Konsum statt Investitionen: Potenzialwachstum in Russland höher als in Deutschland

Russlands Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal 2026 um 1,3% gegenüber dem Vorjahresquartal. Nach dem Rückgang um 0,2% im ersten Quartal blieb über das erste Halbjahr ein Plus von 0,6%. Getragen wurde das Wachstum vom Konsum: Der Einzelhandel setzte 7,2% mehr um als ein Jahr zuvor, die Gastronomie 6,2%. Bergbau, Bau und Landwirtschaft schrumpften.

Das zweite Quartal übertraf die Erwartungen

Das Statistikamt Rosstat veröffentlichte seine Schnellschätzung am 12. August. Die 1,3% Wachstum übertrafen den Konsens deutlich: Das Wirtschaftsministerium hatte 0,9% erwartet, die Zentralbank 0,8%. So stark war die russische Wirtschaft seit dem ersten Quartal 2025 nicht mehr gewachsen.

Das Ministerium hob daraufhin seine Halbjahresschätzung von 0,3% auf 0,6% an. Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow erklärte, die im März begonnene Erholung setze sich fort, „trotz eines anhaltenden externen Drucks und Einschränkungen in bestimmten Sektoren“.

Die österreichische Raiffeisenbank rechnete aus der Jahresrate eine saisonbereinigte Zunahme von 0,5% gegenüber dem Vorquartal heraus. Im ersten Quartal hatte die Wirtschaftsleistung auf dem Niveau des vierten Quartals 2025 verharrt. Einen Teil des Zuwachses führt die Bank auf den Wegfall temporärer Sonderfaktoren zurück: Der Winter war ungewöhnlich kalt, das erste Quartal zählte weniger Arbeitstage.

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Konsum trägt Quartalswachstum

Die Branchenzahlen zeigen zwei divergierende Tendenzen. Nach den von der Wirtschaftszeitung Kommersant berichteten Rosstat-Schätzungen wuchs der Einzelhandel um 7,2% und die Gastronomie um 6,2%. Der Warentransport legte um 2,5% zu, der Großhandel um 2,4%, das Verarbeitende Gewerbe um 2%. Auf der anderen Seite standen der Bergbau mit minus 1,9%, das Baugewerbe mit minus 1,6% und die Landwirtschaft mit minus 1,5%.

Die Raiffeisenbank verglich die Raten mit dem ersten Quartal. Das Wachstum im Einzelhandel verdoppelte sich von 3,5% auf 7,2%. Im Warentransport wurde aus einem Rückgang von 3,6% ein Anstieg von 2,5%. Im Baugewerbe verringerte sich der Rückgang von 10% auf 1,6%.

Das BOFIT-Institut der Finnischen Zentralbank fasst das Quartal so zusammen: Höhere Einzelhandelsumsätze und eine gesteigerte Dienstleistungsproduktion machten den größten Teil des Wachstums aus, während der Rohstoffabbau und das Baugewerbe gegenüber dem Vorjahr um fast 2% zurückgingen.

Dasselbe Gefälle zeigt die Konjunkturumfrage der Russischen Zentralbank bei den Anlageinvestitionen. Sie erholten sich leicht vom Tiefstand zu Jahresbeginn, die besten Werte meldeten Einzelhandel, Dienstleistungen und Konsumgüterindustrie. Im Baugewerbe sanken die Investitionen weiter. In der Rohstoffindustrie blieben sie schwach, verbesserten sich gegenüber dem Jahresbeginn aber leicht.

Wladimir Jerjomkin, Wissenschaftler am Labor für Strukturanalysen der Präsidentenakademie RANEPA in Moskau, führt den Konsum auf angesparte Reserven zurück, die die Bevölkerung dank des beschleunigten Lohnwachstums der Vorjahre angehäuft hat. In den ersten fünf Monaten stiegen die Reallöhne um 7,2%. Sein Fazit zum Gesamtjahr: „Eine stabile Verbrauchernachfrage, eine positive Entwicklung der Industrie, eine allmähliche Erholung der Investitionstätigkeit und eine kontrollierte Inflation könnten die Voraussetzungen für ein Wirtschaftswachstum im Bereich von 0,7 bis 1,2% im Jahr 2026 schaffen.“

Alexej Wedew, Leiter der Finanzforschung am Moskauer Gaidar-Institut für Wirtschaftspolitik und von 2014 bis 2017 stellvertretender Wirtschaftsminister, benennt die Mechanik: „Der Investitionsrückgang bremst das Wirtschaftswachstum, während der steigende Konsum von Waren und Dienstleistungen es im Gegenteil ankurbelt. Die Regierung hat möglicherweise die Nachhaltigkeit der hohen Nachfrage der Verbraucher unterschätzt. Die im Vergleich zum Vorjahr gesunkenen Einlagenzinsen haben die Bevölkerung dazu veranlasst, Gelder von ihren Ersparnissen in Konsumausgaben umzuschichten.“

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Die Frühindikatoren sind negativ

Der Einkaufsmanagerindex der amerikanischen Analysten von S&P Global stieg im Juli von 48,9 auf 49,6 Punkte, blieb damit aber den fünften Monat in Folge unter der Wachstumsschwelle von 50. Der Teilindex für das Verarbeitende Gewerbe lag bei 50,7, der für die Dienstleistungen bei 49,0.

Der Composite Leading Index des Konjunkturforschungszentrums der Moskauer Higher School of Economics fiel im Juli um 6,1 auf 165,8 Punkte, ein Verlust von fast 10 Punkten binnen zwei Monaten. Der SberIndex misst die realen Ausgaben der Haushalte: In der Woche vom 3. bis 9. August lagen sie nur noch 1,9% über dem Vorjahr, nach 5,9% im Juli-Durchschnitt.

Denis Popow, leitender Experte im Analysezentrum der Moskauer PSB-Bank, warnte deshalb früh vor Fehlschlüssen aus den Quartalszahlen: Die erzielten Wachstumsraten erschienen aus seiner Sicht nicht nachhaltig. Die Bank senkte ihre Jahresprognose im Juli von 0,5% bis 1% auf 0% bis 0,5%.

Die Raiffeisenbank kommt zum selben Schluss. Die Erholung des zweiten Quartals sei eindeutig vorübergehend und dürfte sich im zweiten Halbjahr abschwächen.

Industrie stagniert seit Jahresbeginn

Rosstat veröffentlichte am 26. August die Julidaten. Die Industrieproduktion wuchs um 0,4% gegenüber dem Vorjahresmonat, nach 0,7% im Juni. Über die ersten sieben Monate lag die Produktion nur 0,1% über dem Vorjahreszeitraum. Im Zwölf-Monats-Vergleich schwächt sich der Trend ab: Für die zwölf Monate bis Dezember 2025 hatte Rosstat noch 1,1% ausgewiesen, für die zwölf Monate bis Juli 2026 sind es 0,5%.

Das Verarbeitende Gewerbe wuchs im Juli um 2,4% gegenüber dem Vorjahr, nach 2,8% im Juni. Der Bergbau schrumpfte um 2,6%, wie schon im Juni. Saison- und kalenderbereinigt legte die Industrieproduktion gegenüber dem Vormonat um 0,1% zu, nach 0,2% im Juni. Damit blieb das Produktionsvolumen gegenüber den Vormonaten praktisch unverändert.

Über sieben Monate legte das Verarbeitende Gewerbe um 0,5% zu, der Bergbau verlor 0,9%. Die Herstellung sonstiger Transportmittel und Ausrüstungen, zu der Flugzeug- und Schiffbau gehören, wuchs um 22,9%. Arzneimittel und medizinische Materialien kamen auf 13,9%, Metallerzeugnisse ohne Maschinen und Ausrüstungen auf 10,9%, Computer sowie elektronische und optische Erzeugnisse auf 4,2%. Am negativen Ende steht die Produktion von Koks und Erdölprodukten mit einem Minus von 9,2% über sieben Monate. Im Juli belief sich der Rückgang auf 19,3%. Ursache sind die ukrainischen Drohnenangriffe auf russische Raffinerien.

Das saisonbereinigte Produktionsvolumen der Branchen ohne Bezug zu den Militärausgaben lag in diesem Sommer unter dem Niveau von Anfang 2022. Im Jahr 2025 stieg die Wertschöpfung der rüstungsnahen Zweige um 20%, die aller übrigen Zweige des Verarbeitenden Gewerbes zusammen um 0,4%.

Das Analysezentrum der PSB-Bank leitet daraus die Erwartung für das dritte Quartal ab: „Angesichts der hohen Bedeutung der Industrie für die russische Wirtschaft wird das reale BIP-Wachstum im Juli recht schwach ausfallen, obwohl angesichts der hohen und stabilen Konsumaktivität ein moderates Wirtschaftswachstum wahrscheinlich anhalten wird. Wir halten an unserer Prognose für ein reales BIP-Wachstum nahe Null (im Bereich von 0% bis 0,5%) bis Ende 2026 fest.“

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Die Prognosen für 2026 und 2027 sinken

Die Zentralbank senkte ihre Wachstumsprognose im Juli auf 0% bis 1%, nach zuvor 0,5-1,5%. Sie begründet das mit vorübergehenden Kapazitätsausfällen in einzelnen Branchen und revidierte Investitionen wie Exporte nach unten. Ihre Inflationsprognose hob sie gleichzeitig auf 5,9% bis 6,2% an, nach 5,1% bis 5,6% im Frühjahr. Für 2027 hält sie beim Wachstum an 1,5% bis 2,5% fest, erwartet aber 4,3% bis 5,2% Inflation. Das offizielle Ziel von 4% rückt damit über den Prognosehorizont hinaus. Den Leitzins senkte sie Ende Juli auf 14%.

Die Augustumfrage des Londoner Prognosedienstes Consensus Economics ergibt im Mittel 0,7% Wachstum für 2026 und 1,2% für 2027, bei einer Inflation von 6,2% und 4,6%. In der monatlichen Umfrage der Nachrichtenagentur Interfax unter russischen Analysten sank der Mittelwert für 2026 zwischen Juli und August von 0,7% auf 0,5%; die Einzelprognosen reichten von null bis 1,2%. Der Internationale Währungsfonds erwartet für die Jahre 2026 und 2027 jeweils 1,1%.

Für 2027 gehen die Erwartungen weiter auseinander als für dieses Jahr. Die Zentralbank hält an 1,5% bis 2,5% fest, das Wirtschaftsministerium erwartet 1,4%, der Interfax-Konsens 1,2%, der Internationale Währungsfonds 1,1%. Das Zentrum für makroökonomische Forschung der Sberbank rechnet mit 0,4% in diesem Jahr, 1,3% im nächsten und 1,6% im Jahr 2028.

Das Potenzialwachstum begrenzt die Erholung

Wie viel Erholung überhaupt möglich ist, beziffern zwei Analysen von Ökonomen der Russischen Zentralbank vom 11. August. Ihr Ergebnis: Der inflationsneutrale Wachstumspfad der russischen Wirtschaft liegt mittelfristig bei 1,5 bis 2% pro Jahr.

Die Produktionslücke – der Abstand zwischen tatsächlicher und potenzieller Wirtschaftsleistung – betrug im ersten Quartal 2026 minus 0,5% des Potenzials, nach plus 1,3% ein Jahr zuvor. Die Wirtschaft arbeitet also knapp unter ihren Möglichkeiten, verfügt aber über kaum freie Reserven. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 2,2% bis 2,3%, die Industriekapazitäten sind ausgelastet.

Die Analysten rechnen neun Szenarien für das Potenzialwachstum bis 2035 durch. Im Trägheitsszenario wächst die Wirtschaft um 1,3% pro Jahr, auf dem langfristigen Gleichgewichtspfad um 1,56%. Der Korridor reicht von 0,45% bei wachsendem Technologierückstand bis 3,17% bei einer weitgehenden Lockerung der außenwirtschaftlichen Beschränkungen. Die Autoren halten die optimistischen Varianten für weniger wahrscheinlich.

Der Grund: Zwischen 2015 und 2025 wuchs Russlands totale Produktivität im Jahresdurchschnitt um rund 0,1%, in den Vereinigten Staaten um 0,6%. Gemessen am Median der technologisch führenden Länder erreichte Russland 2018 noch 60,4% und 2025 noch 59,8%; 2012 waren es 68%. Der Rückstand wächst, statt zu schrumpfen.

Die zweite Grenze für das Potenzialwachstum setzt der Arbeitsmarkt. Das russische Arbeitsministerium erwartet bis 2030 einen Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung um knapp 6 Mio. Menschen, überwiegend in der Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen. Die Erwerbsbeteiligung sinkt nach der Modellrechnung der Zentralbankökonomen von 62,9% im Jahr 2025 auf 60,5-60,7% im Jahr 2035, allein durch die veränderte Altersstruktur.

Die Migration federt das kaum ab. Der Wanderungsgewinn lag zwischen 2005 und 2023 im Schnitt bei 218.000 Menschen pro Jahr; 2021 erreichte er mit 430.000 den höchsten Wert seit 1995, 2022 fiel er auf 62.000. Seit 2024 sind die Zahlen wegen einer Methodenumstellung nicht mehr vergleichbar, 2025 stellte Rosstat die Veröffentlichung ein.

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Deutschland wächst über seinem Potenzial

Die Deutsche Bundesbank schätzt das deutsche Produktionspotenzial auf 0,4% für 2026 und auf je 0,3% für 2027 und 2028.

Das Statistische Bundesamt Destatis meldete am 25. August für das zweite Quartal ein Wachstum von 1% gegenüber dem Vorjahresquartal, nach 0,8% im ersten. Zum Vorquartal legte die deutsche Wirtschaft um 0,3% zu. Getragen hat das Quartal der Export mit plus 3,7% gegenüber dem Vorjahr. Das Verarbeitende Gewerbe steigerte seine Wertschöpfung um 1,1% und wuchs damit erstmals seit dem ersten Quartal 2023 wieder.

Die Bauinvestitionen sanken um 1,5% gegenüber dem Vorjahr, der private Konsum stagnierte bei 0,1%. Den Zuwachs bei den Konsumausgaben von 1% geht auf den Staat mit zurück, vor allem über höhere Ausgaben des Bundes und der Sozialversicherung. Auch in Deutschland stützt also der Staat, während die private Nachfrage schwächelt. 

KfW Research, die Volkswirtschaftsabteilung der staatlichen Förderbank, hob seine Prognose für 2026 am 25. August um 0,4 Prozentpunkte auf 1,1% an und die für 2027 auf 1,5%. Für das zweite Quartal hatte das Institut ursprünglich einen Rückgang erwartet. Begründet wird die Anhebung mit vollen Auftragsbüchern: Die Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe stiegen im zweiten Quartal um 4,5% gegenüber dem Vorjahresquartal, der Auftragsbestand lag Ende Juni um 9,3% höher als ein Jahr zuvor.

Die Bundesbank nennt als Gründe für das geringe Potenzialwachstum in Deutschland den demografischen Wandel mit Fachkräftemangel und steigenden Lohnnebenkosten, hohe Energiekosten, Bürokratie und wachsende Konkurrenz aus China.


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5.0

03.09.2026

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Es gibt positive Signale, aber für nachhaltiges Wachstum braucht es mehr als einen starken Konsum
03.09.2026

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