Hintergründe und Kommentare zur Leitzins-Entscheidung

Am 24. April senkte die russische Zentralbank ihren Leitzins von 15% auf 14,5%. Das ist bereits die achte Leitzinssenkung seit Juni 2025, als sich der Zinssatz noch auf seinem Höhepunkt von 21% befand. Die Entscheidung kam nicht überraschend: Die meisten Ökonomen in Russland waren von einer weiteren Zinssenkung ausgegangen. Uneinigkeit herrschte allerdings bezüglich des Ausmaßes der Senkung: um einen halben oder ganzen Prozentpunkt? Die Zentralbank entschied sich allerdings für die vorsichtigere Option.

Dabei stand entgegen den Expertenprognosen eine Senkung von 1% gar nicht erst auf der Tagesordnung, schreibt die russische Wirtschaftszeitung Kommersant. Dem Direktorenrat des Währungshüters standen laut Zentralbankchefin Elwira Nabiullina zwei Optionen zur Wahl: entweder eine Senkung um einen halben Prozentpunkt oder gar keine. Die Vorsicht des Währungshüters erklärt das Blatt mit einer „uneindeutigen Dynamik des Preisanstiegs“. So lag das saisonbereinigte Preiswachstum im ersten Quartal 2026 im Jahresvergleich bei durchschnittlich 8,7%, nach 4,4% im vierten Quartal 2025. Allerdings spielen auch hier wiederum einmalige Faktoren eine Rolle wie die Erhöhung der Mehrwertsteuer und die Indexierung der kommunalen Tarife. Bereinigt um diese Faktoren blieb die Inflationsschätzung jedoch unverändert und liegt weiterhin im Bereich von 4% bis 5%, so die Zentralbank.

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Auch die Daten zu den Inflationserwartungen sind widersprüchlich. Sie sanken für die Gesamtbevölkerung, blieben für das verarbeitende Gewerbe unverändert und stiegen für die Teilnehmer am Finanzmarkt leicht an. „Insgesamt bleiben die Inflationserwartungen hoch. Dies könnte eine nachhaltige Abschwächung der Inflation behindern“, warnt die Zentralbank.

Höhere Inflationsrisiken lassen Leitzinsprognose anziehen

In ihrem Basisszenario rechnet die Zentralbank für das Jahr 2026 mit einem Leitzins von 14% bis 14,5% – rund 5 Prozentpunkte niedriger als im Jahresdurchschnitt 2025. 2027 soll der Leitzins bei einer Inflationsrate von 4 Prozent weiter auf 8% bis 10% pro Jahr gesenkt werden. Nabiullina wies in ihrem Statement zum Leitzinsentscheid darauf hin, dass die Notenbank ihre Leitzinsprognose damit etwas angehoben hat. Hintergrund dafür sei, dass die Inflationsrisiken in Russland wegen des Konfliktes im Nahen Osten und auch im Hinblick auf die Entwicklung des Staatshaushalts deutlich zugenommen hätten.

Laut der Prognose der Zentralbank wird sich der jährliche Anstieg der Verbraucherpreise im Dezember 2026 auf 4,5% bis 5,5% sinken. Im Durchschnitt des Jahres 2026 erwartet die Zentralbank eine Inflationsrate von 5,1% bis 5,6%. 2025 hatte sie noch 8,7 % betragen. Ab 2027 wird der Preisanstieg laut der Prognose das von der Zentralbank angestrebte Inflationsziel von 4% erreichen. Mit Blick auf das Inflationsziel zog Nabiullina eine Parallele zur Mondlandung: „Die Menschheit hat 50 Jahre gebraucht, um zum Mond zurückzukehren. Auch wir werden zu einer Inflation von 4% zurückkehren, da bin ich mir sicher. Und ich bin sicher, dass dies viel schneller geschehen wird“, sagte sie.

Viel Urlaub, weniger Wachstum

In den ersten beiden Monaten des Jahres 2026 schrumpfte das russische BIP laut Schätzungen des Wirtschaftsministeriums um 1,8 Prozent im Jahresvergleich. Der Währungshüter bestätigte zwar den Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion, maß ihm jedoch keine allzu große Bedeutung bei: Es handle sich lediglich um eine Anpassung an die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 22%, eine geringere Anzahl an Arbeitstagen als im Vorjahr sowie den kalten Winter.

In ihrem Statement wies Zentralbankchefin Nabiullina darauf hin, dass die ersten beiden Monate 2026 drei Arbeitstage weniger als Januar und Februar 2025 hatten. Dies habe wiederum, so die Schätzung der Zentralbank, zu einem Rückgang des jährlichen BIP-Wachstums um bis zu 0,5 Prozentpunkte im ersten Quartal 2026 geführt. Doch im zweiten Quartal sollen die Monate Mai und Juni diesen Rückstand wettmachen, da sie im Vergleich zum Vorjahr drei Arbeitstage mehr enthalten.

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Neben dem „Kalendereffekt“ sollen in den kommenden Monaten auch eine teilweise Erholung der Konsum- und Investitionstätigkeit die bescheidene Konjunkturentwicklung vom ersten Quartal ausgleichen, so die Prognose der Zentralbank. Dies zeichne sich bereits, so Nabiullina, in den „hochfrequenten Daten für März und April“ ab. Zudem dürften höhere Preise an den globalen Rohstoffmärkten die Binnennachfrage zusätzlich stützen. „Vor diesem Hintergrund bestätigen wir unsere BIP-Wachstumsprognose für dieses Jahr unverändert bei 0,5 bis 1,5%“, betonte die Zentralbankchefin.

Nabiullina bekräftigte in der Pressekonferenz, sie sehe keine Gefahr einer „Überkühlung“ der Wirtschaft. Sie betonte, die Zentralbank werde die Zinsen nur dann schneller senken, wenn die Inflation von derzeit 5,9% unter das Zielniveau von 4% falle und die Arbeitslosigkeit zu steigen beginne.

Hinweise für eine Wachstumsbelebung

Die Zentralbank hält in ihrer anlässlich des Leitzinsentscheides aktualisierten mittelfristigen Konjunkturprognose aber daran fest, dass die russische Wirtschaft im Gesamtjahr 2026 im Vorjahresvergleich um 0,5 bis 1,5 Prozent wachsen dürfte. In dieser Spanne liegen derzeit auch fast alle Prognosen von Internationalen Wirtschaftsorganisationen, Forschungsinstituten und Banken. 

Laut dem Handelsblatt erwartet auch das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) in seiner Frühjahrsprognose, die Ende April offiziell vorgestellt wird, in Russland weiterhin ein Wirtschaftswachstum von rund einem Prozent. Bislang ging das Institut davon aus, dass sich Russlands Wirtschaftswachstum in diesem Jahr von 1,0 auf 1,2 Prozent beschleunigt. Jetzt senkt es seine Wachstumsprognose für 2026 geringfügig auf 0,9 Prozent. Der Russland-Experte des wiiw, Vasily Astrov, erwartet zwar, dass höhere Einnahmen durch Ölverkäufe ein „großer Sondereffekt“ für den russischen Staatshaushalt sein werden. Die zusätzlichen Einnahmen werde die Regierung jedoch in erster Linie für eine Senkung des Budgetdefizits nutzen – also nicht für „Konjunkturprogramme“.

Nabiullina wies in ihrer Stellungnahme auf Anzeichen hin, dass die russischen Unternehmen ihre Investitionspläne aufstocken und die Nachfrage der Verbraucher anziehen könnte. Angesichts der gestiegenen Preise für Energie und Rohstoffe auf den Weltmärkten könnten im Bereich Bergbau tätige Unternehmen jetzt ihre Investitionspläne nach oben korrigieren. Die Bauunternehmen würden jetzt versuchen, die witterungsbedingten Produktionsausfälle vom Winter aufzuholen.

Auch bei der Nachfrage der Verbraucher habe es laut Nabiullina im März Anzeichen einer Erholung gegeben, insbesondere bei den Autoverkäufen. Insgesamt falle das Wachstum des Konsums 2026 jedoch moderater aus als 2025. In ihrer mittelfristigen Prognose geht die Zentralbank davon aus, dass sich das Wachstum des Verbrauchs der privaten Haushalte von 3,6% im Jahr 2025 auf nur noch 0,5 bis 1,5% im Jahr 2026 abschwächt. Bei den Bruttoinvestitionen erwartet sie ein Wachstum von 1% bis 3%, nach einem Rückgang um 4,9 % im letzten Jahr.

Außerdem wies die Zentralbank in ihrer Pressemitteilung auf die historisch niedrige Arbeitslosigkeit und die weiterhin wachsenden Löhne hin, die schneller als die Arbeitsproduktivität steigen. Zugleich verwies Nabiullina auf die weiter sinkende Anzahl der Unternehmen, die über den Arbeitskräftemangel klagen. Der Anteil solcher Unternehmen befinde sich nun auf dem niedrigsten Stand seit Mitte 2023. Die Unternehmen würden daher für 2026 moderatere Lohnanpassungen als im Zeitraum 2023–2025 planen.

Ölpreis-Prognose auf 65 US-Dollar erhöht

Zur außenwirtschaftlichen Entwicklung Russlands angesichts des Krieges im Nahen Osten meinte Nabiullina: „Die Lage im Nahen Osten bleibt weiterhin ungewiss. Laut unserem Basisszenario wird der Konflikt eine Verlangsamung des Wachstums der Weltwirtschaft, einen weltweiten Anstieg der Logistik- und Energiekosten, eine weltweit höhere Inflation und höhere Zinsen zur Folge haben.“

In ihren Prognosen zur außenwirtschaftlichen Entwicklung Russlands nahm die Zentralbank im Vergleich zur Prognose vom 13. Februar Änderungen vor. So wurde die Prognose für den russischen Ölpreis für steuerliche Zwecke im Jahr 2026 von bisher 45 auf 65 US-Dollar pro Barrel erhöht. Russlands Erlöse aus dem Warenexport werden 2026 um rund 15% von 422 auf 485 Mrd. US-Dollar steigen. Im Februar war noch mit einem Rückgang der Exporte auf 399 Mrd. US-Dollar gerechnet worden. Der Überschuss in der Außenhandelsbilanz wird jetzt für 2026 mit 155 Mrd. US-Dollar um rund 70% höher als bisher veranschlagt – bei 90 Mrd. US-Dollar. Der Einfluss dieser zusätzlichen Exporterlöse auf den Rubelkurs wird nach Einschätzung der Zentralbank jedoch weitgehend durch staatliche Eingriffe in den Devisenmarkt, die Anwendung der sogenannten „Fiskalregeln“, kompensiert werden.

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Der Nahost-Krieg berge für Russland aber auch Risiken, betonte Nabiullina. „Sollte sich der Konflikt hinziehen, werden sich die negativen Auswirkungen auf die russische Wirtschaft verstärken. Die Folgen steigender globaler Kosten könnten sich als gravierender erweisen als die Vorteile höherer Exporte und eines stärkeren Rubels.“

Unternehmer fordern stärkere Leitzins-Senkung

Alexander Schochin, der Vorsitzende des Russischen Industriellen- und Unternehmerverbandes (RSPP), hatte den Verwaltungsrat der Zentralbank vor dem Leitzinsentscheid aufgefordert, den Leitzins um einen ganzen Prozentpunkt zu senken. Wenn der Leitzins bis zum Jahresende bei einer schrittweisen Senkung um jeweils nur einen halben Prozentpunkt von 15% auf 13% sinke, reiche dies nicht aus, um die Investitionen anzukurbeln. Schochin kommentierte die Entscheidung, den Leitzins auf 14,5 % zu senken, im Radiosender Business FM so: „Als ich eine Zinssenkung um 1 % forderte, meinte ich, dass wir bis Ende des Jahres 10 % oder vielleicht sogar einen einstelligen Wert erreichen könnten.“ Nicht nur für Großunternehmen, sondern auch für mittlere und kleine Unternehmen seien solche Raten entscheidend für die Entwicklung der Investitionsbereitschaft. „Viele Investitionsprojekte ruhen derzeit“, erklärte der Vorsitzende des Russischen Industriellen- und Unternehmerverbandes.

Stimmen zur Leitzinssenkung

„Eine Senkung um 0,5 Prozentpunkte ist eine Kompromisslösung, bei der die Zentralbank der Wirtschaft hilft, ohne die Inflation erneut anzuheizen, erklärte Marina Nikischowa, Chefökonomin der Bank „Senit“. Das Hauptargument für die Lockerung sei das Risiko einer übermäßigen Abkühlung der Wirtschaft angesichts äußerst schwacher Daten aus dem Konsumgütersektor, so die Expertin.

Aus Sicht von Natalja Waschtscheljuk, der leitenden Analystin der Vermögensverwaltung „Perwaja“, wird die Senkung des Leitzinses den Devisenmarkt nicht wesentlich beeinflussen. Ihr zufolge sind für den Rubelkurs derzeit andere Faktoren von größerer Bedeutung, vor allem die hohen Ölpreise sowie der stärkere Zufluss der gestiegenen Devisenerlöse der Exporteure. Um einen deutlich spürbaren Effekt auf den Rubel zu erzielen, müsste der Leitzins entweder wieder auf 20% steigen oder auf 10% sinken, ergänzt Leiterin der Analyseabteilung von Zifra Broker, Natalja Pyrjewa.

Experten erwarten allerdings nicht, dass die Kredite nach der jüngsten Leitzins-Entscheidung sofort günstiger werden. „Hypothekendarlehen, Autokredite und Verbraucherkredite reagieren auf eine Veränderung des Leitzinses in der Regel erst nach ein bis zwei Monaten“, kommentiert die russische Zeitung Gaseta.ru. Nach Angaben des Zentrums für Strategische Forschung (ZSR) liegen die durchschnittlichen Zinssätze für Hypothekendarlehen derzeit in einer Spanne von 19,5 bis 20,6 % pro Jahr. Falls die Zentralbank ihre geldpolitische Lockerung im Sommer 2026 fortsetzt, könnte der Hypothekenzins auf 16% bis 18% sinken, so Olga Epifanowa, Vorsitzende des sozial-demokratischen Frauenverbands Russlands. Bei Verbraucherkrediten werde der hingegen noch weniger spürbar ausfallen.

Spekulationen zu Nabiullinas Abgang

Mike Eckel, ein Korrespondent des vom amerikanischen Staat finanzierten Rundfunksenders „Radio Free Europe Radio Liberty“ (gilt in Russland als „ausländischer Agent“), spekulierte im Vorfeld der Leitzinsentscheidung, ob Nabiullina, die seit fast 13 Jahren die Zentralbank leitet, inzwischen auch bei Präsident Putin in Ungnade gefallen ist. Ihr Mandat als Vorsitzende der Zentralbank endet in einem Jahr. Nabiullina jetzt zu entlassen, würde den einzigen „institutionellen Anker“ kappen, der sich die „Glaubwürdigkeit der Märkte“ bewahrt habe, kommentierte Aleksandra Prokopenko (gilt in Russland als „ausländische Agentin“), ehemalige Beraterin der Zentralbank. Für Prokopenko wäre die Ablösung Nabiullinas ein Zeichen der Schwäche der Regierung. „Wenn sie Nabiullina entlassen, gerät die gesamte Wirtschaft in Panik“, sagte Nicholas Birman-Trickett (S&P Global Associate Director). Aus seiner Sicht will „der Kreml“ zwar niedrigere Zinsen. Präsident Putin wisse aber auch, dass ein „Ja-Sager“ an der Spitze der Zentralbank fatal wäre.

Teile dieses Artikels stammen aus einer Analyse von Klaus Dormann, dem ehemaligen Analysten für Ruhrgas und E.On, für das Wirtschaftsportal Ostwirtschaft.de.

Quellen: Kommersant 1, 2, 3, RBC, Gaseta.ru, Izwestija, ostwirtschaft.de

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28.04.2026

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