BIP-Prognose 2026: Russische Wirtschaft stagniert

Russlands Präsident Wladimir Putin erklärte Mitte September bei einem Regierungstreffen, dass die wirtschaftliche Entwicklung Russlands im Allgemeinen den Erwartungen der Regierung entspreche. Regierungsschätzungen zufolge wird das BIP-Wachstum 2026 bei bis zu einem Prozent liegen. Präsident Putin stellte die gute Entwicklung von Beschäftigung, Einkommen und Konsum heraus. Er verwies auf die niedrige Arbeitslosenquote von 2,3% im Juli, die nahe einem historischen Tiefstand lag. Die Löhne sind laut Wladimir Putin im ersten Halbjahr real um 6,5% gestiegen. Der stabile Arbeitsmarkt und die steigenden Einkommen wirkten sich auch in der Nachfrage der Verbraucher aus und die Einzelhandelsumsätze hätten in den ersten sieben Monaten dieses Jahres um 5,4% zugelegt, erklärte der Präsident.

Der russische Staatschef äußerte sich darüber hinaus über den Rückgang der Inflationsrate. Diese sei seit dem zweiten Quartal des vergangenen Jahres kontinuierlich gesunken und habe am 14. September 2026 bei 6,2% gelegen. „Das ist deutlich niedriger als im Vorjahr. Zur Erinnerung: Im ersten Quartal 2025 lag die Inflation zweistellig bei 10,3%“, so Putin, „die Bemühungen der Zentralbank und der russischen Regierung in diesem Bereich zeigen also eindeutig Wirkung“, betonte der Präsident.

Kirill Tremasov, Berater der Leiterin der russischen Zentralbank, prognostizierte gegenüber der Nachrichtenagentur Interfax, dass die geplante Anhebung der Wohnnebenkosten die jährliche Inflationsrate um 0,7 Prozentpunkte erhöhen dürfte.

Positive Haushaltsentwicklung

Zur Haushaltsentwicklung merkte Präsident Putin an, dass im Bundeshaushalt im August ein Überschuss in Höhe von 606 Mrd. Rubel, umgerechnet 6,3 Mrd. Euro, verzeichnet worden sei. In der ersten acht Monaten dieses Jahres stiegen die Einnahmen außerhalb des Öl- und Gassektors demnach um mehr als 18%. Der Staatspräsident äußerte sich zu den Vorteilen der stark gestiegenen Ölpreise für Russland: „Wir erwarten, dass die Staatseinnahmen aus Öl und Gas in den kommenden Monaten ebenfalls steigen werden. Dies wiederum ermöglicht es uns, den Nationalen Wohlfahrtsfonds wieder aufzufüllen, der als eine Art Sicherheitsnetz für die öffentlichen Finanzen dient.“

Vorläufige Schätzungen der Regierung deuten darauf hin, dass sich im Bundeshaushalt im Jahr 2026 ein Defizit in Höhe von etwa 3,2% des BIP ergeben wird. Dabei geht die Regierung für 2026 von einer Ölpreisprognose von rund 59 US-Dollar pro Barrel aus.

Wiener Forschungsinstitut: Hohe Zinsen kühlen Konjunktur ab

Der Russland-Experte des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw), Vasily Astrov, äußerte sich in einem Interview mit der österreichischen Nachrichtenagentur APA ausführlich zur Entwicklung der russischen Wirtschaft. „Momentan glaube ich, dass die Stagnation noch anhalten wird“, sagte Astrov. Russlands Wirtschaftsleistung dürfte 2026 nur noch um 0,6% wachsen, erklärte er. Seine Wachstumsprognose stimmt also mit der Prognose der russischen Regierung überein.

Für die aktuelle Abkühlung der Konjunktur macht Astrov vor allem die hohen Zinsen verantwortlich. Der Leitzinssatz liegt derzeit bei 14%. Astrov ist der Ansicht, dass Präsident Putin Zentralbankchefin Elwira Nabiullina bei ihrem Kurs der Inflationsbekämpfung implizit unterstützt. Der Grund dafür sei auch psychologischer Natur: In der russischen Führung wirkten „traumatische Erfahrungen während der Hyperinflation der 1990er-Jahre“ nach, erklärte Astrov.

Gleichzeitig sei die staatliche Finanzierung des Ukraine-Konflikts, so Astrov, trotz steigender Defizite nicht gefährdet. Die russische Staatsverschuldung liege bei sehr niedrigen 16% des Bruttoinlandsprodukts. Der Staat leihe sich das Geld vor allem bei einheimischen Banken, so Astrov. Die gesamten Verteidigungsausgaben belaufen sich laut wiiw-Schätzungen auf 7% bis 8% des BIP. Davon entfallen 2% auf die Bezahlung der Soldaten. Der direkte Anteil der Rüstungs- und Waffenproduktion an der gesamten Wirtschaftsleistung werde nach Einschätzung Astrovs manchmal überschätzt – er mache nur etwa 2% des BIP aus.

Geht es Verbrauchern besser?

Auf die Frage, wie es einem typischen russischen Privathaushalt derzeit wirtschaftlich gehe, differenzierte Astrov: Verglichen mit der Situation vor zwei Jahren gehe es den Verbraucherhaushalten schlechter, verglichen mit der Zeit vor dem Ukraine-Konflikt jedoch besser. Grund dafür seien der Boom in den Jahren 2023 und 2024 sowie Anfang 2025 mit BIP-Wachstumsraten von 4% bis 5% pro Jahr, die infolge der hohen Militärausgaben erreicht worden seien. Astrov verweist darauf, dass die unteren Einkommensschichten finanziell besonders stark von der Situation profitierten: Vertragssoldaten erhielten ein Gehalt von 2000 Euro pro Monat, Einmalzahlungen von durchschnittlich 10.000 bis 20.000 Euro bei Vertragsabschluss sowie im Falle von Tod oder schwerer Verwundung Entschädigungen von bis zu 150.000 Euro.

Russland bewältigt Sanktionen

An der Sinnhaftigkeit der westlichen Wirtschaftssanktionen zweifelt Astrov: „Ich bin kein großer Fan von Sanktionen.“ Die Sanktionen würden politisch oft kontraproduktiv wirken, die anti-westliche Stimmung anheizen und der russischen Regierung als bequeme Ausrede für wirtschaftliche Probleme dienen, begründet der Russland-Experte. Die russische Wirtschaft habe die krisenhafte Phase von 2022, als das BIP um mehr als 1% schrumpfte, rasch durch Anpassungsmaßnahmen überwunden, so Astov. Er fügte hinzu, dass die Sanktionen ohne eine Beteiligung wichtiger Länder wie China, Indien, Türkei oder die Vereinigten Arabischen Emirate wenig Wirkung zeigen würden.

Dass Russland die westlichen Wirtschaftssanktionen gut verkraften kann, liegt laut Astrov daran, dass die russische Wirtschaft extrem anpassungsfähig und marktwirtschaftlich organisiert ist. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen würden eine zentrale Rolle bei der Umgehung westlicher Sanktionen über Drittländer spielen. Durch die Sanktionen gerate Russland jedoch in eine zunehmend einseitige Abhängigkeit von China, warnte Astrov. Peking nutze seine Marktmacht aus, diktiere Preisabschläge auf russisches Erdöl und zeige sich bei Verhandlungen über den Bau einer zweiten Gas-Pipeline aus Westsibirien äußerst hart, weshalb es nach wie vor keinen Vertrag gebe, so der Experte. / Russ. Präsident, Interfax (beide RU), Ostwirtschaft, Salzburger Nachrichten, wiiw 1, 2

🔎 Die Langfassung des Textes mit zahlreichen Grafiken und Tabellen stammt von Klaus Dormann, langjähriger Analyst beim Energiekonzern Eon, und ist zuerst auf dem Wirtschaftsportal Ostwirtschaft.de erschienen.


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02.10.2026

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