Neues russisches Wirtschafsmodell soll Wende bringen

„Russlands Wirtschaftsmodell ist fast ausgeschöpft, der neue Zyklus muss anders gestaltet werden – und das schon ab 2027.“ Mit diesen mahnenden Worten wandten sich die Experten des regierungsnahen Analysezentrums „Drittes Rom“ vergangene Woche in einem Bericht an den russischen Präsidialrat für Strategische Entwicklung und Nationalprojekte. In ihrem Zukunftskonzept skizzieren die Wirtschaftswissenschaftler „sieben Säulen“ für ein neues, innovationsgetriebenes Wachstumsmodell Russlands.

Die Denkfabrik „Drittes Rom“ wurde 2024 auf Initiative des russischen Präsidenten Wladimir Putin ins Leben gerufen. Das Analysezentrum soll Konzepte und Lösungen für nationale und globale Wirtschaftsfragen entwickeln. Der Name „Drittes Rom“ spielt auf den im 16. Jahrhundert aufgekommenen Ausdruck „Moskau – Drittes Rom“ an. Der Ausdruck dient traditionell immer wieder als Grundlage von Staatstheorien, die Russlands Führungsanspruch in der Tradition des römischen und dann des byzantinischen Reiches hervorheben.

Sieben Wirtschaftssäulen

Die Wissenschaftler sind überzeugt, dass die Wirtschaftsleistung Russlands ohne neue Impulse verhalten bleiben wird. Im Zeitraum von 2026 bis 2036 werden die Wachstumsraten nicht mehr als 1,6% pro Jahr betragen, prognostizieren die Forscher in einem so genannten „trägen Wachstumsszenario“. Dies sei möglich dank der bereits getätigten Investitionen in den Kapitalstock: In den vergangenen sechs Jahren seien diese um 34,6% gestiegen, schreiben die Analysten. Für eine Verdoppelung der Wachstumsraten sei jedoch der Übergang zu einem neuen Wirtschaftsmodell nötig, das „intensiv“ statt wie bisher „extensiv“ beschaffen sein sollte (der Fokus rückt auf Qualität und Arbeitsproduktivität).

Den Schwerpunkt des neuen Investitionszyklus legen die Ökonomen deshalb auf den technologischen Fortschritt – den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, autonomen Systemen und Industrierobotern. Eine weitere Säule ist der Ausbau der „Plattformisierung“, also der Übergang einzelner Branchen auf digitale Plattformen. Damit ließen sich Transaktionskosten senken, Wertschöpfungsketten optimieren und zusätzliche Wachstumsressourcen freisetzen, schreiben die Analysten. Das Onlinesegment generierte allein im vergangenen Jahr den Berechnungen zufolge 18,3 Bio. Rubel, umgerechnet 185,75 Mrd. Euro, was 8,5% des Bruttoinlandsprodukts entsprach.

Im neuen Wirtschaftsmodell sollte der Staat nicht mehr primär selbst Nachfrage erzeugen, sondern seine Rolle darauf beschränken, die Bedingungen für mehr Privatinvestitionen und Konsum zu schaffen, argumentiert der Thinktank. Die Forscher halten auch eine Ressourcenumverteilung zugunsten privater Unternehmen im neuen Wirtschaftszyklus für unabdingbar. Die Veränderung der Struktur der Haushaltsausgaben „könnte den Wettbewerb um Arbeitskräfte zwischen dem Verteidigungs- und dem zivilen Sektor abmildern“, so die Wirtschaftswissenschaftler. Weitere Schlüsselbereiche verorten die Ökonomen in dem russlandweiten Ausbau der Verkehrsnetze, der mit Investitionen in den Inlandstourismus einhergehen sollte, sowie der Entwicklung von Telekommunikationssystemen (etwa 5G), Weltraumtechnologien und eigenen Rechenzentren. 

Bestandsaufnahme: Wachstumsfaktoren ausgeschöpft

Die Analysten des Thinktanks „Drittes Rom“ schreiben im Hinblick auf das aktuelle Wirtschaftsmodell Russlands: „Die Wirtschaft hat seine Widerstands- und Anpassungsfähigkeit gegenüber äußeren Schocks unter Beweis gestellt. Russland hat in einer Reihe von Bereichen technologische Souveränität erlangt.“ Doch insgesamt stoße die russische Wirtschaft zunehmend an ihre Grenzen, räumen sie ein. Freie Arbeitskräfte seien so gut wie nicht mehr vorhanden, die Kapazitäten unausgelastet und die Nachfrage lasse sich nicht ewig durch den Staat stützen, attestieren die Ökonomen.

Im Zeitraum zwischen 2019 und 2025 belief sich das kumulierte Wirtschaftswachstum Russlands auf 12% – im Durchschnitt 1,9% pro Jahr, heißt es in dem Bericht. Das Wachstum sei durch einmalige Faktoren bedingt gewesen, die heute zum größten Teil ausgeschöpft seien. Ein Wachstumsfaktor war die hohe Beschäftigungsquote in Russland. Nach Angaben des Thinktanks hat der Staat von 2019 bis 2025 insgesamt 2,1 Mio. zusätzliche Arbeitskräfte in den Markt integriert.

Gleichzeitig verweisen die Ökonomen auf eine negative Entwicklung: Die Basisgruppe der Erwerbstätigen zwischen 25 bis 54 Jahren sowie15 und 24 Jahren ging um 1,5 Mio. Arbeitskräfte zurück. Das Gros des Arbeitskräftezuwachses speiste sich aus der Kohorte der Über-55-Jährigen (1,8 Mio. Arbeitskräfte). Die Experten warnen vor den Folgen des demografischen Wandels. Laut der Denkfabrik könnte die Zahl der Erwerbstätigen von 2026 bis 2036 um 6,1% zurückgehen. Die Regierung schätzt den möglichen Arbeitskräftemangel bis 2030 auf rund 3,1 Mio. Menschen.

Die Auslastung der Produktionskapazitäten sei von 75,8% im Jahr 2019 auf 78,7% im Jahr 2025 gestiegen, schreiben die Analysten. Doch die Möglichkeiten zur weiteren Steigerung gehen den Prognosen zufolge immer weiter zurück. Das lässt sich auch an den Daten der russischen Zentralbank ablesen: Im ersten Quartal 2026 lag die Auslastung der Produktionskapazitäten bei 77,6%, im zweiten Quartal waren es lediglich 76,9%.

Exporteinbruch schmälert BIP

Die Analysten des Thinktanks stellen das Wegbrechen zahlreicher Exportmärkte wegen Sanktionen und geopolitischer Turbulenzen als einen der größten Negativfaktoren für die russische Wirtschaft in den Jahren 2019 und 2025 heraus. „Nach unseren Schätzungen stiegen die Importe im untersuchten Zeitraum nach Menge moderat um 7,4%, während die Exporte um 22,6% einbrachen“, schreibt die Denkfabrik. 80% der Exportrückgänge erklären sich durch reduzierte Lieferungen im Bereich Öl, Gas, Ölprodukte und Kohle. Ohne diesen einmaligen „externen Schock“ hätte der kumulierte Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts bei 19% statt 12% liegen können, so die Analysten. 

Quellen: RBC, Frank Media


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28.08.2026

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