Russische Düngerindustrie: Exportweltmeister und Krisenprofiteur

Russland ist der weltweit größte Exporteur von Düngemitteln und baut seine Produktion weiter aus. Steigende Preise infolge des Nahost-Krieges erhöhen das Erlöspotenzial, doch begrenzte Kapazitäten, staatliche Eingriffe und politische Risiken dürften den Nutzen für die Hersteller begrenzen. Modellrechnungen der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer zeigen, wie stark Branche und russischer Staat vom Preisschub profitieren könnten. Die Kammer-Fokusanalyse gibt einen Überblick über die wichtigsten Produzenten und ihre Geschäftszahlen.

Russische Produktion und Exporte von Dünger

Russland ist einer der führenden Produzenten und der größte Exporteur von Düngemitteln. Die russische Düngerproduktion belief sich im Jahr 2025 auf insgesamt 65,4 Mio. Tonnen Rohgewicht, berichtet der Verband der russischen Düngemittelproduzenten RAPU, der die größten Vertreter der Branche vereint, unter Verweis auf Daten der Statistikbehörde Rosstat. Damit habe das Land die USA, Indien und Kanada hinter sich gelassen und liege nur noch hinter China, kommentierte RAPU-Chef Andrej Gurjew die Zahlen.

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In den vergangenen Jahren hat Russland seine Düngemittelproduktion stark ausgebaut. 2013 belief sie sich noch auf 39,7 Mio. t Rohgewicht, bis 2030 rechnet RAPU mit einem weiteren Ausbau auf 80 Mio. t. Zum Vergleich: Der historische Rekord aus dem Jahr 1988 liegt bei 37,1 Mio. t, bezogen auf die gesamte damalige Sowjetunion. Diese Angabe erfasst nicht das Rohgewicht der Düngemittel, sondern nur die tatsächlich darin enthaltenen Nährstoffe, das sogenannte 100%-Nährstoffvolumen. Der entsprechende Wert für 2025 lag bei 30,5 Mio. t. Für die russische Teilrepublik der UdSSR ist in wissenschaftlichen Arbeiten eine Produktion von 17,3 Mio. t in 100%-Volumen im Jahr 1985 überliefert, was unter dem Resultat von 2013 in Höhe von 18,5 Mio. t lag.

Während andere Top-Produzenten wie China und die USA hauptsächlich für den eigenen Markt produzieren, überwiegen bei den russischen Herstellern die Exporte. Im Ergebnis ist Russland der mit Abstand größte Düngeexporteur der Welt. Laut UN-Handelsdaten belief sich der Wert der russischen Exporte im Jahr 2024 auf 15,3 Mrd. US-Dollar. China, das seine Exporte auch staatlich beschränkt, folgte mit 8,5 Mrd. Dollar. Dahinter kamen klassische Exportländer wie Kanada und Marokko mit 6,7 bzw. 6,4 Mrd. Dollar.

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Im Jahr 2025 beliefen sich die russischen Düngerexporte auf 45 Mio. t Rohgewicht, bei Exporterlösen in Höhe von 15 Mrd. Dollar. Das berichtet RAPU unter Verweis auf Expertenschätzungen. Russlands Landwirtschaftsministerin Oksana Lut bezifferte in einem TV-Interview die Exporte des Jahres 2025 hingegen auf 43 Mio. t und 11 Mrd. Dollar. Zahlen der Statistikbehörde Rosstat zu den Exporten liegen nur bis 2021 vor, als sie bei 37,5 Mio. Tonnen bzw. 12,4 Mrd. Dollar lagen.

Wie die Produktion legten auch Exporte und Erlöse seit 2013 um rund 65% zu. RAPU erwartet bis 2030 einen Anstieg der Exporte auf 58 Mio. t. Der russische Anteil am Welthandel würde damit von 19% im Jahr 2025 auf 25% steigen.

Dünger als russische Top-Exportware

Mit Exporterlösen von zuletzt rund 15 Mrd. Dollar (13 Mrd. Euro) sind Düngemittel zu einem der wichtigsten russischen Exportgüter avanciert. Laut der Statistik des russischen Zolldiensts entfielen im vergangenen Jahr wertmäßig 8,1% der russischen Exporte auf Chemikalien und Kunststoffe. Damit stand diese Warengruppe an vierter Stelle, hinter Öl und Gas, Metallen sowie Lebensmitteln und Agrarprodukten. Auf Düngemittel entfielen laut RAPU 45% der Exporterlöse in dieser Warengruppe, womit sich ein Anteil an den russischen Gesamtexporten von 3,6% ergibt. Zudem sind die Exporterlöse der Gesamtgruppe Chemikalien und Kunststoffe im vergangenen Jahr um 21,6% gewachsen, was der zweitgrößte Zuwachs unter den einzelnen Warengruppen war. Nur die Gruppe „Maschinen und Fahrzeuge“ stieg mit 26,6% schneller an, wobei in dieser Gruppe auch Rüstungsgüter enthalten sein dürften.

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Russlands Stärke auf dem globalen Düngemittelmarkt verdankt sich seinem Reichtum an Rohstoffen. Es verfügt über große Vorkommen für die drei Hauptdüngerarten Stickstoff, Phosphor und Kali, schrieb das deutsche Magazin Cicero Ende 2021, als es zu einer globalen Knappheit an Düngemitteln gekommen war. Auslöser dafür waren stark gestiegene Gaspreise infolge der Erholung der Weltwirtschaft von der Covid-Pandemie. Das in Russland ebenfalls reichlich vorhandene Erdgas ist der Grundstoff für die Herstellung von Mineraldünger auf Stickstoffbasis, der zu 90% aus Erdgas besteht und im Grunde ein „veredeltes Gas“ ist, wie ein Bericht der Tagesschau erklärt.

Energiekrisen treiben Düngerpreise

In der Krise von 2021 hatte sich der Weltmarktpreis für Harnstoff, eine Form von Stickstoffdünger, innerhalb von wenigen Wochen in etwa verdoppelt und stieg Anfang Dezember bis auf 945 Dollar pro Tonne. Nach dem 24. Februar 2022 verschärfte sich die Energie- und Düngerkrise, was den Harnstoffpreis Anfang April kurzzeitig bis auf 1025 Dollar pro Tonne hochschnellen ließ. Dazu hat auch der Ausfall einer Pipeline beigetragen, über die Russland große Mengen Ammoniak durch die Ukraine zum Schwarzmeerhafen Odessa transportiert hatte.

Im Frühjahr 2026 droht erneut eine Düngerkrise, weil der Irankrieg zu einer faktischen Sperrung der Straße von Hormus geführt hat, der Hauptverkehrsroute für Exporte aus der Golfregion. Der Harnstoffpreis stieg von Ende Februar bis Mitte März 2026 von rund 430 auf 675 Dollar pro Tonne. In der Düngerkrise 2021/2022 haben sich die Düngerpreise ab Herbst 2022 wieder normalisiert. Ein Faktor für die Erholung war, dass der russische Dünger nicht vom Markt verschwand, sondern teilweise nur in andere Abnehmerländer umgeleitet wurde, erklärt eine aktuelle Studie des Zentrums für Agrarpolitik der North Dakota State University. Im Gegensatz dazu gebe es in der Golfregion zurzeit eine „physische Blockade“ großer Exportmengen an Düngemitteln. Solange die Straße von Hormus nicht befahren werden kann, seien u. a. rund 43% der weltweiten per Schiff transportierten Harnstoffexporte bedroht. Je nach Dauer der Hormus-Schließung könnten die Düngerpreise auf das Rekordniveau von 2022 oder sogar darüber steigen, konstatieren die Forscher.

Die Auswirkungen der Hormus-Krise auf Exporterlöse und Staatseinnahmen

Im Krisenjahr 2022 waren die russischen Exporterlöse laut RAPU, dem Verband der russischen Düngemittelproduzenten, auf 19,3 Mrd. Dollar (16,8 Mrd. Euro) gestiegen, bei einem relativ niedrigen Exportvolumen von 32 Mio. t. Rechnerisch ergibt sich ein Durchschnittspreis von 603 Dollar pro Tonne. Die russischen Gesamtexporte im Jahr 2026 prognostizierte RAPU noch vor der Irankrise mit 46 Mio. t Düngemittel. Sollten die Preise über das gesamte Jahr hinweg das Niveau von 2022 erreichen, könnten die russischen Exporterlöse 2026 somit rechnerisch 27,7 Mrd. Dollar erreichen, umgerechnet 24 Mrd. Euro.

Über diese einfache Hochrechnung hinausgehend hat das Analyseteam der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer die möglichen Exporterlöse und staatlichen Einnahmen für verschiedene Preisszenarien genauer berechnet und geschätzt. Je nach Niveau der Weltmarktpreise für Düngemittel könnten Russlands Düngemittelexporte insgesamt zwischen 15,9 und 44,9 Mrd. Dollar liegen, umgerechnet rund 14 bis 39 Mrd. Euro. In den beiden mittleren Szenarien reicht die Spannbreite der Bruttoexporterlöse von 21,4 bis 25,2 Mrd. Dollar bzw. 18,6 bis 21,9 Mrd. Euro. Die zusätzlichen Exporterlöse auf Jahresbasis würden in den mittleren Szenarien im Vergleich zum Ergebnis des Jahres 2025 um 6,4 bis 10,2 Mrd. Dollar höher liegen, umgerechnet ein Plus von 5,6 bis 8,9 Mrd. Euro.

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In unserem Maximalschock-Szenario, das mit insgesamt höheren Preisen über einen längeren Zeitraum als 2022 rechnet, würde Russland 44,9 Mrd. Dollar, umgerechnet 39 Mrd. Euro, mit Düngerexporten erzielen. Selbst für den Fall, dass die Exportmenge von den prognostizierten 46 Mio. auf 30 Mio. Tonnen zurückgehen sollte, wären die Erlöse in diesem Szenario mit 29,3 Mrd. Dollar (25,5 Mrd. Euro) immer noch fast doppelt so hoch wie 2025.

Die aus den Preisszenarien abgeleiteten direkten staatlichen Einnahmen würden nach der Modellrechnung der Kammer pro Jahr zwischen 46 und 247 Mrd. Rubel liegen, umgerechnet rund 474 Mio. bis 2,53 Mrd. Euro. In den beiden mittleren Szenarien wären es 73 bis 101 Mrd. Rubel, umgerechnet 0,8 bis 1,04 Mrd. Euro. Für 2025 wurden die staatlichen Einnahmen auf 46 Mrd. Rubel (474 Mio. Euro) geschätzt.

Das Preis-Erlös-Abgaben-Modell im Detail

Die Tabelle zeigt die vollständige Szenariorechnung zu russischen Düngemittelexporten und daraus abgeleiteten Staatseinnahmen. Grundlage sind die von RAPU prognostizierten Exporte von 46 Mio. Tonnen. Außerdem wird die Rechnung für ein geringeres Exportvolumen von 30 Mio. Tonnen durchgeführt, weil Russland in Krisenzeiten Exporte einschränken könnte oder ein Teil der Lieferungen aus anderen Gründen wegfallen könnte. Entsprechend der bekannten Exportstruktur von 2024 bestehen die modellierten Exporte zu 31,7% aus Kalidünger, zu 23,1% aus Urea (Harnstoff, ein Stickstoffdünger) und zu 11,4% aus Phosphatdünger. Die übrigen 33,8% entfallen auf sonstige Düngemittel wie Ammoniumnitrat und Mischdünger. Die Exporterlöse wurden aus einem gewichteten Preis für den Gesamtmix aus Urea, Kali und Phosphat berechnet. Für die Klasse der sonstigen und Mischdünger unterstellt das Modell den gewichteten Durchschnittspreis der ersten drei Klassen.

Die russischen Staatseinnahmen aus Düngemitteln umfassen die Förderabgaben auf Kali- und Phosphatrohstoffe sowie die Gasabgabe auf Erdgas für die Ammoniakproduktion (mehr dazu weiter unten). Der Ausgangspunkt der Szenarienrechnung ist die Abgabenschätzung des Finanzministeriums für das Jahr 2025 von 24,7 Mrd. Rubel an Förderabgaben und 21,5 Mrd. Rubel an Gasabgabe. Die Abgaben richten sich nicht nach den Exporten von Dünger, sondern nach der Produktion. Die Szenarienrechnung geht davon aus, dass deren Gesamtvolumen und die Zusammensetzung der von 2025 entsprechen. Sie setzte sich zu 44,2% aus Stickstoffdünger, zu 27,5% aus Kalidünger sowie zu 28,3% aus Phosphor- und Komplexdünger zusammen. Eine grobe Schätzung der Abgaben ist möglich, da ihre Höhe an die Weltmarktpreise von Urea, Kali und Phosphat gekoppelt ist.

Das Basisszenario nimmt an, dass die Preise für die drei Düngerklassen im Jahresdurchschnitt dem Niveau vom Januar 2026 entsprechen. Es dürfte damit eine Untergrenze für die erwarteten Exporterlöse und Staatseinnahmen bilden. Das Maximalschock-Szenario stellt dagegen eine Obergrenze dar. Ihm liegt die Annahme zugrunde, dass die Preise für alle drei Düngerklassen im Jahresdurchschnitt auf dem Niveau der jeweiligen historischen monatlichen Höchstwerte liegen, also bei 925 Dollar je Tonne für Urea und 1202 Dollar für Kali (beide April 2022) sowie 450 Dollar bei Phosphat (Oktober 2008 bis März 2009). Das Aktuell-Szenario nimmt an, dass die Preise im Jahresschnitt dem bereits erhöhten Niveau von Ende März 2026 entsprechen. Bei Urea verwendet das Szenario den Preis vom 27. März, bei Kali und Phosphat die bekannten Monatswerte von Februar 2026 plus einen geschätzten Aufschlag von 10% bei Kali und 20% bei Phosphat. Das dritte Szenario, der Stickstoffschock, orientiert sich an den Erfahrungen des Frühjahrs 2022, als hohe Gaspreise zu einem Rekordanstieg des Urea-Preises führten. Der Urea-Preis wird auf dem rekordhohen Monatswert aus April 2022 angesetzt, während für Kali und Phosphat die leicht erhöhten Preise aus dem Aktuell-Szenario angesetzt werden.

Die Abnehmer von russischem Dünger

Der wichtigste Abnehmer von russischem Dünger ist Brasilien, das auch der weltgrößte Importeur von Düngemitteln ist. 2025 importierte Brasilien 11,1 Mio. t Dünger aus Russland, ergab eine Auswertung von nationalen Handelsstatistiken durch die russische Investmentgesellschaft Veles Capital. An zweiter Stelle lag Indien mit 5,5 Mio. t. Laut RAPU gehen mehr als drei Viertel der russischen Exporte an Länder der „befreundeten“ Staatengruppe BRICS. Zu ihr gehört auch China, das im vergangenen Jahr 4,9 Mio. t Dünger aus Russland bezog. Bei den beiden großen Kunden im Westen verlief die Entwicklung unterschiedlich. Während die USA ihre Importe aus Russland um 26,7% auf 5,1 Mio. t steigerten, reduzierte die EU sie um 5,1% auf 4,7 Mio. t.

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EU: Zölle statt Sanktionen gegen russischen Dünger

Seit 2022 hat Russland zahlreiche Warenströme von West nach Ost umgelegt. Bei den Düngemitteln gab es weniger Bewegung bei den wichtigsten Zielländern. Schon 2021 war Brasilien der mit Abstand größte Kunde, gefolgt von den USA und China. Die Importe in die EU entsprachen in jenem Vorkrisenjahr laut Eurostat mit einem Gesamtwert von 1,79 Mrd. Euro in etwa dem Wert des vergangenen Jahres von 1,74 Mrd. Euro. Die Gesamtmenge der Düngerimporte aus Russland ging dabei von 5,37 auf 4,8 Mio. t zurück, was noch immer rund einem Viertel der gesamten EU-Importe von Stickstoffdünger entspricht. Allerdings hat sich der Rückgang der Importe aus Russland seit Mitte 2025 beschleunigt. Im 2. Halbjahr lagen die Importe mit 1,53 Mio. t um 44% unter dem Niveau des Vergleichszeitraums 2024.

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Am 1. Juli sind in der EU zusätzliche Zölle auf russischen Dünger in Kraft getreten, deren Ziel die Verringerung der Importe aus Russland ist. Bis 2028 sollen die Zölle schrittweise um beinahe das Zehnfache angehoben werden, was nach Einschätzung von Veles Capital einem faktischen Importverbot für russischen Dünger gleichkomme. Angesichts der Bedeutung von Dünger für die globale Nahrungsversorgung hat die EU bisher auf direkte Sanktionen gegen die russische Düngemittelindustrie verzichtet. Maßnahmen gab es lediglich gegen einzelne Produzenten und insbesondere ihre Eigentümer.

In den USA hingegen sind Düngemittel weitgehend von den Importzöllen ausgenommen. Nach Einschätzung des Analysten Maxim Schaposchnikow nutzen US-Unternehmen dies, indem sie verstärkt russische Dünger für den Binnenmarkt importieren und eigene Produktion in die EU exportieren.

Wie der Staat an Dünger verdient

Der russische Staat schöpft die Gewinne der Düngemittelhersteller vor allem über die Gewinnsteuer sowie seit 2025 über eine erhöhte Besteuerung der Rohstoffe und Vorprodukte ab. Dazu zählen höhere Förderabgaben (NDPI) auf Kali- und Phosphatrohstoffe sowie eine neu eingeführte Abgabe auf Erdgas für die Ammoniakproduktion, die an Exportpreise gekoppelt ist. Für 2024 erwartete das Finanzministerium Einnahmen in Höhe von insgesamt 111 Mrd. Rubel (1,14 Mrd. Euro), wovon 89 Mrd. Rubel (910 Mio. Euro) aus Exportzöllen stammen, die seit 2025 nicht mehr erhoben werden. Für 2025 rechnete es mit Einnahmen in Höhe von insgesamt rund 46 Mrd. Rubel (472 Mio. Euro). Der Wert setzt sich aus den Förderabgaben in Höhe von 24,7 Mrd. Rubel (253 Mio. Euro) sowie der Erdgasabgabe in Höhe von 21,5 Mrd. Rubel (231 Mio. Euro) zusammen.

Ein großer Teil der staatlichen Einnahmen dürfte aus der Gewinnsteuer stammen. So beliefen sich die Nettogewinne der weiter unten in dieser Analyse vorgestellten größten Düngerhersteller zusammen auf rund 400 bis 500 Mrd. Rubel, umgerechnet 4,1 bis 5,1 Mrd. Euro. Diese Schätzung basiert auf einer Hochrechnung von Daten, die wie unten angeführt für verschiedene Zeitabschnitte der Jahre 2024 und 2025 vorliegen. Bei einer Gewinnsteuer von 20% im Jahr 2024 bzw. 25% im Jahr 2025 könnten die Steuerbeiträge der sieben vorgestellten Unternehmen theoretisch bei rund 140 Mrd. Rubel (1,4 Mrd. Euro) gelegen haben. Zum Vergleich: Die Einnahmen des Staates aus Öl und Gas beliefen sich 2025 auf 8,48 Bio. Rubel (87 Mrd. Euro), 2024 waren es sogar 11,1 Bio. Rubel (114 Mrd. Euro). Hinzu kommt auch bei den Öl- und Gaskonzernen die Gewinnsteuer. Die gemeldeten Gewinne der wichtigsten Branchenvertreter summierten sich im Jahr 2024 auf fast 5,5 Bio. Rubel (59 Mrd. Euro), übertrafen also grob gerechnet die Gewinne der großen Düngerproduzenten um mehr als das Zehnfache.

Dünger-Aktien steigen, Zweifel bleiben

Auch Anleger erwarten, dass die russische Düngemittelbranche von der Krise profitiert. Die Aktien der beiden einzigen großen Produzenten, die an der Moskauer Börse gelistet sind, PhosAgro und Acron, haben seit Beginn des Irankriegs bis zum 17. März um 8–9% zugelegt, stellte die Wirtschaftszeitung Kommersant fest. Auch der Leitindex der Moskauer Börse, IMOEX, verzeichnete in diesem Zeitraum Zugewinne und war damit einer von wenigen weltweit mit einer positiven Entwicklung. Mit einem Plus von knapp 2% blieb er jedoch deutlich hinter den Düngemittelaktien zurück.

Manche Beobachter prognostizieren allerdings, dass die russischen Hersteller nur begrenzt von stark steigenden Düngerpreisen profitieren werden. Wie die Nachrichtenagentur Reuters von Brancheninsidern erfuhr, sind die Produktionskapazitäten weitgehend ausgelastet und müssten zunächst den heimischen Bedarf decken. Allerdings sind die Preise auf dem Binnenmarkt seit Jahren staatlich gedeckelt. Die Eröffnung neuer Produktionsanlagen für den Export sei frühestens ab 2027 zu erwarten. Zudem dürfte der Staat einen großen Teil der Zusatzerlöse abschöpfen. In der Vergangenheit nutzte er dafür etwa einmalige Übergewinnsteuern und Exportzölle. Der Analyst Maxim Schaposchnikow warnt darüber hinaus vor einem starken Ausbau von Produktion und Exporten, da westliche Staaten darauf mit schärferen Sanktionen gegen russischen Dünger reagieren könnten.

Die größten russischen Düngemittelproduzenten

Die russische Düngemittelindustrie ist auf wenige große Produzenten konzentriert. Anders als in der Öl- und Gasindustrie befinden sich auch die Marktführer in Privatbesitz. Der Branchenverband RAPU gab im Herbst 2024 an, dass seine damals 13 Mitgliedsunternehmen für fast 80% der Gesamtproduktion verantwortlich seien. Der größte Player am Markt ist die Uralchem-Gruppe, zu der die drei Produzenten Uralchim, Uralkali und TogliattiAzot (TOAZ) gehören. Die Gruppe beziffert ihre Gesamtkapazitäten auf 25 Mio. Tonnen pro Jahr, wobei auf den namensgebenden Stickstoffdüngerhersteller Uralchim rund 8 Mio. t, auf Uralkali rund 12 Mio. t und auf TOAZ bis zu 5 Mio. t Kapazität entfallen. Geschäftszahlen liegen nur für einzelne Unternehmen vor.

Uralkali ist einer der weltgrößten Hersteller von Kalidünger. Größer dürfte nur noch der kanadische Konzern Nutrien sein, wie ein Bericht der US-Behörde USGS nahelegt. Im Jahr 2024 erreichte die Produktion von Uralkali ein Rekordvolumen von 12,9 Mio. t Kalidünger. Aktuellere Zahlen liegen nicht vor. Der Umsatz stieg im Gesamtjahr 2025 um 10,5% auf 463 Mrd. Rubel (4,75 Mrd. Euro), während sich der Nettogewinn auf 149,6 Mrd. Rubel (1,5 Mrd. Euro) mehr als verfünffachte. Das dritte Unternehmen der Uralchem-Gruppe, TOAZ, ist mit einer Kapazität von 3,6 Mio. t pro Jahr einer der weltgrößten Produzenten von Ammoniak, dem zentralen Vorprodukt für Stickstoffdünger. Im Jahr 2024 produzierte TOAZ 1,9 Mio. t Ammoniak, 21% mehr als 2023, und 1,8 Mio. t Harnstoff (+9%), das eine Art Stickstoffdünger ist.

EuroChem dürfte das größte russische Einzelunternehmen der Düngemittelindustrie sein. 2024 produzierte es rund 13 Mio. t Dünger, davon 6,2 Mio. t Stickstoffprodukte, 3,5 Mio. t Kalidünger und 4 Mio. t Phosphat- und komplexe Düngemittel. In diesen Zahlen sind auch die Standorte im Ausland enthalten, die sich in Belgien, Brasilien, Litauen und Kasachstan befinden. Im letzten vollen Jahresbericht, den EuroChem für 2023 vorlegte, bezifferte das Unternehmen seinen Umsatz auf 363 Mrd. Rubel (3,7 Mrd. Euro), bei einem Nettogewinn von 112 Mrd. Rubel (1,1 Mrd. Euro).

PhosAgro ist einer der weltgrößten Hersteller von Phosphatdünger. Seine Gesamtproduktion legte in den ersten neun Monaten 2025 um 4,3% auf 9,15 Mio. Tonnen zu. Davon entfielen 7 Mio. t auf Phosphatdünger (+5,5%) und 1,94 Mio. t auf Stickstoffdünger (+1,9%). Der Umsatz für drei Quartale belief sich auf 441,7 Mrd. Rubel (4,53 Mrd. Euro) bei einem Nettogewinn von 95,7 Mrd. Rubel (982 Mio. Euro). Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stieg der Umsatz um 19,1% und der Nettogewinn um 47,6%.

Die Nummer Vier am russischen Düngermarkt ist Acron, ein bedeutender Hersteller von komplexen Düngern, bei denen mehrere Pflanzennährstoffe kombiniert werden. Das Unternehmen produzierte im vergangenen Jahr insgesamt 7 Mio. Tonnen Düngemittel, 4,1% mehr als 2024. Unter den Düngerklassen dominieren die Stickstoffdünger mit 4,55 Mio. t (+7,3%). Auf komplexe Dünger entfielen 2,41 Mio. t (+0,4%). Der Umsatz stieg um 20% auf 237,6 Mrd. RUB (2,44 Mrd. Euro), der Nettogewinn um 30% auf 36,7 Mrd. Rubel (380 Mio. Euro).

Die Unternehmensgruppe Azot ist der fünftgrößte russische Hersteller von Stickstoffdünger, schreibt die Ratingagentur Expert RA. Das Unternehmen selbst beziffert seine Gesamtkapazität im Jahr 2024 auf knapp 4,3 Mio. t Stickstoffdünger und 1,9 Mio. t des Grundstoffs Ammoniak. Die Gesamtproduktion 2024 gibt das Unternehmen mit 4,2 Mio. t Dünger an. Der Umsatz von GK Azot im Jahr 2024 belief sich laut Finanzportalen auf 115,2 Mrd. Rubel (1,2 Mrd. Euro), der Gewinn betrug 7,7 Mrd. Rubel (79 Mio. Euro).

Zu den wenigen weiteren größeren Düngerproduzenten gehört noch das Chemieunternehmen KuibyshevAzot. Das Volumen der Produktion im 1. Halbjahr 2025 gibt das Unternehmen mit rund 0,55 Mio. t Ammoniak (-1,6%) und 1,04 Mio. t Stickstoffdünger (+7,4%) an. Die Düngemittel machten dabei etwas mehr als die Hälfte des Geschäfts aus. Der Umsatz für sechs Monate blieb mit 44,1 Mrd. Rubel (450 Mio. Euro) fast auf dem Niveau des Vorjahreszeitraums (+1%), während der Nettogewinn um 48% auf 3,46 Mrd. Rubel (40 Mio. Euro) zulegte. Die Umsätze mit Ammoniak und Stickstoffdünger allein beliefen sich auf 25,6 Mrd. Rubel (263 Mio. Euro).

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