Am 1. Mai haben die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) das Ölkartell Opec verlassen. In der Mitteilung der staatlichen Nachrichtenagentur WAM wird der Schritt mit einer „Überprüfung der Förderpolitik“ und „unserem Betreben, den dringenden Bedarf des Marktes zu decken“ begründet. Damit ist gesagt, dass die Emirate mehr Erdöl fördern wollen, als ihnen bisher über das System der Förderquoten der Opec und des erweiterten Bündnisses Opec+, das die Emirate ebenfalls verlassen, zusteht.
Hormus-Krise überlagert Opec-Austritt
Seit Jahren beschweren sich die Emirate insbesondere beim dominierenden Partner im Bündnis, Saudi-Arabien, über eine zu niedrige eigene Förderquote. Jetzt sei der „perfekte Zeitpunkt“ für den Austritt gekommen, weil dieser nur minimale Auswirkungen auf den Ölpreis haben werde, erklärte der Energieminister der VAE, Suhail Al Mazrouei, gegenüber Medien. Damit sprach er den Umstand an, dass sein Land zuletzt weit davon entfernt war, die eigene Opec-Förderquote von 3,4 Mio. Barrel pro Tag auszuschöpfen. Im März belief sich die Ölproduktion der Emirate auf nur 2,4 Mio. Barrel pro Tag, berichtet die Internationale Energieagentur (IEA). Das waren 1,2 Mio. Barrel pro Tag weniger als im Februar. Der Einbruch erklärt sich nur teilweise durch die Sperrung der Straße von Hormus, da die Emirate über ein Exportterminal am Golf von Oman verfügen und nicht so sehr auf Transporte durch die Meerenge angewiesen sind wie etwa Kuwait. Allerdings standen die VAE und insbesondere ihre Ölinfrastruktur seit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran Ende Februar besonders stark im Fokus der iranischen Vergeltungsschläge.
Tatsächlich reagierten die Ölmärkte kaum auf den Austritt der VAE aus der Opec. Zwei Tage nach Bekanntgabe der Entscheidung am 28. April erreichte der Ölpreis mit 126 Dollar pro Barrel den höchsten Stand seit dem Krisenmonat März 2022. Die Aufmerksamkeit der Märkte war ganz auf die wieder zunehmenden Spannungen zwischen den USA und dem Iran und die Sperrung der Straße von Hormus gerichtet.
Opec in „existenzieller Krise“
Dennoch bewerten Beobachter den Schritt als schwerwiegend. Javier Blas, der renommierte Rohstoff-Kolumnist des US-Wirtschaftsdienstes Bloomberg, sieht die Opec in der „größten existenziellen Krise“ ihres 65-jährigen Bestehens. Anders als frühere Austritte, darunter Katar im Jahr 2019 und Angola im Jahr 2023, verfügen die VAE über mehr geopolitischen Einfluss, mehr Öl und vor allem mehr Geld, um ihren eigenen Weg zu gehen, urteilt Blas. Andere Länder könnten sich daran ein Beispiel nehmen, so der Analyst. Zu den größten Wackelkandidaten zählt er das Opec-Gründungsmitglied Venezuela, das nach eventuellen Neuwahlen und einem dann wahrscheinlichen Machtwechsel aus dem Ölkartell austreten könnte. Im erweiterten Kartell Opec+ mit dem Schwergewicht Russland könnte Kasachstan dem Schritt der VAE folgen, so Blas. Das Nachbarland Russlands fördert laut der IEA mit rund 1,4 Mio. Barrel pro Tag deutlich mehr Öl, als ihm seine Quote im Rahmen der Opec+ von rund 1 Mio. Barrel pro Tag zugesteht.
Siluanow warnt vor Ölpreisverfall
Langfristig wird die Schwächung der Opec den Ölpreis drücken, so der Konsens unter Beobachtern. Auch Russlands Finanzminister Anton Siluanow ist offenbar dieser Ansicht. Aktuell begrenze noch die Hormus-Blockade die Ölversorgung, erklärte er bei einer Veranstaltung. Wenn aber nach der Krise die Opec-Länder ohne Absprache untereinander so viel Öl fördern, wie sie können, werden die Preise fallen, bemerkte der Minister. Russland müsse für diesen Fall vorsorgen und mit mindestens drei Jahren niedriger Ölpreise und entsprechend niedriger Öleinnahmen des Staatshaushalts rechnen. So lange werde es nämlich dauern, bis sich der Markt anpasst und etwa die US-amerikanischen Schieferöl-Produzenten aufgeben müssen, so Siluanow. Dafür müsste der Ölpreis dauerhaft unter die Selbstkosten der US-Frackingindustrie fallen, die laut Siluanow bei 60 Dollar pro Barrel liegen. Weniger deutlich kommentierte Vizepremier Alexander Nowak, der in der Regierung für den Energiebereich zuständig ist, das Opec-Aus der Emirate. Die Iran-Krise habe zu einem Defizit an Erdöl geführt, weswegen ein „Preiskrieg“ der Förderländer untereinander „in der gegenwärtigen Lage“ ausgeschlossen sei, erklärte Nowak. Auf die Zeit danach ging er in seinen Bemerkungen nicht ein.
Umstrittene Produktionszahlen
Wie viel Öl die VAE fördern, ist umstritten. Die Opec beziffert die Menge in ihrer Ende April erschienenen Bilanz für 2025 nur auf durchschnittlich 3,1 Mio. Barrel pro Tag. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt das Volumen dagegen auf 3,46 Mio. Barrel, der Wirtschaftsdienst S&P Global kommt sogar auf 3,55 Mio. Barrel. Ähnlich starke Abweichungen gibt es nur zur Produktion des Irak. Bei den anderen Mitgliedern des Kartells liegen die IEA und die Opec in der Regel näher beieinander. Bereits 2024 vermutete S&P Global, dass die Emirate systematisch zu niedrige Zahlen zur Ölproduktion melden, um ein Überschreiten der Förderquoten zu verschleiern. So hätten die Emirate von Januar bis Oktober 2024 im Schnitt 3,6 Mio. Barrel Rohöl pro Tag per Schiff exportiert. Dabei lag die Förderquote im Rahmen der Opec in diesem Zeitraum nur bei knapp 3 Mio. Barrel pro Tag.
Legt man die offiziellen Zahlen der Opec zugrunde, waren die Emirate im vergangenen Jahr mit 3,1 Mio. Barrel Rohöl pro Tag der achtgrößte Produzent der Welt. Der kleine Golfstaat gehört damit zur zweiten Reihe der Ölländer, zusammen mit China (4,3 Mio. Barrel), Irak (3,8 Mio.), Brasilien (3,7 Mio.) und dem Iran (3,3 Mio.). In einer Klasse für sich spielen die drei Ölriesen USA (13,6 Mio.), Saudi-Arabien (9,5 Mio.) und Russland (9,1 Mio.).
VAE mit zweitgrößten Förderreserven
Der staatliche Ölkonzern Adnoc, der praktisch für die gesamte Förderung der Emirate verantwortlich ist, beziffert seine „nachhaltig verfügbare Produktionskapazität“ mit 4,85 Mio. Barrel pro Tag. Bis 2027 ist ein Ausbau auf 5 Mio. Barrel pro Tag geplant, bekräftigte Adnoc Ende 2025. Damit verfügten die VAE im vergangenen Jahr über ungenutzte Kapazitäten in Höhe von rund 1,7 Mio. Barrel pro Tag.
Die IEA schätzt die nachhaltige Förderkapazität der VAE dagegen nur auf 4,3 Mio. Barrel pro Tag. Die ungenutzte Kapazität der Emirate betrug demzufolge 2025 rund 0,8 Mio. Barrel pro Tag. Doch auch mit dieser konservativen Schätzung hätten die Emirate die zweitgrößte Förderreserve weltweit. Im Januar 2026, also vor der jüngsten Iran-Krise und den Ausfällen in der russischen Produktion durch ukrainische Angriffe, lag nur Saudi-Arabien mit 2,4 Mio. Barrel Förderreserve vor den VAE. An dritter Stelle lag der Irak mit knapp 0,6 Mio. Barrel Reserve.
Emirate auf dem Weg zum Top-Exporteur
Die Opec beziffert die Exporte der Emirate im vergangenen Jahr auf durchschnittlich 2,9 Mio. Barrel pro Tag. Mit mehr als 90% der Produktion wäre das der mit Abstand höchste Exportanteil unter den großen Produzentenländern. Nach Volumen belegten die VAE den sechsten Platz, hinter Kanada (3,7 Mio.) und dem Irak (3,3 Mio.). Die USA exportierten knapp 4 Mio. Barrel pro Tag, und auch Russland als zweitgrößter Ölexporteur der Welt lag mit 4,5 Mio. Barrel nicht allzu weit von den VAE entfernt. Nur Saudi-Arabien konnte sich mit Exporten von 6,4 Mio. Barrel pro Tag deutlich absetzen.
Der Austritt aus der Opec und der Opec+ ermöglicht es den VAE, ihre Produktionskapazität stärker auszuschöpfen. Mit dem bereits geplanten Ausbau könnte die Produktion gegenüber 2025 um bis zu 1,9 Mio. Barrel pro Tag steigen. Sollte dieses zusätzliche Volumen wie bisher fast komplett in den Export gehen, könnte dieser auf 4,8 Mio. Barrel pro Tag zulegen, wenn man die Zahlen der Opec für 2025 zugrunde legt. Die Emirate könnten damit Russland als zweitgrößten Ölexporteur der Welt ablösen. Zudem macht der Opec-Austritt den Weg für neue Investitionen der Emirate in die Ölförderung frei. „Seid nicht überrascht, falls die Emirate schon bald sogar noch ambitioniertere Förderziele für 2030 verkünden“, bemerkte daher Bloomberg-Analyst Javier Blas.
Der belgische Rohstoff-Informationsdienst Kpler schätzt, dass in Zukunft nicht zuletzt China mehr Öl aus den Emiraten beziehen dürfte. Russland wäre davon doppelt betroffen. Nicht nur könnte es Marktanteile in China, dem wichtigsten Abnehmer von russischem Erdöl, an die Emirate verlieren. Das zusätzliche Ölangebot aus der Golfregion würde zudem die Importpreise nach China drücken und damit die russischen Exporterlöse belasten.
Quellen: WAM, Reuters, Bloomberg, The National 1, 2, S&P Global, Argus, IEA 1, 2, SCMP (alle EN), Neftegaz.ru, RBC, TASS (alle RU)
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