Hormus-Schock: Russlands Bedeutung für den weltweiten Helium-Markt

Russlands Heliumproduktion hat sich seit 2020 verfünffacht: von 4,5 Mio. Kubikmetern auf rund 18 Mio. Kubikmeter 2025. Damit deckt Russland 9,5% der globalen Produktion von 190 Mio. Kubikmetern, so die US-Geologiebehörde USGS. Seit 2024 ist Russland drittgrößter Heliumproduzent der Welt, hinter den USA, die 81 Mio. m³ produzieren, 42,6% der Weltproduktion, und Katar, das ein Drittel der Weltproduktion mit 63 Mio. m³ abdeckt. Die Blockade der Meerenge von Hormus und der iranische Angriff auf Katars Ras-Laffan-Anlage im März 2026 haben den Heliummarkt aufgeschreckt: Rund ein Drittel des globalen Heliumangebots fiel über Nacht weg. Der Helium-Markt ist im Vergleich zum Öl- und Gasmarkt klein. Im vergangenen Jahr lag das Gesamtvolumen weltweit bei 3,8 Mrd. Euro.

Russlands Amur-Komplex: Ambition und Realität

Vor 2021 produzierte Russland Helium ausschließlich im Orenburger Heliumwerk, das seit 1978 rund 4,5 Mio. m³ pro Jahr lieferte. Kern der neuen russischen Strategie ist die Amur-Gasverarbeitungsanlage (im Bild) rund 60 km von der chinesischen Grenze. Der russische Gasmonopolist Gazprom investierte mehr als 1 Bio. Rubel in das Projekt, nach aktuellem Umrechnungskurs 11 Mrd. Euro. Die Anlage verarbeitet Erdgas aus der Pipeline „Kraft Sibiriens“ für den Export nach China und trennt Helium als Nebenprodukt ab. Drei Helium-Produktionseinheiten mit je 20 Mio. m³ Jahreskapazität ergeben eine Gesamtkapazität von 60 Mio. m³ – insgesamt so viel, wie Katar vor März produzierte.

Der Hochlauf der Anlage verlief jedoch nicht nach Plan. Nach dem Produktionsstart im Juni 2021 brachen im Oktober 2021 und Januar 2022 Feuer in wichtigen Teilen der Megaanlage aus. Die Heliumproduktion stand das gesamte Jahr 2022 still. Erst im August 2023 nahm Helium-Einheit 1 den kommerziellen Betrieb wieder auf. Einheit 2 erreichte Ende 2023 die volle Kapazität. Branchenanalysten wie die Amerikaner von Kornbluth Helium Consulting erwarten die Inbetriebnahme der zweiten Einheit im ersten Halbjahr 2026.

Dazu kam, dass der deutsche Gasanlagenbauer Linde Russland im Zuge der westlichen Sanktionen im Juni 2022 verließ. Gazprom klagte auf Schadenersatz, russische Gerichte beschlagnahmten Linde-Vermögen in Russland. Gazprom setzte die Inbetriebnahme ohne den westlichen Lizenzgeber fort, laut Daten der staatlichen amerikanischen Naturbehörde US Geological Survey allerdings weit unter Potenzial: 18 Mio. m³ bei einer eigentlichen Kapazität von 40 Mio. m³.

Exporte nach China, und weiter in die EU

Russlands Heliumexporte fließen nahezu ausschließlich nach China. Laut den englischen Analysten von Akap Energy stiegen die Lieferungen 2025 um 60% gegenüber dem Vorjahr auf durchschnittlich 38 Mio. Kubikfuß pro Monat. Russland lieferte damit 2025 mehr als die Hälfte der chinesischen Heliumimporte und verdrängte Katar als Hauptlieferant. Der Preis betrug rund 310 US-Dollar pro 1000 Kubikfuß und lag 34% unter dem katarischen Preis von 470 US-Dollar, berichtet der amerikanische Wirtschaftsnachrichtensender CNBC.

Die EU verbot russische Heliumimporte im 14. Sanktionspaket vom Juni 2024, wirksam ab September 2024. Der Europäische Rat für Auswärtige Beziehungen (ECFR) stufte das Verbot als überwiegend präventiv ein: Russland lieferte zuvor nur rund 1% der EU-Heliumimporte. Die Deutsche Rohstoffagentur DERA stellte im März 2026 fest, dass China, ohne nennenswerte eigene Heliumproduktion, 2025 zum größten Heliumexporteur in die EU wurde: 45 Mio. Kubikmeter. Das deutet auf Reexporte russischen Heliums in die Europäische Union hin.

Europa vor Lieferschwierigkeiten

Die EU verbraucht laut DERA jährlich rund 40 Mio. m³ Helium, produziert aber nur 3 Mio. m³ selbst, vor allem in Polen. Deutschland allein steht für 30% bis 32,5% des europäischen Verbrauchs: Rund 3000 medizinische MRT-Geräte benötigen jeweils 1000 bis 2000 Liter flüssiges Helium, dazu kommen wachsende Halbleiterfertigung und Luftfahrt.

Der Zeitpunkt des Katar-Ausfalls trifft Europa hart. Die deutschen Firmen Uniper und Messer unterzeichneten Ende 2025 jeweils 15-Jahres-Lieferverträge mit QatarEnergy – wenige Monate vor den iranischen Angriffen. Der weltgrößte Industriegaskonzern Linde hielt einen 30%-Anteil an der Produktion von Katars He-2-Anlage. Der französische Konzern Air-Liquide erklärte am 17. März 2026 Force Majeure (deutsch: höhere Gewalt) und kündigte an, nur noch 50% der üblichen Mengen liefern zu können. Europäische Spotpreise stiegen um 30% bis 50% über das globale Niveau.

Als einziger strategischer Puffer in Europa gilt ein unterirdischer Heliumspeicher in Gronau-Epe in Nordrhein-Westfalen mit 47 Mio. m³. Die amerikanische Großbank Bank of America schätzt, dass dem Weltmarkt selbst bei einem schnellen Waffenstillstand 15% der Nachfrage fehlen – bis weit ins Jahr 2027. Russlands Amur-Anlage bleibt die einzige Quelle, die kurzfristig mehr produzieren könnte. Das Institut für Erdöl-Geologie und Geophysik (IPGG) der Russischen Akademie der Wissenschaften rechnet laut der Nachrichtenagentur Interfax mit einem Produktionsumfang von 80 Mio. m³ bis 2030 – im Optimalfall sogar 120 Mio. m³, was 35% bis 45% der Weltnachfrage decken könnte. 

Quelle: CNBCUSGSNational Interest (alle EN); KommersantXinhuaForbes (alle RU)


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14.04.2026

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