IWF-Prognose: Russland wächst schneller als Deutschland

Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet in seiner Juli-Prognose für Russland 2026 und 2027 ein Wachstum von jeweils 1,1%. Der IWF hält damit an seiner April-Prognose fest, während fast alle anderen Institute ihre Erwartungen senken. Russlands reales Bruttoinlandsprodukt stieg im ersten Halbjahr 2026 nach Schätzung des Wirtschaftsministeriums nur um 0,3% gegenüber dem Vorjahr. Die russische Zentralbank verschob ihre Prognosespanne Ende Juli auf 0 bis 1%, nach zuvor 0,5 bis 1,5%.

Der IWF erwartet für Deutschland mit 0,7% für 2026 und 1% für 2027 weniger Wachstum als für Russland. Gemessen an der Kaufkraftparität hat Russland Deutschland bereits 2021 vom vierten Platz der größten Volkswirtschaften verdrängt. Aktuell rangiert Deutschland hinter China, den USA, Indien, Russland und Japan auf Platz sechs. In Dollarwerten hat Deutschland aufgrund eines starken Euros hingegen Japan überholt und liegt hinter den USA und China auf Platz drei.

Der IWF erwartet höhere Rohstoffpreise

2023 war Russlands Wirtschaft um 4,1% gewachsen und 2024 dann um 4,9%, 2025 kühlte das Wachstum auf 1,0% ab. In der Aktualisierung seines Weltwirtschaftsausblicks vom 8. Juli bleibt der IWF für 2026 und 2027 bei jeweils 1,1%, exakt dem Wert seiner Frühjahrsprognose. Zur Begründung führt der Fonds an, dass höhere Rohstoffpreise Russland als Energieexporteur entlasten: „Stärkere Exporterlöse, zum Teil wegen höherer Rohstoffpreise, verschaffen der russischen Wirtschaft eine teilweise Entlastung und halten die Wachstumsrate bei 1,1%.“

Entscheidend ist vor allem der Ölpreis. Für den Durchschnitt der Referenzsorte Brent erwartet der IWF 2026 einen Preisanstieg um 31,8% auf 89,27 US-Dollar je Fass gegenüber dem Vorjahr. Im April hatte er noch mit 21,4% und 82,22 US-Dollar gerechnet. 2027 soll der Preis um 11,8% auf 78,70 US-Dollar fallen. Der Preis für russisches Urals-Öl lag am 9. Juli bei 56 US-Dollar je Fass und damit rund 26% unter dem Brent-Preis von 76 US-Dollar.

Iran-Krieg als Rezessionsbremse

Das Institut für Wirtschaftsprognosen der Russischen Akademie der Wissenschaften, IEF-RAS, stellt seiner Quartalsprognose vom 30. Juli eine bemerkenswerte These voran: „Die Änderung der externen Rahmenbedingungen bewahrt den russischen Staatshaushalt vor Kürzungen und die russische Wirtschaft vor einer Rezession.“ Gemeint sind die gestiegenen Exportpreise und die höhere Nachfrage nach russischen Rohstoffen nach der Schließung der Meerenge von Hormus. Ohne diesen Effekt hätte die Regierung nach Einschätzung des Instituts ihre Haushaltsausgaben schon 2026 deutlich kürzen müssen.

Die Entlastung fällt allerdings schmal aus. Marek Dabrowski beziffert in einer Analyse des Brüsseler Instituts Bruegel die iranbedingten Mehreinnahmen im russischen Föderationshaushalt auf rund 0,5% des Bruttoinlandsprodukts. Die Öl- und Gaseinnahmen des Haushalts sanken im ersten Halbjahr trotz höherer Urals-Preise um 22,7% auf 3,66 Bio. Rubel, umgerechnet rund 41 Mrd. Euro. Das IEF selbst prognostiziert für 2026 nur 0,7% Wachstum und für 2027 1,1%. Tragen sollen es der private Konsum, der um 1,8% steigen könnte, und der Staatsverbrauch mit einem plus von 1%, während die Bruttoanlageinvestitionen um 1,2% sinken.

„Nahe Null“: Institute senken Prognosen

Das Wirtschaftsministerium halbierte seine Prognose bereits Mitte Mai von 1,3% auf 0,4%. Die Sberbank senkte ihre Erwartung laut der Moskauer Wirtschaftszeitung Vedomosti auf 0% bis 0,5%, die VTB-Bank auf 0,6%. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche liegt bei 0,6%. Unter den deutschen Instituten sieht das Kieler Institut für Weltwirtschaft in seiner Sommerprognose 0,2%, das Münchner ifo Institut erwartet mit minus 0,7% sogar eine Rezession. Vasily Astrov, Russland-Experte des Wiener Instituts (wiiw), ging Ende Juli im Russland-Podcast der österreichischen Zeitung „Die Presse“ noch weiter: Heute würde er seine Prognose für das diesjährige Wachstum „wahrscheinlich Richtung Null“ ansetzen. Eine akute Krise sei das nicht, „so oder so“ stecke Russland aber in einer Stagnation.

Die Halbjahresdaten stützen die Skeptiker. Im ersten Quartal sank das Bruttoinlandsprodukt um 0,2%, im zweiten stieg es um 0,9%, im Juni um 1,1%. Die Industrieproduktion wuchs im ersten Halbjahr um 0,4%. Das Forschungsinstitut BOFIT der finnischen Zentralbank führt diesen Anstieg fast vollständig auf die Rüstungsfertigung zurück: Die Produktion sonstiger Transportmittel stieg um 32%, die von Arzneimitteln um 14%, die von sonstigen Metallerzeugnissen um 9%. Der Bergbau schrumpfte um 0,5%. 

Quelle: IMF, BOFIT, Bruegel, Interfax, Bank of Russia, wiiw (alle EN); Die Presse; IEF-RAS, Vedomosti (RU)


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04.08.2026

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