In diesem Sommer reisen wieder mehr Russen ins Ausland: 6,4 bis 6,8 Mio. Russen wählen in den drei Sommermonaten Juni, Juli und August Reiseziele außerhalb der russischen Föderation, meldet die Assoziation der russischen Reiseveranstalter Ator. Das sind 8% mehr als im Vorjahr. Im Inland erwartet das russische Wirtschaftsministerium 94 Mio. Reisen für das Gesamtjahr nach 90 Mio. im Vorjahr.
Ein Vergleich mit dem Vor-Corona-Jahr 2019 zeigt, wie sehr sich die Reiseziele in den vergangenen Jahren verschoben haben: 2019 wies die Statistik der russischen Grenzbehörden 48 Mio. Ausreisen aus, 2025 waren es 31,5 Mio. – ein Drittel weniger. Die Lücke geht laut Branchenverband Ator vor allem auf den Wegfall Europas als beliebtes Reiseziel zurück. Der Inlandstourismus legte demgegenüber im selben Zeitraum um 30% zu.
China-Boom dank Visafreiheit
Die Volksrepublik China hat im September 2025 testweise die visafreie Einreise für Russen eingeführt und verlängerte sie im Mai 2026 bis Ende 2027. Russland zog in dieser Woche nach: Per Präsidentenerlass dürfen Chinesen bis zum 31. Dezember 2027 für 30 Tage visafrei einreisen. Die Wirkung des visafreien Reiseverkehrs schlägt sich in Zahlen nieder: 2025 unternahmen Russen laut der Wirtschaftszeitung Kommersant bereits 2,47 Mio. Reisen nach China, nach 1,9 Mio. im Vorjahr. Im 1. Quartal 2026 stieg die Zahl der touristischen Reisen dann sogar um 62% zum Vorjahreszeitraum, meldet die Zeitung Nesawissimaja Gaseta.
Die Ferieninsel Hainan – wegen ihrer Palmenstrände oft „chinesisches Hawaii“ genannt – zählte nach Angaben von Ator von Januar bis Mai 308.000 russische Gäste, 67% mehr als im Vorjahreszeitraum. Setzt sich das Tempo fort, erwartet der Verband für das Gesamtjahr ein Plus bei China-Reisen von 50%: Auf die 2,47 Mio. Reisen von 2025 gerechnet wären das rund 3,5 Mio. China würde damit erstmals in die Top 5 der russischen Auslandsziele aufrücken, hinter etablierten Destinationen wie dem Spitzenreiter Türkei, gefolgt von Ägypten mit 12% der russischen Auslandsbuchungen und einem Plus von 15% zum Vorjahr, Vietnam mit 10% Anteil und einem rasanten Wachstum von 150%.
Im vergangenen Jahr besuchten 834.000 chinesische Touristen Russland 2025 – mehr als jeder zweite ausländische Urlauber kam damit aus der Volksrepublik, bei insgesamt 1,64 Mio. touristischen Einreisen, meldet die Nachrichtenagentur Interfax. In diesem Sommer verbinden laut Branchenverband Ator 290 Direktflüge pro Woche 11 russische und 17 chinesische Städte. Das entspricht einem Anstieg um ein Drittel.
Türkei dominiert, Vietnam wächst, EU spielt keine Rolle
Die Reisen in die 30 wichtigsten Urlaubsländer stiegen laut Ator um 16% auf 20,1 Mio. Die Türkei bleibt mit 57% aller Sommerbuchungen das wichtigste Auslandsziel, verliert aber leicht Marktanteil: 2025 lag er bei 58,2%.
Ator erwartet in diesem Sommer 2,9 bis 3 Mio. russische Türkei-Touristen. Im Gesamtjahr dürfte die Türkei den Vor-Corona-Rekord von 7 Mio. russischen Besuchern erstmals übertreffen, sagt Ator-Verbandsvize Taras Kobischtschanow. Allerdings hat sich die Struktur der Reisen hat verändert: 2019 kamen fast alle zum Strandurlaub, heute entfallen rund 2 Mio. Reisen auf Transit und Städtetourismus via Istanbul.
Eine Juli-Pauschalreise in die Türkei kostet nach einer Ator-Auswertung im Schnitt 229.300 Rubel (2560 Euro, +2,5% zum Vorjahr), nach Ägypten 190.900 Rubel (2130 Euro, +4,7%).
Vietnam (-17%) und China (-10,5%) wurden dank des starken Rubels deutlich billiger. Der durchschnittliche Buchungswert einer Auslandstour stieg um 7% auf 195.600 Rubel (2180 Euro), meldet Vedomosti unter Berufung auf den Reisevermittler Onlinetours.
Im Sommergeschäft spielen EU-Länder kaum eine Rolle. Kein EU-Ziel liegt laut Ator in den Top 10. Dabei bleiben die klassischen Reiseländer begehrt: Die Schengen-Staaten erteilten Russen 2025 insgesamt 618.806 Visa, 14% mehr als im Vorjahr – vorn liegen Italien (161.121 Visa), Frankreich (156.547, +26%) und Spanien (123.359), zeigen Daten der EU-Kommission. Seit November 2025 vergibt die EU an Russen allerdings keine Mehrfachvisa mehr, und die Wartezeit erreicht bei Italien und Frankreich bis zu drei Monate, berichtet Kommersant. Da Direktflüge fehlen, läuft die Anreise über Drehkreuze wie Istanbul, Jerewan oder Belgrad.
Inland: Anapa kehrt zurück, Sotschi verliert
Im Inland führt die Schwarzmeerküsten-Region Krasnodar das Sommerurlaubs-Ranking an, vor St. Petersburg, Dagestan und Moskau. Das Comeback der Saison gelingt der Schwarzmeerstadt Anapa: Nach der Ölkatastrophe vom Dezember 2024 gaben die Behörden diesen Sommer 58 Strände frei, die Nachfrage stieg laut dem Hoteldienst Travelline um das Doppelte. Die Kaukasusregion Dagestan steckte die Überschwemmungen vom Frühjahr weg und liegt laut Interfax nur noch 2% unter Vorjahr. Die Olympiastadt Sotschi verliert dagegen 15%. Insgesamt kühlt der Markt ab: Die Hotelbuchungen liegen landesweit 5% unter dem Sommer 2025, schreibt die Tageszeitung Kommersant. Der langfristige Trend für Inlandstourismus zeigt jedoch nach oben: Russlands Beherbergungsbetriebe zählten 2025 nach Daten der Statistikbehörde Rosstat rund 395 Mio. Übernachtungen, 39% mehr als 2019.
Quelle: Ator, Kommersant, Interfax, TourDom, Ria Nowosti (alle RU)
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