Die Sperrung der Straße von Hormus seit Anfang März 2026 trifft die deutsche Landwirtschaft mit voller Wucht: Nach Modellrechnungen der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer belaufen sich die Mehrkosten für Düngemittel allein im laufenden Düngejahr auf mindestens 430 Mio. Euro – bei einer Fortdauer der Blockade drohen Zusatzkosten von bis zu 1,7 Mrd. Euro. Für die 256.000 deutschen Landwirtschaftsbetriebe bedeutet das: 36 bis 145 Euro Mehrkosten pro Hektar Ackerland, je nach Dauer und Eskalationsstufe des Konflikts.
Wie abhängig Deutschland von Düngerimporten ist
Deutschland verbraucht jährlich rund 1,15 Mio. Tonnen Stickstoff als Nährstoff, dazu etwa 140.000 Tonnen Phosphat und 310.000 Tonnen Kali laut Angaben des Industrieverband Agrar (IVA). Die Gesamtausgaben für Mineraldünger lagen 2025 bei 2 Mrd. Euro, wovon etwa 75% auf Stickstoffdünger entfielen. Nachdem europäische Ammoniakwerke – darunter SKW Piesteritz, Deutschlands größter Harnstoffproduzent – wegen hoher Gaspreise seit 2022 die Produktion drosseln mussten, stieg der Importanteil auf mehr als 20%. Unter den Drittlandimporten dominiert Russland mit 93,9% aller Nicht-EU-Stickstofflieferungen im Jahr 2024. Seit Juli 2025 gelten EU-Zölle auf Düngemittelimporte aus Russland und Belarus – ein Wertzoll von 6,5% plus ein Festzoll von 40 bis 45 Euro pro Tonne je nach Düngemittelart.
Die Golfregion – Katar, Saudi-Arabien, Oman und Iran – lieferte bislang rund 30% des weltweit gehandelten Harnstoffs. Genau dieser Handelsweg ist seit der iranischen Blockade weitgehend unterbrochen.
Modellrechnung: Bbis zu 1,7 Mrd. Euro Mehrkosten
Die Preisentwicklung seit Kriegsbeginn ist drastisch. Harnstoff stieg an deutschen Importhäfen von rund 450 Euro pro Tonne auf über 700 Euro pro Tonne Mitte März – ein Plus von 55%. Kalkammonsalpeter (KAS), mit 37% Marktanteil der wichtigste N-Dünger in Deutschland, verteuerte sich von 348 auf rund 435 Euro pro Tonne um 25%. Bei Kalidünger fiel der Preiszuwachs zwischen 10% und 20% moderater aus. Zugleich stiegen die europäischen Gaspreise (TTF) von 30 auf 55 Euro pro Megawattstunde (MWh), ein Anstieg von 85% – was die heimische Düngerproduktion, bei der Gas 60% bis 90% der variablen Kosten ausmacht, zusätzlich verteuert.
Die Modellrechnung basiert auf den Angaben des deutschen Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) für 2025 (2 Mrd. Euro), den IVA-Marktanteilen der Düngerarten und den beobachteten Preissteigerungen:
Szenario 1: Schnelle Beendigung der Krise
Bei einem Preisanstieg von 25% errechnen sich Mehrkosten von rund 430 Mio. Euro – 37 Euro pro Hektar Ackerland.
Szenario 2: Fortdauer der Blockade
Steigen die Preise um 50%, betragen die Mehrkosten rund 850 Mio. Euro bzw. 73 Euro pro Hektar.
Szenario 3: Rückkehr auf 2022-Niveau
Erreichen die Preise die Rekordstände von Sommer 2022, als Harnstoff über 1000 Euro pro Tonne kostete, wären Mehrkosten von bis zu 1,7 Mrd. Euro realistisch – 145 Euro pro Hektar.
Volkswirtschaftliche Folgen und politische Reaktionen
Die Wirkung reicht weit über den Ackerbau hinaus. Die deutsche Chemieindustrie leidet massiv: SKW Piesteritz, das 13 TWh Gas pro Jahr verbraucht und bei dem 80% der Produktionskosten auf Erdgas entfallen, stand im Februar 2026 nach eigenen Angaben „am Rande der Schließung“. BASF hatte bereits 2022 die Ammoniakproduktion in Ludwigshafen gedrosselt – eine Wiederholung zeichnet sich ab.
Der Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied warnte in einem Kommentar der Nachrichtenagentur Reuters: „Die massiv gestiegenen Preise für Diesel und Düngemittel schnüren der Landwirtschaft die Luft ab“.
Die Inflationswirkung entfaltet sich verzögert. Düngemittel machen 15% bis 30% der pflanzlichen Produktionskosten aus, berichtet das Branchenmagazin „Agrarheute“. Bei einem Anstieg um 25% bis 40% erhöhen sich die Erzeugerkosten um 4% bis 9%, wovon 30% bis 50% an Verbraucher weitergegeben werden. Ökonomen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) rechnen mit einem Anstieg der Lebensmittelpreise um 1 bis 3 Prozentpunkte binnen sechs bis zwölf Monaten. Die Kieler Wirtschaftsexperten warnen: „Bei einer monatelangen Blockade wären strukturelle Verwerfungen auf den Agrarmärkten zu befürchten.“
Die EU-Kommission schlug vor, die Einfuhrzölle auf Stickstoffdünger für ein Jahr auszusetzen – allerdings nicht für russische und belarussische Produkte. Italien und Frankreich forderten Ende März zusätzlich die Aussetzung des CO₂-Grenzausgleichs (CBAM) auf Düngemittel. Die Bundesregierung unter Agrarminister Alois Rainer hat bislang keine eigenen Hilfsmaßnahmen angekündigt; strategische Düngemittelreserven existieren in Deutschland – anders als in China – nicht. Spanien hat dagegen bereits ein 877-Mio.-Euro-Paket für die Landwirtschaft geschnürt. Ob die Preise die Rekorde von 2022 erreichen, hängt von der Dauer der Blockade ab – doch schon jetzt belasten die Mehrausgaben die deutschen Landwirte mit mindestens einer halben Milliarde Euro.
Quelle: iva, Topagrar, Kurierverlag, WiWo, agrarheute; IFPRI, Vantrumreport, euronews (alle EN)
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