Zweifel an Russlands Wachstum: Konsum schwächt sich ab

Das Konsumwachstum in Russland verlangsamt sich. Der Indikator des Wirtschaftsministeriums zur „Konsumaktivität“ stieg im August um 2,9% im Vergleich zum Vorjahresmonat, nach 6% im Juni. Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow nennt die Nachfrage der Verbraucher das „Rückgrat“ des russischen Wirtschaftswachstums.

Konsumplus halbiert sich seit Juni

Der Indikator für die Konsumaktivität fasst den realen Umsatz von Einzelhandel, Dienstleistungen und Gastronomie zusammen. Das Wirtschaftsministerium berechnet ihn auf Basis von Daten der Statistikbehörde Rosstat. Im Juli lag sein Plus noch bei 4,6%. Von Januar bis August betrug es 4,5%. Laut Prognose des Ministeriums soll der private Konsum im Gesamtjahr um 4,1% steigen.

Im September hat sich der private Verbrauch jedoch weiter abgeschwächt. Das zeigen die Daten des SberIndex der russischen Sberbank. Der Datendienst der größten Bank des Landes wertet die Kartenzahlungen ihrer Kunden aus und liefert Konsumdaten im Wochentakt. Vom 21. bis 27. September lagen die realen Konsumausgaben demnach nur noch 1,2% über dem Vorjahreswert. In der Vorwoche waren es 1,4%, im August noch 5,7%.

Raiffeisenbank: Konsum sinkt in der Breite

Auch Stanislaw Muraschow, Chefvolkswirt der russischen Raiffeisenbank, sieht sinkende Konsumausgaben. Der Umsatz im Lebensmittelhandel sank im August saisonbereinigt um 0,9% gegenüber dem Vormonat. Seit Februar war er jeden Monat gewachsen. Den Rückgang beschränkt Muraschow nicht auf Lebensmittel: „Der Non-Food-Bereich schrumpfte den zweiten Monat in Folge. Getrieben wird diese Entwicklung diesmal nicht vom Autoabsatz, sondern von anderen Gütern, im besonderen Bekleidung und Schuhe, Elektronik, Haushaltswaren und Arzneimittel“, schreibt er.

Steigende Löhne stützen den Konsum weiterhin. Laut Rosstat stiegen die Reallöhne im Juli um 3,3% zum Vorjahresmonat, nach 3,4% im Juni. In den ersten sieben Monaten lagen sie real 6% über dem Vorjahresniveau, nominal 12,2%. Das Tempo lässt allerdings nach: Im ersten Quartal hatten die Reallöhne noch um 8,7% zugelegt, im zweiten um 4,4%, schreibt die Moskauer Wirtschaftszeitung Kommersant.

Auch der Handel verliert an Schwung. Der Großhandelsumsatz sank im August laut Wirtschaftsministerium erstmals seit dem ersten Quartal, um 0,5% zum Vorjahresmonat. Im Juli hatte er noch 0,4% zugelegt. Im Einzelhandel verlangsamte sich das Wachstum von 5,3% im Juli auf 3,3% im August.

Regierung und Zentralbank bleiben zuversichtlich

Vom „Rückgrat“ des Wachstums sprach Reschetnikow am 24. September bei der Vorstellung der Konjunkturprognose der Regierung bis 2029. Danach soll der Einzelhandelsumsatz in diesem Jahr real um 4,6% steigen, die Reallöhne um 4%.

Die Gesamtwirtschaft wächst wesentlich langsamer. Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte laut Ministerium im August um 0,8% zum Vorjahresmonat zu, nach 0,6% im Juli. Von Januar bis August lag das Plus bei 0,6%. Diesen Wert erwartet die Regierung auch für das Gesamtjahr.

Die Daten aus dem Sommer wecken Zweifel an der Konsumprognose der Regierung. Vize-Premierminister Alexander Nowak wies in der vergangenen Woche auf Risiken für die Konjunktur hin. Er sprach vor dem Föderationsrat, der zweiten Kammer des russischen Parlaments. Als externe Risiken nannte Nowak ein schwächeres Weltwachstum, die Regionalisierung des Welthandels und weitere Sanktionen. Im Inland sieht er eine unerwartet lange Phase restriktiver Geldpolitik und den Mangel an Arbeitskräften.

Zuversichtlicher äußerte sich Alexej Sabotkin, stellvertretender Vorsitzender der russischen Zentralbank. Am 1. Oktober sagte er am Rande einer Veranstaltung der größten privaten Bank des Landes, der Alfa-Bank, die meisten Branchen hätten ihren Tiefpunkt Ende 2025 oder Anfang 2026 durchschritten. Für dieses Jahr erwartet er „zwar moderate, aber positive“ Wachstumszahlen. Ab 2027 kehrt die Wirtschaft nach seiner Einschätzung zu ihrem langfristigen Wachstumstrend zurück, sofern keine weiteren starken Schocks eintreten. Diesen Trend beziffert Sabotkin auf rund 2% pro Jahr, den Schnitt der vergangenen 10 bis 15 Jahre. Für schnelleres Wachstum müsse vor allem die Arbeitsproduktivität steigen. 

Quellen: Reuters (EN) Ostwirtschaft (DE) Kommersant, Finmarket, Interfax, Raiffeisenbank, Finam 1, 2 (alle RU)

🔎 Die Langfassung mit Grafiken und Tabellen dieser Analyse von Klaus Dormann, dem ehemaligen Analysten der Ruhrgas AG lesen Sie im Nachrichtenportal Ostwirtschaft. Was Präsident Wladimir Putin auf dem Waldai-Forum zur Wirtschaft, zur Fremdverwaltung westlicher Unternehmen, zur Ukraine und zu Deutschland gesagt hat, lesen Sie hier.


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08.10.2026

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