Zinspause? Russlands Zentralbank zwischen Inflationsschub und Konjunkturflaute

Am Freitag dieser Woche dürfte die russische Zentralbank ihren Zinssenkungszyklus erstmals seit Juni 2025 unterbrechen. In 14 Monaten hat sie den Leitzins in 10 Schritten von 21% auf 14% gesenkt, zuletzt am 24. Juli um 25 Basispunkte. 24 von 30 Analysten von der Wirtschaftszeitung RBC befragte Analysten erwarten, dass der Zentralbankrat den Leitzins bei 14% belässt.

Die Ausgangslage hat sich seit Juli in drei Punkten verändert. Erstens steigt die Inflation wieder: Die Jahresrate lag Ende August laut der Statistikbehörde Rosstat bei 6,32%, nach 5,98% Ende Juli. Zweitens verliert die Konjunktur an Tempo: Das BIP wuchs im Juli laut Wirtschaftsministerium nur noch um 0,6% zum Vorjahr, nach 1,7% im Juni. Drittens fließt mehr Geld aus Rubelanlagen ab: Die Netto-Überweisungen russischer Privatpersonen ins Ausland verdoppelten sich laut Zentralbank von 158 Mrd. Rubel, umgerechnet rund 1,5 Mrd. Euro, im Januar auf 321 Mrd. Rubel (3,2 Mrd. Euro) im Juni.

Inflation: Kraftstoff und Kerninflation

Ein starker Inflationstreiber sind die angesichts der ukrainischen Drohnenangriffe auf russische Raffinerien gestiegenen Kraftstoffpreise. Die russische Regierung war gezwungen, den Export von Benzin und Kerosin zu verbieten. Die Abgabe von Kraftstoffen an den Tankstellen ist in zahlreichen Gebieten eingeschränkt, darunter auch in der Hauptstadt Moskau. Benzin kostet laut Rosstat 20,5% mehr als zu Jahresbeginn. In ihrem Basisszenario rechnet die Zentralbank damit, dass der Kraftstoffeffekt samt Folgewirkungen 1,5 Prozentpunkte zur Jahresinflation beiträgt, und erwartet für Dezember 6-7%. Das Ziel von 4% soll erst 2027 erreicht werden.

Noch beunruhigender als der Preisanstieg bei Kraftstoff ist für die Zentralbank die Kerninflation: Die um volatile Komponenten bereinigte Kerninflation beschleunigte sich im Juli auf 7% nach 5,3% im Juni, berechnet Pawel Birjukow, Chefökonom der Gazprombank. Die Geldmenge wächst mit rund 13% schneller als die Zentralbankprognose von 7% bis 12%. Hinzu kommt der Wechselkurs: Seit der Juli-Sitzung verlor der Rubel rund 10% zum Dollar, der Euro kostet seit dem 1. September erstmals seit Februar 2025 mehr als 100 Rubel. Alexej Sabotkin, Vizechef der Zentralbank, sagte am 31. August: „Der Spielraum für Zinssenkungen hat sich bereits in der Juli-Runde verengt.“

Konjunktur: Argumente für eine weitere Senkung

Die Befürworter einer Leitzinssenkung argumentieren mit der Nachfrage, die schneller nachlässt als die Preise. Das BIP wuchs von Januar bis Juli laut Wirtschaftsministerium um 0,6% zum Vorjahr. Die Zentralbank rechnet für 2026 mit 0% bis 1% Wachstum und einem Rückgang der Bruttoinvestitionen um 1,5-3,5%.

Deutlich schärfer urteilt das Kieler Institut für Weltwirtschaft in seiner Anfang September veröffentlichten Weltkonjunkturprognose: „Die Wirtschaft in Russland kommt zunehmend in Bedrängnis.“ Die Drohnenangriffe des Sommers auf Raffinerien, Logistikzentren der Online-Händler und den Seeverkehr hätten die Wirtschaft wohl empfindlich getroffen, heißt es, „ein starker Rückgang der Produktion von Ölraffinerien hat zu landesweiter Kraftstoffknappheit geführt, der Verlust großer Mengen an Handelswaren zahlreiche Kleinhändler um ihr Vermögen gebracht und die Konsummöglichkeiten der Bevölkerung reduziert, und Angriffe auf Schiffe und Hafenanlagen haben Exporte und die Versorgung in manchen Landesteilen erschwert“. Für das Gesamtjahr erwartet das Institut nur noch 0,4% Wachstum.

Die Inflationserwartungen der russischen Haushalte fielen von 14,7% auf 13,7%. Am Arbeitsmarkt schrumpft der Personalmangel, das Lohnwachstum verlangsamt sich nominal und real und kühlt den Konsum, sagt Andrej Melaschtschenko, Chefökonom der Moskauer Investmentbank Renaissance Capital. 7 von 30 Ökonomen im Vedomosti-Konsensus erwarten deshalb eine Senkung auf 13,75%.

Kapitalabfluss: mehr Überweisungen ins Ausland

Die Fremdwährungsüberweisungen ins Ausland stiegen laut dem Finanzmarkt-Risikobericht der Zentralbank im Juni um 50 Mrd. Rubel auf 144 Mrd. Rubel, umgerechnet 1,4 Mrd. Euro.

Rubelüberweisungen wuchsen um 12 Mrd. auf 177 Mrd. Rubel (1,7 Mrd. Euro). Die Zentralbank ordnet das als Rückkehr auf das Niveau des zweiten Halbjahrs 2025 ein. Die Tageszeitung Izvestia nennt als Auslöser die Rubelabwertung im Juni, und den Einbruch des Moskauer Börsenindex. 

Quellen: Russ. Zentralbank 1, 2, 3, Interfax 1, 2, Izvestia, Kommersant 1, 2, Vedomosti (alle RU); IfW Kiel, Ostwirtschaft


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10.09.2026

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