Der jährliche Zuwachs bei russischen Bankguthaben verlangsamte sich binnen zwei Jahren von 23% auf 10,4%. Experten führen die sinkende Sparquote auf das Ende zweier Sondereffekte zurück: Der Leitzins sank von 21% auf 14%. Die Zeit großer Gehaltszuwächse ist vorbei.
Medien melden einen Bankansturm, die Zentralbankdaten zeigen Wachstum
Mitte August meldete die Washington Post, dass Russen Milliarden Rubel von ihren Konten abheben. Der britische Telegraph berichtete von der Angst vor Enteignung durch den Staat, zahlreiche Medien übernahmen die Darstellung. Die Washington Post beziffert die Bargeldabflüsse unter Berufung auf Zentralbankdaten auf 4,5 Mrd. US-Dollar im Juni, 7,3 Mrd. im Juli und 3,4 Mrd. in den ersten zwei Augustwochen. Zusammen gut 15 Mrd. US-Dollar oder knapp 2% des Einlagenbestands von mehr als 800 Mrd. US-Dollar. Der Russland-Ökonom der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) Janis Kluge hingegen schrieb: „Die Russen ziehen ihr Geld nicht ab. Der Bargeldanteil ist weitgehend konstant geblieben.“

Spartempo fällt um zwei Drittel
Die Jahresdaten der Zentralbank zeigen, wie stark die Sparquote abgenommen hat: 2024 wuchsen die Mittel der Privathaushalte um 27,7% oder 12,5 Bio. Rubel (ca. 124,7 Mrd. Euro) – ein Rekord. Im vergangenen Jahr folgten 16,2% oder 9,5 Bio. Rubel (101 Mrd. Euro). Zum Jahresende überschritten die Bestände erstmals die Marke von 67 Bio. Rubel (700 Mrd. Euro). Im ersten Halbjahr 2026 kamen nur noch 1,6% hinzu.
Die Monatsdaten lassen einen saisonal geprägten Einlagenmarkt erkennen. Im Dezember 2025 stiegen die Bestände durch die ausgezahlten Jahresboni um 5,6%, im Januar folgte der übliche Rücksetzer von 1,4%. Der Februar brachte plus 1,9%, der April plus 1,7%, der Mai minus 0,8%, der Juni plus 0,3%. In den 24 Monaten bis Juni 2026 sanken die Einlagen viermal. Drei dieser Monate waren Januare und folgten auf Spitzenwerte im Dezember. Die Struktur der Bankeneinlagen spricht gegen die These einer Bankenflucht in Russland: 46,8 Bio. Rubel (483,4 Mrd. Euro) oder rund 69% des Bestands lagen zum 1. Juli in Termineinlagen. Auf Girokonten entfielen 20,2 Bio. Rubel (209,0 Mrd. Euro). Bei einem Ansturm auf die Banken wird Geld üblicherweise von Termin- auf Sichtkonten überwiesen, über die der Inhaber jederzeit ohne Kündigungsfrist und Einschränkungen verfügen kann. Einen Banken-Run hatte es im Frühjahr 2022 gegeben, als der Terminanteil binnen eines Jahres von 59% auf 52% fiel. Heute binden die Haushalte ihr Geld, um höhere Zinsen zu bekommen.
Tatsächlich schrumpfen die Devisenbestände in Russland: minus 12,4% im ersten Halbjahr auf 3 Bio. Rubel (31,2 Mrd. Euro), nur noch 4,5% des Bestands. Das setze die Dedollarisierung seit 2022 fort, schreibt der britische Analyst Ben Aris. Eine Yuan-Position weist die Zentralbank für Privathaushalte nicht gesondert aus. Die Verschiebung Richtung chinesischer Währung bleibe in der offiziellen Statistik unsichtbar.
Die Neusparrate bricht ein
Einlagenbestände wachsen aus zwei Quellen: neuem Sparen und gutgeschriebenen Zinsen. Zwei Jahre lang waren die Zinsen in Russland außergewöhnlich hoch. Der Leitzins stieg von 7,5% Mitte 2023 auf 21% im Oktober 2024 und hielt dieses Niveau bis Juni 2025. Seither hat die Zentralbank in zehn Schritten auf 14% gesenkt, zuletzt am 24. Juli.
Die maximale Einlagenverzinsung der zehn größten Banken fiel von 22,28% im Dezember 2024 auf 12,89% Anfang August 2026; neue Termineinlagen mit Laufzeiten über einem Jahr verzinsen sich im Schnitt noch mit 10,88% nach 17,55% ein Jahr zuvor.
Ben Aris hat den Zinseffekt herausgerechnet: Ohne Zinsgutschriften legten die Haushalte bis Juni 2023 rund 5,9 Bio. Rubel (63,5 Mrd. Euro) frisch zurück. Bis Juni 2024 waren es 9 Bio. Rubel (93 Mrd. Euro). Bis Juni 2025 noch 6 Bio. Rubel (63,8 Mrd. Euro) – und bis Juni 2026 etwa 1 Bio. Rubel (10,3 Mrd. Euro). Das Neusparen liegt damit aktuell rund 90% unter dem Höchststand von 2024. Der Einlagenzuwachs dieses Jahres besteht fast vollständig aus Zinsen, die das Bankensystem bestehenden Guthaben gutschreibt. Mit jedem weiteren Zinsschritt nach unten sinken Gutschrift und Sparanreiz.

Die Einkommenswelle verliert an Kraft
Die zweite Quelle des Spar-Booms versiegt ebenfalls: die steigenden Einkommen. Arbeitskräftemangel durch Mobilmachung, Rekrutierung und Abwanderung sowie hohe Rüstungsaufträge trieben die Löhne ab 2022 nach oben, besonders in den ärmeren Regionen. Dieser Impuls läuft aus. Das nominale Lohnwachstum lag laut der Statistikbehörde Rosstat in den ersten fünf Monaten 2026 bei 13,3%, das reale bei 7,2%. Im Mai waren es noch 10,1% nominal und 4,5% real. Die Arbeitslosenquote stieg leicht von 2,1% auf 2,2%.
Nach 4,9% Wachstum 2023 und 4,3% 2024 blieb 2025 nur 1%, im ersten Halbjahr 2026 waren es 0,3%. Die Einkommen wachsen noch, aber die außerordentlich hohen Zuwächse sind vorbei.
Die Bargeldnachfrage folgt Steuern und Netzausfällen
Der Bargeldumlauf stieg von Januar bis Juli um 2,16 Bio. Rubel (22,3 Mrd. Euro). Im Vorjahreszeitraum war er um 603,9 Mrd. Rubel (6 Mrd. Euro) gesunken.
Insgesamt halten die Russen rund 21,9 Bio. Rubel in bar, umgerechnet 226,1 Mrd. Euro. Als Ursachen nennen Experten: Die Mehrwertsteuer stieg zum Jahreswechsel von 20% auf 22%, Mobilfunk-Abschaltungen nach Drohnenangriffen störten die Kartenzahlungen, mit denen die Russen zuletzt vier von fünf Einkäufen abwickelten.
Der Anteil der Barlöhne bei Kleinunternehmen vergrößerte sich laut der Wirtschaftszeitung Vedomosti auf 20% bis 25% der Lohnsumme, bei Einzelunternehmern von 10% bis 15% auf rund 40%. Für das Gesamtjahr erwartet die Sberbank laut der Nachrichtenagentur Interfax einen Bargeldzuwachs von 3,8 Bio. Rubel (41 Mrd. Euro).

Dementis bis auf Ministerebene
Gerüchte, dass der russische Staat auf die Spareinlagen seiner Bürger zugreift, sind älter als die aktuellen Schlagzeilen. Ende 2024 tauchten sie in russischen Telegram-Kanälen auf, als der Leitzins bei 21% stand. Die Zentralbank nannte die Idee eingefrorener Einlagen damals absurd. Im August 2025 schloss die Zentralbank Abhebebeschränkungen kategorisch aus: Ein solcher Schritt hätte „destruktive Folgen für das Finanzsystem und die Wirtschaft“, zitiert das Wirtschaftsportal RBC die Zentralbank. Finanzminister Anton Siluanow wies die in diesem Jahr kursierenden Spekulationen im Mai 2026 als Fälschungen zurück, solche Vorschläge würden nicht erwogen. Woher das Gerücht stammt, erklärte Sowkombank-Vizechef Sergej Chotimskij der Wirtschaftszeitung Vedomosti: Es sei „eine brillante Kreativleistung“ der PR-Abteilungen von Bauträgern gewesen, die Sparer aus den Einlagen in Wohnungskäufe lenken wollten.
Zentralbank-Chefin Elwira Nabiullina beschrieb die Entwicklung am 24. Juli: Die Sparaktivität sinke leicht, der Anteil der Bankeinlagen gehe zurück, Finanzmarktinstrumente und Immobilien gewännen an Gewicht.
Anleihemarkt und Haushaltsdefizit sind die eigentlichen Spannungsfelder
„Wir sehen ernsthafte Erschütterungen im Finanz- und Kapitalmarkt“, sagt Janis Kluge von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Als Hauptprobleme nennt er einen Kursrutsch an der Moskauer Börse und einen starken Zinsanstieg bei russischen Staatsanleihen. Im Juli sagte das Finanzministerium eine Auktion föderaler Anleihen ab. Weil Staatsanleihen überwiegend von russischen Geschäftsbanken gekauft werden, folgten Spekulationen: Den Banken fehlten nach den Bargeldabflüssen die Mittel.
Wahrscheinlicher sei, dass dem Ministerium die Konditionen nicht passten, so der Analyst: Die Banken verlangen inzwischen mehr als 16% Rendite.
Russlands Schuldenstand bleibt mit weniger als 20% der Wirtschaftsleistung niedrig – Deutschland liegt über 60%, die USA über 120%. Doch der Schuldendienst kostet bereits mehr als 1,5% der Wirtschaftsleistung, mit steigender Tendenz. Zugleich laufen die Militärausgaben aus dem Ruder und liegen deutlich über dem Plan. Statt der veranschlagten 1,6% erreichte das Haushaltsdefizit Ende Juli 2,6%.
Eine Konfiskation der Einlagen hält Ökonomin Heli Simola vom BOFIT-Institut der finnischen Zentralbank für politisch riskant und deshalb unwahrscheinlich. Die russische Regierung habe andere Optionen, von Steuererhöhungen bis zu erzwungenen Beiträgen der Wirtschaft. „Darüber hinaus könnte die Regierung die Zentralbank einfach bitten, ihr mehr Geld zu überweisen – also mehr Geld zu drucken“, sagt die Ökonomin. Das würde jedoch die Inflation weiter anheizen.

Die Sparneigung fällt auf den tiefsten Stand seit 2015
Nur noch 47,9% der Russen legen freies Geld lieber zurück, als es auszugeben. Ein Minus von 6,5% binnen eines Monats und der tiefste Wert seit März 2015. Dies ergab die Umfrage der Zentralbank im Juli.
Das Konsumklima fiel auf 89,5 Punkte, 15,5 Punkte unter das Vorjahresniveau; die Inflationserwartungen stiegen auf 14,7%, die wahrgenommene Inflation auf 15,1%.
Der Einzelhandelsumsatz stieg im Juni um 7,3% gegenüber dem Vorjahr, im ersten Halbjahr um 5,4%. Der private Verbrauch ist derzeit die wichtigste Wachstumsstütze. Die nächste Zinsentscheidung fällt am 11. September. Für 2026 prognostiziert die Zentralbank einen durchschnittlichen Leitzins von 13,7% bis 14%.
Problematische Unternehmenskredite erreichten im Mai 11,3 Bio. Rubel (116,7 Mrd. Euro) oder 11,7% des Portfolios. Zugleich verdiente der Sektor 2025 netto 3,5 Bio. Rubel, mehr als 40 Mrd. Euro. Die russischen Banken bleiben profitabel, betont Analyst Janis Kluge.
Spar-Vergleich mit Deutschland
Deutsche Privathaushalte hielten Ende des dritten Quartals 2025 laut Bundesbank rund 3,5 Bio. Euro in Bargeld und Einlagen – knapp das Fünffache des russischen Bestands von 727,9Mrd. Euro. Das entspricht im Durchschnitt 41.600 Euro je Einwohner gegenüber rund 5000 Euro in Russland.
Die Struktur der Einlagen unterscheidet sich stark: Deutsche halten zwei Drittel ihres Bestands täglich verfügbar, 2314 Mrd. Euro in Bargeld und Sichteinlagen. Auf Termineinlagen entfallen 638,8 Mrd. Euro oder 18%, auf Spareinlagen und Sparbriefe 520,3 Mrd. Euro.Russische Haushalte binden dagegen rund 69% in Termineinlagen. Die deutsche Zinswende 2023/24 hatte Festgeld nur kurz attraktiv gemacht: Seit Anfang 2025 stagniert der Termineinlagen-Bestand laut Bundesbank bei rund 640 Mrd. Euro, während die Sichteinlagen wieder wachsen: von 2229,1 Mrd. Euro im ersten auf 2314,4 Mrd. Euro im dritten Quartal 2025.
Die deutsche Sparquote lag laut Statistischem Bundesamt im ersten Halbjahr 2025 bei 10,3% nach 11,1% im Vorjahreszeitraum, nahe dem langjährigen Durchschnitt. Nur in den Corona-Jahren 2020 und 2021 sparten die Deutschen mit gut 15% außergewöhnlich viel. Russlands Sparverhalten schwankt dagegen mit dem Leitzins: Auf zwei Jahre mit Neusparen zwischen 63,5 Mrd. und 89,7 Mrd. Euro folgte im ersten Halbjahr 2026 der Einbruch auf 10,3 Mrd. Euro, die Sparneigung fiel auf den tiefsten Stand seit 2015. Deutsche sparen stetig und weitgehend zinsunempfindlich. Russische Haushalte reagieren scharf auf Zinssignale.
ℹ️ Auch interessant
- Steuerreform und strengere Kontrollen befeuern Bargeld-Run
- Wohnnebenkosten: niedrig im internationalen Vergleich, aber Unmut über Preisexplosion