Benzinkrise in Russland

An russischen Tankstellen bilden sich Warteschlangen, räumte Präsident Wladimir Putin am Sonntag ein. Autofahrer und Unternehmen könnten nicht überall die benötigte Benzinsorte finden, sagte Putin bei einer Regierungssitzung zur Kraftstoffversorgung der russischen Regionen. Das Angebot solle ausgeweitet werden und man habe damit begonnen, die Benzinreserven einzusetzen, erklärte der Präsident. Den aktuellen Stand der staatlichen Reserven bezifferte er auf 1,7 Mio. Tonnen, was nur 4% unter dem Vorjahreswert liege. Zugleich betonte der russische Präsident, dass die großen russischen Raffinerien zurzeit an ihren Kapazitätsgrenzen arbeiteten.

Die Regierung machte bisher auch Hamsterkäufe für das Defizit verantwortlich. Vizepremier Nowak sprach von einer „um 20–30% künstlich erhöhten Nachfrage“. Es seien ausreichende Benzinreserven vorhanden, Diesel gebe es sogar im Überfluss. Der vorhandene Treibstoff müsse nur besser unter den russischen Regionen verteilt werden, lautete die Regierungslinie. Mit Stand von Montagvormittag haben mehr als 40 russische Regionen den Kraftstoffverkauf zumindest teilweise eingeschränkt, schrieb das Wirtschaftsportal RBC.

Produktion sinkt

Die russische Kraftstoff-Statistik ist seit Mai 2024 stark eingeschränkt. Im April 2024 belief sich die Produktion von Benzin auf 3,4 Mio. t und von Diesel auf 6,9 Mio. t. Im Gesamtjahr 2024 waren es nach Regierungsangaben 41,1 Mio. t Benzin und 81,6 Mio. t Diesel, wobei sich diese Mengen auf Kraftstoff des Umweltstandards Euro 5 bezogen. Das in Perm ansässige Beratungsunternehmen Alto Group (ACG) beziffert die Produktion von Diesel, unabhängig von der Umweltnorm, auf 84,5 Mio. t. Zum Benzin macht das Unternehmen keine Angaben. Beim Diesel sollte es keinen Mangel geben, da Russland „in ruhigeren Zeiten“ etwa die Hälfte seiner Produktion exportierte, erklärt Igor Juschkow von der Finanzuniversität der russischen Regierung. Dagegen gingen gewöhnlich 85% bis 90% des erzeugten Benzins auf den heimischen Markt.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete unter Verweis auf Brancheninsider, dass Russland in der Woche bis zum 19. Juni rund 90.000 t Benzin pro Tag produzierte. Damit liege die Produktion um 25% unter dem Wert von Juni 2025 und um 20–25% unter dem Wert von März 2026, also bevor die jüngste Welle ukrainischer Drohnenangriffe auf russische Raffinerien begonnen habe. Den täglichen Bedarf an Benzin während der Sommerzeit bezifferten die Reuters-Quellen auf mindestens 110.000 t pro Tag. Die Mitte Juni angegriffene Raffinerie des staatlichen Ölkonzerns Gazprom Neft in Moskau produzierte im Jahr 2024, aus dem die letzten verfügbaren Daten stammen, 2,9 Mio. t Benzin und 3,2 Mio. t Diesel.

Rosstat gibt nur noch Daten zur Entwicklung in der allgemeinen Kategorie „Ölprodukte und Koks“ im Rahmen der industriellen Produktion heraus. Für Mai 2026 wies die offizielle Statistik einen Rückgang zum Vorjahresmonat um 13,5% und zum Vormonat um 2,3% aus. Im April hatte die Produktion um 9,1% unter dem Wert des Vorjahreszeitraums gelegen und in den ersten fünf Monaten 2026 um 4,9%.

Preise steigen

Laut der offiziellen Statistik, die Rosstat weiterhin veröffentlicht, verteuerte sich Benzin von Jahresbeginn bis zum 22. Juni um 9,8% und im Jahresvergleich um 18%. Das ist mehr als das Dreifache der allgemeinen Teuerungsrate von 5,82%. Allein in der Woche vom 16. Bis zum 22. Juni stiegen die Benzinpreise landesweit um 3%, bei einer allgemeinen wöchentlichen Inflation von 0,25%. Laut dem Moskauer Kraftstoff-Spezialisten OMT Consult stieg der Preis für Benzin an freien Tankstellen von Januar bis 19. Juni um fast 14% von 66,4 auf 76,9 Rubel (0,88 Euro) pro Liter. An den Tankstellen der großen Ölkonzerne zogen die Preise um 4% von 70,7 auf 73,3 Rubel (0,84 Euro) an. Zugleich legte der Großhandelspreis für 95er-Benzin von Jahresbeginn bis zum 17. Juni um 28% auf 75.400 Rubel (863 Euro) und für Diesel um 34% auf 73.000 Rubel (835 Euro) pro Tonne zu, wie das Wirtschaftsmagazin Expert ausführt. Die Tankstellen können aufgrund von staatlichen Preiskontrollen die gestiegenen Einkaufspreise nicht vollständig an die Kunden weitergeben. Entsprechend schmolzen ihre Gewinne von 5,2 Rubel pro verkauftem Liter Mitte Januar auf 1,9 Rubel am 19. Juni zusammen, berichtet der Branchendienst Petromarket. Beim 92er-Benzin ist die Marge von 6,1 Rubel auf nur noch 0,3 Rubel pro Liter zurückgegangen.

Kurs auf Benzinimporte

Die russische Regierung will das Benzindefizit auch mit Importen lindern. Die Duma verabschiedete vergangene Woche im Eilverfahren ein Gesetz, das finanzielle Anreize für den Import von Benzin schafft. Als möglicher Lieferant gilt vor allem Indien, dessen Benzinpreise und Lieferkonditionen in dem Gesetz als Maßstab für die Höhe der Subventionen für Importe außerhalb der Eurasischen Wirtschaftsunion dienen. Indien exportierte im Mai mit 930.000 Barrel Ölprodukte pro Tag so wenig wie zuletzt im Oktober 2022, berichtet der belgische Branchendienst Kpler. Der Wert entspricht umgerechnet rund 125.000 bis 130.000 Tonnen pro Tag. Bisher bezieht Russland bereits Benzin aus Belarus. Nach Angaben der St. Petersburger Börse wurden dort vom 1. bis 19. Juni 51.360 t Benzin verkauft, zu einem Preis von durchschnittlich 125.000 Rubel (1430 Euro) pro Tonne. Der Preisaufschlag gegenüber russischem Benzin von rund zwei Dritteln erklärt sich auch dadurch, dass die Importe von den Limits für Preissteigerungen an der Börse von zuletzt 0,01% pro Tag ausgenommen sind. 

Quelle: Statbase, Reuters, SFG, Hindu business line, Hydrocarbonprocessing 1, 2 (alle EN), Tadviser, RBC 1, 2, AiF, Neftegaz.ru 1, 2, 3, TASS, Interfax, Pro NPZ, Rosstat, NG, Expert 1, 2, UDF (alle RU)


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30.06.2026

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