Russlands Banken: Rekordgewinn, Kreditkrise und Bankenschwund

Die Gewinne der russischen Banken sprudeln auch 2026. Für die ersten fünf Monate des Jahres weist die Zentralbank einen Nettogewinn des Bankensektors von beinahe 2 Bio. Rubel aus, umgerechnet 22,8 Mrd. Euro. Das bisherige Resultat bedeutet eine Steigerung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 48% und übertrifft auch den Wert des Rekordjahrs 2024 um 32%. Das damalige Jahresergebnis des Sektors belief sich, um konzerninterne Dividendenzahlungen bereinigt, auf 3,8 Bio. Rubel, etwas mehr als 43,3 Mrd. Euro. Im Jahr 2025 waren es noch rund 3,5 Bio. Rubel (39,9 Mrd. Euro) gewesen, für 2026 erwartet die Zentralbank ein bereinigtes Resultat von 3,4-3,9 Bio. Rubel (38,8-44,5 Mrd. Euro), also Gewinne im Bereich der beiden starken vergangenen Jahre.

Die Statistik zum jüngsten Berichtsmonat der Zentralbank, Mai 2026, deutet allerdings auch auf eine Verlangsamung des Wachstums hin. Mit 362 Mrd. Rubel (4,1 Mrd. Euro) übertrafen die Gewinne die des Vorjahresmonats noch um knapp 23%. Die starken Zahlen insbesondere im 1. Quartal verdanken sich laut der Zentralbank dem sinkenden Leitzins, weil die Einlagezinsen vorübergehend schneller sanken als die Renditen vieler Kredite.

Mehr schlechte Unternehmenskredite

Dennoch verbreitete die britische Nachrichtenagentur Reuters am 6. Juli die Einschätzung eines nicht näher genannten europäischen Geheimdiensts, der vor einer „explosiven Bankenkrise“ in Russland warnte. Das gewichtigste Argument ist die hohe Zahl von „zweifelhaften Unternehmenskrediten“, deren Anteil die Reuters-Quelle auf 10% schätzt. Das liegt in einer ähnlichen Größenordnung wie die Problemquote der russischen Zentralbank von 10,4% gegen Ende des 3. Quartals 2025. Das regierungsnahe russische Wirtschaftsforschungsinstitut ZMAKP rief deswegen Anfang 2026 eine „latente systemische Bankenkrise“ aus. Bis März stieg die Quote der problematischen Unternehmenskredite auf 11,6% und blieb im April auf diesem Niveau. Das Volumen dieser Kredite bezifferte die Zentralbank zuletzt auf 11,2 Bio. Rubel, umgerechnet 128 Mrd. Euro.

Mehr als die Hälfte dieser Kredite (51%) sei durch Rückstellungen und hochwertige Sicherheiten abgedeckt, schreibt die Zentralbank und bewertet diese Abdeckung als „akzeptabel“. Das Risiko der nicht abgedeckten 5,5 Bio. Rubel (62,7 Mrd. Euro) sei „kontrollierbar“, weil mögliche Verluste nur schrittweise anfielen und aus den laufenden Gewinnen der Banken gedeckt werden könnten. Auch ZMAKP bewertete die Lage zuletzt als weniger akut. Die Gefahr einer neuen Welle fauler Kredite und eines Bankenruns sei niedrig. In den zwölf Monaten bis März 2026 seien die Bankeinlagen der Bevölkerung um 15% gestiegen, was gegen eine Vertrauenskrise spreche. Vor allem der starke Rubel spreche dafür, dass die Krise insgesamt weniger als ein Jahr dauern werde, schrieb ZMAKP im Mai.

Zu den 11,6% problematischen Unternehmenskrediten zählt die Zentralbank auch „riskante“ Restrukturierungen im Umfang von 4,6% des gesamten Portfolios. Bei einer Restrukturierung werden die ursprünglichen Kreditbedingungen geändert, um dem Unternehmen die weitere Bedienung des Kredits zu ermöglichen. Insgesamt waren Ende März 18,2% der Unternehmenskredite restrukturiert, nach 16,3% Ende 2025 und 13,3% Ende des 1. Quartals 2025. ZMAKP und der von Reuters zitierte Geheimdienstbericht bewerten die umfangreichen Restrukturierungen als ein mögliches Mittel, Zahlungsausfälle aufzuschieben und damit das tatsächliche Ausmaß der Kreditprobleme zu verschleiern.

Kleine Banken verschwinden

Während die mögliche Kreditkrise auch die Top-Banken bedroht, geraten kleinere Banken aus anderen Gründen unter Druck. Anfang Juni zählte die Zentralbank 301 Institute mit einer Banklizenz, was einem Drittel des Bestands von 2010 entspricht. Während die großen Banken in der Regel unter westlichen Sanktionen stehen, bleiben viele der kleineren Häuser von ihnen ausgenommen. So hat die EU nach Angaben des Europarats bisher Transaktionsverbote gegen 70 russische Banken verhängt. Das für Juli 2026 geplante 21. Sanktionspaket soll Maßnahmen gegen weitere 90 Institute enthalten. Auf den Sanktionslisten der USA befanden sich Anfang 2026 insgesamt 118 russische Banken, ermittelte die Onlinebank T-Bank. Allerdings gehören nicht alle aufgezählten Institute zu den 301 aktiven Geschäftsbanken in Russland.

Laut dem Branchenverband ARB, der vor allem kleine und mittlere Banken vertritt, entfielen Ende des vergangenen Jahres 81,35% aller Aktiva auf die zehn größten Banken, nach 79,7% ein Jahr zuvor. Auf die zu jenem Zeitpunkt noch 206 Banken außerhalb der hundert größten Institute entfielen nur 1,3% der Aktiva. Doch auch 300 Banken seien für die russische Wirtschaft zu viel, erklärte vor kurzem der Chef der größten Privatbank Alfa-Bank, Wladimir Werchoschinskij. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis den technologisch abgehängten „klassischen Banken“ jenseits der Top 20 die Lizenz entzogen werde oder sie von selbst aufgäben, führte er aus.

Die Moskauer Ratingagentur Expert RA erwartet schon bald einen Rückgang auf 270 bis 280 Banken, das Beratungsunternehmen Fintech Partners bis 2030 auf höchstens 260 Banken. ARB prognostiziert bis dahin 250 Institute. Der Aktiva-Anteil der Top 10 könnte dann 89% erreichen, während er bei den Banken jenseits der Top 100 auf 1% fallen dürfte, schätzt Fintech Partners.

Der Bankenschwund werde nach Einschätzung von Expert RA weniger durch Lizenzentzüge als durch Verkäufe und den Anschluss an größere Bankengruppen erfolgen. Kleinere Institute müssen wegen ihrer weniger bekannten Marken und ihrer kleineren Privatkundenbasis höhere Einlagezinsen bieten. Zugleich sind sie besonders anfällig für Probleme einzelner Branchen, weil sich ihre Kreditportfolios häufig auf wenige Wirtschaftszweige und einzelne große Kunden konzentrieren. Hinzu kommen hohe Investitionskosten für Digitalisierung und IT-Sicherheit. Das hat bereits dazu geführt, dass es Ende 2025 in 29 russischen Regionen keine und in 22 weiteren Regionen nur noch eine lokale Bank gab, warnt ARB. 

Quelle: Interfax 1, 2, ZMAKP 1, 2, Russ. Zentralbank 1, 2, RBC, T-Bank (alle RU); Reuters (EN), EU


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14.07.2026

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