 2026 exakt 2,14 Mio. Barrel pro Tag nach Indien – 47 % aller indischen Ölimporte. Im Dezember 2025 lag der Wert noch bei 1,36 Mio. Barrel und einem Anteil von lediglich 21,4%. Innerhalb von drei Monaten hat sich Russlands Marktanteil in Indien also mehr als verdoppelt. Im April ging das Volumen leicht auf rund 2,0 Mio. Barrel zurück, der Marktanteil blieb bei rund 45%.

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Ein indischer Regierungsvertreter erklärte der Nachrichtenagentur Reuters am 18. Mai, das Land werde russisches Öl unabhängig von US-Sanktionen weiter beziehen.

China bezieht ebenfalls mehr russisches Öl, weil iranisches Rohöl seit der amerikanischen Blockade vom Markt verschwunden ist. Iranische Rohölexporte nach China fielen laut US State Department und dem Marktinformationsanbieter Vortexa von 1,7 Mio. Barrel pro Tag im dritten Quartal 2025 auf 1,4 Mio. im Februar 2026, dann auf 0,3 Mio. im März, später dann unter 0,2 Mio. im April und auf nahezu null im Mai. Der iranische Ausfall entspricht in etwa der Erhöhung russischer Lieferungen nach Indien.

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Russische Exporte steigen

Russlands Öl-Exporte über die Häfen Primorsk, Ust-Luga und Noworossijsk stiegen laut Reuters in der ersten Maihälfte um rund 150.000 Barrel pro Tag, etwa 9% gegenüber April, auf 2,35 bis 2,4 Mio. Barrel pro Tag. Ursache sind laut den britischen Analysten anhaltende Drohnenangriffe auf russische Raffinerien, die Moskau zwingen, mehr Rohöl statt verarbeitete Produkte zu exportieren.

Die freien Kapazitäten im Pipelinenetz des staatlichen Betreibers Transneft nähern sich der Obergrenze, warnen Marktteilnehmer. Der Hafen Noworossijsk verarbeitete in den ersten zehn Maitagen rund 1 Mio. Tonnen aufgestautes April-Volumen. Ein Drohnenangriff hatte dort im April die Tankerverladung kurzzeitig gestoppt. Die Verladeraten an den drei Häfen liegen aktuell bei 1,1 Mio. (Primorsk), 0,7 Mio. (Noworossijsk) und 0,6 Mio. Barrel pro Tag (Ust-Luga).

Dünger: Liebigs Gesetz schlägt zu

Der Persische Golf liefert laut dem Washingtoner International Food Policy Research Institute (IFPRI), einer Forschungseinrichtung der Weltbank-Gruppe, 36% des global gehandelten Harnstoffs (Urea), 29% des wasserfreien Ammoniaks, 26% des Diammoniumphosphats und 13% des Monoammoniumphosphats. Die Sperrung der Straße von Hormus blockiert damit faktisch die Hälfte der globalen Stickstoff- und Phosphatdünger-Ströme.

Der amerikanische Energiepublizist Kurt Cobb erinnert in seinem Beitrag für das Branchenportal OilPrice an das Mineralstoffgesetz des deutschen Chemikers Justus von Liebig (1803–1873): Fehlt ein essenzieller Nährstoff, lässt sich der Mangel nicht durch mehr von anderen kompensieren. Argentinische Weizenbauern reduzieren laut Reuters bereits den Urea-Einsatz, ägyptische Landwirte halbieren ihre Aussaatfläche. Eine Umfrage der American Farm Bureau Federation ergab, dass 70% der US-Farmer ihren Düngerbedarf 2026 nicht decken können.

Russland ist mit Exporten von 45 Mio. Tonnen Dünger und Exporterlösen von 15 Mrd. US-Dollar 2025 der größte Düngerexporteur der Welt. Die Modellrechnung der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer vom 30. März 2026 hatte für die mittleren Preisszenarien Mehreinnahmen von 6,4 bis 10,2 Mrd. US-Dollar gegenüber 2025 ermittelt.

Helium: Russland als potenzieller Notfalllieferant

Der iranische Angriff auf Katars Gasanlage Ras-Laffan Ende März 2026 brachte den globalen Heliummarkt aus der Balance. Rund ein Drittel des Weltangebots fiel über Nacht weg. Katar hatte zuvor mit 63 Mio. Kubikmetern ein Drittel der globalen Produktion von 190 Mio. Kubikmetern abgedeckt, so die US-Geologiebehörde USGS. Eine Analyse der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer vom 14. April 2026 beleuchtet die Rolle Russlands in diesem Markt.

Russland ist seit 2024 drittgrößter Heliumproduzent. Die Produktion wuchs von 4,5 Mio. Kubikmeter 2020 auf 18 Mio. Kubikmeter 2025 – eine Verfünffachung in fünf Jahren. Die Kapazität der Amur-Gasverarbeitungsanlage von Gazprom liegt theoretisch bei 60 Mio. Kubikmeter, dem ehemaligen Katar-Niveau. Tatsächlich produziert die Anlage 18 Mio. Kubikmeter, weit unter Potenzial. Der deutsche Anlagenbauer Linde verließ Russland im Juni 2022, Gazprom setzt den Hochlauf ohne westlichen Lizenzgeber fort.

Europa verbraucht jährlich 40 Mio. Kubikmeter Helium und produziert selbst nur 3 Mio. – vor allem in Polen. Der französische Industriegaskonzern Air Liquide erklärte am 17. März 2026 Force Majeure und kündigte an, nur 50% der üblichen Mengen liefern zu können. Spotpreise in Europa stiegen um 30% bis 50% über das globale Niveau. Die US-Großbank Bank of America schätzt, dem Weltmarkt fehlen selbst bei schnellem Waffenstillstand 15% der Nachfrage bis weit ins Jahr 2027. Russlands Amur-Anlage bleibt die einzige Quelle, die kurzfristig mehr produzieren kann. 

Steingarts fünf Hormus-Kosten-Thesen

Der deutsche Publizist und Verleger Gabor Steingart bilanzierte in seinem Pioneer-Morning-Briefing die globalen Krisenkosten in fünf Punkten. Erstens trifft es die US-Privathaushalte: Laut der Watson School of International and Public Affairs der Brown University haben die Amerikaner seit Kriegsbeginn mehr als 42 Mrd. US-Dollar zusätzlich für Benzin und Diesel ausgegeben: 320 US-Dollar pro Haushalt. Die Spritpreise pro Gallone, 3,8 Liter, sind seit Trumps Amtsantritt um über 50% gestiegen.

Zweitens belasten Energiekosten die Unternehmen. Eine Reuters-Analyse börsennotierter Konzerne in den USA, Europa und Asien beziffert die bisherigen Krisenkosten auf 25 Mrd. US-Dollar. Verbrauchernahe Sektoren wie Automobil, Telekommunikation und Haushaltswaren müssen laut dem UBS-Stratege Gerry Fowler Gewinnrevisionen von mehr als 5% einrechnen.

Drittens ziehen Wachstumsverluste die Weltwirtschaft nach unten. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hatte vor dem Krieg ein globales Wachstum 2026 von 3,4% prognostiziert. Im Worst-Case-Szenario rechnet der IWF inzwischen mit 2% – ein Minus von 1,4 Prozentpunkten. Bei einem nominalen Welt-BIP von 125 Bio. US-Dollar entspricht das 1,75 Bio. US-Dollar entgangener Wirtschaftsleistung. Steingart spricht von „der größten Wachstumsbremse außerhalb von Weltkriegs- und Pandemie-Zeiten“.

Viertens steigt die Inflation. In den USA liegt die Teuerungsrate bereits bei 3,8%, in Europa bei 3%. Der IWF erwartet im Worst-Case eine globale Gesamtinflation 2026 von 5,8% gegenüber 3,9% in der Vorkriegsprognose.

Fünftens steigen die Zinsen. Der durchschnittliche Zehnjahreszins der G7-Staaten kletterte seit Kriegsbeginn von 3,2 auf knapp 4%, der Dreißigjahreszins auf 4,6%. Bei einer Schuldenlast von 65,6 Bio. US-Dollar entspricht der Anstieg um 80 Basispunkte rechnerisch rund 520 Mrd. US-Dollar zusätzlichem Zinsdruck pro Jahr, sobald die alten Anleihen ausgelaufen sind.

Steingart kommentiert pointiert: „Der Mann im Weißen Haus hat seine Wähler nicht nur enttäuscht, sondern betrogen. Die Rechnung, das ist die bittere Nachricht für Europa, wird weltweit zugestellt. Die Bundesregierung sollte überlegen, ob sie die USA auf Schadensersatz verklagt.“

Hormus-Effekt: Deutsche Wirtschaftserholung fällt aus

Deutschland importiert laut Internationaler Energieagentur (IEA) rund 1,8 Mio. Barrel Rohöl täglich. Bei einem Ölpreis von 100 US-Dollar steigt die jährliche Importrechnung auf 60,4 Mrd. Euro – eine Verdoppelung gegenüber dem 50-Dollar-Niveau vor Kriegsbeginn. Bei 130 US-Dollar wären es 78,6 Mrd. Euro. Der gesamte Bundeshaushalt 2026 umfasst 480 Mrd. Euro an Ausgaben.

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An den Tankstellen ist die Belastung schon sichtbar. Der ADAC-Durchschnittspreis für Diesel kletterte vom 27. Februar 2026 (1,38 Euro pro Liter) auf 1,97 Euro Mitte Mai – ein Anstieg um 0,59 Euro oder 43%. E10 stieg von 1,66 auf 2,02 Euro, ein Plus von 0,36 Euro. Spitzenpreise lagen Mitte April bei 2,50 Euro pro Liter Diesel.

Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des Düsseldorfer Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), hatte schon im März bilanziert, die für 2026 erhoffte Erholung der deutschen Wirtschaft sei mit dem Krieg „auf jeden Fall erledigt.“


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28.05.2026

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