Die faktische Sperrung der Straße von Hormus und der Ausfall katarischer LNG-Exporte haben innerhalb weniger Wochen Gas für europäische Kunden stark verteuert. Nach der Energiekrise 2022 droht Europa der nächste Energieengpass mit explodierenden Preisen bei leeren Gasspeichern. Gewinner ist der russische Staatshaushalt, der unverhofft Mehreinnahmen in Milliarden-Euro-Höhe erzielen könnte.
Die Folgen der „Operation Epic Fury“ für den Gasmarkt
Die iranischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Golf-Region trafen Mitte März die katarischen LNG-Terminals in Ras Laffan und Mesaieed. Das staatliche Gasunternehmen QatarEnergy stellte am 4. März die gesamte LNG-Produktion ein und erklärte Force Majeure auf sämtliche Lieferverträge weltweit.
Durch die Blockade der Straße von Hormus fielen zudem schlagartig rund 5,8 Mio. Tonnen Flüssiggas pro Monat aus – das entspricht knapp 20% des weltweiten LNG-Angebots. Das französische Analysehaus Kpler errechnete, dass alternative Bezugsquellen weltweit allenfalls knapp zwei Millionen Tonnen aufbringen können, ein Drittel der fehlenden Menge. Mindestens neun für Europa bestimmte LNG-Ladungen wurden seit Kriegsbeginn nach Asien umgeleitet, wo Kunden mit höheren Preisen locken.
Für Europa wiegt der Ausfall schwer. LNG macht seit dem weitgehenden Wegfall russischer Pipelinelieferungen knapp die Hälfte der europäischen Gasversorgung aus. Im Jahr 2025 importierte die Europäische Union (EU) Rekordmengen, die Europäische Kommission beziffert den LNG-Anteil an den Gesamtgasimporten auf 46%. Die USA entwickelten sich mit 58% der EU-LNG-Importe zum dominierenden LNG-Lieferanten. Katar lieferte bis vor Kurzem auf direktem Wege nur knapp 8% der europäischen LNG-Importe. Die indirekte Marktwirkung des Ausfalls der katarischen Gaslieferungen ist jedoch weitaus größer, da der globale LNG-Markt als verbundenes System funktioniert, in dem jeder größere Ausfall alle Handelsströme beeinflusst.
Die verbliebenen stabilen Pfeiler der europäischen Versorgung sind Norwegen, das mit rund 100 Mrd. Kubikmeter (bcm) pro Jahr der größte Pipelinelieferant bleibt und von der Nahostkrise unberührt ist, sowie die USA als weltgrößter LNG-Exporteur, die allerdings bereits nahe ihrer Kapazitätsgrenze operieren. Europa und Asien konkurrieren nun direkt um atlantische Spotladungen, was strukturelle Preisaufschläge auf absehbare Zeit zementiert.
Dr. Heiko Lohmann, Gasexperte bei energate, einem deutschen Fachmedienhaus für Energiefragen, beschreibt die Zusammensetzung der deutschen Gasversorgung im Podcast
„Zaren. Daten. Fakten“ der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer:
„Der größte Gaslieferant für Deutschland ist norwegisches Pipeline-Gas – es macht ungefähr 40% der Importe aus. Belgien ist eine große Drehscheibe für Flüssiggas in Europa – ein erheblicher Teil des Gases, das formal als belgischer Import nach Deutschland gelangt, ist in Wirklichkeit LNG aus aller Welt.“
Preisexplosion und Speicherkrise: Die Zahlen hinter dem Gas-Schock
Der niederländische TTF-Benchmark, Europas maßgeblicher Gaspreisindikator, lag am 27. Februar noch bei 32 Euro pro Megawattstunde (MWh). Innerhalb von neun Tagen schnellte er um 77% nach oben. Am 9. März erreichten die TTF-Futures mit 69,50 Euro pro MWh ein Dreijahreshoch – den stärksten Wochenanstieg seit Februar 2022. Mitte März pendelt der Preis bei 49 bis 52 Euro pro MWh, was einem anhaltenden Aufschlag von rund 55% gegenüber dem Vorkrisenniveau entspricht.
Die amerikanische Großbank Goldman Sachs rechnet bei einer einmonatigen Hormus-Blockade mit TTF-Preisen von 74 Euro pro MWh. Die niederländische Bank ING hält bei einem längeren katarischen Produktionsausfall 80 bis 100 Euro pro MWh für realistisch. Eine Vorkrisenstudie des Oxford Institute for Energy Studies hatte das Preisniveau bei einer längerfristigen Hormus-Blockade auf 90 Euro pro MWh beziffert.
Die Preisexplosion ist jedoch nur eine Seite der Krise. Die andere ist struktureller Natur: Die Gasspeicher der EU-Länder sind Mitte März nur zu rund 29% gefüllt. In Deutschland liegt der Wert bei etwa 21%, in den Niederlanden bei dramatischen 8 bis 10% – dem niedrigsten jemals für Mitte März gemessenen Wert. Zum Vergleich: Ende Februar 2026 lagerten in europäischen Speichern 46 Milliardenkubikmeter (bcm), gegenüber 60 bcm im Vorjahr und 77 bcm im Jahr 2024. Um die gesetzliche EU-Vorgabe von 90% Speicherfüllung bis zum 1. November zu erreichen, müsste Europa in der Einspeisesaison rund 60 bcm kaufen, etwa 30% mehr als im Fünfjahresdurchschnitt.
Dr. Lohmann hatte die systemische Verwundbarkeit im Podcast „Zaren. Daten. Fakten“ schon Ende Februar beschrieben: „Die Gasspeicher befinden sich auf einem historisch niedrigen Füllstand – sie sind normalerweise 20 bis 25% höher gewesen als aktuell zu diesem Zeitpunkt des Jahres.“
„Wenn die aktuelle Preiskonstellation anhält, werden die Speicher für das nächste Jahr wieder relativ schlecht gefüllt werden – und wenn es dann kalt wird, laufen wir in dieselben Diskussionen wie in diesem Winter.“
Der amerikanische geopolitische Analysedienst Stratfor warnt in diesem Kontext vor einem Strukturproblem, das über die aktuelle Krise hinausgeht: Europas Gasstrategie werde den Trend zu „strukturell höheren und volatileren Energiepreisen“ im Vergleich zu den Preisen vor 2022 nicht umkehren. In Ihrer am 12. Februar veröffentlichten Einschätzung schrieben die Amerikaner unter der Überschrift „Die strategischen Risiken der europäischen Hinwendung zu US-amerikanischem LNG“, dass die europäische Industriebasis dauerhaft gegenüber nordamerikanischen Wettbewerbern einen Kostennachteil hat.
Russlands Gas-Profit durch den Preisschock
Für Russland erweist sich die Iran-Krise als Glücksfall in einer Phase wirtschaftlicher Schwäche nach Jahren kräftigen Wirtschaftswachstums. Die Haushaltseinnahmen aus fossilen Energieträgern lagen 2025 bei 8,48 Bio. Rubel, rund 108 Mrd. Dollar, und damit 24%Prozent unter dem Vorjahr und auf dem niedrigsten Stand seit 2020.

Russlands gesamte Gasexporte – Pipeline und LNG zusammengerechnet – umfassen derzeit rund 100 Mrd. Kubikmeter jährlich, verteilt auf Europa, China sowie die Türkei und Zentralasien. Auf Basis von Berechnungen der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer lässt sich zeigen, wie stark Russland von steigenden Weltmarktpreisen profitiert – denn auch die Verträge nach China und in die Türkei sind teilweise an internationale Gaspreisindizes gekoppelt. Als Ausgangspunkt dient ein TTF-Preis von 32 Euro pro MWh – das Niveau unmittelbar vor dem Iran-Krieg im Februar 2026 –, bei dem Russland mit seinem Gesamtexportvolumen von rund 1.050 TWh einen Jahreserlös von etwa 33,6 Mrd. Euro erzielte. Beim aktuellen Preisniveau von 50 Euro pro MWh steigt dieser Erlös auf rund 52,5 Mrd. Euro – ein Mehrerlös von knapp 19 Mrd. Euro. Im Goldman-Sachs-Szenario von 70 Euro pro MWh würde Russland rund 73,5 Mrd. Euro einnehmen, im ING-Worst-Case von 100 Euro sogar 105 Mrd. Euro jährlich – mehr als dreimal so viel wie vor der Iran-Krise.


Mehrkosten für Deutschland: Wie hoch wird die Gas-Rechnung 2026
Deutschlands jährlicher Gasverbrauch liegt laut Bundesnetzagentur bei 864 Terawattstunden (TWh). In verschiedenen Szenarien hat die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer berechnet, um wie viel die Gasrechnung aufgrund der aktuellen Krise steigen könnte. Als Vergleichswert dient der durchschnittliche Großhandelspreis des Jahres 2025 von 36 Euro pro MWh, was einer Jahresrechnung von rund 31 Mrd. Euro entspricht. Beim aktuellen Preisniveau von rund 50 Euro pro MWh zahlt Deutschland am Großhandelsmarkt rund 43 Mrd. Euro pro Jahr – das sind etwa 12 Mrd. Euro mehr als 2025. Steigt der Preis auf 70 Euro pro MWh, wie Goldman Sachs bei einer anhaltenden Hormus-Blockade erwartet, wächst die Mehrbelastung auf rund 29 Mrd. Euro jährlich. Im Extremszenario von 100 Euro pro MWh, das die niederländische ING Bank als Worst Case ausgewiesen hat, läge die Zusatzbelastung bei mehr als 55 Mrd. Euro pro Jahr gegenüber 2025. Zu beachten ist, dass diese Zahlen ausschließlich den Großhandelspreis abbilden – der tatsächliche Endkundenpreis ist durch Netzentgelte, Steuern und Vertriebsmargen etwa drei- bis viermal höher, weshalb die reale wirtschaftliche Belastung für Verbraucher und Unternehmen deutlich größer ausfällt.
Reserven ohne Markt: Wie Sanktionen Russlands LNG-Traum zerstören
Dass Russland vom Iran-Krieg profitiert, ist die eine Seite der Medaille. Die andere offenbart ein strukturelles Dilemma, das den aktuellen Gewinnen langfristige auffrisst: Russland hat im globalen LNG-Markt den Anschluss verloren – und laut Branchenexperten ist dieser Verlust kaum reversibel. Pawel Sarafannikow, Präsident des russischen Nationalen LNG-Verbandes (NALNG), erklärte:
„Obwohl Russland über die weltweit größten Erdgasreserven verfügt, macht es weniger als zehn Prozent des globalen LNG-Marktes aus. Die Chance auf die absolute Marktführerschaft ist wahrscheinlich bereits vertan: Konkurrenten wie die USA mit ihrem Schiefergas haben sich zu weit abgesetzt. Angesichts dessen sind wir gezwungen, unsere Prioritäten neu zu überdenken und uns vorrangig auf den Inlandsmarkt zu konzentrieren, wo wir echte Wachstumsperspektiven haben.“

2018 hatte der damalige Energieminister Alexander Novak Russland noch eine führende Rolle auf dem LNG-Weltmarkt versprochen, mit einer Zielproduktion von 100 Mio. Tonnen jährlich. 2022 betrafen die ersten Sanktionen die Lieferung von Verflüssigungstechnologien. 2023 folgten Sanktionen gegen das Projekt Arctic LNG 2, schwimmende Terminals und Gastanker. 2024 wurden Beschränkungen für neue Projekte (Murmansk LNG, Arctic LNG 1) und die Swesda-Werft verhängt, Verträge über den Bau von Gastankern mit koreanischen Werften wurden gekündigt, und die skandinavischen Märkte schlossen sich für Russland.

2025 wurden schließlich die in Betrieb befindlichen Anlagen (Gazprom LNG Portovaya und Cryogas-Vysotsk) sowie am Yamal-LNG beteiligte Tanker sanktioniert. Der EU-Rat beschloss ein vollständiges Verbot russischen LNGs: Kurzfristige Gaslieferverträge sind in Europa ab dem 25. April 2026 verboten, langfristige Verträge ab dem 1. Januar 2027. Das Ergebnis dieser Sanktionen spricht Bände: Russland hat seine Gasexporte im Jahr 2025 gegenüber dem Vorjahr um 6% reduziert – von 34,2 auf 32,2 Mio. Tonnen. Von dieser Menge gingen 58% nach Asien, vorwiegend nach China, und 32% nach Europa.
Anfang März 2026 wurde der russische Gastanker Arctic Metagaz, der LNG aus dem sanktionierten Projekt Arctic LNG 2 von Murmansk nach China transportierte, vor der Küste Maltas von Drohnen angegriffen. Die 30-köpfige Besatzung konnte sich in einem Rettungsboot retten, die Explosion beschädigte jedoch den Tank des Schiffes, wodurch 80 Mio. Kubikmeter Gas verloren gingen, ein Wert von mehr als 45 Mio. US-Dollar auf dem europäischen Markt.

Alexander Klimentjew, Vizepräsident des nationalen LNG-Verbands, sieht die globale Marktstruktur für Russland als praktisch unveränderbar an: „Wir sprechen hier von einem grundlegend anderen Phänomen – der Konsolidierung der solventesten und am weitesten entwickelten Märkte: der Europäischen Union, Japans und Südkoreas. Alle diese Länder sind militärische und politische Verbündete der USA. Diese Konstellation zu ändern ist praktisch unmöglich. Es ist unwahrscheinlich, dass irgendjemand eine realistische Lösung anbieten kann, die diesen Trend umkehrt.“
Gleichzeitig richtet Russland seinen Fokus auf den Inlandsmarkt. In Krasnojarsk und Wolgograd werden Projekte zur Umstellung des öffentlichen Nahverkehrs auf Gasbetrieb umgesetzt.
Lohmanns Einschätzung zum EU-Embargo gegen russisches Gas: „Ob das russische Embargo ab 2027 wirklich dazu führt, dass russisches Gas vom Markt verschwindet, oder ob es schlicht zu einer Umverteilung führt – das ist eine Frage, bei der ich zur Demut rate.“
Zwischen Trümmern und Spekulation: Gerüchte um Nordstream
Politisch hat die EU die Frage um die Gaspipeline Nord-Stream formell abgeschlossen. Das 18. Sanktionspaket vom Juli 2025 verbietet sämtliche Transaktionen im Zusammenhang mit den Pipelines. Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete Nord Stream als „Fehler“ und bekräftigte, seine Regierung werde „alles tun, um eine Wiederinbetriebnahme zu verhindern“. Dennoch berichteten mehrere Medien über geheime Gespräche zwischen der amerikanischen Regierung und Russland über einen Neustart von Nord Stream 2 unter amerikanischer Eigentümerschaft. Physisch bleibt eine der vier Röhren – Strang B von Nord Stream 2 – intakt und gasgefüllt.
Die amerikanischen Strategen von Stratfor schreiben dazu: „Neben der Wiederaufnahme von LNG-Importen ist auch die Wiedereröffnung der Nord-Stream-Pipeline zwischen Europa und Russland nicht auszuschließen. Sollten die hohen Energiekosten die Wettbewerbsfähigkeit weiterhin beeinträchtigen, könnte die bestehende Pipeline-Infrastruktur die historisch günstigeren russischen Gaslieferungen mit der Zeit wieder attraktiv machen." Und weiter:
Heiko Lohmanns Podcast Antwort zur Nord-Stream-Frage, geäußert noch vor der aktuellen Energiekrise: „Ob Nord Stream je wieder in Betrieb geht? Vor zwei Jahren hätte ich gesagt: never ever. Heute muss man auch das Unmögliche denken können.“
Quellen: Stratfor, Bloomberg, Bruegel, EC, Kpler (alle EN) Kommersant, Monocle (RU) BZ (DE)
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