Leitzins bleibt bei 14%: Zentralbank RF stellt sich auf längere Hochzinsphase ein

Die russische Zentralbank hat den Leitzins am 23. Oktober zum zweiten Mal in Folge bei 14% belassen. Zugleich hob sie ihre Prognose für den durchschnittlichen Leitzins im kommenden Jahr deutlich an: von 10,5–12,5% auf 12,5–13,5%. Die Inflation zum Jahresende erwartet die Notenbank nun bei 7,1% bis 7,6% statt bei 6% bis 7%.

Zentralbankchefin Elvira Nabiullina (im Bild) kommentierte die Entscheidung mit folgenden Worten: „Die Inflation bleibt in ihrem stabilen Kern erhöht, die Inflationserwartungen in der Wirtschaft liegen nahe den Höchstständen der letzten Jahre. Leider kann diese Situation länger andauern, als wir im Juli angenommen haben. Für die Rückkehr der Inflation zu 4% brauchen wir daher einen längeren Zeitraum moderat straffer geldpolitischer Bedingungen.“

Nabiullina verwies auf die vorübergehenden Ausfälle von Produktionskapazitäten in einzelnen Branchen durch ukrainische Drohnenangriffe. Die Zentralbank rechnet nun damit, dass die ausgefallenen Kapazitäten erst im Laufe des Jahres 2027 wieder arbeiten. Bisher war sie von einer Wiederherstellung bis Ende 2026 ausgegangen.

Risiken für die Finanzstabilität sieht Elvira Nabiullina nicht, auch wenn einzelne Großunternehmen mit Schulden kämpfen. Der Anteil der Firmen, deren operativer Gewinn die Zinskosten nicht deckt, sei zum 1. Juli nur leicht gestiegen. Für die Zinsentscheidung habe das keine Rolle gespielt.

Seit Juni 2025 hatte die Zentralbank den Leitzins in zehn Schritten von 21% auf 14% im Juli gesenkt. Im September legte sie erstmals eine Pause ein. Die aktuelle Entscheidung hatte die große Mehrheit der Analysten erwartet. Laut Zentralbankchefin Elwira Nabiullina stand nur das Halten des Zinses ernsthaft zur Debatte. Einzelne Zentralbank-Experten sprachen sich sogar für eine Anhebung aus.

Mehr Inflation, weniger Wachstum im kommenden Jahr

Der Preisauftrieb hat sich im Sommer beschleunigt. Im dritten Quartal stiegen die Verbraucherpreise saisonbereinigt und aufs Jahr hochgerechnet um 8%, nach 4,8% im zweiten Quartal.

Die Kerninflation erhöhte sich von 4,5% auf 6,2%. Am 19. Oktober lag die Jahresinflation bei 6,8%. Vor allem Kraftstoff trieb die Preise weiter. Zudem fiel die Anhebung der Kommunaltarife zum 1. Oktober laut Nabiullina etwas höher aus als erwartet.

Für den Jahresdurchschnitt 2027 rechnet die Zentralbank jetzt mit 5,2–5,7% Inflation, bisher waren es 4,3–5,2%. An ihrem Ziel von 4% zum Jahresende 2027 hält die Zentralbank trotzdem fest. Die Analysten, die die Notenbank vor jeder Sitzung befragt, sind skeptischer: Im Mittel erwarten sie Ende 2027 noch 5% Inflation.

Den Leitzins sieht die Zentralbank im Jahresmittel 2026 bei 14,6%, für 2028 bei 9% bis 10% statt bisher 8–9%. Spielraum für Senkungen im nächsten Jahr bleibe, sagt Nabiullina. Er sei aber kleiner geworden.

Die Wachstumsprognose für das laufende Jahr engte die Zentralbank auf 0,5–1% ein. Im Juli hatte sie mit 0–1% auch eine Stagnation nicht ausgeschlossen.

Den Ausschlag gab der private Konsum: Er soll 2026 um 3–3,5% zulegen statt, wie bisher erwartet, nur um 1,5–2,5%. Im zweiten Halbjahr wachse die Wirtschaft moderat, die Produktion habe zuletzt in vielen Branchen zugelegt, sagt Nabiullina. Für 2027 senkte die Notenbank ihre BIP-Prognose dagegen um einen halben Prozentpunkt auf 1–2%. Im laufenden Jahr stagnieren die Investitionen laut Prognose oder sinken um bis zu 1%.

Unternehmerverband fordert Wachstumssignal

Der Russische Verband der Industriellen und Unternehmer (RSPP) hätte sich mehr gewünscht. Verbandspräsident Alexander Schochin sagte der Nachrichtenagentur TASS, die Zentralbank hätte den Zins symbolisch um 50 oder 25 Basispunkte senken können. Auf Konjunktur und Kreditvergabe hätte das keinen Einfluss gehabt, wohl aber die Richtung signalisiert. RSPP-Vizepräsident Alexander Murytschew nennt Investitionen „praktisch blockiert“. Kredite für Projekte mit fünf bis zehn Jahren Amortisationszeit seien unerschwinglich teuer. Unternehmen nähmen Kredite vor allem zur Umschuldung auf. Die Zahl der Firmenpleiten stieg laut Murytschew im ersten Halbjahr um 11% auf 3547.

Der Russland-Experte des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) Vasily Astrov, nennt die Zinspause für eine Wirtschaftserholung in Russland „natürlich abträglich“.

Für die kommende Zentralbanksitzung am 18. Dezember gab es seitens der Zentralbank kein positives Signal. Olga Belenkaja, Leiterin der Abteilung Makroanalyse bei der Investmentgesellschaft Finam, erwartet eine weitere Pause, schließt eine Senkung um 0,25% aber nicht aus. 

Quelle: Russische Zentralbank 1, 2, 3, Finam, Kommersant, TASS, RSPP (alle RU); wiiw


🔎 Wie IWF, Weltbank und das Wiener Wirtschaftsinstitut Russlands Wachstum bis 2028 einschätzen, und warum ihre Prognosen für 2027 weit auseinanderliegen, analysiert Klaus Dormann, langjähriger Analyst bei E.ON, ausführlich auf der Wirtschaftsnachrichtenseite ostwirtschaft.de.


ℹ️ Auch interessant

27.10.2026

War dieser Beitrag für Sie hilfreich?

Bewerten Sie diesen Beitrag von 1 bis 5, wobei 5 "sehr gut" bedeutet.

Vorheriger Beitrag

Wettbewerb mit China: deutsche Wirtschaft zunehmend unter Druck

Unser Telegram-Kanal

Bleiben Sie auf dem Laufenden mit unserem Telegram-Kanal

Возврат к списку