Gesundheitsforscher beobachten ein wachsendes Bedürfnis nach gesundem Schlaf angesichts von Alltagsstress und Leistungsdruck. Die russische Tourismusbranche will damit Geld verdienen und richtet sich zunehmend an Kunden mit Schlafmangel. Die russische Beratungsgesellschaft Commonwealth Partnership (CMWP) schätzt den Anteil der Schlafurlauber auf 3-5% an der Tourismusnachfrage im Land. Auch weltweit ist der Schlaftourismus auf dem Vormarsch: Das internationale Marktforschungsunternehmen Fortune Business Insights schätzt das Marktvolumen des Segments im vergangenen Jahr auf 84,65 Mrd. US-Dollar und erwartet einen dreifachen Anstieg bis 2034.
Hotels und Kuranstalten in Russland bieten inzwischen eine Reihe von Erholungsoptionen zur Schlafoptimierung: angefangen von Wellnessbehandlungen über den temporären Verzicht auf elektronische Geräte und das Internet bis hin zu einem auf erholsamen Schlaf abgestimmten Hotelzimmer. Der Verband der russischen Tourismusveranstalter (ATOR) hält den Schlaftourismus in Russland nach wie vor für ein Nischensegment, aber für eines mit klarem Wachstumspotenzial. Vollkommen auf den Schlaf ausgerichtete Reiseangebote seien noch nicht zu beobachten, räumt der Verband ein.
Russlands Schlafmützen
Unter den Urlaubsschläfern finden sich meistens Kunden mit hohem Einkommen. Der Verband der russischen Tourismusveranstalter beschreibt die Kundschaft der Erholungsstätten als „müde und ausgebrannte“ Geschäftsleute und Manager. Nach gutem Schlaf suchen auch Ärzte, Immobilienmakler und Juristen. Im Trend liegen außerdem Kurzaufenthalte von 1-2 zwei Tagen unter der Woche.
Zu den führenden russischen Regionen im Schlaftourismus gehören Südrussland, der Vorkaukasus mit den Kurstädten Mineralnyje Wody, Pjatigorsk und Kislowodsk nahe den berühmten Mineralwasserquellen, die Gebiete Moskau und Leningrad sowie der Altai. Laut ATOR ist die Nachfrage nach abgeschiedenen Hotels und Glamping-Unterkünften in der Region Altai um 37% und im Moskauer Gebiet um 28% gestiegen. Das Erholungsprogramm mit Fokus auf gesunden Schlaf im Ski-Kurort Rosa Chutor nahe Sotschi nutzten im vergangenen Jahr 30% mehr Kunden.
Die Medizinplattform Sbersdorowje, das zur größtem Finanzhaus Russlands der Sberbank gehört, hat in einer Studie herausgefunden, dass nur 23% der insgesamt 25.000 Befragten ausschlafen. 25% der Studienteilnehmer gaben an, während des Tages schläfrig zu sein, 52% sprachen sogar von erhöhter Schläfrigkeit. Die optimale Schlafdauer könne genetisch bedingt sechs bis zehn Stunden betragen, sagt der Schlafforscher Nikolai Iljin. Ein durchschnittlicher Erwachsener braucht in der Regel sieben bis acht Stunden Schlaf.
Harte Matratzen, unbequeme Kissen
Laut der russischen Buchungsplattform Ostrowok bezog sich 2025 jede zehnte Bewertung auf Matratzen und Schlafbedingungen. Das russische Fünf-Sterne-Parkhotel Sheraton Skypoint Luxe hört von Gästen oft Anmerkungen in Bezug auf die ruhige Zimmerlage und garantierte Nachtruhe. Solche Wünsche kämen heute von jedem achten Gast (12,5%), vor Jahren handelte es sich lediglich um 5% der Gäste, bestätigt das Unternehmen.
Der Schlafforscher Roman Busunow hält fest, dass mit dem Rückzug westlicher Tourismusketten die Qualität der Hoteleinrichtungen nachgelassen habe. Selbst bei angesehenen russischen Hotels stellt der Forscher Qualitätsmängel fest. „In vielen Hotelzimmern werden mittlerweile Kissen aus billigem synthetischem Holofiber verwendet, die auf dem Markt nicht mehr als 2000 Rubel kosten“, erklärt Busunow. Der Schlafforscher fällt ein hartes Urteil: Nur 20% der russischen Vier- und Fünf-Sterne-Hotels bieten nach seiner Einschätzung normale Bedingungen für gesunden Schlaf.
Geschäftsmodell gesunder Schlaf
Aber lässt sich mit gesundem Schlaf auch Geld verdienen? Der Verband der russischen Tourismusveranstalter prophezeit dem Schlaftourismus steigende Nachfrage, während einige Experten skeptisch sind. Ihr Einwand: Schlafstörungen sind zwar ein Symptom unserer Zeit, doch nicht alle Tourismusunternehmer sind bereit, in ein umfassendes Schlafambiente zu investieren. Olga Nart, stellvertretende Geschäftsführerin des Urlaubsortes „Lutschi“, übersetzt auf Deutsch Strahlen, geht dennoch davon aus, dass Hotels in den nächsten Jahren in Schallschutz, Verdunkelungssysteme und spezielle Erholungsprogramme investieren werden, die gesunden Schlaf fördern.
Laut Marina Smirnowa, Leiterin für Hotellerie bei der russischen Beratungsgesellschaft Commonwealth Partnership (CMWP), sind die Investitionen in den Schlaftourismus vergleichbar mit einem klassischen, hochwertigen Hotel. Zusätzliche Investitionskosten fallen durch Swimming-Pools sowie Massage- und Spasalons an.
International gilt das komplett auf Schlaf ausgerichtete Hotel Mana Sanctuary in der indonesischen Inselprovinz Bali als Vorzeigeprojekt. In insgesamt 13 Zimmern passt sich die Raumbeleuchtung an die Verfassung des Hotelgastes an. In jedem der Zimmer gibt es zudem eine Badewanne für Entspannungskuren mit magnesiumhaltigem Wasser. Und wenn der Gast nachts ins Reich der Träume abtaucht, wachen intelligente Messgeräte über seinen Schlaf.
Quelle: RBC, RIA Novosti, ATOR, Kommersant (alle RU), Fortune Business Insights (EN)
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