Russischer Rubel: Sommer-Talfahrt nach Frühjahrs-Rallye

Mitte Mai 2026 hatte der russische Rubel noch wegen seiner Stärke international für Schlagzeilen gesorgt. Von allen großen Währungen hatte er am stärksten gegenüber dem US-Dollar an Wert gewonnen, 15% innerhalb von zwei Monaten, wie die US-Nachrichtenagentur Bloomberg damals feststellte. Doch seitdem hat die russische Währung ihre Gewinne praktisch vollständig wieder abgegeben. Heute kostet ein US-Dollar offiziell 82,61 Rubel, fast so viel wie Ende März, als der Rubel seine Frühlingsrallye begann.

Fallender Ölpreis und staatliche Devisenkäufe schwächen Rubel

Als wichtigste Gründe für die Abwertung gelten die rückläufigen russischen Exporterlöse, hauptsächlich infolge des gesunkenen Ölpreises. Im Mai, dem Höhepunkt der Iran-Krise, kostete ein Barrel Urals durchschnittlich 86,5 Dollar, im Juni waren es 63,5 Dollar. Die Folgen davon erreichen die russische Wirtschaft und den Rubel mit ein bis zwei Monaten Verzögerung, schätzt der Leiter des Zentrums für Marktstrategien der Gazprombank Jegor Sussin. Bereits im Juni haben die größten Exporteure dadurch netto nur noch 7,6 Mrd. Dollar Devisen verkauft, nach 10,9 Mrd. Dollar im Mai, belegt die Statistik der Zentralbank.

Zum jüngsten Kursrutsch im August dürften zudem die üblichen saisonalen Faktoren beigetragen haben, insbesondere die erhöhte Nachfrage nach Devisen in der Urlaubszeit und das Ende der Steuerperiode. Vor Steuerterminen tauschen Exporteure Devisen in Rubel, um ihre Steuern zu zahlen. Nach dem Höhepunkt der Zahlungen in der letzten Juliwoche hätten sie diese Verkäufe zurückgefahren, beobachtet der Vermögensverwalter Alfa-Capital.

Der Rubel geriet zusätzlich unter Druck, nachdem das Finanzministerium seine Devisenkäufe ab dem 7. August um rund 20% im Vergleich zum Vormonat auf 6,5 Mrd. Rubel (68,4 Mio. Euro) täglich steigerte. Das Ministerium begründete seine für den Markt überraschende Entscheidung mit der Erwartung höherer Öl- und Gaseinnahmen für August.

Für den Staatshaushalt ist die Abwertung eine Erleichterung. Jeder Rubel, den der Dollar zulegt, bringt dem Budget nach Berechnung der Ratingagentur NRA zusätzliche 100-150 Mrd. Rubel im Jahr, umgerechnet 1,05-1,58 Mrd. Euro. Der feste Rubel des ersten Halbjahres hatte die Öl- und Gaseinnahmen umgekehrt um 927 Mrd. Rubel (9,76 Mrd. Euro) gegenüber dem Vorjahreszeitraum verringert.

Drohnenangriffe erhöhen die Devisennachfrage

Nach Ansicht von Sofja Donez, der Chefökonomin der Investmentfirma T-Investizii, trugen auch steigende Treibstoffimporte nach Russland zur Rubelschwäche bei. Infolge der ukrainischen Angriffe auf russische Raffinerien importiert Russland seit Juni erstmals in größerem Maßstab Kraftstoffe, insbesondere Benzin. In Phasen verstärkter Zukäufe könne dies bis zu 5% und mehr zum Dollarkurs beitragen, schätzt Donez. Das Importvolumen sei das Schlüsselrisiko für den Kurs in den kommenden Wochen, erklärte sie Anfang August. Falls die Importe höher als erwartet ausfallen, sei ein Kurs von 84 Rubel je Dollar möglich.

Ein neuer Faktor sind die ukrainischen Drohnenangriffe auf Warenlager des größten russischen Online-Marktplatzes Wildberries seit Mitte Juli, erklärt Alexander Potawin vom russischen Broker Finam. Händler, die durch die Angriffe ihre Warenbestände verloren hätten, dürften verstärkt Devisen gekauft haben, um ihre Vorräte an Importware wieder aufzufüllen, vermutet Potawin.

Analysten erwarten weiteren Wertverlust

Die bisherige Abwertung des Rubels gilt unter russischen Analysten jedoch nicht als Absturz. Der Kurs entspreche eher dem, was die aktuellen Fundamentaldaten hergeben, erklärte die Raiffeisenbank Anfang August, kurz nachdem der Dollar die Marke von 81 Rubel überschritten hatte. Die staatliche VTB-Bank verwies darauf, dass der Dollar im laufenden Jahr bereits zwischen 70,8 und 84,8 Rubel notiert habe und sich damit im gewohnten Rahmen bewege. Ein wesentlicher Teil der diesjährigen Abwertung sei ohnehin bereits vollzogen, meint der Gazprombank-Analyst Jegor Sussin, der bis Jahresende 80 bis 85 Rubel je Dollar erwartet. Die Mehrheit der von Forbes Russia befragten Spezialisten sieht den Dollar zum Jahresende bei 83 bis 87 Rubel, Freedom Global sogar bei 90 Rubel.

Gestützt wird der Rubel vor allem durch den hohen russischen Leitzins von derzeit 14%. Dank ihm ist es für die Anleger attraktiver, ihr Geld in Rubeleinlagen oder Anleihen zu halten, als es in Devisen umzutauschen. Für den Rubel spricht zudem der Überschuss der russischen Leistungsbilanz, der von Januar bis Mai 2026 im Jahresvergleich um 24% auf 27 Mrd. Dollar zulegte.

Die befragten Analysten halten den schwächeren Rubel ohnehin nicht für ein Problem. Den Kursanstieg über das für die Bevölkerung komfortable Niveau von 70 bis 75 Rubel beschreiben sie als „Normalisierung“. Beunruhigend sei eher der vorherige Rückgang auf 70 Rubel gewesen, sagt Sofja Donez. Bei einem solchen Kurs hätten viele russische Produzenten ihre Wettbewerbsfähigkeit verloren.

Ende Juli hielt es SberInvestizii, die Investmentsparte der Sberbank, sogar für möglich, dass die russische Währung wieder bis auf 72-74 Rubel pro Dollar erstarkt. Dazu müssten die Ölpreise über 100 Dollar pro Barrel steigen und sich dort halten, wodurch die Exporteure mit einiger Verzögerung höhere Deviseneinnahmen ins Land bringen würden. Als Auslöser eines solchen Szenarios nannte das Haus eine Verschärfung des Nahost-Konflikts. Im Basisszenario erwarten die Analysten allerdings eine allmähliche Abwertung auf 85 Rubel pro Dollar zum Jahresende. 

Quellen: Interfax, RBC 1, 2, 3, 4, Forbes, vz.ru (alle RU), Berliner Zeitung

11.08.2026

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