Im Juli 2026 hat die Treibstoffkrise beinahe ganz Russland erfasst. In rund 80 russischen Regionen gelten amtliche Beschränkungen für den Verkauf von Benzin und Diesel, berichtete die Wirtschaftszeitung RBC am 17. Juli. In der Regel bedeutet das, dass die Abgabemenge für die Kraftstoffe pro Kunde gedeckelt ist. Einige Regionen beschränken zudem den Zugang zu den Tankstellen, zum Beispiel über die Regel, dass an geraden und ungeraden Kalendertagen nur Autos mit geraden oder ungeraden Kennzeichen tanken dürfen.

Defizit durch Raffinerieausfälle
Wie stark genau und wie nachhaltig die russischen Raffinerien durch die ukrainischen Drohnenangriffe der vergangenen Monate beschädigt worden sind, ist nicht bekannt. Internationale Experten schätzten die Ausfälle Anfang Juli auf 20% bis 40% der Raffineriekapazitäten. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete am 10. Juli unter Berufung auf zwei Branchenquellen, dass die russische Benzinproduktion nur noch rund 65% des saisonüblichen Verbrauchs abdeckt. Der tägliche Fehlbetrag stieg demnach von 25% im Juni auf zuletzt rund 35% oder 40.000 bis 45.000 Tonnen, bei einem gewöhnlichen Spitzenbedarf im Sommer von 115.000 bis 120.000 t pro Tag. Das Defizit könnte noch größer sein, da Vorratskäufe die Nachfrage nach früheren Angaben der russischen Regierung um bis zu 30% steigen ließen.

Der britische Marktanalyst Energy Aspects schätzt, dass die russischen Raffinerien in den ersten rund zwölf Tagen im Juli durchschnittlich 3,91 Mio. Barrel Rohöl pro Tag verarbeiteten. Das wäre der niedrigste Wert seit 21 Jahren, bemerkt der Wirtschaftsdienst Bloomberg. Im vergangenen Jahr lag das Volumen bei 4,9 Mio. Barrel pro Tag, wie aus dem aktuellen Jahrbuch des internationalen Berufsverbands Energy Institute hervorgeht. In den meisten Jahren seit 2013 hatte der Wert bei rund 5,7 Mio. Barrel pro Tag gelegen, 2024 fiel das Volumen auf 5,2 Mio. Barrel pro Tag.
Exportverbot: Russlands Diesel fehlt auf dem Weltmarkt
Die Regierung reagierte auf die Krise unter anderem mit der Herabsetzung von Qualitätsstandards für Benzin und Exportverboten. Seit dem 8. Juli ist auch die Ausfuhr von Diesel komplett verboten. Traditionell gehörte Russland zu den größten Exporteuren von Ölprodukten und insbesondere von Diesel. In der Statistik des internationalen Berufsverbands Energy Institute belegte es mit Exporten von 114,8 Mio. t Ölprodukten im vergangenen Jahr den zweiten Platz hinter den USA. Der Wert der russischen Exporte belief sich 2025 laut UN-Handelsdaten auf 39 Mrd. Dollar, was weltweit den achten Platz bedeutete. Für 2022 erfasste der französische Energiedatendienst Enerdata russische Exporte von 38 Mio. t Diesel und 4 Mio. t Benzin, bei Gesamtexporten von 111 Mio. t Ölprodukten. Ein weiterer großer Exportposten ist üblicherweise Heizöl, dazu kommen noch Naphtha sowie in kleineren Mengen Kerosin und Flüssiggas. Die russische Produktion belief sich dabei auf 265 Mio. t Ölprodukte, davon 85 Mio. t Diesel und 42 Mio. t Benzin.

Für 2024 berichtete der Rohstoffanalyst Kpler russische Exporte von Diesel und Gasöl in Höhe von durchschnittlich 880.000 Barrel pro Tag (bpd), was einem Anteil von 12% an den globalen Seetransporten von Diesel entsprach. Diese Mengenangabe für eine breitere Produktgruppe entspricht einem Jahresvolumen von rund 43 Mio. t. Im Juni 2025 betrug der Wert 827.000 bpd und der russische Anteil an den weltweiten Verschiffungen lag noch bei 11%. Im Juni 2026 brachen die russischen Exporte laut Kpler auf durchschnittlich 426.000 bpd ein, was einem globalen Anteil von noch 7,8% entsprach. In den ersten zehn Tagen des Juli 2026 beliefen sich die russischen Exporte nur noch auf durchschnittlich 234.000 bpd. Der russische Anteil am Welthandel von Diesel via Seetransporte reduzierte sich auf 4,5%.
Dass Russlands Anteil an den weltweiten Dieselexporten über See nicht noch stärker gesunken ist, erklärt sich aus dem gleichzeitigen Einbruch des Gesamtmarkts infolge der Irankrise und der Sperrung der Straße von Hormus. Seit Jahresbeginn gingen die weltweiten Lieferungen per Schiff um etwa ein Viertel auf knapp 5,2 Mio. bpd in der ersten Juli-Dekade zurück.
Exportausfall trifft auch Deutschland
Der Engpass liegt dabei weniger beim Rohöl als bei den Raffineriekapazitäten, die zur Herstellung von Diesel und Benzin benötigt werden, schreibt der US-Nachrichtensender CNN. Zu den jüngsten Raffinerieausfällen in Russland kämen Dutzende Anlagen im Nahen Osten hinzu, die seit Ende Februar durch iranische Angriffe beschädigt worden seien. Die US-Bank JPMorgan schätzte Mitte Juli, dass die Raffinerien weltweit zuletzt 8,4 Mio. Barrel Rohöl pro Tag weniger verarbeiteten als vor Beginn des Irankrieges und dadurch 10% weniger Kraftstoff produzierten.
Nach Einschätzung von Energy Aspects müssen Russlands bisherige Abnehmer, vor allem die Türkei, Brasilien und afrikanische Länder, Ersatz in den USA, im Nahen Osten und in Indien suchen. Dabei konkurrieren sie mit Europa. Jede amerikanische Dieselladung, die nach Lateinamerika umgeleitet wird, komme nicht auf den europäischen Markt, bemerkt der Londoner Energieberater FGE NexantECA. Nach der Ankündigung des russischen Exportverbots stiegen die US-Terminpreise für Diesel um 11%. In Europa war der Preisabstand zwischen Diesel und Rohöl so groß wie nie zuvor. Obwohl die EU direkte Importe russischer Ölprodukte seit 2023 weitgehend verboten hat, dürften somit auch Deutschland und die übrigen Mitgliedstaaten den Ausfall Russlands als Exporteur in Form höherer Diesel- und Heizölpreise zu spüren bekommen.

Importe sollen die Versorgungslücke schließen
Die russische Regierung setzt nicht zuletzt auf Importe, um das Kraftstoffdefizit zu bewältigen. Dazu fördert sie erstmals auch Importe aus Ländern außerhalb der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU), insbesondere aus Indien. Nach Reuters-Informationen von Anfang Juli sind Einfuhren von insgesamt 400.000 t Benzin pro Monat geplant. Damit würde beinahe ein Drittel der ebenfalls von Reuters berichteten sommerlichen Versorgungslücke von rund 1,3 Mio. t pro Monat über die Importe gedeckt werden.
Bisher bezieht Russland Benzin von seinem EAWU-Nachbarland Belarus. Die Lieferungen aus Belarus haben im Juni bereits das maximal mögliche Niveau von 150.000 bis 170.000 t pro Monat erreicht, schätzen Experten. Zusätzliche Mengen erhofft sich die Regierung vor allem aus Indien. Das Land ist mittlerweile der größte Abnehmer von russischem Rohöl und verarbeitete im vergangenen Jahr mit 5,5 Mio. Barrel pro Tag bereits mehr Öl als Russland.
Der bekannte russische Wirtschaftsjournalist Georgij Bowt dämpft jedoch die Erwartungen an solche Fernimporte. Von der Entscheidung bis zur Ankunft des Benzins an den russischen Zapfsäulen vergehen drei bis sechs Monate, schätzt Bowt. Allein die Suche nach einer freien, nicht vertraglich gebundenen Partie am Spotmarkt beanspruche 30 bis 60 Tage, hinzu kämen 20 bis 25 Tage Seetransport.
Regierung will Preisschock dämpfen
Benzin aus Belarus kostete an der Rohstoffbörse zuletzt etwa doppelt so viel wie russisches Benzin. Die Importe aus weit ferneren Ländern dürften ebenfalls teuer sein. Der Verbraucherpreis für Benzin hat sich laut dem Statistikamt Rosstat im Jahr 2026 bis Mitte Juli bereits um 16,4% verteuert, für Diesel sogar um 18%. Die allgemeine Inflation summierte sich im gleichen Zeitraum auf 4,6%.
Trotz des Anstiegs bleiben die russischen Kraftstoffpreise im internationalen Vergleich niedrig. Laut der Datenplattform GlobalPetrolPrices kosteten am 13. Juli 95er-Benzin durchschnittlich umgerechnet 0,82 Euro und Diesel 0,91 Euro pro Liter. In Deutschland war beides mit 2,06 und 2,05 Euro mehr als doppelt so teuer, und auch in den USA waren die Preise für Benzin mit 0,98 Euro und für Diesel mit 1,11 Euro höher.
Damit die Importe nach Russland nicht auf die Preise an den Tankstellen voll durchschlagen, wendet die Regierung den sogenannten Dämpfer mittlerweile auch auf importiertes Benzin an. Kürzlich hat sie den Mechanismus rückwirkend zum 1. Juli auch auf Diesel ausgeweitet. Damit übernimmt der Staat die Differenz zwischen dem höheren Preis des importierten Benzins und dem niedrigeren Inlandspreis, ähnlich wie bei den heimischen Raffinerien. Diese hatten für die Monate März bis Mai zusammen mehr als 620 Mrd. Rubel (6,9 Mrd. Euro) aus dem Staatshaushalt erhalten, wie aus Daten des Finanzministeriums hervorgeht. Der Grund dafür war der Preisschub an den Weltmärkten infolge des Irankrieges und der Sperrung der Straße von Hormus seit Ende Februar. Im Juni gaben die Preise vorübergehend nach. Der russische Branchenanalyst Petromarket rechnet daher mit einem Rückgang der Dämpferzahlungen für den ersten Sommermonat auf rund 120 Mrd. Rubel (1,33 Mrd. Euro), wovon 50 Mrd. Rubel (555 Mio. Euro) auf Benzin und 70Mrd. Rubel (777 Mio. Euro) auf Diesel entfallen.

Importdämpfer könnte Milliarden kosten
Wie stark der neue Importdämpfer den Haushalt belastet, lässt sich bislang nur grob schätzen. Bowt bezifferte den Einfuhrpreis für indisches Benzin Ende Juni ohne Steuern auf 80.000 bis 90.000 Rubel je Tonne, umgerechnet 890 bis 1000 Euro. Nach der gesetzlichen Formel wird diesem Preis die Verbrauchsteuer zugeschlagen und der russische Großhandelspreis ohne Mehrwertsteuer gegenübergestellt. Unter der vereinfachenden Annahme, dass die geplanten 400.000 t vollständig aus Nicht-EAWU-Ländern stammen, ergäben sich Dämpferzahlungen von rund 16 bis 20 Mrd. Rubel (180 bis 222 Mio. Euro) im Monat.
Würde die gesamte von Reuters berichtete Versorgungslücke von 1,3 Mio. t pro Monat durch solche Importe geschlossen, stiege die Belastung rechnerisch auf rund 53 bis 66 Mrd. Rubel (589 bis 733 Mio. Euro) im Monat. Die Zahlungen würden damit die von Petromarket für Juni prognostizierten Dämpferzahlungen von 50 Mrd. Rubel an heimische Produzenten allein für Benzin übertreffen, umgerechnet 555 Mio. Euro.
Allerdings könnten die steigenden Kraftstoffpreise zugleich den Staatshaushalt entlasten. Überschreitet der durchschnittliche Großhandelspreis eines Monats eine gesetzlich festgelegte Schwelle, entfallen die Dämpferzahlungen an die heimischen Produzenten vollständig. Mitte Juli lag der tägliche Börsenpreis für Diesel nur noch rund 2,5% unter dieser Grenze, bei Benzin betrug der Abstand etwa 4%.
Mehr zur Benzinkrise in Russland und den ersten Reaktionen des Kremls erfahren Sie in unserem Hintergrundbericht von Ende Juni 2026.
Quellen: Rosstat, Finanzministerium, Consultant, RBC 1, 2, Interfax, Vedomosti, AiF, Peterburgski Dnewnik (alle RU); Energy Institute, Trade Map, Reuters 1, 2, 3, 4, 5, Bloomberg, FT, CNN, GlobalPetrolPrices (alle EN); Enerdata
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