Fremdverwaltung von Russlandtöchtern: Kammer und Verbände reden Klartext

Das Thema Fremdverwaltung steht weiter ganz oben auf der Liste der Sorgen, die ausländische Unternehmen in Russland umtreiben. In einer Sitzung des International Council for Cooperation and Investment (ICCI) des Russischen Unternehmerverbands (RSPP) am 28. April übten ausländische Wirtschaftsverbände deutliche Kritik an der Praxis, darunter die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer, die Amerikanische Handelskammer (AmCham) und die Association of European Businesses (AEB). Erstmals waren auch Journalisten eingeladen worden. Die Sitzungen des ICCI finden seit Februar 2008 statt, Vorsitzender ist RSPP-Präsident Alexander Schochin, Kammer-Vorstandsvorsitzender Matthias Schepp, einer der Co-Vorsitzenden.

Entscheidungen über die Fremdverwaltung von Russlandtöchtern ausländischer Konzerne würden häufig ohne Transparenz und nach willkürlichen Kriterien getroffen, so die Kritik der Wirtschaftsverbände. Kammer-Chef Schepp beklagte, dass es eine Sache sein, wenn Firmen, die den Rückzug verkündet haben, unter die Räder kommen, aber eine andere, wenn deutsche und europäische Firmen, die trotz öffentlichem Druck weiter in Russland verlässlich arbeiten, der wenig transparenten Praxis der Fremdverwaltung zu Opfer fallen. „Wenn auch solche Firmen unter Fremdverwaltung gestellt werden, ist das für das Investitionsklima in Russland nicht förderlich“, sagte Schepp.

Wladimir Efremow, Vorstandsmitglied der AmCham, verwies auf eine Umfrage unter Führungskräften westlicher Unternehmen in Russland, wonach zahlreiche Topmanager befürchten, dass ihr Unternehmen unter Fremdverwaltung gestellt werde. Die Lage sei angespannt, ein direkter Dialog mit den Behörden sei nicht vorhanden, betonte Efremow.

Unlautere Motive und Inkompetenz der Verwalter

Ein weiterer Kritikpunkt: Fremdverwaltungen würden oft auf Basis irreführender Informationen angeordnet. Manche Akteure, darunter auch Konkurrenten der westlichen Firmen, versuchten auf diesem Weg, gezielt Betriebe zu übernehmen, betonte Schepp und verwies auf einen konkreten, aber von ihm nicht namentlich genannten Fall. „Ich war bei den Gesprächen dabei. Dem Unternehmen wurde vorgeworfen, Geld in die ukrainische Wirtschaft zu investieren. In Wirklichkeit hatte die Firma zu Beginn des Waffengangs beschlossen, in Russland zu bleiben und umgekehrt ihr Geschäft in der Ukraine aufgegeben“, führte Schepp aus.

Kritik gab es auch an der Qualität der eingesetzten Verwalter. Bei diesen handle es sich häufig um Gesellschaften zweifelhafter Herkunft, die kurz vor der Übergabe gegründet worden seien, erklärte RSPP-Präsident Alexander Schochin. Matthias Schepp gab zu bedenken: „Es gibt großartige Fälle, in denen Unternehmen unter der neuen Führung florieren. Aber solche Beispiele gibt es wenig.“ Zudem hätten manche Aktiva bereits mehrfach den Eigentümer gewechselt. „Aktiva zu kaufen ist viel leichter, als sie erfolgreich zu führen“, so Verbandspräsident Schochin.

Was die Wirtschaft fordert

Die AmCham forderte eine klare Regelung. RSPP-Präsident Schochin schlug vor, den Präsidentenbeauftragten für den Schutz der Unternehmerrechte einzubeziehen, um mehr Transparenz zu gewährleisten. AEB-Chef Tadzio Schilling plädierte für verbindliche Verhaltensstandards sowie ein Kontrollorgan, das deren Einhaltung überwacht.

Position des russischen Außenministeriums

Dmitri Biritschewski, Leiter der Abteilung für Wirtschaftskooperation beim russischen Außenministerium, räumte ein, dass das Thema Fremdverwaltung derzeit durch Rechtsunsicherheit und fehlende Orientierungskriterien geprägt sei. Gleichwohl gebe es rote Linien – etwa die militärische oder finanzielle Unterstützung der Ukraine. Mit Blick auf den von Kammer-Chef Schepp vorgetragenen Fall rief Biritschewski die ausländischen Verbände auf, sich in solchen Fällen direkt an das Außenministerium zu wenden. Die Behörde werde „das Signal an zuständige Behörden wie die Staatsanwaltschaft oder die russische Präsidialverwaltung weiterleiten“.

Seit April 2023 stützt sich der Kreml auf Präsidialerlass Nr. 302, um westliche Unternehmen in Russland unter Fremdverwaltung zu stellen. Das Dekret gilt als Reaktion auf westliche Eingriffe gegen russische Vermögenswerte im Ausland. Bis Januar 2026 waren Aktiva von 20 ausländischen Unternehmen betroffen, darunter der Düsseldorfer Energiekonzern Uniper und der finnische Versorger Fortum. Im April 2024 traf es das Russlandgeschäft von BoschSiemensHausgeräte, einer Tochter der Bosch-Gruppe. Im April 2025 folgten der deutsche Pharmakonzern Stada und der zu ihm gehörende russische Arzneimittelhersteller Nischpharm.

Analyse und Hilfestellung der Kammer

Welche Firmen wann unter Fremdverwaltung gestellt wurden, können Sie in der Fokusanalyse der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer nachlesen. In unserer Rubrik „Kammer hilft“ haben wir Handlungsempfehlungen geteilt, wie deutsche und westliche Unternehmen sich vor einer feindlichen Übernahme am besten schützen können. Wenn Sie sich in dieser Angelegenheit beraten lassen wollen, schreiben Sie bitte an Kammer-Geschäftsführer Ruslan Kokarew (kokarew@kammer.ru).

12.05.2026

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