Stadtflucht: Immer mehr Russen ziehen aufs Land

Kein Massephänomen, aber steigende Tendenz: Immer öfter erteilen Russen der Großstadthektik eine Absage und ziehen in ländliches Gebiet. Besonders die jüngere Generation findet Gefallen an dem Lebensmodell – und entdeckt gerade für sich das traditionelle Holzhaus der Großeltern.

Nach Angaben von Marktteilnehmern hat die Vergabe von Hypotheken für den Bau von Einfamilienhäusern und den Erwerb von Landhäusern in Russland zugenommen. Bei Hypotheken für bezugsbereite Einfamilienhäuser verzeichnete das größte russische Geldhaus die Sberbank in den ersten drei Monaten des Jahres ein Volumen von mehr als 80 Mrd. Rubel, umgerechnet 906,3 Mio. Euro – dies ist ein Plus von 78% gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Vergabe für Eigenheimbaudarlehen belief sich auf 47,7 Mrd. Rubel (540,4 Mio. Euro) – ein 2,5-facher Anstieg zum Vorjahreszeitraum. 10% an der gesamten Hypothekenvergabe entfielen im zweiten Halbjahr 2025 auf Landhäuser, Eigenheimbaukredite kamen auf 5%. Laut Domclick, einem Immobilienportal der Sberbank, beträgt die durchschnittliche Kreditsumme für den Eigenheimbau 6,3 Mio. Rubel und für den Erwerb eines Landhauses 3,8 Mio. Rubel, 71.375 bzw. 43.052 Euro.

Für mehr Interessenten sorgt Marktkennern zufolge die Senkung der Hypothekenzinsen angesichts der Leitzinslockerung in Russland. Der Leitzins ist seit Sommer 2025 schrittweise von 21% auf derzeit 14,5% gesenkt worden. Ein weiter Grund ist die günstige Jahreszeit, da im Frühling viele für gewöhnlich mit dem Bau des Eigenheims loslegen. Gleichzeitig sind die Preise für den Eigenheimbau im Jahresvergleich drastisch gestiegen. Anfang 2026 kostete ein Quadratmeter 80.000 Rubel (906 Euro), eine Teuerung von rund 15% im Vergleich zum Jahresbeginn 2025. Auch bezugsbereite Landhäuser haben sich um 10,7% auf rund 50.000 Rubel, 566 Euro, verteuert. Nach Angaben der russischen Immobilienplattform Cian beträgt der Durchschnittspreis für ein eigenes Haus 16,5 Mio. Rubel, umgerechnet 186.900 Euro.

Mehr Hypotheken, weniger Transaktionen

Den größten Nachfrageanstieg verzeichnete die staatliche Hypothekenbank Dom.RF bei herkömmlichen Hypothekendarlehen ohne staatliche Zuschüsse – ein Plus von 132% gegenüber Februar. Laut Igor Rudenko, Leiter für Hypothekendarlehen bei Dom.RF, gab es auch einen Nachfragezuwachs im Segment Eigenheimbau. Der Anstieg der genehmigten Baukredite lag im März bei 34% zum Vormonat. Darüber hinaus legte die Nachfrage nach Einfamilienhäusern im März um 73% zu. Die Zahl der Anträge für Darlehen mit staatlicher Unterstützung wie etwa der Familienhypothek wuchs im selben Monat um 28%.

Die russische Immobilienplattform Cian beobachtet im ersten Quartal dagegen deutlich weniger Transaktionen im Landhaussegment als noch vor einem Jahr. In den ersten drei Monaten 2026 fanden etwa 60.000 Häuser einen Käufer, was einem Einbruch von 33% entsprach. Cian-Chefanalyst Alexej Popow erklärt: „Der Markt für Landhäuser steht unter Druck. Immobiliendarlehen ohne Vergünstigungen bleiben teuer, die neuen Regeln für die Familienhypothek schmälern die Zahl potenzieller Käufer und der in vielen Regionen schneereiche Winter kommt dem Markt auch nicht zugute.“ Die Regeln für die Familienhypothek wurden vor Kurzem verschärft. Seit Februar darf ein Haus nur über ein einziges Darlehen (6 bis 12 Mio. Rubel, 68.000 und 136.000 Euro) finanziert werden. Die Aufnahme eines Zweitkredits wie früher üblich ist verboten.

Gen Z träumt von Landhaus

Das Leben auf dem Land und in Kleinstädten spricht insbesondere jüngere Generationen an. Eine Umfrage des russischen Internetunternehmens Yandex ergab, dass 67% der befragten Vertreter der Generation Z (die Jahrgänge 1997 bis 2012) von einem Landhaus träumen. Ein Drittel davon gab sogar an, diesen Traum in den nächsten zwei-drei Jahren verwirklichen zu wollen. Millennials (1980 bis 1996) sind mit 56% etwas zurückhaltender, unter den Vertretern der Generation X (1965 bis 1979) wünschen sich 50% ein trautes Heim fernab des Großstadttrubels. Nach Angaben der russischen Statistikbehörde Rosstat zogen von 2023 bis 2024 um 18% mehr Russen im Alter zwischen 25 und 34 Jahren in ein Dorf, als dies noch vor der Covid-Pandemie der Fall gewesen war.

Sozialforscher sehen mehrere Gründe für diese Entwicklung. Angesichts des hohen Stresspegels und der Umweltverschmutzung in den Städten wünschen sich junge Russen, welche in das digitale Zeitalter mit dessen Reizüberflutung hineingeboren wurden, einen ruhigeren Alltag. Die Stadtflucht betrifft überwiegend das Umland größerer Städte. Die Kostenfrage spielt für zahlreiche Russen ebenso eine Rolle. Mit einem Moskauer Gehalt lässt es sich auf dem Land viel komfortabler leben, stellen Marktkenner fest. Vor allem IT-Fachkräfte, Designer, Marketingspezialisten in Fernarbeit folgen dem Ruf der Dorfidylle. Experten halten diesen Trend für kein Massenphänomen, dennoch könnte das Nischensegment in den nächsten Jahren mit Blick auf weitere Leitzinssenkungen rasant wachsen.

Opas Hütte wieder in

Ein interessantes Phänomen auf dem russischen Immobilienmarkt ist das sogenannte Isbing, abgeleitet vom russischen Wort „Isba“, übersetzt ins Deutsche „Hütte“. Russen erwerben traditionelle Blockhütten im ländlichen Raum zum Eigenbedarf oder vermieten sie an junge Touristen. Nach Angaben der Wirtschaftszeitung Kommersant liegt die Preisspanne für die Unterkunft in einer „Isba“ oder einem größeren Blockhaus zwischen 7000 und 150.000 Rubel pro Nacht, 80 bis 1700 Euro. Die Nachfrage nach Holzhäusern mit Geschichte führt inzwischen zu einer Verdoppelung ihres Verkaufspreises. Vor zwei Jahren kostete ein baufälliges Holzhaus 500.000 bis 700.000 Rubel (5600 bis 8000 Euro) – heute beginnt der Preis bereits ab 1,5 Mio. Rubel und kann 4,5 Mio. erreichen (17.000 und 51.000 Euro), sagen Branchenvertreter.

Stadtflucht in Deutschland

Die Stadtflucht ist in Deutschland ausgeprägter als in Russland. Laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) ziehen es die Bundesbürger seit 2014 wieder vermehrt in ländliche Gebiete. Besonders Familien kehren der Großstadt den Rücken. Nach Angaben des Handelsblatts wanderten im Jahr 2021 insgesamt 56.600 Menschen aus den sieben größten deutschen Städten in direkt angrenzende Landkreise oder kreisfreie Städte ab. Die meisten Wegzüge wurden in Berlin (17.249), Hamburg (11.145), Köln (7894) und Frankfurt (6653) verzeichnet. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung erklärt diese Tendenz mit der Wohnraumknappheit in den Metropolen und den hohen Wohnungspreisen im urbanen Raum. 

Quelle: RBCDom.RFPro GorodYandex (alle RU), BiBHandelsblatt


ℹ️ Auch interessant

08.05.2026

War dieser Beitrag für Sie hilfreich?

Bewerten Sie diesen Beitrag von 1 bis 5, wobei 5 "sehr gut" bedeutet.

Vorheriger Beitrag

Die Druschba-Pipeline – einst Freundschaftssymbol, heute Streitfall

Unser Telegram-Kanal

Bleiben Sie auf dem Laufenden mit unserem Telegram-Kanal

Возврат к списку