Kleinerer Markt, große Gewinne: Russlands Tabakhandel vor der Lizenzpflicht

Wer in Russland Zigaretten verkauft, benötigt dazu bisher keine Erlaubnis. Das soll sich nun ändern. Vom 1. März 2027 an gilt die Lizenzpflicht für den Handel mit Zigaretten. Die 270.000 Verkaufsstellen im Land müssen bis dahin über eine Lizenz verfügen, um weitermachen zu können. Anträge nehmen die Behörden ab dem 1. Oktober 2026 entgegen. Eine Einzelhandelslizenz kostet 20.000 Rubel je Jahr Laufzeit, 222 Euro. Ab März 2028 gilt eine Mindestfläche für Verkäufer von 5 m². Wer ohne Lizenz verkauft, riskiert bis zu drei Jahre Haft. „Es bleibt sehr wenig Zeit: Das Lizenzverfahren, für das nur fünf Monate vorgesehen sind, beginnt am 1. Oktober dieses Jahres. Die Regionen müssen Anträge für mehr als 250.000 Verkaufsobjekte prüfen“, äußerte sich Alexej Worobjow, Direktor für Regierungsbeziehungen beim Branchenprimus Japan Tobacco, gegenüber dem Wirtschaftsportal RBC.

Der Konsum hat sich in zwanzig Jahren fast halbiert

Anfang der 2000er Jahre rauchten Russen rund 400 Mrd. Zigaretten im Jahr. Vor zehn Jahren waren es 294 Mrd., wie die Moskauer Wirtschaftszeitung Kommersant damals meldete. Im vergangenen Jahr sank der Konsum weiter auf 220 Mrd. Zigaretten, wie Philip Morris International in seinem Geschäftsbericht schreibt. Die Raucherquote, das heißt der Anteil der rauchenden Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung, fiel von 30,3% im Jahr 2016 auf 18,2% im Jahr 2026. Zu diesem Rückgang haben auch die steigenden Preise beigetragen: Eine Zigarettenpackung kostete vor zehn Jahren 79,7 Rubel, oder 90 Cent. Heute kostet sie 232 Rubel, oder 2,57 Euro. Die Verbrauchsteuer stieg von 960 Rubel je 1.000 Zigaretten 2015 auf 3.278 Rubel 2026.

Japan Tobacco beziffert seinen Anteil am russischen Markt für 2025 auf 36,9%, einen halben Prozentpunkt weniger als im Vorjahr, bei einem Absatz von 81,6 Mrd. Zigaretten. Philip Morris kommt auf 31,7% nach 32,3% im Vorjahr. Ein japanischer und ein amerikanischer Konzern beherrschen damit gut zwei Drittel des Marktes. Dahinter folgt ITMS, das frühere Russlandgeschäft von British American Tobacco, das heute einer Holding aus Abu Dhabi gehört und keinen eigenen Anteil ausweist; sein Petersburger Werk fasst 45 Mrd. Zigaretten im Jahr. Vierter ist die International Tobacco Group, der Nachfolger von Imperial Brands und seit 2022 in russischer Hand. Bei den Zigarettenmarken führt Anfang 2026 Winston mit 13,9%, vor Camel mit 9,7% und LD mit 5,5% – alle drei gehören Japan Tobacco.

Zwei gingen, zwei blieben nach 2022

Die Briten von Imperial Brands zogen 2022 die Konsequenz und übergaben im April 2022 Vertrieb und Werk Wolgograd an vier russische Privatpersonen. Den Preis nannte der Konzern nicht und schrieb 225 Mio. Pfund ab, fast 300 Mio. Euro. British American Tobacco folgte im September 2023 mit einem Verkauf an das eigene Management, seither firmiert das Geschäft als ITMS. Die Platzhirsche von Philip Morris und Japan Tobacco kündigten einen Investitionsstopp an und blieben. Für die Amerikaner steht einiges auf dem Spiel: Russland trug 2025 rund 9% zum Absatzvolumen des Konzerns bei und 6% zum Nettoumsatz.

Als die russische Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Forbes 2024 die 50 größten ausländischen Unternehmen des Landes nach Umsatz auflistete, standen hinter dem chinesischen Konzern Chery (das heutige Tenet) auf Platz zwei und drei Tabakkonzerne: Japan Tobacco mit 480,0 Mrd. Rubel, 5,3 Mrd. Euro, und Philip Morris mit 440,2 Mrd. Rubel, 4,9 Mrd. Euro.

Japan Tobacco wies für seine russische Vertriebsgesellschaft 2023 einen Nettogewinn von 47,2 Mrd. Rubel aus, 523 Mio. Euro. Das Philip-Morris-Werk Ischora bei St. Petersburg setzte 150,7 Mrd. Rubel um und verdiente daran 55,9 Mrd. Rubel, mehr als 600 Mio. Euro. Seit 2024 hinterlegen beide Konzerne keine russischen Abschlüsse mehr. Die Nachfolger der Aussteiger legen folgende Zahlen offen: ITMS steigerte 2025 den Umsatz um 44,5% auf 60,5 Mrd. Rubel, 700 Mio. Euro, den Gewinn um 55,7% auf 9,9 Mrd. Rubel, umgerechnet 110 Mio. Euro.

Der Staat verdient an jeder Packung

Seit April 2021 gilt in Russland ein staatlicher Mindestpreis für Zigarettenpackungen, aktuell 153 Rubel oder 1,70 Euro. Offen ausliegen dürfen Zigaretten seit Juni 2014 nicht mehr, verkauft wird nur nach Preisliste.

Die Tabaksteuern brachten dem Haushalt 2025 rund 1 Bio. Rubel ein, 11 Mrd. Euro, nach 826,7 Mrd., 9 Mrd. Euro, im Vorjahr. Der Anteil unversteuerter Ware fiel Ende 2025 auf 8,6%, den niedrigsten je gemessenen Wert, vor sechs Jahren lag er noch bei mehr als 15%. Eigenen Tabak baut Russland praktisch nicht an: Rohtabak für gut 600 Mio. Dollar im Jahr kommt aus Brasilien, Malawi und Indien.

Russen rauchen mehr als Deutsche

Im Ländervergleich raucht Russland überdurchschnittlich, aber nicht extrem. Die Prüfgesellschaft KPMG weist für sieben europäische Märkte den Gesamtkonsum inklusive Schmuggel und Auslandseinkäufen aus. Je Einwohner ab 15 Jahren ergibt das 2025 in Bulgarien 2.885 Zigaretten, in Rumänien 1.594, in Tschechien 1.223, in Polen 1.215, in Deutschland 1.046 und in Ungarn 736. Russland liegt nach den staatlichen Kennzeichnungsdaten bei rund 1.500, also gut vier Zigaretten am Tag und knapp der Hälfte mehr als in Deutschland. 

Der deutsche Markt ist mit 69,3 Mrd. Einheiten knapp ein Drittel so groß wie der russische. Vier Konzerne halten in Deutschland 87% des Marktes, Philip Morris allein 37,5%.

Beim Preis liegen Welten zwischen beiden Märkten. Eine 20er-Packung der meistgekauften deutschen Marke Marlboro kostet seit Januar 9,40 Euro, 2015 waren es 5,34 Euro, 62% davon sind Steuern. Damit ist eine Packung Zigaretten in Deutschland fast viermal so teuer wie in Russland. 

Quelle: Statistisches Bundesamt (DE), RIA Nowosti, Kommersant (beide RU)


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31.07.2026

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