Die Druschba-Pipeline steht 62 Jahre nach ihrer Inbetriebnahme vor einem Wendepunkt, womöglich vor dem Aus. Der Wegfall des kasachischen Öltransits zur Raffinerie Petrochemisches Kombinat (PCK) Schwedt im ostdeutschen Bundesland Brandenburg seit 1. Mai, die ukrainischen Drohnenangriffe 2025 und 2026 auf die Druschba-Pipeline sowie die für Ende 2027 geplante EU-Auslaufgesetzgebung haben das einst wichtigste Exportsystem für russisches Erdöl nach Europa auf Rumpfbetrieb geschrumpft. Die Lieferungen für Ungarn und die Slowakei lagen 2025 bei 9,25 Mio. t mit einem Marktwert von über 3,5 Mrd. Euro. Das entspricht einem Einbruch um etwa zwei Drittel, berichtet der katarische Nachrichtensender Al Jazeera. Eine Berechnung des finnischen Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) zeigt: Das südliche Druschba-Volumen macht heute nur noch 2 bis 3% der russischen Öleinnahmen aus.
Ursprung als sowjetisches Prestigeprojekt
Der politische Ausgangspunkt der Pipeline lag in Prag. Am 18. Dezember 1958 beschloss der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (Comecon) der sozialistischen Staaten in Europa den Bau einer internationalen Rohölfernleitung, weil der Eisenbahntransport den steigenden Ölbedarf Osteuropas nicht mehr decken konnte. Die Bauarbeiten begannen am 10. Dezember 1960 in den Karpaten. Rohre kamen aus sowjetischer und polnischer Produktion, Armaturen aus der Tschechoslowakei, Pumpen aus der DDR, Automatisierungstechnik aus Ungarn.

Die Inbetriebnahme erfolgte stufenweise. 1962 erreichte das Öl Bratislava in der damaligen Tschechoslowakei, im September 1963 Ungarn, im November 1963 Polen, im Dezember 1963 die DDR. Am 15. Oktober 1964 weihte die sowjetische Führung das Gesamtsystem ein, am 4. November 1964 begann der reguläre Öltransport aus dem Wolgaraum. Der Bau kostete laut zeitgenössischen Angaben rund 400 Mio. Rubel. Zum amtlichen sowjetischen Wechselkurs von 0,90 Rubel je US-Dollar entsprachen 400 Mio. Rubel rund 444 Mio. US-Dollar. Den Wechselkurs setzte die Staatsbank politisch fest, der Rubel war nicht konvertibel und auf Schwarzmärkten erheblich weniger wert. Schätzungen des amerikanischen Geheimdienstes CIA taxierten das sowjetische Bruttoinlandsprodukt 1964 auf etwa 250 Mrd. Rubel - die Pipeline kostete damit 0,16% der Jahreswirtschaftsleistung. Verlegt wurden 730.000 t Stahlrohre. Das Gesamtsystem der Pipeline misst 8.900 km. Die hydraulische Auslegung liegt bei 1,2 bis 1,4 Mio. Barrel pro Tag, also 60 bis 70 Mio. t pro Jahr. Auf der belarussisch-polnischen Strecke flossen sogar bis zu 80 Mio. t. Die russische Nachrichtenagentur TASS nennt für das gesamte verzweigte Netz eine maximale Jahresmenge von rund 100 Mio. t.
Die Mega-Pipeline beginnt in Almetjewsk in der muslimischen Teilrepublik Tatarstan. Danach wird Rohöl aus Westsibirien, dem Wolga-Ural-Gebiet und dem Kaspischen Raum gesammelt. Der Strang läuft zunächst nach Mosyr in Belarus und gabelt sich dort. Der Nordstrang führt über Polen nach Schwedt: Die Gesamtlänge bis nach Deutschland beträgt 5.327 km. Der Südstrang verläuft über Brody und Uschhorod in der Ukraine nach Ungarn, in die Slowakei und nach Tschechien.
Sieben nationale Betreiber
Mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 entfiel auch die zentrale Steuerung. Danach waren sieben nationale Betreiber für das Pipeline-System verantwortlich: Transneft Druzhba in Russland, Gomeltransneft Druzhba in Belarus, Ukrtransnafta in der Ukraine, PERN in Polen, Transpetrol in der Slowakei, Mero ČR in Tschechien und MOL in Ungarn.
Innerhalb des 67.000 km langen Transneft-Netzes ist Druschba heute nur noch eine Strecke unter mehreren. Transneft ist das russische staatliche Monopolunternehmen für Rohöl- und Mineralölprodukt-Pipelines. Gegründet wurde es 1993 aus dem sowjetischen Ministerium für Erdölleitungsbau. Vorstandsvorsitzender ist seit 2007 Nikolaij Tokarew. Laut den neuesten Angaben von Transneft von Ende März 2025 stieg der Umsatz um 1,2% auf 1,44 Bio. Rubel, umgerechnet 16,3 Mrd. Euro. Der Nettogewinn brach dagegen um 19,6% auf 226 Mrd. Rubel ein, rund 2,6 Mrd. Euro.
Hauptgrund für den Gewinneinbruch ist die steigende Steuerlast. Seit 1. Januar 2025 zahlt Transneft 40% Gewinnsteuer, befristet bis Ende 2030. Hinzu kommen Sanktionsfolgen, sinkender Frachtumschlag und der hohe Leitzins der Zentralbank analysiert die russische Wirtschaftszeitung Kommersant.
Operativ blieb der Konzern nahe am Vorjahr. 2024 transportierte Transneft 447 Mio. t Rohöl, davon 435 Mio. t russisches und 12 Mio. t kasachisches Öl. Für 2025 erwartete Konzernchef Nikolai Tokarew einen leichten Rückgang des Pumpvolumens, für die KTK- Pipeline (Kaspische Pipeline Konsortium) rechnete er mit 74,4 Mio. t Exportöl (TASS). Die 1.510 km lange Pipeline führt von den kasachischen Großfeldern Tengiz und Karatschaganak durch Südrussland zum Schwarzmeerterminal bei Noworossijsk und ist der wichtigste Exportkanal für kasachisches Öl auf den Weltmarkt. 2026 soll das Volumen auf dem Niveau von 2025 bleiben.
Druschba nach dem Embargo: Vom Hauptstrang zum Sonderfall
Mit der Verordnung 2022/879 zur Änderung der Verordnung 833/2014, in Kraft seit 4. Juni 2022, verhängte die Europäische Union ein Embargo auf russisches Rohöl auf dem Seeweg ab 5. Dezember 2022. Pipeline-Lieferungen über Druschba wurden in Artikel 3 als zeitlich unbefristete Ausnahme für die Binnenstaaten Ungarn, Slowakei und Tschechien erlaubt – bis der Rat „etwas anderes beschließt“. Das 11. Sanktionspaket versperrte später ausdrücklich auch die rechtliche Möglichkeit, russisches Pipelineöl nach Deutschland und Polen zu importieren.

Tschechien beendete im April 2025 als drittes Land die Versorgung über Druschba, nachdem das Transalpine-Leitung-Plus-Projekt fertiggestellt war. Mit einer Investition von 1,6 Mrd. Tschechischen Kronen, rund 65 Mio. Euro, vollständig finanziert vom staatlichen Pipelinebetreiber Mero ČR, verdoppelte das Land die Kapazität der transalpinen Ölleitung von Triest über Bayern auf 8 Mio. t pro Jahr. Premierminister Petr Fiala erklärte am 17. April 2025: „Wir haben einen weiteren Schritt auf dem Weg zu unserer Energieunabhängigkeit abgeschlossen.“ Die erste Lieferung war norwegisches Johan-Sverdrup-Rohöl, dokumentiert ein Bericht der Energieanalyseplattform Grosswald.
Druschbas letzte EU-Kunden
Ursprünglich versorgte die Druschba sechs Länder direkt: Belarus über die Mosyr-Raffinerie, Polen über Płock und den Anschluss nach Schwedt, Deutschland über Schwedt und historisch Leuna, Tschechien über die Raffinerien Litvínov und Kralupy, die Slowakei über Bratislava und Ungarn über Százhalombatta.
Deutschland verarbeitet seit Januar 2023 kein russisches Öl mehr, bezog bis April 2026 aber kasachisches Rohöl über das Druschba-System.
Der staatliche polnische Konzern Orlen kündigte den letzten relevanten Druschba-Vertrag im Februar 2023. Seitdem verzichtet Warschau auf russisches Pipelineöl. Der polnische Druschba-Abschnitt bleibt technisch in Betrieb, dient aber nur noch dem Transit kasachischen Öls in die Schwedt-Region und der Rückwärtslogistik aus dem Hafen Danzig.

Die Druschba-Lieferungen an Ungarn und die Slowakei brachten Russland zwischen Februar 2022 und Dezember 2024 nach Berechnung von den finnischen Instituts CREA Erdölverkäufe im Wert von 13 Mrd. Euro. Davon flossen rund 5,4 Mrd. Euro als Steuereinnahmen direkt in die Haushaltskasse. Im August 2025 zahlten die fünf größten EU-Importeure russischer fossiler Brennstoffe insgesamt 979 Mio. Euro an Russland – Ungarn 416 Mio. Euro (davon 176 Mio. Euro Rohöl), die Slowakei 276 Mio. Euro (davon 204 Mio. Euro Rohöl).
Schwedt nach dem 1. Mai
Deutschlands Sonderstellung im Druschba-System hängt an einem Standort: dem Petrochemischen Kombinat (PCK) Schwedt. Die Raffinerie mit einer Kapazität von rund 12 Mio. t pro Jahr versorgt etwa 90% des Berlin-Brandenburger Kraftstoffmarkts. Seit Januar 2023 verarbeitet Schwedt kein russisches Öl mehr. Die Versorgung erfolgt dann über den Hafen Rostock, mit einer jährlichen Kapazität von 7 Mio. t, den polnischen Hafen Danzig und über kasachisches Öl, das die Pipelinegesellschaft KazTransOil durch das Druschba-System nach Deutschland leitete. 2025 lieferte Astana 2,15 Mio. t – 44 % mehr als 2024 und rund 17% der Gesamtmenge.
Rund 1.200 Menschen arbeiten direkt in der Raffinerie, weitere Tausende in der regionalen Petrochemie-Logistik. Am 23. Dezember 2025 verlängerten Bundesfinanzministerium und Bundeswirtschaftsministerium die Beschäftigungssicherung für PCK-Mitarbeiter bis zum 30. Juni 2026 — Teil des im September 2022 aufgelegten Zukunftspakets für ostdeutsche Raffineriestandorte. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil sicherte zu: „Die Menschen in der Uckermark können sich auf die Bundesregierung verlassen." Wirtschaftsministerin Reiche besucht den Standort am 11. Mai 2026, bis dahin verhandelt Energiestaatssekretär Frank Wetzel mit Warschau über zusätzliche Lieferungen aus Danzig.
Die Mehrheitsanteile von Rosneft Deutschland GmbH und RN Refining & Marketing GmbH stehen seit September 2022 unter Treuhandverwaltung der Bundesnetzagentur. Am 22. April 2026 verkündete der russische Vize-Premierminister Alexander Nowak, dass Russland den Transit von kasachischem Rohöl über Druschba nach Deutschland zum 1. Mai 2026 einstellt – offiziell mit Verweis auf „technische Kapazitäten“. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke erklärte, PCK könne den Mai mit Reserven und einer Auslastung von rund 80% abfedern. Die Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche wird im Handelsblatt zitiert. Sie "gehe davon aus, dass die Produktion in Schwedt weitergeht".
Auslaufen der EU-Ausnahme bis 2027
Das politische Ende der Druschba-Sonderregelung ist eingeleitet. Die Europäische Kommission hatte die Vorlage einer Gesetzgebung zum Auslaufen der russischen Ölimporte zunächst für den 15. April 2026 angekündigt — drei Tage nach den ungarischen Wahlen. Wegen der Iran-Krise und des Drohnenstreits wurde der Termin im März 2026 verschoben, ein neuer Termin ist nicht genannt.
EU-Energiekommissar Dan Jørgensen formulierte am 3. Dezember 2025: „Wir müssen den Kauf russischen Öls so schnell wie möglich beenden, spätestens bis Ende 2027.“
Drei Szenarien sind für die Zukunft der Druschba-Öllieferungen plausibel.
Erstens, das geordnete Auslaufen russischer Öllieferungen bis Ende 2027. Ein Erfolgsfaktor dafür ist die Adria-Pipeline. Sie verläuft vom kroatischen Tiefseehafen Omišalj auf der Insel Krk durch Kroatien nach Ungarn und die Slowakei und erreicht dort dieselben Raffinerien (Százhalombatta bei Budapest, Slovnaft in Bratislava), die heute russisches Druschba-Öl verarbeiten. Die ungarische staatliche Ölfirma MOL und das kroatische Öllieferunternehmen Janaf haben am 11. März 2026 eine weitere zehnmonatige Stresstest-Reihe begonnen nachdem Tests im September 2025 gescheitert waren, berichtete der Branchendienst Ceenenergynews. JANAF nennt eine Jahreskapazität von 11 bis 15 Mio. t, MOL hat bislang nie mehr als 2,2 Mio. t transportiert. Für eine Vollabdeckung beider MOL-Raffinerien wären nach Konzernangaben 14 Mio. t pro Jahr (40.000 t pro Tag) erforderlich. Sollte JANAF die geforderten 14 Mio. t pro Jahr in den laufenden Stresstests nachweisen, ist mit einem schnelleren ungarischen Ausstieg aus russischen Öllieferungen unter dem neugewählten Premierminister Peter Magyar zu rechnen. Ungarn könnte bereits 2026 oder Anfang 2027 auf russisches Öl verzichten, nicht erst Ende 2027.
Zweitens, die Druschba-Pipeline könnte durch Drohnenangriffe so beschädigt werden, dass der Betrieb bereits vor Jahresende 2027 zum Erliegen kommt.
Drittens, ein Friedensszenario mit einer politischen Lösung für die Pipeline. Theoretisch könnte die Druschba zur Reaktivierung des Schwedt-Standorts mit russischem Öl genutzt werden. Die Wahrscheinlichkeit wird als gering eingeschätzt.
ℹ️ Auch interessant
- Hormus-Schock: Wie groß wird Russlands unverhoffter Öl-Geldsegen?
- Russlands Bedeutung für den weltweiten Helium-Markt
- Europa vor neuer Gas-Krise