Das renommierte Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) erwartet für Russland trotz steigender Öl- und Gaspreise infolge des Iran-Kriegs nur ein schwaches Wirtschaftswachstum und prognostiziert, dass Russland im Vergleich zu 23 untersuchten Ländern in Mittel-, Ost- und Südosteuropa zurückfällt.
In seiner Ende April veröffentlichten Frühjahrsprognose senkte das Institut die russische Wachstumsprognose für 2026 leicht von 1,2% auf 0,9%. Zwar profitiert der russische Staatshaushalt von höheren Energiepreisen, doch die Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Produktion bleiben laut wiiw begrenzt.
Russland verliert gegenüber anderen Ost-Ländern
Laut der Rangliste der 23 untersuchten Länder, wird es das stärkste Wachstum in der Türkei geben – 3,7% im Jahr 2026 und 4,1% im Jahr 2027. Spitzenreiter unter den östlichen EU-Mitgliedern wird 2026 Polen mit 3,6% sein. Am Ende der Rangliste für das Jahr 2026 liegen die EU-Staaten Rumänien und Slowakei. Ihr Wachstum ist 2026 mit jeweils 0,5% voraussichtlich noch geringer als das von Russland – 0,9%. 2027 wird Russland laut der Prognose ans Ende der Rangliste der rutschen – obwohl das wiiw erwartet, dass sich Russlands Wachstum 2027 auf 1,5% beschleunigt.
Rohstoffeinnahmen entlasten Budget, Wachstumseffekte aber marginal
Nach Einschätzung des Wiener Instituts stabilisieren die zusätzlichen Einnahmen aus dem Energieexport vor allem den russischen Staatshaushalt. „Aus Russlands Sicht kommen diese genau zum richtigen Zeitpunkt, da sie die angespannte Budgetsituation entschärfen. Vergangenes Jahr betrug das Budgetdefizit 3,9% des BIP – für russische Verhältnisse ein recht hoher Wert“, heißt es in der Pressemitteilung zur wiiw-Prognose. Vor dem Ausbruch des Iran-Kriegs hatte Moskau sogar Kürzungen bei einer Reihe von Staatsausgaben erwogen. Laut dem Russland-Experten des wiiw Vasily Astrov fließen von jedem zusätzlichen Dollar beim Ölpreis rund 58 Cent direkt in den russischen Staatshaushalt. Je länger die hohen Energiepreise anhielten, desto größer sei daher die finanzielle Entlastung für den Kreml.
Für das Wirtschaftswachstum seien die positiven Effekte dagegen „nur marginal“, so die Wiener Wirtschaftsforscher. Die zusätzlichen Einnahmen würden überwiegend zur Verringerung der Staatsverschuldung und zum Abbau von Verbindlichkeiten der Energieunternehmen genutzt und nicht etwa für Investitionen in neue Produktionskapazitäten oder zusätzliche Staatsausgaben. Als weitere Ursachen für die Wachstumsschwäche der russischen Wirtschaft nennt Astrov „die immer noch hohen Leitzinsen“ und den Arbeitskräftemangel. Daran würden die hohen Energiepreise durch den Iran-Krieg nur wenig ändern.
Mehr Wachstum bei niedrigerem Leitzins möglich
In seinem Länderüberblick erwartet das Institut, dass sich Russlands Wachstum bis 2028 moderat auf 1,8% erhöht. Voraussetzung dafür sei vor allem eine Lockerung der Geldpolitik und eine Senkung des Leitzinses. „Sollten die globalen Energiepreise längerfristig hoch bleiben oder weiter steigen, wird das BIP-Wachstum höher ausfallen, allerdings wird sich dann auch die Inflation beschleunigen“, so die wiiw-Analyse.
Deutlich angehoben hat das Institut seine Prognosen für Russlands Leistungsbilanzüberschüsse. Für 2026 rechnet das Institut nun mit einem Überschuss von 5,6% des BIP statt zuvor 1,1%. Ursache sind die stark gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise.
Aktuelle Konjunkturdaten zeigen jedoch weiterhin eine Wirtschaftsflaute. Nach Angaben des russischen Wirtschaftsministeriums lag das BIP im ersten Quartal 2026 um 0,3% unter dem Vorjahresniveau. Zwar zog die Wirtschaftsleistung im März um 1,8% wieder an, die Rückgänge im Januar (-1,8%) und Februar (-1,1%) konnten jedoch nicht vollständig ausgeglichen werden.
Auch die Industrieproduktion entwickelte sich schwach. Zwar war sie im März 2026 um 2,3% höher als vor einem Jahr, doch im gesamten ersten Quartal stieg sie lediglich um 0,3% gegenüber dem Vorjahr. Wachstumstreiber blieb vor allem der Bergbau mit einem moderaten Anstieg von 1% im März gegenüber dem Vorjahresmonat und von +0,8% im ersten Quartal.
Im verarbeitenden Gewerbe stieg die Produktion im März zwar um 3% im Jahresvergleich, allerdings war sie im ersten Quartal 2026 insgesamt 0,7% niedriger als vor einem Jahr. Wachstum gibt es vor allem in rüstungsnahen Industriezweigen wie der Produktion von Transportmitteln, Computern, elektronischen und optischen Erzeugnissen.
Rückgänge verzeichneten im ersten Quartal 2026 zudem der Großhandel (-0,5%), die Transportindustrie (-3,4%) und das Baugewerbe (-10,0%). Die landwirtschaftliche Produktion war im ersten Quartal 2026 nur geringfügig höher als vor einem Jahr (+0,2%).
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