Führende deutsche Wirtschaftsinstitute und renommierte Ökonomen analysieren in ihren Ölpreisprognosen, wie sich die vom Iran-Krieg in die Höhe getriebenen Energiepreise auf die russischen Budgeteinnahmen auswirken. Dabei kommen sie zu einem ähnlichen Ergebnis: Die aktuelle Öl- und Gaspreisentwicklung könnte dem russischen Haushalt Mehreinnahmen in Milliardenhöhe bescheren.
Günstige Ölpreisentwicklung
Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) sieht mit der Sperrung der Straße von Hormus im Hinblick auf die Entwicklung der Ölpreise zwar die denkbar schlechteste Entwicklung für die Weltwirtschaft eingetreten. Die darauffolgende Reaktion der Ölpreise ist aber nach Einschätzung des Instituts „noch moderat“ ausgefallen. In der vergangenen Woche knackte der Preis für die weltweite Referenzölsorte Brent kurzzeitig die 120-Dollar-Marke im Vergleich zu 70,89 US-Dollar je Barrel im Februar. Mit Stand Donnerstag lag die Nordseesorte bei 118,29 Dollar je Barrel.
Auch die russische Ölsorte Urals feiert derzeit ein Comeback und kostete im März zeitweise mehr als Brent. Am 31. März erreichte der Urals-Preis seinen bisherigen Höchststand mit 123,45 Dollar je Barrel. Mit Stand Donnerstag lag die russische Rohölsorte bei 121,17 Dollar je Barrel. Im Februar hatte der Durchschnittswert noch weit darunter bei 44,59 Dollar je Barrel gelegen.
Öl-Geldsegen mit begrenzter Wirkung
Eine Schlüsselfrage für viele Russlandprognosen ist derzeit, wie sich die vom Iran-Krieg hochgetriebenen Rohstoffpreise entwickeln. Ökonomen schätzen, dass die russischen Öl- und Gaseinnahmen von dem Nachfrageanstieg profitieren werden.
Laut dem Münchner ifo Institut entfaltet diese Entwicklung aber nur begrenzte Wirkung auf das russische Wirtschaftswachstum. In beiden durchgespielten Szenarien des Münchner Instituts ergibt sich auch für das nächste Jahr kein eklatanter Wachstumsschub. Im Jahr 2027 beschleunigt sich das russische Wirtschaftswachstum dem „Deeskalationsszenario“ zufolge auf 1,4%, wenn der Ölpreis bei 70 Dollar im Jahresdurchschnitt liegt. 2027 wird der Ölpreis im „Eskalationsszenario“ nur auf 75 Dollar sinken. In diesem Fall wird das Wirtschaftswachstum dann auf 1,5% anziehen, kaum stärker als im oben angeführten „Deeskalationsszenario“ (+1,4%).
Angesichts des aktuellen Anstiegs der Energiepreise werden sich die Möglichkeiten Russlands zur Finanzierung des Ukraine-Konflikts nach Einschätzung des Kieler Wirtschaftsinstituts für Weltwirtschaft in den kommenden Monaten erheblich verbessern. Russland erziele nun wieder deutlich mehr als jene 59 US-Dollar je Barrel, die bei der Erstellung des russischen Staatshaushalts zugrunde gelegt worden seien, schreibt das Wirtschaftsinstitut. Durch die Lockerungen der US-Sanktionen gegen russisches Öl seien die Preisabschläge für russisches Öl gegenüber westlichen Sorten wie Brent derzeit praktisch verschwunden, heißt es weiter.
Mehreinnahmen für Budget
Laut einem Bericht der Wirtschaftszeitung Izvestia schätzen Experten, dass die russischen Haushaltseinnahmen 2026 um rund 2,5–3,5 Bio. Rubel (26,6–37,2 Mrd. Euro) steigen könnten, sollte sich der Urals-Preis im Jahresverlauf in der Spanne 90–100 Dollar je Barrel bewegen. Steigen die Haushaltseinnahmen aus dem Öl- und Gasbereich in diesem Jahr tatsächlich auf rund 11 bzw. 12 Bio. Rubel, umgerechnet 117,1 Mrd. und 127,7 Mrd. Euro, wären sie fast gleichauf oder sogar höher als 2024 mit 11,1 Bio. Rubel, rund 117,2 Mrd. Euro. 2025 sind Russlands Haushaltseinnahmen aus dem Öl- und Gasbereich nach offiziellen Angaben um fast ein Viertel auf rund 8,5 Bio. Rubel gesunken, umgerechnet 89,7 Mrd. Euro.
Mehr Abnehmer für Russland
Ganz ähnlich wie das Kieler Institut argumentiert Christoph Rühl, Senior Research Scholar am Center on Global Energy Policy der Columbia University. Rühl war als Mitarbeiter der Weltbank von 1998 bis 2005 Leiter der Weltbank-Repräsentanz in Moskau und anschließend bis 2014 Chefvolkswirt des Mineralölkonzerns BP. Rühl weist darauf hin, dass sich Russland bisher in einer schwierigen Lage befunden habe, weil die Ölpreise deutlich gesunken seien. Nach der Verschärfung der Sanktionen durch die USA habe Russland außerdem nur noch sehr viel weniger Öl nach Indien liefern können, so Rühl weiter. Die Tanker der russischen „Schattenflotte“ hätten für enorme Ölmengen keine Abnehmer finden können.
Ferner erklärt der Ökonom, dass russisches Öl angesichts der Lockerungen der US-Sanktionen wieder Abnehmer finde – und zwar zu viel höheren Preisen, selbst wenn es weiterhin Preisabschläge für russisches Öl gebe. Statt für 50 oder 55 Dollar könne Russland sein Öl jetzt zu 95 Dollar verkaufen – dies sei ein sehr großer Unterschied, resümiert Rühl.
Wie lange bleiben Energiepreise hoch?
Das Kieler Institut für Weltwirtschaft rechnet damit, dass sich die Ölversorgung aus dem Persischen Golf in einigen Wochen wieder normalisiert und der Preis für Rohöl Ende 2026 wieder in etwa so niedrig sein wird wie vor dem Iran-Krieg. Das Münchner ifo Institut hingegen spielt in seiner „Frühjahrsprognose“ zwei Szenarien durch.
Im „Deeskalationsszenario“ wird mit einem schnellen Ende des Konflikts nach vorübergehenden Anstiegen der Rohöl- und Erdgaspreise auf durchschnittlich 80 US-Dollar je Barrel bzw. 55 Euro je MWh in den Monaten März bis Mai gerechnet. Nach Beilegung des Konflikts sinken die Rohölpreise in diesem Szenario wieder zügig, bleiben aber höher als vor Ausbruch des Krieges.
Im „Eskalationsszenario“ gehen die Forscher davon aus, dass der Konflikt deutlich länger dauern wird und mit einem schärferen und anhaltenderen Anstieg der Energiepreise einhergeht. Das ifo Institut erwartet aber auch in diesem Szenario einen im Vergleich zu anderen Prognosen moderaten Anstieg des Ölpreises um rund 21% im Jahresvergleich 2026/2025.
Quelle: Ostwirtschaft.de, IfW, Ifo Institut München, Statista (EN), Izvestia, Kommersant (beide RU)
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