Die russische Zentralbank hat mit dem jüngsten Leitzins-Entscheid ihre straffe Geldpolitik abermals gelockert. Am vergangenen Freitag senkten die Währungshüter den Leitzins um 0,5 Prozentpunkte auf 15%. Es war die zweite Senkung in diesem Jahr und die siebte seit Juni 2025. Damals begann die Zentralbank mit der Senkung des Leitzinses von einem langjährigen Höchststand von 21%. Die hohen Zinsen sollten die Inflation dämpfen, die von stark steigenden Rüstungsausgaben in die Höhe getrieben wurde. Jetzt soll mit niedrigeren Zinsen das 2025 von 4,9% auf 1% gesunkene Wachstum der russischen Wirtschaft stabilisiert werden.
Auswirkungen des Irankriegs
Zu den weltwirtschaftlichen Folgen der seit Ende Februar andauernden israelisch-amerikanischen Militäroperation gegen den Iran sagte die langjährige Zentralbankchefin Elwira Nabiullina: „Die Situation im Nahen Osten beeinflusst die globalen Rohstoffmärkte erheblich. Die endgültigen Auswirkungen auf die russische Wirtschaft hängen von der Dauer und dem Ausmaß dieser geopolitischen Ereignisse ab.“
Zum einen könnten zwar die höheren Ölpreise Russlands Exporterlöse und den Rubel kurzfristig stützen, so die Zentralbankchefin. Sie warnte aber gleichzeitig: „Wenn wir jedoch über längerfristige Auswirkungen sprechen, könnte die Situation im Nahen Osten die Wachstumsaussichten für die globale Nachfrage und die Investitionen negativ beeinflussen, was zu höherer Inflation in energieimportierenden Ländern und Störungen der Lieferketten führen könnte. Im Wesentlichen handelt es sich um einen weiteren Angebotsschock, der die globalen Kosten beeinflussen und sich bis zu einem gewissen Grad auch auf die Preise auf dem russischen Markt auswirken wird. Darüber hinaus könnten logistische Probleme auch unsere Exportmengen beeinträchtigen.“
Zentralbank erwartet „ausgewogenes Wachstum“
Die erneute Leitzinssenkung erklärte Nabiullina am vergangenen Freitag mit der Annäherung an einen ausgewogenen Wachstumspfad. Ein „ausgewogenes Wachstum“ sieht Nabiullina offenbar erreicht, wenn die russische Wirtschaft wie in der „mittelfristigen Prognose“ der Zentralbank erwartet, im laufenden Jahr um 0,5% bis 1,5% wächst. Obwohl Russlands gesamtwirtschaftliche Produktion im ersten Quartal 2026 die von der Zentralbank bisher erwartete jährliche Wachstumsrate von 1,6% wahrscheinlich nicht erreichen dürfte, hielt sie in der Pressekonferenz daran fest, dass die russische Wirtschaft 2026 erneut um rund 1% wachsen kann.
Die Wirtschaftszeitung Kommersant kommentierte die Entscheidung der Zentralbank wie folgt: „Die Zentralbank beschreibt die gegenwärtige Situation als Übergang vom überhitzten Wachstum der Jahre 2023–2024 zu einem nachhaltigeren Entwicklungspfad – mit sinkender Nachfrage, reduziertem Inflationsdruck und einer ausgewogeneren Wirtschaftsstruktur. Dieser Logik zufolge interpretiert die Zentralbank die gegenwärtige Abschwächung der Konjunktur als notwendige Phase im Übergang zu einem neuen Gleichgewicht.“
Als Gründe für die schwache Produktionsentwicklung am Beginn des Jahres 2026 verwies die Zentralbankchefin erneut unter anderem auf den „Basis-Effekt“: Im Vergleichsmonat Januar 2025 sei die Wirtschaft stark gewachsen. Zudem habe es im laufenden Jahr im Januar zwei Arbeitstage weniger als im Vorjahr gegeben, sagte Nabiullina. Die außergewöhnlich kalte Witterung in diesem Jahr habe darüber hinaus die Produktion der Bauwirtschaft gebremst.
Auch das Institut für Wirtschaftsprognosen der Russischen Akademie der Wissenschaften (IEF-RAS) erwartet in seiner kürzlich aktualisierten Quartalsprognose zur Konjunkturentwicklung in Russland, dass im Gesamtjahr 2026 ein weiterer Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um rund 1% erreicht wird. Dabei geht es allerdings davon aus, dass das reale Bruttoinlandsprodukt im ersten Halbjahr annähernd stagnieren dürfte.
Hohe Inflationserwartungen
Laut der mittelfristigen Prognose der Zentralbank wird die jährliche Inflationsrate bei einer Beibehaltung der aktuellen Geldpolitik im Dezember 2026 auf 4,5% bis 5,5% sinken. Im Februar lag die jährliche Inflationsrate bei 5,9%. Ab 2027 wird die jährliche Inflation voraussichtlich im Zielbereich von 4,0% liegen. Besorgniserregend hoch sind derweil die Inflationserwartungen von Haushalten und Unternehmen in Russland. Die von der Bevölkerung wahrgenommene Inflation hat im März mit 15,6% den höchsten Stand seit August 2025 erreicht. Von November 2025 bis Februar 2026 hatte der Wert bei 14,5% gelegen.
Aktuelle Daten der Zentralbank deuten auf eine Abkühlung der Binnennachfrage, insbesondere der Konsumausgaben, hin. Dazu habe beigetragen, dass viele Verbraucher teure Anschaffungen wegen der Erhöhungen der Mehrwertsteuer und der Pkw-Recyclinggebühr in das Jahr 2025 vorzogen, erklären die Währungshüter. Außerdem meldeten bei Umfragen am Jahresbeginn kleine Unternehmen deutlich niedrigere Nachfrageerwartungen. Umfragen zeigten auch, dass sich der Fachkräftemangel allmählich entspanne, weil die Unternehmen weniger Einstellungen planten. Die Arbeitslosigkeit verharre aber weiterhin auf einem Rekordtief.
„Moderater“ Anstieg von Anlageinvestitionen
Nach Schätzungen der Zentralbank wurden die Produktionskapazitäten der Wirtschaft im letzten Jahr weiter ausgebaut. Die Investitionen in Sachanlagen sind Ende 2025 zwar leicht zurückgegangen, aber nahe den Rekordwerten der letzten Jahre geblieben. 2025 seien sie real fast ein Viertel höher als 2021 gewesen, erklären die Währungshüter. Die Investitionstätigkeit bliebt vor allem im verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungssektor hoch. Das ist laut Zentralbank unter anderem auf staatliche Unterstützungsmaßnahmen und die Investitionen zur Substitution von Importen zurückzuführen. Die Investitionspläne für 2026 fallen laut der Zentralbank-Präsidentin moderater aus. Unternehmensumfragen zeigten, dass mehr Unternehmen einen Ausbau ihrer Produktionskapazitäten im Jahr 2026 planen als einen Abbau.
Künftige Leitzins-Entwicklung
Externe Faktoren hielten die russische Zentralbank davon ab, den Leitzins stärker zu senken, erklärt Natalja Orlowa, Chefanalystin der größten russischen Privatbank Alfa-Bank. Der Ölpreis, Transportkosten und ein möglicher Anstieg der Verbraucherpreise seien Auswirkungen des Irankonflikts, die die Inflation anheizten, so Natalja Orlowa. Die Analystin prognostiziert, dass die Währungshüter den Leitzins im April um einen halben Prozentpunkt senken werden und im Laufe des Jahres noch vorsichtiger werden könnten, etwa mit Leitzinssenkungen von 0,25 Prozentpunkten. Ende des Jahres wird der Leitzins Orlowa zufolge bei 13% liegen.
Die Neujustierung der Haushaltsregel wird Beobachtern zufolge künftige Leitzinsentscheide ebenso beeinflussen wie anhaltende geopolitischen Spannungen. Die Reaktion der Zentralbank auf die angepasste Budgetpolitik sei zurzeit noch schwer absehbar, findet Andrei Melaschtschenko, Chefökonom des Moskauer Investmentunternehmens Renaissance Capital. Er erwartet eine Senkung von 0,5 Prozentpunkten im April und einen Leinzinswert von 12-13% Ende des Jahres.
Laut Natalja Waschtscheljuk, Chefanalystin beim russischen Vermögensverwalter Perwaja, stehen hohen Inflationserwartungen innerhalb der Unternehmen und Bevölkerung größeren Leitzinssenkungen im Weg. Bis Ende 2026 rechnet Waschtscheljuk mit einem Leitzinsniveau von 12%.
Geht der Rubel auf Talfahrt?
Am vergangenen Donnerstag fiel der Kurs der russischen Währung erstmals seit Frühling 2025 auf 87 Rubel zum Dollar und 100 Rubel zum Euro. Zuvor lag der Dollarkurs mehrere Monate deutlich unter der 80-Rubel-Marke. Analysten erklären die starke Abwertung mit dem Stopp des Devisenhandels im Rahmen der russischen Haushaltsregel. Dies habe zu einer erhöhten Nachfrage nach Fremdwährung geführt, was auf den Rubelkurs drücke, erklärt Bogdan Svaritsch, Leiter für Analyse des Bank- und Finanzmarktes bei Promswjasbank PSB.
Experten sehen jedoch keine Anzeichen für eine drastische Abwertung des Rubel in den nächsten Monaten. Die russische Invesmentgesellschaft Finam rechnet mit einer moderaten Schwächephase der russischen Währung im Frühling: 80–84 Rubel zum Dollar, 91-95 Rubel zum Euro. In einer Zentralbank-Umfrage von Anfang März gehen Analysten für 2026 von durchschnittlich 84 Rubel zum Dollar aus. Deutlich abwerten wird die russische Währung den Prognosen zufolge erst in den Folgejahren: 92,3 Rubel zum Dollar im Jahr 2027 und 97,8 Rubel zum Dollar im Jahr 2028. Einen schwächeren Umtauschwert der russischen Währung erwartet das russische Wirtschaftsministerium: Von im Schnitt 92,2 Rubel zum Dollar in diesem Jahr über 95,8 Rubel im Jahr 2027 bis auf 100,1 Rubel im Jahr 2028.
Nach Einschätzung der Promswjasbank PSB wird die russische Währung gegen Ende des Jahres auf 87,5 Rubel zum Dollar abwerten. Eine baldige Trendumkehr könnte laut Finam-Analyst Alexander Potanin schon diesen Mai einsetzen: Spätestens dann spüle das unverhofft rentable Ölgeschäft mehr Devisen in den russischen Markt. Die Militäroperation gegen den Iran befeuert die globalen Öl- und Gaspreise. Am 9. März schellte der Preis für die weltweite Referenzölsorte Brent zeitweise auf über 120 Dollar je Barrel hoch. Mit Stand Montag lag die Nordseesorte bei 108,06 Dollar. Auch die russische Ölsorte Urals feiert derzeit ein Comeback. Am 20. März notierte Urals bei 104,84 Dollar je Barrel – im Februar lag der Durchschnittswert weit darunter bei 44,59 Dollar je Barrel.
Devisenmangel setzt Rubel unter Druck
Die Rubelschwäche setzte Beobachtern zufolge am 5. März ein, als das russische Finanzministerium seine Devisenpause einlegte und keine Devisen mehr verkaufte. Binnen eines Tages haben sich die Devisenverkäufe von fast 12 Mrd. Rubel auf 4,6 Mrd. Rubel pro Tag verringert, von 123,3 Mio. Euro auf 47,2 Mio. Euro. Gleichzeitig haben auch Russlands Ölexporteure den Verkauf von Fremdwährung zurückgefahren, da der Branche seit Jahresbeginn eine Mischung aus niedrigen Ölpreisen und hohen Preisabschlägen auf die wichtigste russische Ölsorte Urals zusetzte. Laut russischer Zentralbank war das Volumen der verkauften Fremdwährung durch Exporteure im Februar um 31% niedriger als im Januar.
Die russische Haushaltsregel sieht vor, dass Öl- und Gaseinnahmen oberhalb eines festgelegten Preises nicht in den laufenden Haushalt fließen. Übersteigt der Ölpreis diese Marke, werden die zusätzlichen Einnahmen dem Nationalen Wohlfahrtsfonds zugeführt. Technisch geschieht dies über den Ankauf von Fremdwährungen oder Gold. Liegt der Wert unter dem Referenzwert, verkauft das russische Finanzministerium Devisen und Gold wie etwa in den vergangenen acht Monaten. Anfang März stellte das Finanzministerium seinen Devisenverkauf vorerst ein und kündigte aufgrund sinkender Öleinnahmen die Änderung des Öl-Referenzwertes an, der derzeit bei 60 US-Dollar liegt. Im Gespräch sind derzeit 45-55 Dollar. Diesen Schritt begründete das Ministerium mit dem Erhalt des Wohlstandfonds.
Quellen: Russ. Zentralbank 1, 2, Interfax, RBC 1, 2, Kommersant 1, 2, Vedomosti, Smartlab (alle RU)
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