Für die Länder Zentral-, Ost-, und Südosteuropas erwartet das Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) für die Jahre 2026 bis 2028 ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 2,6%. Dabei prognostiziert das Institut, dass sich in vielen Ländern das Wachstum in den kommenden Jahren verlangsamen werde. Dies liege auch an einer vielerorts strenger werdenden Fiskalpolitik, mit dem Ziel, die Währung stabil zu halten. Zudem müssten Firmen in zahlreichen Ländern in Automatisierung, Digitalisierung und die Einführung von Künstlicher Intelligenz in die Produktion investieren. Dies aber werde sich nicht kurzfristig auf das Wachstum auswirken.
Keine Friedensdividende mehr
Zudem sei mit dem andauernden militärischen Konflikt in der Ukraine die „Friedensdividende“ im mittelosteuropäischen Raum aufgebraucht. Auch ein Ende des Konfliktes werde nicht automatisch zu einem Wirtschaftsboom führen. Zwar könnten „glaubwürdige Sicherheitsgarantien“ Voraussetzungen für Investitionen in dem Land schaffen, aber dass es dazu komme, sei nicht sicher. Umgekehrt berge ein „brüchiger Frieden“ die Gefahr einer nur langsamen Erholung der Ukraine, was Risiken erhöhe und das Land auch für Investitionen aus der Mitte und dem Osten Europas wenig attraktiv mache.
Unabhängig von der Ukraine-Krise berge der Zollkonflikt zwischen der EU und den USA erhebliche Risiken für Wachstum und Stabilität auch für die gesamte osteuropäische und postsowjetische Region. Während die meisten Länder in Zentral-, Ost- und Südosteuropas, vor allem diejenigen innerhalb der EU wie Polen ein solides Wachstum zeigen, sind die Prognosen für einige postsowjetische Länder außerhalb der EU gemischt

Belarus im Sinkflug
Belarus verzeichnete im Jahre 2025 einen erheblichen Einbruch des Wirtschaftswachstums, das von 4,3% im Vorjahr auf 1,3% schrumpfte. Der Hauptgrund dafür waren sinkende Exporte. Das Exportvolumen der Republik Belarus schrumpfte 2025 um 10%. Zwei Drittel dieses Rückgangs erklären sich durch sinkende Exporte nach Russland, ein Drittel durch Exportrückgänge in andere Länder. Doch auch das Inlandswachstum ging zurück, wobei Transport und Baugewerbe die Haupttriebkräfte für Wachstum sind. Die Produktion aber schrumpfte, weil anders als in den Jahren 2023/24 Aufträge aus Russland um rund 2% zurückgingen.
Die belarussische Regierung plant für 2026 ein Wachstum von 2,8%, was deutlich unter der für 2025 anvisierten Wachstumsrate von 4,1% liegt. Die Regierung in Minsk setzt weiterhin auf steigende Exporte, welche sich positiv auf die Durchschnittslöhne und die Kaufkraft auswirken sollen.
Das Wiener Institut erwartet für Belarus eine Fortsetzung der Verlangsamung des Wachstums, mit etwa 1,3% in den Jahren 2026/27 und nur noch 1,1% im Jahre 2028. Die Wiener Forscher gehen davon aus, dass Russlands schwaches Wachstum sich zwangsläufig negativ auf die Wachstumsraten von Belarus auswirken werde. Die fragile finanzielle Situation vieler belarussischer Unternehmen werde ihre Fähigkeit zu investieren begrenzen. Die Verschlechterung der Situation auf den Außenmärkten könnte Belarus zu einer restriktiveren Geldpolitik veranlassen, um die Inflation zu begrenzen.
Ein Unsicherheitsfaktor bleibt eine mögliche Abmilderung der amerikanischen Sanktionen, während eine Entspannung bei den europäischen Sanktionen gegen Belarus kaum zu erwarten ist. Offiziell lautet die Inflationsprognose auf 7% für dieses Jahr, in den Jahren 2027–2028 soll sie auf 5,8% sinken. Der belarussische Rubel, so das WIIW, werde sich höchstwahrscheinlich in seiner Stabilität am russischen Rubel orientieren, dessen Kurs voraussichtlich nur gering fallen wird.

Kasachstan sucht neue Wege zu Wachstum
Nach einem Rekordwachstum im Jahre 2025 in Höhe von 6,5% ist in diesem Jahr eine Verlangsamung des Wachstums auf 4,5% zu erwarten. Die Erweiterung der Ölförderung des Tengis-Ölfeldes hat ihren Höhepunkt überschritten, das zu erwartende Sinken der Ölpreise wird Exporterlöse und Budgeteinnahmen reduzieren. Der ukrainische Drohnenangriff auf den russischen Öl-Terminal im Dezember hat zu einem signifikanten Absacken der Ölproduktion im Januar geführt.
Außerdem haben bisherige Drohnenangriffe auf internationale Tanker, die kasachisches Öl transportieren, Befürchtungen über weitere Unterbrechungen und Verluste genährt. Die Probleme im Ölsektor tragen dazu bei, dass insgesamt in diesem Jahr in Kasachstan nur geringe Investitionen zu erwarten sind. Investitionen im Baubereich, in Transport und Produktion aber, so das Institut, werden wachsen, auch wegen der Modernisierung der Infrastruktur.
Im Bereich der Dienstleistungen und der Produktion hat sich die Stimmung im Januar verbessert. Das kreditgetriebene Wachstum des privaten Konsums werde sich 2026 wegen hoher Zinsraten wahrscheinlich abflachen, so die Forscher. In den letzten drei Monaten ist die Inflation nur schwach gesunken, im Dezember lag sie bei 12,5%.
Die langfristige Strategie der kasachischen Regierung liegt darin, sich von der Rohstoffförderung zu lösen und ausländische Direktinvestitionen aus der EU, den USA, China und Russland anzuziehen, vor allem für den Produktionssektor. Allerdings deuten die beschriebenen Unterbrechungen an den Ölterminalen und die neuen Sanktionen gegen einige russische Ölfirmen, die auch in Kasachstan operieren, auf wachsende äußere Risiken hin.
Die Landeswährung Tenge, so die Wiener Forscher, werde wahrscheinlich 2026 weicher werden, auch durch den Rückgang des Ölpreises. Diese Einschätzung wurde vor der Entfesselung des Iran-Krieges getroffen.

Baltische Republiken auf Wachstumskurs
Ein deutlich stärkeres Wachstum als Russland und die Ukraine haben nach Einschätzung des Wiener Instituts die drei postsowjetischen Republiken im Baltikum, Estland, Lettland und Litauen, zu erwarten. Dabei spielen zwei Faktoren eine wesentliche Rolle: die Integration in den EU-Markt und der Zugang zu EU-Fördermitteln zur Modernisierung der Infrastruktur. Die günstigsten Aussichten aller baltischen Republiken hat Estland. Das kleinste Land des Baltikums mit einer Bevölkerung von knapp 1,4 Mio. steht nach Einschätzung der Wiener Forscher nach einer längeren Rezession und Stagnation vor einer Phase steigenden Wachstums. Lag das estnische Wirtschaftswachstum 2025 bei geschätzten 1,4%, wird für dieses Jahr eine Rate von 2,3% erwartet und im Jahre 2027 im Vergleich zu 2025 nahezu eine Verdopplung auf 2,7%.
Dennoch bleibt das Wachstum deutlich hinter dem aus der Zeit vor dem Februar 2022. Als negative Faktoren wirken mangelndes Vertrauen ins Geschäft und anhaltende Wettbewerbsbeschränkungen. Die wirtschaftliche Erholung Estlands wird vor allem aufgrund einer Verbesserung der Exporte erwartet. Die Produktion dagegen entwickelt sich langsamer, unter anderem wegen hoher Lohnkosten. Die Inflation könnte dauerhaft ein Problem bleiben. Negativ können sich auch geopolitische Spannungen vor allem mit dem angrenzenden Russland auswirken. Hinzu kommen Risiken wegen der amerikanischen Zolltarifpolitik. Beide Faktoren könnten sowohl das Exportwachstum bremsen als auch dazu führen, dass Investitionen verschoben werden.
Außergewöhnlich hoch bleiben die estnischen Militärausgaben mit mehr als 5% des Bruttoinlandsproduktes.
Ähnlich günstige Wachstumsaussichten wie Estland hat auch Litauen. Dort liegt das für dieses Jahr erwartete Wachstum bei 2,5%. Sowohl der Konsum der privaten Haushalte als auch die Investitionen sind im Aufschwung. Die Realeinkommen steigen. Das Investitionswachstum ist vor allem von öffentlichen Investitionen getrieben. Nur hat das starke Exportwachstum gegen Ende des Jahres 2025 nachgelassen. Die neue, von den Sozialdemokraten geführte Koalitionsregierung steht jedoch vor dem Problem, wie sie die wesentlich gestiegenen Verteidigungskosten von mehr als 5% des Bruttoinlandsproduktes finanzieren soll.

Auf schnelles Wachstum kann nach Angaben der Wiener Forscher Lettland hoffen. Nach einer Phase der Rezession und Stagnation in den Jahren 2023–2034 erwartet das Institut für die kommenden Jahr stabile Wachstumsraten von 2,5%. Im Jahre 2026 wird das Wachstum vor allem vom Konsum der privaten Haushalte und von Investitionen getragen. Die Realeinkommen in Lettland werden nach Einschätzungen des WIIW in diesem Jahr steigen. Nach einem starken Aufschwung, bedingt im Wesentlichen durch das NextGeneration-Programm der Europäischen Union, werden die Investitionen nach Einschätzungen des Instituts in diesem und im kommenden Jahr sinken. Ein Anwachsen des Kreditvolumens im Geschäftsleben und den Haushalten werde private Investitionen und den Wohnungsbau fördern, so das Institut. Gleichzeitig aber werde das lettische Exportwachstum schwach bleiben.
Die regierende Koalition aus Mitte-Rechts- und Mitte-Links-Parteien muss die wachsenden wirtschaftlichen Kosten einer Abkopplung von Russland bewältigen, vor allem im Energiebereich. Hinzu kommt die Belastung des Budgets durch zusätzliche Verteidigungsausgaben.
Moldau – Land des wetterfühligen Wachstums
Die einstige Sowjetrepublik Moldau, die einst als Obst- und Gemüsegarten der Sowjetunion galt, verzeichnet zunehmendes Wachstum. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im dritten Quartal 2025 um 5,2%, was für den Durchschnitt der ersten drei Quartale rund 2% ergibt. Die Landwirtschaft wuchs im dritten Quartal um 15%, während das Baugewerbe um 8,3% zulegte. Gutes Wetter sorgte für eine ausgezeichnete Ernte, was die Lebensmittelproduktion und den Export ansteigen ließ. Ausländischer Kapitalfluss, sowohl Hilfen als auch Kredite beförderten Investitionen.
Das Land hat sich von russischen Gasimporten unabhängig gemacht. Zu erwarten ist ein verstärktes Wachstum im Jahre 2026. Investitionen werden zunehmen, finanziert von billigen Krediten und Hilfsgeldern, darunter 1,9 Mrd. aus dem Reform- und Wachstumsfond der EU. Die Entwicklung der Landwirtschaft als den zentralen Kernbestandteils der Wirtschaft hängt aber in großem Umfang vom Wetter ab. Daraus ergeben sich unkalkulierbare Risiken.
Als relativ stabil schätzen die Wiener Forscher die Stabilität der Landeswährung Leu ein. Dazu trügen starke Valuta-Zuflüsse vor allem aus der moldauischen Diaspora bei, was einen Anti-Inflationseffekt habe.
Die von der politischen Führung Moldaus angestrebte Mitgliedschaft des Landes in der EU im Jahre 2030 erscheint dem WIIW als „überambitioniert“. Das WIIW vertritt die Einschätzung, die beginnenden Assoziationsverhandlungen Moldaus mit der EU würden „schwierig“ werden, vor allem in den Bereichen Landwirtschaft und Rechtsreform.
Quellen: WIIW 1, 2 (EN)
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