Die russische Statistikbehörde Rosstat hat im Frühjahr eine Studie zu der Einkommensungleichheit in Russland veröffentlicht. Darin ermittelt Rosstat den Koeffizienten der Einkommensungleichheit, der den finanziellen Abstand zwischen den reichsten 10% und den ärmsten 10% der Russen angibt. Aus der Untersuchung „Sozioökonomische Lage Russlands“ geht hervor, dass sich die Einkommensschere zwischen Arm und Reich im Jahr 2025 auf das 15,8-Fache vergrößert hat – im Vorjahr betrug der Abstand das 15,5-Fache.
Auf die 10% der Bevölkerung mit dem höchsten Einkommen entfallen rund 31% des Gesamteinkommens – ein Zuwachs von einem halben Prozentpunkt zum Vorjahr. Der Anteil der ärmsten Russen am Gesamteinkommen belief sich auf 2%, ein Plus von 0,1 Prozentpunkten zum Vorjahr. Bei der Einkommensermittlung berücksichtigt die Behörde nicht nur Einkommen aus Erwerbstätigkeit, sondern auch Einkünfte aus Vermögensgegenständen und Sozialleistungen.
Einkommensverschiebung: mehr Besserverdiener
In der Studie teilen die Analysten die russische Bevölkerung in zehn Einkommensklassen auf. Die niedrigste Klasse (Gruppe I) hat ein Pro-Kopf-Einkommen von bis zu 7000 Rubel im Monat, umgerechnet 80 Euro, die oberste (Gruppe X) ein Einkommen von mehr als 100.000 Rubel, 1142 Euro. Diese Gruppe machte im vergangenen Jahr 22,3% an der Gesamtbevölkerung aus – dies ist ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Jahr 2024, als 16,7% der Russen über mehr als 100.000 Rubel Monatseinkommen verfügten. Diese Verschiebung macht die Einkommensklasse X laut Rosstat zur weitverbreitetsten in Russland. 2024 stellten Russen mit einem Einkommen zwischen 27.000 und 45.000 Rubel (308 und 514 Euro) noch die Mehrheit (24,1%).
Ungleichheit nimmt zu
In der jüngsten Studie macht Rosstat keine Angaben zum Gini-Index, der die Ungleichheit der Einkommensverteilung misst. Der Gini-Koeffizient, benannt nach dem italienischen Statistiker Corrado Gini, reicht von 0 bis 1. Null entspricht einer vollständigen Gleichverteilung, Eins einer vollständigen Konzentration bei einer Bevölkerungsgruppe. Im internationalen Vergleich liegt die Ungleichheit der Einkommensverteilung in Russland im mittleren Bereich. Nach Angaben der Weltbank lag der Gini-Index in Russland 2021 bei 0,351, ähnliche Werte wiesen in dem Jahr Thailand (0,349) und die Elfenbeinküste (0,353) auf. In den „goldenen 2000er Jahren“ erreichte die Ungleichheit in Russland ihren vorläufigen Höhepunkt, als der Gini-Index 2007 bei 0,422 lag. Zum Vergleich: 1992 lag der Index bei 0,289.
2023 betrug der Gini-Index in Russland laut Rosstat 0,405, im Jahr 2024 lag er bei 0,408 und in den ersten neun Monaten 2025 lag der Index bereits bei 0,411. Für Deutschland betrug der Gini-Index vor zwei Jahren 0,293 Punkte.
Nach Beginn des Ukraine-Konflikts im Jahr 2022 ging der Index um 2,7% zurück, was mit den umfangreichen Sanktionen gegen die russische Elite zusammenhing. Seit 2023 wächst der Index wieder. Obwohl sich für fast zwei Drittel der russischen Bevölkerung zwischen 2022 und 2025 die finanzielle Lage verbessert hat, freuen sich die Bessergestellten über den größten Einkommenszuwachs: Die Gruppe X verzeichnete im ersten Quartal 2025 einen nominalen Einkommenszuwachs von 8% auf 183.000 Rubel gegenüber dem Vorjahreszeitraum. In der angrenzenden Einkommensgruppe IX gab es ein Plus von 7% auf 102.000 Rubel. In den restlichen Einkommensgruppen lag das durchschnittliche Einkommensplus bei 6,5%.
Ewiger Zweikampf: Löhne vs. Inflation
Der Durchschnittslohn in Russland ist in den vergangenen fünf Jahren enorm gewachsen: Von 57.244 Rubel (653 Euro) im Jahr 2021 auf 100.360 Rubel (1146 Euro) 2025. Allerdings sollte dieser Höhenflug der Gehälter nicht als eindeutiger Indikator für mehr Wohlstand betrachtet werden, warnen zahlreiche Ökonomen. Viele Gehaltserhöhungen dienen in erster Linie dem Inflationsausgleich, weshalb das reale Wachstum der Einkommen bescheidener ausfällt. Die kumulierte Inflation seit 2005 ergibt laut Rosstat-Daten 352,51%. Das bedeutet, dass die Preise in den vergangenen zwei Jahrzehnten um das 4,5-Fache gestiegen sind.
Historisch gesehen halten sich Inflation und Lohnwachstum die Waage. Beispielweise habe die jährliche Inflationsrate in den 2000er Jahren in Russland zwischen 9% und 20% pro Jahr gelegen, während die Löhne angesichts der guten Konjunktur um 22% bis 46% pro Jahr gestiegen seien, erklärt Olga Belenkaja, Chefanalystin für Makroökonomie bei der Investmentholding Finam. Dies ließ die Verbraucher diverse Preissteigerungen in den Supermarktregalen besser wegstecken, erklärt die Analystin. Nach 2008 habe sich das Wachstum der Realeinkommen verlangsamt und zwischen 2014 und 2017 seien sie sogar zurückgegangen. Seit 2021 habe das Wachstum der Durchschnittslöhne die Preissteigerungen wieder überholt, resümiert die Expertin.
Median statt Durchschnitt
Bei der Berechnung des Durchschnittslohns stützen sich die Statistiker auf Unternehmensangaben. Der Durchschnittswert ergibt sich aus der Gesamtheit aller Löhne, die wiederum durch die Zahl der Mitarbeiter geteilt wird. Dabei können die Gehälter der Besserverdiener das Gesamtbild stark verzerren. Aussagekräftiger als der Durchschnittslohn ist das Mediangehalt, das genau in der Mitte aller Löhne liegt. Das bedeutet, dass 50% der Menschen weniger verdienen als das Median-Einkommen und 50% mehr. Das russische Mediangehalt lag im April 2025 laut Rosstat-Angaben bei 73.400 Rubel (838 Euro) und somit deutlich niedriger als der Durchschnittslohn von knapp über 100.000 Rubel (1140 Euro).
Einige gehen leer aus
Doch nicht alle Bevölkerungsgruppen profitieren von dem allgemeinen Einkommensanstieg. Laut Finam-Analystin Belenkaja hinken beispielweise die Renten den Lohnzuwächsen hinterher und gleichen bei ihrer Erhöhung nur die Inflation aus. Der Wirtschaftsforscher Oleg Abelew vom Investmentunternehmen Ricom-Trust hält den Inflationsausgleich für keine allgemeine Praxis. Ein großer Anteil der russischen Bürger, die seit Jahren für ein Unternehmen arbeiteten, bekämen jahrelang keine Gehaltserhöhung oder symbolische 3-5% auf den Lohn draufgesetzt, was die Inflation nicht abdecke und tatsächlich einen Einkommensschwund bedeute, gibt Abelew zu bedenken. Das Mindestgehalt in Russland liegt derzeit bei 27.093 Rubel (308 Euro).
Russland hat eine der niedrigsten Armutsquoten der Welt: Anfang 2026 lag sie bei 7,4%, was 10,8 Mio. Menschen entsprach. Die offizielle Armutsgrenze legt Rosstat bei 16.863 Rubel (192 Euro) fest. Doch dieser Wert sorgt schon seit Längerem für hochgezogene Augenbrauen. Kritiker halten die aktuelle Armutsgrenze für fragwürdig, weil die Mindestausgaben der Russen weitaus höher liegen.
Quelle: RBC, Kommersant, Banki.ru, Finam, Izvestia, Frank Media (alle RU)
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