Russisch-armenische Wirtschaftsbeziehungen unter Druck

Die Frage, ob Russland trotz politischer Differenzen wichtigster Wirtschaftspartner Armeniens bleibt, lässt sich nach dem Muster der fiktiven und beliebten Radio-Jerewan-Witze beantworten: Im Prinzip ja, aber…

Einbrüche im Warenaustausch

Im ersten Halbjahr 2026 ist der Warenaustausch zwischen Armenien und Russland erheblich geschrumpft. Der Handel zwischen beiden Ländern ging von Januar bis Mai 2026 verglichen mit dem Vorjahr um 21,5% zurück. Nach Angaben der armenischen Statistikbehörde hatte der armenisch-russische Handel in den ersten fünf Monaten dieses Jahres einen Umfang von 2,196 Mrd. US-Dollar. Von Januar bis Mai 2025 waren es noch 2,763 Mrd. gewesen. Der Anstieg von Einfuhren aus Armenien nach Beginn des Waffenganges in der Ukraine deutet auf einen hohen Anteil von Warenlieferungen unter Umgehung westlicher Sanktionen hin. So verdoppelte sich die Einfuhr von nicht in Armenien produzierter Maschinen und technischer Ausrüstungen von 2021 auf 2023, während der Import von Automobilen sogar um das Fünfzehnfache anstieg, auf 516, 5 Mio. Dollar.

1_Handel_mit RF_2026_de.jpg

Armenien liefert in die Russische Föderation außer Agrarprodukten vor allem elektronische Geräte, Optik, Mess- und Medizintechnik, Maschinen, mechanische Geräte sowie Edelsteine und Edelmetall. Russische Exporte nach Armenien bestehen in erster Linie aus Edelsteinen und Edelmetall, mineralischen Brennstoffen, Getreide, Elektrotechnik sowie Maschinen und mechanischen Geräten.

Russlands Anteil am gesamten Außenhandelsumsatz Armeniens hatte von Januar bis Mai 2025 noch 35,1% betragen, in diesem Jahr liegt er bei 28%. Gleichzeitig wuchs der armenische Handel mit anderen Partnerländern der Eurasischen Wirtschaftsunion. Mit Belarus stieg er um 8,3%, mit Kasachstan um 10% und mit Kirgisistan um 194,8%. In diesem außergewöhnlichen Anstieg spiegelt sich das Bestreben Armeniens, Handelsströme umzuverteilen und zu diversifizieren. Dass dies gelang, zeigt sich darin, dass die Gesamthandelsbilanz Armeniens stabil ist. Der Außenhandel Armeniens in den Monaten Januar bis Mai 2026 hat einen Umfang von 7,865 Mrd. Dollar. Er liegt damit nur um 0,1% unter dem des Vorjahreszeitraums.

Die Handelseinbrüche zwischen Moskau und Jerewan im ersten Halbjahr sind das Ergebnis von Maßnahmen der für die Kontrolle importierter Lebensmittel und Pflanzenprodukte zuständigen russischen Behörden. Russland hatte am 22. Mai zunächst den Import armenischer Blumen gestoppt, dann die Lieferungen von Weinbrand, Tomaten, Gurken und Erdbeeren. Anfang Juni verbot das Aufsichtsamt Rosselchosnadsor auch die Einfuhr von Kirschen, Pfirsichen, Nektarinen und Weintrauben. Ab 2. Juni erkannte Russland die erteilten Zertifikate für Fisch und Fischprodukte aus Armenien nicht mehr an. Das Moskauer Außenministerium verlautbarte, der Grund sei die Verletzung von Pflanzenschutznormen durch armenische Produzenten und Lieferanten.

In russischen Medien wurde die erhöhte Sensibilität russischer Kontrollinstanzen gegenüber armenischen Produkten in einen geopolitischen Kontext gestellt und als eine Reaktion auf die Neigung der Staatsführung gedeutet, sich Europa anzunähern. In diesem Zusammenhang vermerkten russische Medien auch eine Äußerung des Vorsitzenden der Staatsduma, Wjatscheslaw Wolodin, der den zu beobachtenden Kurswechsel in Armenien mit der Lage in der Ukraine in den Jahren 2013/14 verglich. Der armenische Regierungschef Nikol Paschinjan bezeichnete die Maßnahmen der russischen Behörden als „politisiert“ und ungerecht.

Vor den Beschwerden der Moskauer Behörden in diesem Frühsommer hatte der armenische Handel mit Russland in den vergangenen drei Jahrzehnten einen großen Aufschwung genommen. Hatte der Import aus Armenien nach Russland 1997 noch einen Wert von 49,5 Mio. US- Dollar, vervierfachte er sich bis 2007 auf 198,8 Mio. US-Dollar. Bis 2017 stieg der armenische Handel mit Russland auf 540,5 Mio. Euro. Nach Beginn der „Speziellen Militäroperation“ Russlands wuchsen die armenischen Importe im Jahre 2022 auf 2,42 Mrd. Dollar. Im Jahr darauf erreichten die Einfuhren aus Armenien ein Rekordhoch mit 3,50 Mrd. Dollar. Im Jahre 2024 sanken die Importe aus Armenien leicht auf 3,13 Mrd. Dollar und betrugen im Jahr 2025 noch 2,90 Mrd. Dollar.

   2_Armenien_Russland_de.jpg

Risikofaktor EU-Annäherung

Armenien hat im November 2017 ein umfassendes Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union (EU) abgeschlossen, das seit März 2021 endgültig in Kraft ist, nachdem es von allen 27 EU-Mitgliedstaaten ratifiziert wurde. Die Vereinbarung beinhaltet ein Freihandelsabkommen über schrittweisen Zugang zum EU-Binnenmarkt für armenische Waren und Dienstleistungen. Das Abkommen sieht sektorale Kooperation in den Bereichen Verkehr, Digitalisierung, Klimaschutz, Bildung und Energie vor. Hinzu kommen Visaerleichterungen für Studenten und Wissenschaftler.

Grenzen der Kooperation mit der Europäischen Union sind Armenien durch seine Mitgliedschaft in der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) gesetzt. So erhält Armenien von der EU keine Zollsenkungen für exportierte Industriegüter. Zudem muss die EU-Kommission jedem armenischen Unternehmen, das den EU-Markt beliefern will, nach Prüfung vor Ort eine Genehmigung erteilen. Dies nimmt mindestens mehrere Monate in Anspruch. Auch zahlt die EU Armenien keine Subventionen für Verluste im Russlandhandel. Die Präsidentin der EU-Kommission Ursula von der Leyen kündigte lediglich an, Armenien eine Pauschale von 50 Mio. Euro als Entschädigung für von Russland gestoppte Agrarexporte zu zahlen. Nach Schätzungen kann Armenien in diesem Jahr allenfalls 5% bis 10% der für den russischen Markt gesperrten Mengen an Milch und Fisch in die EU liefern.

Dennoch spielte das Thema der Annäherung an die EU eine wesentliche Rolle im armenischen Parlamentswahlkampf, aus dem am 7. Juni die Partei des Ministerpräsidenten. Nikol Paschinjan mit 49,5% als Sieger hervorging. Das EU-Assoziierungsabkommen hat in erheblichen Teilen der armenischen Gesellschaft Erwartungen auf eine substanzielle Annäherung an die EU mit der Perspektive einer Mitgliedschaft geweckt. Im Gegenzug wurden in der russischen Öffentlichkeit Befürchtungen laut, Armenien wolle die Eurasischen Wirtschaftsunion verlassen. Russische Politiker einschließlich des Präsidenten warnten, Armenien könne nicht gleichzeitig der EAWU und der EU angehören.

 3_Armenien_Deutschland_de.jpg

Negativ wurde in Russland wahrgenommen, dass der armenische Premierminister an einer Konferenz der Eurasischen Wirtschaftsunion am 29. Mai in der kasachischen Hauptstadt Astana nicht teilnahm und sich durch einen Vizepremier vertreten ließ. Nach seinem Wahlerfolg reiste Paschinjan nach Moskau und betonte, sein Land wolle weiterhin „aktiv und eng“ in der Eurasischen Wirtschaftsunion arbeiten.

Dennoch bleibt das Verhältnis zwischen beiden Ländern durch den aus Moskauer Sicht nicht ausgeräumten Verdacht belastet, Armenien wolle seine Bindungen an die Eurasische Wirtschaftsunion zumindest lockern oder langfristig sogar lösen.

Russland bleibt wichtigster Partner Armeniens

Trotz der aktuellen Probleme ist Russland nach wie vor der größte Einzelhandelspartner Armeniens, vor den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und der Volksrepublik China. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der armenische Export in die VAE vor allem der Wiederausfuhr von aus Russland importiertem Gold geschuldet ist. China ist vor allem ein wesentlicher Importpartner, primär für die Lieferung von Maschinen.

Nach Angaben der Vereinten Nationen nimmt der Export nach Russland insgesamt 24% der armenischen Ausfuhren ein. So erreicht nach Einschätzung Moskauer Experten der armenische Weinbrand in Russland einen Marktanteil von 50%. Für dessen Herstellung werden in Armenien alljährlich etwa 600.000 bis 750.000 Tonnen Weintrauben verwendet.

Etwa 90% der von Armenien gelieferten Früchte gehen nach Russland – Anteile, die Sachzwänge für eine Verständigung schaffen.

Russland ist aus armenischer Perspektive nicht nur der mit Abstand größte Abnehmer für Weinbrand und Agrarprodukte. Stabil und derzeit nicht zu ersetzen ist seine Rolle als Energielieferant. „Gazprom Armenien“, eine hundertprozentige Tochter des russischen Mutterkonzerns, liefert pro Jahr 2,5 Mrd. Kubikmeter Gas in das südkaukasische Land. Gazprom steht auf dem armenischen Energiemarkt konkurrenzlos da. Zudem ist Russland Armeniens maßgeblicher Lieferant für Weizen, geliefert jetzt im Transit durch Aserbaidschan.

Ein wesentlicher Faktor für die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder besteht darin, dass der Großteil der ausländischen Investitionen in Armenien aus Russland stammt. Beide Länder arbeiten zurzeit an einem neuen Programm für wirtschaftliche Zusammenarbeit für den Zeitraum 2026 bis 2026. Russische Investoren sind in 20 Großprojekten in Armenien engagiert, vor allem in den Bereichen Metallurgie, Automobilbau sowie Öl- und Atomenergie.

Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Investoren aus der EU in absehbarer Zeit willens oder in der Lage wären, Russland auf diesen Gebieten zu überrunden.

4_Gesamtexport_Armenien_de.jpg

Handelsbeziehungen historisch verwurzelt

Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Armenien und Russland wurzeln in jahrhundertelangem Warenaustausch. Bereits im 17. Jahrhundert waren armenische Kaufleute für Russland als Vermittler für den Orienthandel tätig. Sie brachten Seide und Edelsteine nach Moskau und Archangelsk. Die wirtschaftlichen Verbindungen intensivierten sich, als die von Armeniern bewohnten Khanate Jerewan und Nachitschewan 1828 mit einem Friedensvertrag zwischen Russland und Persien ein Teil Russlands wurden. Der armenische Weinbrand, verkauft in Moskauer Delikatessgeschäften fand bald großen Zuspruch in der russischen Oberschicht.

Noch intensiver gestaltete sich die wirtschaftliche Verflechtung nach 1921, als Armenien dem Sowjetstaat angegliedert wurde. Ab den Fünfzigerjahren wurde die Sowjetrepublik Armenien ein wichtiger Industrie- und Technologiestandort. Armenien avancierte in der Sowjetunion zum führenden Produzenten für Elektrotechnik und Werkzeugmaschinenbau. Die sowjetische Investitionspolitik setzte in Armenien auf die Entwicklung einer modernen Industrie. Armenien sollte vom Rohstofflieferanten zum Wissenschaftszentrum werden. Eine wesentliche Rolle spielte dabei das 1956 gegründete Computerforschungszentrum in Jerewan.

Eine maßgebliche Rolle spielte dabei das hohe Bildungsniveau der armenischen Bevölkerung mit einer wachsenden Zahl qualifizierter Ingenieure. Es entstand die Computerfabrik „Nairi“, die unter anderem Taschenrechner produzierte. Nach dem Ende der Sowjetunion transformierte sich die einstige Produktionsstätte zur einem Dienstleistungssystem im Bereich von Software und IT. Experten armenischer Herkunft im Silicon Valley in den USA sorgten für wachsende Verbindungen mit dem Westen.

Trotz armenischer Bestrebungen, sich der EU anzunähern, kann diese Wunschvorstellung in absehbarer Zeit nur begrenzt umgesetzt werden. Die EU hat Armenien nur als assoziierten Nachbarn eingestuft, ihm aber keinen Kandidatenstatus vorgeschlagen. Damit ist eine Mitgliedschaft in der EU zumindest für die kommenden zwei Jahrzehnte ausgeschlossen, zumal selbst die Beitrittsperspektive der EU-Kandidaten Moldau und Ukraine offen ist.

Unter diesen Umständen spielt für die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Armenien und Russland ein weiterer Faktor eine Rolle: Es leben nach Schätzungen etwa 1,1 bis 1,3 Mio. Armenier in der Russischen Föderation, davon allein in Moskau 350.000 bis 450.000.

Die Geldüberweisungen von Personen aus Russland nach Armenien in Höhe von 3,8 Mrd. US- Dollar machen etwa ein Achtel des Bruttosozialproduktes der früheren Sowjetrepublik aus.

Etwa 300.000 bis 500.000 Armenier besitzen zugleich die russische Staatsbürgerschaft, seit Armenien 2011 die doppelte Staatsbürgerschaft erlaubt. Viele von ihnen sind unternehmerisch tätig und mit russischen Unternehmern gut vernetzt. Auch dies spricht mittelfristig für ein pragmatisches Arrangement beider Seiten und eine Wiederbelebung des armenisch-russischen Handels, auch im Lebensmittelbereich.

Quellen: Monocle, RBC, Kommersant 1, 2, TASS (alle RU), Destatis


ℹ️ Auch interessant

05.08.2026

War dieser Beitrag für Sie hilfreich?

Bewerten Sie diesen Beitrag von 1 bis 5, wobei 5 "sehr gut" bedeutet.

Vorheriger Beitrag

IWF-Prognose: Russland wächst schneller als Deutschland

Nächster Beitrag

Eigenmarken erobern zunehmend russischen Kosmetikmarkt

Unser Telegram-Kanal

Bleiben Sie auf dem Laufenden mit unserem Telegram-Kanal

Возврат к списку