Russlands Landwirtschaft: Souverän bei der Ernte, abhängig bei der Saat

Russland verkaufte 2025 Agrarwaren für 41,6 Mrd. US-Dollar ins Ausland, in 170 Länder. Die Exporte sanken um 2,4% – das ist das zweite Minusjahr in Folge. Bei den Mitteln, mit den diese Ernten erzeugt werden, hängt Russland zu 60% bis 100% von Import ab. Das betrifft Saatgut, Tiergenetik, Futter-Aminosäuren, Enzyme, Milchkulturen und Landtechnik. In fast jeder dieser Kategorien liefern überwiegend ausländische, oft europäische Firmen. Eine Präsentation des Instituts für Agrarforschung der Higher School of Economics (HSE) vom Juni 2026 legt die Lücke offen. Darin nennen die Autoren den russischen Agrarsektor eine „große Werkstatt für die Schraubmontage von Endprodukten“ – gefüttert mit fremd genetischem Material, fremder Technologie, fremder Ausrüstung. Das sei die Achillesferse, nicht nur der Wettbewerbsfähigkeit, sondern der Ernährungssouveränität selbst.

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Der Weltmarkt zieht Russland davon

Der globale Agrarmarkt erreichte 2025 ein Volumen von 2 Bio. Euro. Seit 2018 legte er um 716,6 Mrd. Euro zu. Dies entspricht einem Wachstum von 6,7% pro Jahr. Das meiste Geld steckt weiter in den Endprodukten, deren Volumen von 928,5 auf 1367,7 Mrd. Euro stieg. Doch die eigentliche Dynamik liegt eine Stufe davor: Die Technologien und Produktionsmittel wuchsen von 210,2 auf 407,4 Mrd. Euro, fast eine Verdopplung.

Die Wertschöpfung wandert damit in die wissensintensiven Vorstufen – Genetik und Selektion, IT- und Geoinformationstechnik, industrielles Design. Dort ist Russland schwach. Die Voraussetzungen für erfolgreiche Landwirtschaft hingegen sind im größten Flächenstaat der Erde glänzend: 10% des weltweiten Ackerland-Fonds, die größten Süßwasserreserven der Erde, eine hohe Urbanisierung, ein nach Kaufkraftparität mit Osteuropa vergleichbares Einkommen. Aber die Wachstumstreiber des vergangenen Jahrzehnts sind verbraucht. Die Schübe aus wachsender Binnenkaufkraft, hohen Investitionen, besserem Management und dem 2014 verabschiedeten EU-Lebensmittel-Embargo, das die einheimische Produktion stimulierte, verpuffen. Den nächsten Wachstumsschub muss die Technologie liefern – und die kommt aus dem Ausland.

Die Selbstversorgung trügt

Gemessen an den Zielen der 2020 verabschiedeten Doktrin zur Ernährungssicherheit übererfüllt Russland fast jede Vorgabe: Pflanzenöl liegt bei über 250% Selbstversorgung, Fisch bei 130%, Zucker und Fleisch jeweils über 100%, Kartoffeln bei rund 90%. Beim Getreide meldete die Tageszeitung Wedomosti für 2025 sogar 161%, nach 153% im Vorjahr. Lücken sind bei einigen wenigen Gruppen zu erkennen: Milch erreicht rund 85%, Saatgut der Hauptkulturen rund 70%, Obst und Beeren bleiben unter 50% Eigenversorgung.

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Im Agrarsektor arbeiten in Russland rund 5,9 Mio. Menschen. Die Arbeitsproduktivität der russischen Landwirtschaft liegt bei nur 30% des US-Werts.

Der russische Exporterfolg ist brüchiger, als die Rekordsummen suggerieren. Nach dem Hoch von 43,1 Mrd. US-Dollar im Jahr 2023 schrumpften die Ausfuhren zwei Jahre in Folge: 2024 um 1,1% auf 42,6 Mrd. US-Dollar, 2025 um weitere 2,4% auf 41,6 Mrd. US-Dollar. Klaus John, Kenner der russischen Landwirtschaft und Gast im Podcast der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer „Zaren. Daten. Fakten.“, sieht hinter den Zahlen einen Trend: „Der Import ist um 10% gewachsen, der Export um 10% zurückgegangen. Da ist Sand im Getriebe, da sprechen wir von einem deutlichen Rückgang der Gesamtagrarproduktion in Russland.“ John kennt den russischen Agrarsektor aus der Praxis: Der Landwirt und Agronom aus Niedersachsen arbeitete mehr als zehn Jahre in der südrussischen Region Woronesch für einen der größten Agrarkonzerne Russlands mit 14 Zuckerfabriken und rund 900.000 Hektar. Heute berät er deutsche Unternehmen im Zentralasien- und Russlandgeschäft.

Mehr eigene Saat, fremde Genetik

Die Selbstversorgung mit Saatgut inländischer Zucht stieg laut einem Bericht der Saatgutfirma Ruseed und der Plattform Pole, den der Branchendienst Agroinvestor im Januar 2026 zitierte, von 67% (2024) auf rund 70% (2025). Bei der Zuckerrübe verdreifachte sich der Grad der Eigenversorgung 2025 auf 19%, von 8% im Vorjahr und unter 1% im Jahr 2019 – bis 2030 sollen es 50% sein, so das Ziel des Föderalen wissenschaftlich-technischen Programms zur Agrarentwicklung bis 2030, das im jahr 2017 verabschiedet wurde. Die Kartoffel sollen bis 2030 von 10% auf 35% Eigenversorgung ansteigen, die Sonnenblume von 50% auf 75%, der Mais von 60% auf 77%, Raps (61%) und Soja (65%) jeweils auf 75%.

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Regional fällt der Wandel teilweise dramatisch aus: In der Region Altai stieg der Anteil russischer Sonnenblumensaat von 38% auf 66%, in der Region Omsk erreichte heimische Rapssaat 82%, im Fernost-Gebiet Primorje die Soja 61%. Die von der russischen Regierung festgelegte Quote für Saatgut aus „unfreundlichen“ Ländern, die Russland sanktioniert haben, sinkt 2026 von 18.300 auf 15.000 Tonnen, darunter 10.000 Tonnen Saatkartoffeln und 1900 Tonnen Zuckerrübensaat.

„Die Grundlage der Entscheidung, die gesamte Saatgutproduktion zu lokalisieren, muss mit einem tiefen Nichtvertrauen in die Weltgemeinschaft zusammenhängen“, kommentiert der deutsche Agrarexperte Klaus John im Kammer-Podcast, „denn wenn man sich ernsthaft damit auseinandersetzt, wo die Weltzüchtungsziele liegen – Klimaresilienz, wertvollere Inhaltsstoffe, Einsparung von Pflanzenschutz und Dünger durch Pflanzenzucht –, dann sind da gigantische Innovationen auf dem Weg. Diese Partnerschaften aufs Spiel zu setzen, ist ein langfristiges Risiko für Russland.“

Ein höherer Anteil heimischer Sorten sichert noch keine konkurrenzfähige Genetik. „Menge ist nicht gleich Qualität“, warnen Experten von der Moskauer Higher School of Economics. Der Aufbau einer Saatgutzucht ist teuer und langsam: Eine Forschungslinie braucht 5 bis 7 Jahre und 600 bis 800 Mio. Rubel (7,1–9,5 Mio. Euro) je Kultur, die nachgelagerten Saatzuchtbetriebe verschlingen weitere 1,2 bis 2 Mrd. Rubel (14,3–23,8 Mio. Euro). Klaus John hält die Entscheidung, die Saatgutproduktion vollständig zu lokalisieren, für einen strategischen Fehler: „Bei 120 Mio. Hektar Ackerfläche überschlage ich das über den Daumen: Wenn wir alle Pflanzen zusammennehmen, geht der russischen Agrarwirtschaft durch diesen Schritt Jahr für Jahr sehr viel Geld verloren.“

In der Tiergenetik ist die Abhängigkeit am größten und beläuft sich auf 80% bis 100%. Die Geflügelhaltung hängt vollständig an importierten Kreuzungen und ausländischen Reproduktionstechnologien, die Schweinezucht an lebenden Ebern und Spermaprodukten aus „unfreundlichen“ Staaten.

Drei Vorprodukte, eine Abhängigkeit

Am verwundbarsten ist Russland bei den biotechnologischen Vorprodukten der Tier- und Lebensmittelproduktion. Bei den Futter-Aminosäuren liegt der Importanteil insgesamt bei 58%, bei Threonin, Tryptophan und Valin jeweils bei 100%. Methionin bezieht Russland zu über 90% aus Belgien, Frankreich und Japan – weltweit gibt es nur drei Lizenzgeber – Evonik, Adisseo und Sumitomo. Russische Hersteller decken allein Lysin und Methionin ab, aber die Kapazitäten reichen nicht. Bei Lysin hat Russland die Importabhängigkeit bis 2025 weitgehend überwunden – der Beweis, dass Substitution möglich ist, wenn auch über Jahre. Ein Lieferstopp bei den übrigen Aminosäuren aber würde die Tierhaltung empfindlich treffen, weil schon der Mangel an einer einzigen die Verwertung aller anderen begrenzt. Der Branchendienst Agroinvestor stuft Futterzusätze Anfang 2026 als „strategisches Produkt“ ein, für das der Staat Förderung bereitstellt.

Noch abhängiger ist Russland bei den Zutaten der Milchindustrie: Bei Starterkulturen und Lab-Enzymen liegt der Import bei rund 90%, der Anteil westlicher Anbieter – Chr. Hansen/Novonesis, IFF, Royal DSM – bei nahezu 100%. Ein Lieferstopp träfe vor allem die Käseproduktion. Einen Ersatz über unabhängige Anbieter halten Experten für ausgeschlossen, weil US- und EU-Konzerne den Weltmarkt kontrollieren. Trotzdem exportierte Russland 2025 Käse und Quark für 139 Mio. US-Dollar, 13% mehr als im Vorjahr.

Zinslast und Arbeitskräftemangel

Selbst wo die Technik vorhanden ist, drücken Finanzierungsschwierigkeiten. Der hohe Leitzins der Zentralbank trifft eine Branche, die ihren Aufstieg auf einem Berg von Schulden finanziert hat. „Die russische Agrarwirtschaft ist in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit aufgebaut worden. Alle großen neuen Systeme – Fabriken, Großholdings – sind mit einem riesigen Anteil von Fremdkapital finanziert“, erklärt der Agrarexperte Klaus John, „und das macht bei solchen Zinssituationen und Nachfinanzierungen grose Schwierigkeiten.“ Dazu kommt der Arbeitskräftemangel auf dem Land, verschärft durch Überalterung und Abwanderung. Löhne stiegen örtlich um ein Mehrfaches, nur um Personal zu halten, erklärt Klaus John. Beides verteuert die Produktion und frisst die Margen, aus denen Russland die teure Lokalisierung eigentlich bezahlen müsste.

Vier Szenarien für 2035

Eine Expertenbefragung der Moskauer Wirtschaftsuniversität Higher School of Economics (HSE) vom September 2025 mit 33 Teilnehmern fächert die Zukunft der Agrarindustrie in vier Szenarien für 2035 auf. Am wahrscheinlichsten gilt das Szenario „Zwei Megablöcke“ mit 36% – eine Welt zweier abgeschotteter Ökosysteme um die USA und China, in der Russland ohne Zugang zu den führenden Technologieplattformen bleibt. Ein positives Szenario einer „Neuen Globalisierung“ mit wiederhergestellten Lieferketten kommt auf 26%, der „Zerfall der alten Globalisierung“ auf 25%, ein sehr negatives Szenario eines „Marathon der Eskalation“ mit Autarkie und Mobilisierungswirtschaft auf 13%.

Der Weltmarkt braucht Russlands Weizen

Die Importanteile bei Methionin, Enzymen und Milchkulturen bleiben hoch, die Saatgut-Ziele sind Prognosen, der Aufbau heimischer Genetik dauert ein Jahrzehnt. Der russische Markt bleibt vorerst offen für die Vorprodukte, die das Land nicht selbst herstellt – und er ist zugleich das erklärte Ziel einer Verdrängungsstrategie. Russland subventioniert heimische Kapazitäten, lockert die Regulierung gentechnischer Produzenten und nutzt Importbeschränkungen als Hebel zur Unabhängigkeit. Wo russische Produktion entsteht, drängt asiatische Konkurrenz in die frei werdenden Anteile. Für europäische Marktführer heißt das: Eine Absatzbasis besteht weiter, schrumpft ab.

Wie eng eigentlich russische Interessen und Interessen der Europäischen Union bei der Landwirtschaft verknüpft sind, macht Klaus John am Weizen deutlich: „Wir brauchen Russland als wichtigen Weizenerzeuger: 10% der heutigen Welternte werden allein in Russland erzeugt. Europa und Nordamerika haben ihr Weizenpotenzial eigentlich ausgereizt, und die Klimaveränderungen machen den Weizenanbau im Globalen Süden immer schwieriger.“

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Der russische Agrarexport soll laut einem Präsidentenerlass vom 7. Mai 2024 mit der Nr. 309 bis 2030 auf 55,2 Mrd. US-Dollar steigen. Das von Präsident Putin gesetzte Ziel entspricht dem Anderthalbfachen des Wertes von 2021 – gegenüber 2025 fehlen dafür 11,7 Mrd. Euro – ein Plus von fast einem Drittel.
   

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