Ölpreisabschläge belasten den Haushalt
Russlands Wirtschaft ist 2025 in eine Phase niedrigen Wachstums eingetreten, darauf weisen Experten des Bank of Finland Institute for Emerging Economies (Bofit) hin. Die konjunkturelle Belebung der Jahre 2023 und 2024 sei maßgeblich durch stark steigende Staatsausgaben getragen worden. Mit Zuwachsraten von 4,2% im Jahr 2023 und 4,9% 2024 habe die russische Wirtschaft kurzfristig von der expansiven Fiskalpolitik profitiert. Die Produktionskapazitäten seien inzwischen weitgehend ausgelastet, sowohl finanziell als auch personell. Für die kommenden Jahre erwarten die finnischen Analysten, und andere Wirtschaftsinstitute nur noch Wachstumsraten von rund einem Prozent.
Die wichtigste Belastung ergibt sich aus der Entwicklung der Energieeinnahmen, die weiterhin rund ein Viertel der föderalen Staatseinnahmen ausmachen, so die Finnen. Zwar exportiert Russland weiterhin erhebliche Mengen an Rohöl, doch die erzielten Preise liegen deutlich unter dem internationalen Referenzniveau. Nach Berechnungen des Wirtschaftsforschungsinstituts Bofit wurde die wichtigste russische Exportsorte Urals in den Jahren 2024 und 2025 im Durchschnitt mit einem Abschlag von rund 14 US-Dollar gegenüber Brent gehandelt. Vor 2022 hatte diese Differenz lediglich ein bis zwei Dollar pro Barrel betragen. Ende 2025 weitete sich der Abschlag zeitweise auf mehr als 20 Dollar aus, während der Durchschnittspreis für Urals unter 40 Dollar fiel. Diese Entwicklung mindert die Staatseinnahmen erheblich.
Bofit schätzt, dass der Preisabschlag allein das Haushaltsdefizit um etwa 1,5% des Bruttoinlandsprodukts erhöhen könnte. Gleichzeitig bleibt Russland durch Finanzsanktionen weitgehend vom internationalen Kapitalmarkt abgeschnitten, sodass Staat und große Unternehmen ihre Finanzierung im Inland organisieren müssen. Die Kreditaufnahme bei heimischen Banken ist jedoch teurer als frühere internationale Refinanzierungen. Das erhöht die Finanzierungskosten für Russland strukturell.
Zusätzlicher Druck entsteht durch die sinkende Liquidität des Nationalen Wohlfahrtsfonds (NWF), der als Stabilisierungsinstrument für Einnahmeschwankungen im Energiesektor dient. Zwar erreichte der Gesamtwert des Fonds 2025 wieder etwa das Niveau von März 2020, doch der liquide Anteil ist seit 2022 deutlich geschrumpft. Ein erheblicher Teil der schnell verfügbaren Mittel wurde zur Deckung von Haushaltsdefiziten verwendet. Im Verhältnis zum BIP sank der Fonds von rund 12% Ende 2020 auf etwa 6% Ende 2025.
Industriekrise trifft Regionen: Metallurgie und Autobauer in Not
Wie die Berliner Wirtschaftsanalyseplattform bne IntelliNews berichtet, verschärft sich die wirtschaftliche Schieflage in mehreren russischen Regionen. Jene Gebiete geraten unter Druck, die stark von Metallurgie und Automobilbau abhängen, so die Analysten. Der starke Rubel erschwert Exporte, hohe Zinsen bremsen Investitionen. Der Eigentümer des Bergbau-Konzerns Wladimir Potanin spricht von einer „Phase des Überlebens“. Zwar stützt die Rüstungsproduktion das Wachstum und einzelne Segmente, kompensiert insgesamt aber die Nachfrageschwäche im zivilen Bereich nicht.
Im Automobilsektor ist nach dem Einbruch 2022 die zweite Krise im Gange. 2025 sanken die Neuwagenverkäufe um 16% auf 1,33 Mio. Fahrzeuge, die Produktion brach zweistellig ein. Teure Kredite, höhere Abgaben und Importrestriktionen treiben die Preise, ohne die Nachfrage zu stabilisieren. Besonders hart trifft es die Wolgaregion Samara mit dem Hersteller AvtoVAZ. Die Lada-Verkäufe fielen um fast ein Viertel, Arbeitszeiten wurden gekürzt. Das Regionalbudget für 2026 weist einen Rückgang der Einnahmen von mehr als 10% aus.
Ähnlich prekär ist die Lage in der Region Wologda, wo der Stahlproduzent Severstal des Großunternehmers Alexej Mordaschow als wichtigster Steuerzahler zeitweise keine Gewinnsteuer entrichtete, so die Analyse der Wirtschaftsanalyseplattform bne IntelliNews. Die Situation in Wologda ist symptomatisch für die Stahlindustrie insgesamt, in der Rüstungsaufträge die Verluste in der Bauindustrie nicht kompensieren können, in der rund drei Viertel des in Russland produzierten Stahls verwendet werden. Mit dem Abkühlen des Immobilienmarktes und dem Auslaufen staatlicher Hypothekensubventionen für den Kauf von Neubauwohnungen brach die Inlandsnachfrage um rund 14% ein
Personalmangel
Neben den fiskalischen Herausforderungen stößt die russische Wirtschaft zunehmend an personelle Grenzen. Schätzungen zufolge hat sich das verfügbare Arbeitskräftepotenzial seit 2022 um rund 1,5 Mio. Menschen verringert, bedingt durch eine reduzierte Zuwanderung und weniger Arbeitsmigranten aus Zentralasien sowie die Mobilisierung, Gefallene und Verwundete. Die Arbeitslosenquote war bereits vor 2022 niedrig, und liegt aktuell bei nur 2,2%.
Der Wettbewerb um Arbeitskräfte zwischen Militär, Rüstungsindustrie und zivilen Sektoren ist schädlich für das Wirtschaftswachstum. Unternehmen berichten von steigenden Löhnen und zunehmenden Schwierigkeiten bei der Besetzung qualifizierter Stellen. Die Folge sind höhere Kosten und eine begrenzte Ausweitung der Produktion.
Militärausgaben auf Rekordniveau
Der Anteil der Militärausgaben am Bruttoinlandsprodukt belief sich 2021 auf 3,6%, im Haushaltsplan für 2025 sind 7,2% vorgesehen. Rechnet man weitere Budgetposten hinzu, die indirekt kriegsbezogene Ausgaben finanzieren, könnten die tatsächlichen Aufwendungen nahezu zehn Prozent des BIP erreichen, so die finnischen Bofit-Analysten.
Der Haushaltsplan für 2026 sieht nominal zwar eine Reduzierung der Verteidigungsausgaben vor, doch Bofit hält eine tatsächliche Senkung für unwahrscheinlich. Für 2026 erwarten die Finnen ein Haushaltsdefizit von rund 3% des BIP , also in etwa auf dem Niveau des Vorjahres als das Defizit 2,6% betrug. Die geplante nominale Steigerung der Einnahmen um knapp 9% bewerten die Analysten als optimistisch, während die Ausgaben nominal nur um rund 4% zulegen sollen, was real einem Rückgang entsprechen würde.
Zur Finanzierung setzt die russische Regierung auf international übliche Instrumente: höhere Steuern, zusätzliche Abgaben staatlicher Unternehmen sowie eine verstärkte Verschuldung am heimischen Anleihemarkt. Auch Kürzungen in anderen Ausgabenbereichen seien möglich. Gleichzeitig profitieren Rüstungsunternehmen von staatlichen Kreditgarantien, während andere Branchen mit hohen Finanzierungskosten konfrontiert sind. Die Investitionsanreize im zivilen Sektor bleiben begrenzt, so das Fazit der Finnen.
Gedämpfte Wachstumsprognosen
Das renommierte Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) schätzt das Wachstum des realen BIP für 2025 auf 0,7% und erwartet 2026 eine leichte Beschleunigung auf 1,2%. Auch die russische Regierung rechnet lediglich mit einem Zuwachs von rund 1,3% im laufenden Jahr, während sie für 2027 eine stärkere Dynamik prognostiziert. Das wiiw bleibt zurückhaltender und geht für 2027 von etwa 1,5% aus.

Als wesentliche Bremsfaktoren gelten die hohen Leitzinsen der russischen Zentralbank von aktuell 15,5%, die Kreditaufnahme verteuern und die Binnennachfrage dämpfen. Moderate Ölpreise, anhaltende Sanktionen sowie geringe Investitionen verschärfen die Lage zusätzlich. Zwar konnte die Inflation durch eine restriktive Geldpolitik eingedämmt werden und lag im Januar bei 6%. Dies ging allerdings mit einer spürbaren Abschwächung der wirtschaftlichen Dynamik einher.


Nach Einschätzung der finnischen Analysten dürfte eine Rückkehr zu den Wachstumsraten der Vorkriesenzeit schwierig werden, da die demografische Entwicklung, die strukturelle Verschiebung hin zu einer stärker militarisierten Wirtschaft und die eingeschränkte internationale Integration das Potenzial dauerhaft begrenzen.
Wohlfahrtsfonds wächst, Geldmittel werden aber knapper
Der russische Nationale Wohlfahrtsfonds (NWF) ist im Februar zwar im Gesamtvolumen gewachsen, während der sofort einsetzbare „Kassenbestand“ im langfristigen Vergleich deutlich geschrumpft ist.

Zum 1. Februar 2026 belief sich das Volumen des russischen Nationalen Wohlfahrtsfonds (NWF) auf 13,639 Bio. Rubel, rund 150 Mrd. Euro. Im Vergleich zum Vormonat hat der Fonds um fast 3 Mrd. Euro zugelegt. Im Gesamtjahr 2025 wuchs das Volumen um mehr als 1,3 Bio. Rubel, rund 14,5 Mrd. Euro.
Der Fonds umfasst sowohl liquide Mittel als auch langfristig gebundene Anlagen. Die Entwicklung der vergangenen Monate zeigt, dass der Anteil sofort verfügbarer Mittel sinkt, während gebundene Investitionen dominieren. Im internationalen Vergleich liegt der Nationale Wohlfahrtsfonds vor den meisten Europäern, aber er gehört nicht zu den zehn größten Staatsfonds der Welt.

Rund 31% des Fondsvermögens gelten als liquide, dazu zählen Devisen- und Goldbestände. Zum 1. Februar 2026 beliefen sich diese liquiden Mittel auf 4,226 Bio. Rubel beziehungsweise 46,5 Mrd. Euro. Das entspricht rund 1,8% des prognostizierten russischen BIP 2026.
Der liquide Anteil besteht überwiegend aus chinesischen Yuan und Gold. Anfang Januar 2026 waren 209,2 Mrd. Yuan und 160,2 Tonnen Gold ausgewiesen. Im Laufe des Monats wurden 8,426 Mrd. Yuan sowie 5,148 Tonnen Gold im Gegenwert von 154,6 Mrd. Rubel, rund 1,7 Mrd. Euro, veräußert. Die Erlöse flossen in den Bundeshaushalt. Der Goldbestand sank auf 155,094 Tonnen, das Yuan-Volumen auf 201,066 Mrd. Yuan.
Wechselkurs- und Bewertungsänderungen beeinflussen das ausgewiesene Fondsvolumen zusätzlich. Für Januar wurde eine Neubewertung des Goldes in Höhe von plus 355 Milliarden Rubel ausgeschrieben, umgerechnet 4 Mrd. Euro.
Etwa 69% des Fonds sind in nicht liquide oder langfristig gebundene Anlagen investiert. Dazu zählen Einlagen bei staatlichen Entwicklungsinstitutionen, russische Anleihen sowie Beteiligungen an Unternehmen. Diese Struktur begrenzt die kurzfristige Verfügbarkeit von Mitteln.
Die russische Haushaltsregel sieht vor, dass Öl- und Gaseinnahmen oberhalb eines festgelegten Preises nicht in den laufenden Haushalt fließen. In den 2010er Jahren lag dieser Schwellenwert bei rund 45 US-Dollar pro Fass. Überstieg der Ölpreis diese Marke, wurden die zusätzlichen Einnahmen dem Nationalen Wohlfahrtsfonds zugeführt. Technisch geschah dies über den Ankauf von Fremdwährungen oder Gold. Nach 2022 wurde der Öl-Referenzwert auf 60 Dollar angehoben und seither schrittweise angepasst.
Nationaler Wohlfahrtsfonds im Detail
Der gebundene Teil des russischen Nationalen Wohlfahrtsfonds ist heute breit über staatsnahe Banken, Infrastrukturgesellschaften und strategische Konzerne verteilt. Zu den größten Einzelpositionen zählen Beteiligungen und Vorzugsaktien an der russischen Eisenbahngesellschaft (RZhD), deren Bestand sich auf rund 8 Mrd. Euro beläuft. Hinzu kommen Aktien der staatlichen Wohnungs- und Entwicklungsinstitution DOM.RF im Umfang von etwa 2,3 Mrd. Euro sowie Beteiligungen an der staatlichen Leasinggesellschaft GTLK von rund 0,6 Mrd. Euro.
Ein zentraler Block des Fondsvermögens entfällt auf den Finanzsektor. Die Beteiligung an der Sberbank, der größten russischen Bank, entspricht einem Markt- und Buchwert von rund 37,9 Mrd. Euro. Ergänzt wird dies durch Positionen an der VTB Bank, mit einem Gesamtvolumen von etwa 3,3 Mrd. Euro. Ebenso hält der Fonds Vorzugsaktien der Gazprombank im Wert von rund 2,2 Mrd. Euro.
Im Industriesektor ist der Fonds unter anderem über Vorzugsaktien an Atomenergoprom beteiligt, der zentralen Holding der russischen Atomwirtschaft. Diese Position beläuft sich auf rund 0,6 Mrd. Euro. Auch der staatliche Luftfahrtkonzern Aeroflot gehört zum Portfolio; der Fonds hält hier Aktien im Wert von etwa 1,5 Mrd. Euro.
Neben direkten Beteiligungen investiert der Nationale Wohlfahrtsfonds erhebliche Mittel über Anleihen und projektbezogene Finanzinstrumente. Dazu zählen Schuldpapiere und Finanzierungen von Infrastrukturgesellschaften wie Avtodor, der staatlichen Autobahngesellschaft, sowie projektgebundene Anleihen von Entwicklungs- und Zweckgesellschaften im Logistik-, Verkehrs- und Wohnungsbausektor.
Ein weiteres wichtiges Instrument sind Einlagen bei systemrelevanten Banken. Solche Einlagen gelten bilanziell als langfristig gebundenes Kapital und sind nicht kurzfristig verfügbar. Ende 2025 stellte der Fonds etwa der Gazprombank zusätzliche nachrangige Mittel zur Finanzierung von Infrastrukturprojekten zur Verfügung, deren Verzinsung an den russischen Leitzins gekoppelt ist.
Quellen: Ostwirtschaft.de, WIIW (DE) BOFIT, SIPRI, SWF-Institut (EN) Vedomosti, Kommersant, Interfax, RBC
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