Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) veröffentlichte Anfang Juli seine Wachstumsprognosen für Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Ein Fazit der Studie: Die steigenden Rohstoffpreise infolge des Iran-Konflikts hemmen das Wachstum in den meisten untersuchten Volkswirtschaften. Das Forschungsinstitut erwartet für das Jahr 2026 in fast allen postsowjetischen Ländern einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts im Vergleich zum Vorjahr

Belarus: Exportflaute dämpft Wachstum
Das Wirtschaftswachstum in Belarus hat sich nach wiiw-Angaben im Zeitraum von Januar bis April 2026 drastisch verlangsamt (0,2%). Dabei wies das Land 2024 einen BIP-Anstieg von 4,3% auf, 2025 lag der Wert bei 1,3%. Die Hauptgründe dafür sehen die Analysten in der schleppenden Exportentwicklung, bedingt durch eine schwache Nachfrage im Nachbarland Russland, und die anhaltenden Sanktionsbeschränkungen auf den Exportmärkten außerhalb des GUS-Raums. Auch die Binnennachfrage verliert an Schwung. So baute die Produktion im verarbeitenden Gewerbe, bisheriger Konjunkturmotor für die belarussische Wirtschaft, im genannten Zeitraum um 2,5% ab. Dies führen die Wiener Experten auf eine schwache Inlandsnachfrage sowie auf ungewöhnlich hohe Lagerbestände Anfang des Jahres zurück. Die Binnennachfrage wird nach wiiw-Einschätzung wegen der schwierigen Finanzsituation der Unternehmen weiter schwach ausfallen.
Die Inflation in Belarus dürfte mit rund 5,9% auf einem hohen Niveau bleiben, was den anhaltenden inländischen Preisdruck und den globalen Rohstoffpreisschock widerspiegelt, so das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). Es erwartet in diesem Jahr ein BIP-Zuwachs in Belarus von 1%. Das Exportvolumen werde sich im laufenden Jahr wieder ins Plus drehen (2,1%) – nach einem Rückgang von 4,7% im Vorjahr. Diese Tendenz wird begünstigt durch die steigenden Ausfuhren von Erdölprodukten und der teilweisen Auflockerung der US-Sanktionen gegen Belarus bei Kalidünger Anfang des Jahres. In den Folgejahren 2027 und 2028 erwarten die Analysten ein Wachstum von 1,5% bzw. 1,3%
Kasachstan: Ölgeschäft kurbelt Konjunktur an
Im ersten Quartal 2026 wuchs das Bruttoinlandsprodukt Kasachstans um 3%. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) prognostiziert, dass sich die kasachische Wirtschaft im weiteren Verlauf des Jahres jedoch stärker als bisher erwartet auf 4,5% beschleunigt. Die Analysten führen dies auf die allmähliche Erholung der Ölförderung im Land zurück. Davon profitierten die Bereiche verarbeitendes Gewerbe, Transport und Lagerung im Zeitraum von Januar bis April am meisten. Sie weisen zweistellige Wachstumsraten auf. Dank dieser Branchen stiegen auch die Gesamtinvestitionen in die kasachische Wirtschaft um 6,7%. Künftig dürften auch ausländische Direktinvestitionen in kürzlich angekündigte Großprojekte in den Bereichen Chemie, Bergbau und Energie zum Tragen kommen.
Im vergangenen Jahr wuchs die kasachische Wirtschaft um 6,5%. Für die Jahre 2027 und 2028 erwarten die Ökonomen einen BIP-Anstieg auf 4,7% bzw. 5%, der vor allem durch die Binnennachfrage getrieben sein wird. Höhere weltweite Ölpreise und eine gestiegene Nachfrage nach kasachischem Öl angesichts der gesperrten Straße von Hormus werden die Exporteinnahmen Kasachstans steigern und das Handelsbilanzdefizit im laufenden Jahr verringern, so die Einschätzung. Ein Anstieg der Exportmengen werde jedoch durch die Produktionskapazitäten und die Förderlimits im Rahmen des Ölkartells OPEC+ begrenzt. Ein weiteres Risiko stellen mögliche Störungen der Ölexporte über russisches Territorium dar.

Milliardenkredit verschafft Ukraine Luft
Die ukrainische Wirtschaft wird sich in diesem Jahr verlangsamen, aber bereits in den nächsten zwei Jahren zulegen, prognostiziert das wiiw. Im ersten Quartal 2026 schrumpfte die ukrainische Wirtschaft im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 0,5%, was vor allem auf die erhebliche Beschädigung der Energieanlagen durch russische Attacken und die daraus resultierenden Stromengpässe zurückzuführen war. Die wiiw-Analysten gehen davon aus, dass sich die Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte wieder beleben und unterm Strich bei 1% liegen wird, gestützt durch Wiederaufbauprojekte und Verteidigungsinvestitionen. Die Ukraine leide aber auch unter den Auswirkungen des Iran-Kriegs, so die Analysten. Das Land sei von Treibstoff- und Düngerimporten abhängig, die durch die Blockade der Meeresenge von Hormus teurer geworden seien.
Der im April bewilligte EU-Kredit von mehr als 90 Mrd. Euro stabilisiere die ukrainische Wirtschaft und decke zwei Drittel des Finanzierungsbedarfs, so das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. Davon sind 60 Mrd. Euro für Militärausgaben vorgesehen, die restlichen 30 Mrd. Euro fließen in die Haushaltsunterstützung. Das Darlehen sei außerdem wichtig, um die ukrainische Landeswährung zu stützen, da das Leistungsbilanzdefizit vor allem aufgrund der hohen Importnachfrage bei über 15% des BIP liegt, schreiben die Analysten. Die Inflation werde sich 2026 aufgrund der höheren weltweiten Energiepreise nicht so stark verlangsamen wie zuvor erwartet. Das wiiw schätzt, dass die Inflation in der zweiten Jahreshälfte 2026 durchschnittlich 10% betragen wird, jedoch bis 2027 auf 6% zurückgeht.
2027 und 2028 wird sich das Wachstum der Prognose zufolge dann wieder auf 2,5% und 3,5% beschleunigen. Die Wiener Experten knüpfen dies allerdings an höhere Investitionen in den Wiederaufbau und eine Deeskalation des Ukraine-Konflikts in den kommenden Jahren.

Moldau strafft Geldpolitik
Das Bruttoinlandsprodukt Moldaus wird voraussichtlich in diesem Jahr auf 1,9% im Vergleich zu 2,4% im Vorjahr zurückgehen, schreibt das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. Künftiges Wachstum hänge von Investitionen in Infrastruktur, Ausrüstung und Anlagen ab, bleibe jedoch durch den Arbeitskräftemangel eingeschränkt. Zudem haben weltweit steigende Kraftstoff- und Rohstoffpreise den Inflationsdruck in Moldau erhöht. Die Inflationsrate in Moldau stieg seit Jahresbeginn von 4,8% auf 6,8% im Mai. Die Nationalbank von Moldau prognostiziert für das vierte Quartal 2026 eine Inflationsrate von 8,6%. Dies veranlasste die Zentralbank zu einer Abkehr von ihrem Lockerungskurs. Im Dezember 2025 senkte sie den Leitzins auf 5%, hob ihn aber zuletzt im Mai wieder auf 6,5% an.
Um dieser Entwicklung Herr zu werden, subventioniert die moldauische Regierung den Energieverbrauch der Privathaushalte und den Agrarsektor, das Rückgrat der moldauischen Wirtschaft. Das hat laut den Wiener Analysten ein hohes Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit zur Folge, das wiederum durch ausländische Kapitalzuflüsse abgedeckt wird. Die Republik Moldau setzt ihren proeuropäischen Kurs fort und strebt bis 2030 den EU-Beitritt an, was jedoch umfassende Strukturreformen erfordert. Das Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche rechnet für 2027 und 2028 mit einem BIP-Zuwachs von 2,7% und 3,3%.

Russland: Kraftstoffkrise belastet Wirtschaft
Im ersten Quartal 2026 schrumpfte das BIP Russlands im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 0,2% und verzeichnete damit erstmals seit drei Jahren einen Rückgang. Den Hauptgrund dafür sieht das wiiw in dem Rückgang der Investitionstätigkeit um 14,3% infolge hoher Kreditkosten und der Tatsache, dass die Importsubstitution wohl an ihre Grenzen stößt. Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe legte der Analyse zufolge in den ersten vier Monaten um 0,3% zu, wobei nur sechs Branchen – drei davon mit einem hohen Anteil an der militärischen Produktion – eine positive Entwicklung aufwiesen. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) schätzt das diesjährige Wachstum der russischen Wirtschaft auf 0,6% – und damit 0,3% weniger als in seiner „Frühjahrprognose“ Ende April.
Die wirtschaftliche Stagnation ist in erster Linie das Ergebnis sehr straffer geldpolitischer Bedingungen, auch wenn die Geldpolitik in diesem Jahr schrittweise gelockert wird. Seit Mitte 2025 hat die russische Zentralbank den Leitzins von 21% auf 14,25% gesenkt, auch die Inflation ist deutlich zurückgegangen – im Mai lag sie bei 5,3%. Der Spielraum für weitere Zinssenkungen wird wegen neuer Inflationsrisiken wie etwa der Kraftstoffkrise geringer. Ukrainische Drohnenangriff auf russische Ölraffinerien stören seit Monaten die Kraftstoffproduktion in Russland.
Die Ölexporteinnahmen angesichts des Iran-Kriegs haben der russischen Wirtschaft nur einen kurzfristigen Geldsegen beschert. Der Anstieg der Ölpreise machte sich zwar im Mai im russischen Haushalt bemerkbar, als die Öl- und Gaseinnahmen um 33% gegenüber dem Vorjahreszeitraum stiegen. Nach Angaben des russischen Finanzministeriums sanken die Öl- und Gaseinnahmen im ersten Halbjahr 2026 im Jahresvergleich allerdings um 22,7% auf 3,66 Bio. Rubel, umgerechnet 41,3 Mrd. Euro. Für 2027 rechnen die Analysten allerdings wieder mit einer stärkeren Wirtschaftsentwicklung in Russland und einem Wachstum von 1,3%, für 2028 dann mit 1,7%.

Lettland: Investitionen bleiben hoch
Das Wachstum in Lettland wird in erster Linie von den Investitionsausgaben und öffentlichen Aufträgen getragen. Im ersten Quartal 2026 wuchs die lettische Wirtschaft um 2,5%. Laut dem Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche dürften die Investitionen dankt EU-Mitteln und erhöhter Verteidigungsausgaben auf einem hohen Niveau bleiben. Für dieses Jahr prognostizieren die Analysten ein Wirtschaftswachstum von 1,8% – ein leichter Rückgang zum Vorjahr (2,1%). Auf die Wirtschaftsleistung wirken sich die schwache Auslandsnachfrage und die schlechte Exportentwicklung aus. Ausschlaggebend dafür sei die Neuausrichtung der Handelsrouten. Dies schmälert die Wettbewerbsfähigkeit der lettischen Transport- und Logistikbranche im Ausland.
Derweil geben die Privathaushalte wieder mehr Geld aus, was die Wiener Ökonomen mit einem leichten Anstieg der Realeinkommen erklären. Allerdings wird diese Tendenz durch Inflationserwartungen ausgebremst. Die Inflation stieg in Lettland von 2,3% im Februar auf 3,5% im Mai. Für 2027 und 2028 erwartet das Forschungsinstitut einen Anstieg des BIPs auf 1,9% und 2,4%.
Litauen: Inflation nimmt zu
Das Wirtschaftswachstum Litauens lag im ersten Quartal 2026 bei 2,6% und wurde vor allem von der Binnennachfrage getragen. Auch für Litauen bleiben EU-finanzierte Investitionen und öffentliche Aufträge die wichtigste Stütze. Gleichzeitig wirken sich die schwierigen internationalen Rahmenbedingungen zunehmend auf die Wirtschaftsleistung aus. Die schwache Nachfrage seitens wichtiger EU-Handelspartner und das verhaltene Exportwachstum schränken die Konjunktur ein. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche erwartet in diesem Jahr ein Wachstum von 2,2% – im Vorjahr betrug das Bruttoinlandsprodukt 2,9%.
Binnen einem halben Jahr stieg die Inflationsrate von 3,1% im Januar auf zuletzt 5,5%. Der Anstieg ist den wiiw-Analysten zufolge in erster Linie auf höhere Energiepreise zurückzuführen, die sich in wachsenden Großhandels- und Einzelhandelskosten niederschlagen. Die geopolitischen Risiken – allen voran der Iran-Krieg – bleiben der Prognose zufolge weiterhin hoch. Im nächsten Jahr erwarten die Ökonomen einen BIP-Rückgang auf 1,8%. Aufwärts geht es dann wieder im Jahr 2028 mit prognostizierten 2,5%.
Estland auf Wachstumskurs
Estlands Wirtschaft feiert derzeit ein Comeback. Nach einer Konjunkturflaute im Vorjahr (0,6%) prognostizieren die wiiw-Analysten für dieses Jahr ein BIP-Wachstum von 2,4%. Auch die nächsten zwei Jahre bleiben laut Prognose mit 2,8% und 2,4% wachstumsstark. Diesen Aufschwung erklären die Ökonomen mit der Binnennachfrage. Das Wachstum speist sich vor allem aus dem Dienstleistungssektor. Höhere Nettolöhne infolge der Einkommenssteuerreform beleben den Konsum privater Haushalte. Der Außenhandel hingegen befindet sich, wie EU-weit zu beobachten, im Abschwung und wird durch Importe wie etwa Rüstungsbeschaffungen überwogen.
Der Anstieg der Kraftstoff- und Rohstoffpreise durch den Konflikt im Nahen Osten heizt auch in Estland die Inflation an. Das Wiener Forschungsinstitut schätzt die durchschnittliche Inflationsrate auf 3,8% und rechten erst im Jahr 2028 mit einem Absinken auf 2%. Ein wesentlicher Haushaltsposten bleiben die hohen Verteidigungsausgaben, die mehr als 5% des BIP ausmachen. Die Staatsverschuldung Estlands steigt: Den Wiener Analysten zufolge wird das Haushaltsdefizit 2026 voraussichtlich rund 4,4% des Bruttoinlandsprodukts erreichen. Diese Verschuldung ist im europäischen Vergleich weiterhin niedrig, nimmt aber immer mehr an Tempo zu.
Quellen: Monthly Report wiiw (EN), Ostwirtschaft.de
- Wirtschaftliche Tendenzen in postsowjetischen Ländern
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