Die Zukunft drängt: KI zieht ins Tagesgeschäft russischer Unternehmen ein

Heute nutzten Abermillionen Menschen rund um den Globus KI-Modelle im Alltag, während CEOs über optimale KI-gestützte Geschäftsmodelle zur Kosteneinsparung und Gewinnmaximierung nachdenken. Die Transformation hat auch Russlands Wirtschaft erfasst. Wer den Anschluss nicht verpassen will, hat schon vor Jahren mit der Implementierung moderner IT-Technologien begonnen. Doch die meisten russischen Unternehmen tun sich mit dem Umstieg auf KI-Lösungen schwer.

KI-Markt wachstumsstark, aber sanktionsanfällig

Der russische Markt für Künstliche Intelligenz (KI) ist im vergangenen Jahr um 29,7% gegenüber 2024 auf 316,1 Mrd. Rubel (3,3 Mrd. Euro) gewachsen, wie aus einer Studie des Moskauer Marktforschers Aiana hervorgeht. Gegenüber 2023 hat sich das Volumen sogar verdoppelt. Das Wachstum geht mit einer Verschiebung der Investitionen einher: von der Beschaffung der Ausrüstung hin zur Miete von Rechenleistung und Implementierung von Lösungen. In Deutschland wird der KI-Markt auf über 9 Mrd. Euro geschätzt. Nach Angaben des deutschen Datenanbieters Statista betrug der weltweite KI-Markt im vergangenen Jahr 254,5 Mrd. US-Dollar.

Insgesamt sind auf dem russischen KI-Markt derzeit 883 Unternehmen aktiv. 386 von ihnen bieten fertige KI-Produkte für konkrete Aufgaben an, diese machen aber zusammen nur 22,6% der Gesamtumsätze aus. Die meisten Umsätze werden mit 31,1% weiterhin im Segment der KI-Ausrüstung generiert, in dem 148 Firmen tätig sind. Firmenkunden (B2B) sind für 71,9% der Umsätze der KI-Branche verantwortlich. Weitere 15,6% der Umsätze entfallen auf Privatpersonen und 12,5% auf Behörden und staatliche Einrichtungen.

Die Analysten sehen in der KI-Sparte enormes Wachstumspotenzial. Dem Basisszenario von Aiana zufolge wird sich das Marktvolumen Künstlicher Intelligenz in Russland bis 2030 auf 830 Mrd. Rubel (8,7 Mrd. Euro) erhöhen. Ein positives Szenario, das einen niedrigeren Leitzins, weniger geopolitische Risiken und die internationale Skalierung russischer KI-Lösungen voraussetzt, sieht sogar ein Volumen von 1,12 Bio. Rubel (11,7 Mrd. Rubel) vor. Nicht ausgeschlossen ist aber auch ein moderater Anstieg auf 582 Mrd. Rubel (6,1 Mrd. Euro) in Anbetracht anhaltender Sanktionsbeschränkungen und eines fehlenden Zugangs zu ausländischen Technologien, wie das Negativszenario von Aiana darlegt.

Zukunftsmusik war gestern

Laut einer Studie des Moskauer Consultingunternehmens Yakov and Partners nutzten im vergangenen Jahr 71% der russischen Unternehmen Künstliche Intelligenz in mindestens einem Geschäftsbereich – dies ist ein Anstieg von 17 Prozentpunkten gegenüber 2024. Vor allem das Marktvolumen generativer Künstlicher Intelligenz (GenAI) legte 2025 laut dem Marktforschungsunternehmen Onside einen enormen Wachstumssprung von 13 Mrd. auf 58 Mrd. Rubel hin, umgerechnet 136,5 auf 609,3 Mio. Euro. Generative KI kreiert mithilfe von KI-Assistenten Texte, Bilder, Videos, analysiert Daten und kann Programmcode herstellen.

„Die Unternehmen sehen in GenAI ein Instrument zur Steigerung der Effizienz und Einnahmen“, erklärt Maksim Bolotsckich, KI-Experte bei Yakov and Partners. „87% der Firmen erhoffen sich davon eine Senkung der Betriebskosten. 83% wollen mit der damit einhergehenden Steigerung des Produktwertes und Verbesserung des Kundenerlebnisses mehr Umsatz generieren“, so der Experte weiter.
Vor diesem Hintergrund kommen auch autonome KI-Agenten immer öfter zum Einsatz. Sie automatisieren komplexe Abläufe, indem sie selbstständig Aufgaben übernehmen. KI-Agenten können zum Beispiel Rechnungen abgleichen, Korrespondenzen einsehen, Compliance-Prüfungen durchführen und diese an zuständige Mitarbeiter weiterleiten. Laut Yakov and Partners haben 46% der untersuchten Unternehmen solche autonomen KI-Agenten entweder schon eingeführt oder testen sie zurzeit.

In Produktionsbetrieben, Logistik und im Finanzsektor ist Computer Vision (CV) verbreitet. 67% der von Yakov und Partners befragten Unternehmen nutzen CV zur Kontrolle der Sicherheit und Produktionsprozesse in Fabriken und Lagern. Mit KI-gestützter prädiktiver Analytik lassen sich Zukunftsszenarien berechnen, Lieferketten prüfen, Markt- und Kundenanalysen wie etwa Bonitätschecks durchführen. Marktkennern zufolge verfügen heute die meisten großen Finanzhäuser und Einzelhandelsketten über diese Technologie, mit der sich Milliarden Rubel einsparen lassen.

Integration mit Hürden

Doch das enorme Potenzial Künstlicher Intelligenz ist nicht für jedes Unternehmen sofort greifbar. Kleine und mittelständische Unternehmen seien auf die Implementierung oft nicht vorbereitet, sagt Oleg Saschin, CEO-Berater beim russischen Softwareentwickler Content AI. Die Hürden verortet der Experte in dem Fehlen einer einheitlichen Infrastruktur und den mangelnden Kompetenzen für eine eigenständige Integration. Kleine Unternehmen begnügten sich mit Chatbots zur Bearbeitung von Anfragen und generativer KI zur Content-Erstellung, so Saschin weiter. Der Mittelstand nutze wiederum integrierte Büroassistenten, um Online-Besprechungen zusammenzufassen, Daten zu strukturieren und E-Mails zu erstellen.

Allerdings wird der Abstand zahlreicher Unternehmen zu den Marktführern immer größer: Während Großbanken, Einzelhandelsketten, Telekomanbieter und Teile der Industrie bereits täglich KI anwenden, machen die meisten mittelständischen Firmen mit Pilotprojekten ihre ersten Schritte, erklären Marktkenner.

Meistgenutzte KI-Modelle

Nach Angaben des Marktforscherunternehmens Digital Budget ist der Datenverkehr der zwölf meistgenutzten KI-Modelle in Russland im Zeitraum von Januar und Oktober 2025 um fast das Sechsfache angewachsen. Das mit Abstand beliebteste KI-Modell bei russischen Nutzern war ChatGPT mit einem Anteil von rund 40% an den Gesamtsitzungen auf den KI-Plattformen. Dahinter rangierten DeepSeek (28%), GigaChat (7,3%) der größten Bank Russlands der Sberbank, Qwen (7%) und Alisa AI (6%) des russischen Internet-Riesen Yandex. Auf die Top fünf KI-Modelle entfielen damit mehr als 88% am Gesamtdatenverkehr in Russland. 

Gleichzeitig stoßen russische Nutzer zunehmend auf Schwierigkeiten beim Zugang zu den US-amerikanischen KI-Diensten ChatGPT, Claude und Google Gemini. Sie sind schon länger in Russland offiziell nicht verfügbar, wie die meisten großen ausländischen Sprachmodelle, mit Ausnahme von DeepSeek aus China. Bisher hatten Privatpersonen und Unternehmen jedoch über VPN-Dienste und Abo-Vermittler im Ausland Zugang zu ChatGPT und Co. 

Quellen: Frank Media, Cnews, Yakov und Partners, 3Dnews, Digital Quarterly

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14.08.2026

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