Die Umstände schienen günstig für die „Kraft Sibiriens 2“, die geplante zweite Gaspipeline von Russland nach China, die international unter dem englischen Namen Power of Siberia 2 bekannt ist. Einen Tag, bevor Russlands Präsident Wladimir Putin am 19. Mai 2026 nach Peking aufbrach, hatte sein Berater Jurij Uschakow „sehr ausführliche“ Gespräche zum Mammutprojekt angekündigt, über das beide Länder schon elf Jahre lang miteinander verhandeln. Mit einer Kapazität von 50 Mrd. Kubikmetern Gas soll die Pipeline die westsibirischen Gasfelder an China anbinden. Russland trieb das Projekt immer wieder voran, zumal es nach 2022 seine Abnehmer in Europa weitgehend verloren hat. Doch die Chinesen zweifeln, ob sie tatsächlich so viel zusätzliches russisches Gas über einen Vertragszeitraum von mehreren Jahrzehnten benötigen würden.
Trotz Hormus: Pipeline-Projekt ohne Durchbruch
Dieses Mal reisten die russischen Verhandler jedoch guter Hoffnung nach China, erfuhr
die US-Nachrichtenagentur Bloomberg aus Regierungskreisen. Angesichts des Iran-Kriegs und der Blockade der Straße von Hormus müssten die Chinesen mehr an einem Abschluss der Verhandlungen interessiert sein, so das Argument. Doch selbst die nach Einschätzung
der Internationalen Energieagentur (IEA) „größte Bedrohung für die Energiesicherheit in der Geschichte“ brachte keinen Durchbruch für Power of Siberia 2. Putin und Xi Jinping unterzeichneten insgesamt 40 Dokumente oder wohnten deren Unterzeichnung bei, die Gaspipeline wird in keinem davon erwähnt.
Neben offenen wirtschaftlichen Fragen, die wir in einem Hintergrundbericht
bereits vorgestellt haben, hat das Projekt mittlerweile eine geopolitische Dimension angenommen, heißt es in einer Analyse
des Warschauer Zentrums für Oststudien (OSW) von Ende 2025. Peking zögert ihr zufolge auch deswegen, weil die Unterzeichnung eines Liefervertrags der sichtbare Bruch Chinas mit dem Westen wäre. So würde das russische Gas es Peking erlauben, Flüssiggas (LNG) aus bestehenden Lieferverträgen in andere Märkte umzuleiten und damit in Konkurrenz zum größten LNG-Anbieter der Welt zu treten, den USA. Bislang sei China zu diesem Schritt nicht bereit, urteilen die Autoren.
Bereits beim letzten Besuch von Putin in Peking im vergangenen September hatte Power of Siberia 2 die Schlagzeilen beherrscht. Damals vermeldete
die russische Seite, dass die Staatskonzerne Gazprom und Chinas Pendant CNPC ein „rechtlich verbindliches Memorandum“ zum Bau der Pipeline unterzeichnet hätten. Eine Bestätigung aus China steht bis heute aus, auch sind keine Details zu dieser Vereinbarung bekannt geworden.
Tourismus-Boom dank Visafreiheit
Konkrete Ergebnisse brachten beide Treffen auf einem ganz anderen Feld, dem Tourismus. Bereits im September 2025 hatten sich beide Seiten auf gegenseitige Visafreiheit geeinigt. Es war eine historische Premiere, denn trotz der geografischen und ideologischen Nähe konnten die Bürger der beiden Riesenländer nie ohne Weiteres das Nachbarland besuchen. Für russische Touristen trat die Visafreiheit bereits am 15. September 2025 in Kraft, in umgekehrter Richtung geschah dies erst am 1. Dezember 2025. Die Regelung sollte ursprünglich bis September 2026 gelten. Im Umfeld des jüngsten Putin-Besuchs in Peking wurde sie bis Ende 2027 verlängert.

Schon vor der Visafreiheit dominierten die Chinesen den touristischen Reiseverkehr nach Russland. Im Gesamtjahr 2025 zählte
der russische Grenzschutz rund 834.500 Touristen aus China, mehr als das Zehnfache der rund 75.000 Besucher aus Saudi-Arabien, das an zweiter Stelle lag. Im 1. Quartal 2026 ließ die Visafreiheit die Zahlen in beide Richtungen erwartungsgemäß stark steigen. 154.000 Touristen aus China bedeuteten
einen Anstieg zum Vorjahresquartal um mehr als 44%. Damit kam mehr als jeder zweite der insgesamt 293.000 Touristen in Russland aus China. Sollte der Trend anhalten, könnte die Zahl im Gesamtjahr auf 1,2 Mio. Besucher steigen. Vor der Pandemie zählte Russland insgesamt mehr als 5 Mio. ausländische Touristen, davon 1,5 Mio. aus China.
In umgekehrter Richtung trug die Visafreiheit bereits 2025 dazu bei, dass China zur zweitwichtigsten Destination für russische Touristen aufstieg. Knapp 2,5 Mio. Besuche bedeuteten ein Plus gegenüber 2024 um 30% und Platz zwei, vor den Vereinigten Arabischen Emiraten mit 2,4 Mio. Besuchen und hinter der Türkei mit 6,9 Mio. Besuchen. Im 1. Quartal 2026 legte
die Zahl der russischen China-Besucher sogar um knapp 54% auf 690.000 zu. Lediglich Thailand lag mit 726.000 Besuchen in den Wintermonaten Januar bis März noch vor China. Allerdings erfassen diese Ausreisezahlen des russischen Grenzschutzes auch Transitreisen in andere asiatische Länder. Der Reiseveranstalter Space Travel schätzt
die Zahl der echten China-Touristen im 1. Quartal dieses Jahres auf 380.000, also auf etwas mehr als die Hälfte der erfassten touristischen Ausreisen nach China. Für 2025 würde das rechnerisch rund 1,4 Mio. reale touristische Reisen aus Russland nach China bedeuten. Space Travel erwartet für das Gesamtjahr 2026 ein Wachstum um 150%, was die Zahl auf fast 3,5 Mio. Touristen treiben würde. Anbieter von Pauschalreisen berichten bereits von einem Anstieg der China-Buchungen um das 2- bis 5-Fache im Vergleich zum Vorjahr, wobei die vereinfachte Einreise zu den wichtigsten Argumenten pro China zähle, so Pegas Touristik, eines der führenden russischen Reiseunternehmen.
Handel: Erster Rückgang seit Pandemie
Im Gegensatz zum Tourismus hat der russisch-chinesische Handel seine Boomphase bereits hinter sich. Das gegenseitige Handelsvolumen war von rund 110 Mrd. Dollar in den Jahren 2018 bis 2020 auf mehr als 240 Mrd. Dollar im Jahr 2023 hochgeschnellt, belegt
die Statistik der chinesischen Zollverwaltung. Nach einem nur noch moderaten Anstieg im Jahr 2024 um 2% auf 244,8 Mrd. Dollar kam es 2025 zum ersten Rückgang seit 2020. Im Pandemiejahr war der Handel um 2,7% auf 108 Mrd. Dollar gesunken, 2025 belief sich der Rückgang auf fast 7%, auf 228 Mrd. Dollar.

Ein Grund für den Rückgang sind die gesunkenen Rohstoffpreise, die 2025 unter dem Niveau der Vorjahre lagen. So verringerten sich die russischen Exporte nach China, die größtenteils aus Erdöl und anderen fossilen Brennstoffen bestehen, um 3,9% auf 124,8 Mrd. Dollar. Zugleich brachen die Importe aus China – vor allem Industriegüter und Maschinen – um 10,4% auf 103,3 Mrd. Dollar ein. Dafür sind nicht nur westliche Sanktionen und Beschränkungen im internationalen Zahlungsverkehr verantwortlich, sondern auch heimische Faktoren, konstatiert
der renommierte China- und Handelsexperte Sergej Zyplakow in einem Forschungsbericht. Zu ihnen gehören der hohe russische Leitzins und der Arbeitskräftemangel, aber auch der begrenzte russische Markt für die Importe aus China. Diese erlebten in den Jahren 2021 bis 2023 einen Boom, weil sie Importe aus der EU ersetzten und die Nischen einnahmen, die westliche Unternehmen durch ihren Rückzug aus Russland geräumt hätten, erklärt Zyplakow.
Eine teilweise Sättigung des russischen Markts mit chinesischen Waren stellte
im vergangenen Sommer auch Russlands Handelsminister Anton Alichanow fest. Während die „Waren-Expansion“ an ihre Grenzen stoße, solle der Anteil der Hightech-Produkte an den Importen in Zukunft steigen, wünscht sich der Minister. Langfristig sei ohnehin eine „technologisch-industrielle Partnerschaft“ beider Länder aussichtsreicher als der reine Warenhandel, erklärte Alichanow.
Zwei ungleiche Handelspartner
Bisher sind die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder von einem doppelten Ungleichgewicht geprägt. Für Russland ist China der mit Abstand wichtigste Handelspartner, während es für China nur ein Partner von vielen ist. So lag
Russland im vergangenen Jahr mit einem Anteil an den chinesischen Exporten von 2,7% an zehnter Stelle unter den Zielländern. Bei den chinesischen Importen bedeutete
der russische Anteil von 4,8% den sechsten Platz. Die zweite Asymmetrie besteht in der Struktur des gegenseitigen Warenaustausches. Während Russland größtenteils Rohstoffe wie Erdöl, Gas und Kohle liefert, bezieht es aus China Industriegüter und sonstige Fertigprodukte.

Der Weg zu mehr Gleichheit führt laut Industrie- und Handelsminister Alichanow über ein Portfolio von 63 gemeinsamen Investitionsprojekten im Wert von rund 130 Mrd. Dollar. Manchmal beziffern russische Offizielle die Zahl auf mehr als 80 bilaterale Projekte im Wert von 200 Mrd. Dollar. Gemeint ist damit eine Liste der Russisch-Chinesischen Kommission für Investitionszusammenarbeit. Mit Stand von Juli 2024 enthält
sie 63 „wichtige“ und weitere 23 „aussichtsreiche“ Projekte. Laut einer Analyse
des deutschen Ökonomen Janis Kluge sind die meisten dieser Projekte „auch nach vielen Jahren nicht über den Status der Ankündigung hinausgekommen“, neue Vorhaben seien überwiegend in den Jahren 2014 bis 2019 aufgenommen worden.
Chinesische Investitionen: Flaute seit 2022
Das Volumen der realen russisch-chinesischen Investitionen ist bescheidener. Das American Enterprise Institute (AEI) hat seit 2021 überhaupt keine chinesischen Investitionen in Russland erfasst. Das Volumen der seit 2005 registrierten Investitionen beziffert der Washingtoner Thinktank auf 34 Mrd. Dollar. Zum Vergleich: Die Investitionen in Deutschland gibt AEI mit 56 Mrd. Dollar an, davon fast 5,3 Mrd. Dollar seit 2022. Laut dem Investitions-Tracker des US-amerikanischen Thinktanks Rhodium Group summieren sich die chinesischen Investitions-Transaktionen in Russland seit dem Jahr 2000 auf rund 22 Mrd. Dollar, praktisch genauso viel wie beim südostasiatischen Nachbarn Thailand. Allerdings stammten die chinesischen Direktinvestitionen (FDI) auch laut Rhodium beinahe vollständig aus der Zeit vor 2022. Seitdem gab es Ankündigungen für chinesische Direktinvestitionen im Gesamtwert von nur 1 Mrd. Dollar in Russland.


In den Zahlen sind nur die Zuflüsse an Direktinvestitionen erfasst, nicht jedoch die Abflüsse und die Entwicklung des Bestands an FDI. Der Gesamtbestand an ausländischen FDI in Russland verringerte sich von rund 500 Mrd. Dollar im Jahr 2021 auf etwa 220 Mrd. Dollar Ende 2024, heißt
es in einer Studie des Forschungsinstituts der finnischen Zentralbank BOFIT unter Verweis auf russische Statistiken. Ausländische Unternehmen würden generell in den vergangenen Jahren von neuen Investitionen in Russland absehen. Die Studie führt dies vor allem auf die Sorge vor Sekundärsanktionen und die „Launenhaftigkeit“ der russischen Wirtschaftspolitik zurück. Als Beispiel für Letzteres gelten die Beschlagnahmungen von ausländischen Unternehmen, die sich bisher jedoch nur gegen Eigentümer aus den sogenannten „unfreundlichen“ Ländern des Westens richten. Dass auch Unternehmen aus dem befreundeten China diesem Trend folgen, zeugt der Studie zufolge von der „Oberflächlichkeit“ der russisch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen.
Investitions-Destination Autobau
Ein Großteil der chinesischen Investitionen seit 2022 entfiel auf die Automobilindustrie. So hat der Autobauer Great Wall Motor seine bereits 2019 gebaute Fabrik in Tula im Jahr 2024 um ein Motorenwerk erweitert. 2026 will der Mutterkonzern der Marke Haval dort auch eine Fabrik für Autoteile eröffnen, wofür die Chinesen insgesamt 30 Mrd. Rubel investieren, umgerechnet rund 360 Mio. Euro.
Nach 2022 haben chinesische Hersteller den russischen Automarkt erobert. So belief sich der chinesische Anteil an den importierten Neuwagen im 1. Halbjahr 2025 auf 77%, berichtete der Branchendienst Awtostat. Im April 2026 war
er mit 72% ähnlich hoch. Über das ganze Jahr 2025 importierte Russland 396.000 Neuwagen, fast 60% weniger als im Vorjahr. Der Automarkt insgesamt schrumpfte um 16% auf 1,33 Mio. Fahrzeuge. Einschließlich der von Haval, Geely und Co. in russischen Fabriken gefertigten Autos wurden 685.200 chinesische Autos verkauft, womit ihr Anteil am russischen Pkw-Markt von rund 59% auf 52% zurückging.
Der Import-Einbruch 2025 verdankt sich einer drastischen Anhebung der Entsorgungsgebühr für Fahrzeuge zu Beginn des vergangenen Jahres um bis zu 85%. Die Gebühr ist de facto eine Steuer auf Importautos und verteuert sie, je nach Fahrzeugklasse, um 7000 bis 20.000 Dollar, berechnete
die Rhodium Group. Dadurch steigt auch der Druck auf die chinesischen Hersteller, die Fertigung nach Russland zu verlagern, was dem Ziel der Regierung entspricht, nicht nur Abnehmer chinesischer Fertigprodukte zu sein. Mittlerweile haben sich die Autoimporte aus China wieder erholt. Der chinesische Branchendienst Gasgoo meldet
für das 1. Quartal 2026 nahezu eine Verdoppelung gegenüber dem schwachen Vorjahresquartal auf 187.000 Fahrzeuge. Russland ist damit wieder der weltweit größte Exportmarkt für die chinesischen Autobauer, vor Brasilien (167.000 Pkw) und Großbritannien (109.000 Pkw).
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