Russlands E-Commerce-Markt: Wachstum, Marktkonzentration und neue Regeln

Der russische Online-Handel setzte 2025 insgesamt 11,5 Bio. Rubel um, etwa 130 Mrd. Euro, ein Plus von 28% gegenüber dem Vorjahr. Zwei Marktplätze, Wildberries und Ozon, kontrollieren den russischen Markt weitgehend, während Regulierer und Steuerbehörden den Sektor enger an die Leine nehmen.

Marktvolumen und Wachstum: Jahresbilanz 2025

Im Jahr 2025 wuchs der russische E-Commerce-Markt nach Angaben des Branchenverbands Akit um 28% auf 11,5 Bio. Rubel (130 Mrd. Euro). Der Online-Anteil am gesamten Einzelhandel stieg damit von 16,2% auf 18,8%. Fast der gesamte Umsatz bleibt im Land: 96,2% entfallen auf Inlandsbestellungen, nur 3,8% auf grenzüberschreitende Käufe. Die Zahl der Bestellungen stieg um 24% auf 8,3 Mrd. Im Warenhandel ohne Lebensmittel läuft laut den Branchenanalysten von Data Insight bereits mehr als die Hälfte des Umsatzes über das Internet.

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Trotz der Rekordzahlen schwächt sich das Wachstum ab und fiel auf 24% –- das schwächste Wachstum seit acht Jahren. Auch der durchschnittliche Bestellwert sank um 5% auf rund 1610 Rubel, umgerechnet 18 Euro. Für 2026 erwartet der Präsident des wichtigsten Branchenverbands des russischen Onlinehandels Akit, Artjom Sokolow, noch ein Plus von rund 20%. Das entspräche 16 Bio. Rubel (ca. 180 Mrd. Euro). „Das stürmische Wachstum ist in eine stabile organische Entwicklung übergegangen“, sagte Sokolow der Nachrichtenagentur Interfax. Der Firmengründer der Marktanalysten von Data Insight, Fjodor Wirin, erwartet, dass die Zuwächse 2026 vor allem aus der Verschiebung vom stationären in den Online-Handel kommen, nicht aus zusätzlichem Konsum. „Es gewinnt, wer besser als die anderen den Konkurrenten Marktanteile abnimmt.“ In fast allen Non-Food-Kategorien sinken die verkauften Stückzahlen. Wachstumstreiber bleiben Lebensmittel und Tierbedarf. Erstmals ging 2025 die Zahl der aktiv verkaufenden Händler zurück, ein Zeichen für Margendruck auf den Plattformen.

Warengruppen und regionale Verteilung

Die größte Warengruppe im russischen Online-Handel sind inzwischen Lebensmittel samt Essenslieferung mit 18,8% des Umsatzes, vor Möbeln und Haushaltswaren mit 15,6%, Kleidung und Schuhen mit 13,6% sowie Elektronik mit 13%. Dahinter folgen Autoteile mit 6,9%, digitale Güter mit 5,1%, Werkzeuge mit 5,0% und Kosmetik mit 4,9%. Am schnellsten wachsen digitale Güter und Werkzeuge mit über 50% sowie Lebensmittel, Apothekenwaren und Schmuck mit über 40%. Der einstige Online-Pionier Elektronik verliert dagegen relativ an Gewicht: Der Markt verbreitet sich in den Alltagskonsum.

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Auch geografisch verteilt sich der Handel zunehmend. Moskau bleibt mit 16,5% des Umsatzes die größte Einzelregion, verliert aber Anteile. Es folgen das Gebiet Moskau mit 7,8%, St. Petersburg mit 6,2% und die Region Krasnodar mit 4,8%. Die höchste Online-Durchdringung im lokalen Einzelhandel meldet Akit für entlegene Regionen wie Tschukotka mit 34,5%, das schnellste Wachstum für Kaukasusrepubliken wie Tschetschenien und Inguschetien mit über 100%. Der Online-Handel erschließt damit die Räume, in denen der stationäre Handel dünn ist.

Marktkonzentration: zwei Plattformen dominieren

Der russische E-Commerce ist ein Marktplatz-Markt. Universalplattformen stehen laut Data Insight für 81% aller Bestellungen und 62% des Umsatzes. Die Wirtschaftszeitung Kommersant beziffert den Umsatz von Wildberries 2025 unter Verweis auf die Marktforschungsagentur Infoline auf 4,56 Bio. Rubel (48,5 Mrd. Euro), ein Plus von 30,3%.

Ozon folgt mit 3,46 Bio. Rubel (36,8 Mrd. Euro), und 39,4% Wachstum. Zusammen mit Yandex Market setzten die drei Größten 8,59 Bio. Rubel (91 Mrd. Euro) um, wuchsen mit 32,2% aber nur noch halb so schnell wie 2024.

Gemessen am Gesamtmarkt steht Wildberries damit für rund 40% und Ozon für rund 30% des russischen Online-Handels. Von der Wirtschaftszeitung Kommersant befragte Branchenbeobachter erwarten, dass die beiden bis Ende 2026 zusammen auf über 85% aller Marktplatz-Bestellungen kommen.

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Der Marktführer Wildberries: Geschichte und Kennzahlen

Die Geschichte des Marktführers begann 2004 mit deutscher Ware: Die Englischlehrerin Tatjana Bakaltschuk, heute Kim, verkaufte im Mutterschutz Kleidung aus Otto- und Quelle-Katalogen weiter, die Pakete holte sie anfangs mit Metro und Bus ab, zeichnet das russische Wirtschaftsportal vc.ru die Firmengeschichte nach.

Mit Gratislieferung und Abholpunkten überholte Wildberries um 2012 den älteren Rivalen Ozon und ist seit Jahren die Nummer Eins des russischen Online-Handels. Früh expandierte das Unternehmen in die Nachbarschaft, nach Belarus 2012 und Kasachstan 2014. Heute ist die Gruppe nach eigenen Angaben in zwölf Ländern aktiv, seit 2024 auch in Georgien. Zuletzt expandierte Wildberries nach Äthiopien. Das Magazin Forbes führt Kim mit einem Vermögen von 7,1 Mrd. Dollar zum vierten Mal in Folge als vermögendste Frau Russlands.

Vor zwei Jahren gab es ein dramatisches Kapitel in der noch kurzen Unternehmensgeschichte: Die Fusion mit der Außenwerbeholding Russ zur RWB-Gruppe eskalierte in einen Machtkampf, bei dem Bakaltschuks Ehemann Wladislaw im September 2024 mit Dutzenden bewaffneten Begleitern das Moskauer Hauptbüro stürmte, zwei Wachleute starben. Nach der Scheidung sprach ein Moskauer Gericht Kim im April 2025 auch das letzte Prozent ihres Ex-Manns zu, sie kontrolliert als Gesellschafterin die Wildberries OOO seither allein – die Gesellschaft, die 65% der RWB-Gruppe hält. Die übrigen 35% liegen bei der Werbegruppe Russ der Brüder Lewan und Robert Mirsojan. Letzterer führt den fusionierten Konzern als CEO.

Wirtschaftlich hat der Konflikt das Unternehmen nicht gebremst. Die RWB-Gruppe steigerte ihr Umsatzvolumen 2025 um 49% auf 6,1 Bio. Rubel (64,7 Mrd. Euro), der Nettogewinn wuchs um 68% auf 175 Mrd. Rubel (1,9 Mrd. Euro. Die Investitionen überstiegen 310 Mrd. Rubel (3,3 Mrd. Euro).

Über eine Million Händler sind bei Wildberries registriert, rund 94.000 Abholpunkte bedienen in Spitzenzeiten 25 Mio. Bestellungen pro Tag. Die Logistikfläche wuchs binnen eines Jahres von 2,8 auf 5,2 Mio. m². Die Gruppe baut zudem eine eigene Bank aus, betreibt Werbe- und Reisegeschäft und plant für rund 300 Mio. Dollar einen zentralasiatischen Logistik-Hub in Usbekistan.

Seit dem 18. Juli steht der Konzern allerdings unter Beschuss: Ukrainische Drohnen trafen neun Logistikobjekte, nach Unternehmensangaben sind 14,3% der Logistikinfrastruktur betroffen. Analysten taxieren den Gesamtschaden auf bis zu 350 Mrd. Rubel (4 Mrd. Euro), den größten Teil tragen die Händler. Als Reaktion sucht Wildberries laut Kommersant bereits 100.000 m² Lagerfläche im Nachbarland Kasachstan.

Über den Konzern hinaus verändern die Angriffe die Kalkulation der gesamten russischen Wirtschaft. Wildberries und Ozon stehen nach Berechnungen des US-Magazins Forbes zusammen für rund 8,5% des russischen BIP und beschäftigen über 5% der Arbeitskräfte. Die amerikanische Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet, dass Handelskonzerne wie X5 und Lenta bereits ihre Lagerstrategie überdenken und statt zentraler Großlager kleinere Regionallager von 10.000 bis 30.000 m² prüfen. „Unternehmen werden Effizienz gegen Widerstandsfähigkeit tauschen müssen“, warnt Jekaterina Wlasowa von Bloomberg Economics: Dezentrale Lager, redundante Kapazitäten und höhere Sicherheitsausgaben bedeuteten dauerhaft höhere Logistikkosten, steigende Verbraucherpreise und eine Belastung des langfristigen Produktivitätswachstums.

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Die weiteren Akteure: von Ozon bis zum Lebensmittelhandel

Ozon, 1998 als Online-Buchhändler gestartet, hat 2025 fast die Gewinnschwelle erreicht. Nach dem Geschäftsbericht des Konzerns stieg das Verkaufsvolumen um 45% auf 4,16 Bio. Rubel (44,1 Mrd. Euro). Der Nettoverlust schrumpfte auf 0,9 Mrd. Rubel (9,5 Mio. Euro), das vierte Quartal war bereits das dritte profitable in Folge.

Für 2026 peilt der Konzern 25% bis 30% Wachstum und erstmals einen Jahresgewinn an. Wachstumsmotor ist das Finanzgeschäft: Die Ozon Bank verdoppelte ihren Umsatz auf 195 Mrd. Rubel (2,2 Mrd. Euro), 60% der Kartenzahlungen laufen inzwischen außerhalb der Plattform.

Yandex Market bleibt die Nummer Drei: Das E-Commerce-Segment des Technologiekonzerns erreichte nach dessen Jahreszahlen 2025 ein Verkaufsvolumen von 1,21 Bio. Rubel (12,8 Mrd. Euro).

Die Sberbank, deren E-Commerce-Sparte 2024 noch auf Platz drei lag, baut ihren defizitären Marktplatz Megamarket um, schloss Lager und bündelt das Geschäft samt Lieferdienst Kuper seit Oktober 2025 unter neuer Führung. Der Mode-Spezialist Lamoda wuchs nach eigenen Angaben um 14% auf ein Verkaufsvolumen von 213 Mrd. Rubel (2,4 Mrd. Euro). Die Kleinanzeigenplattform Avito überschritt nach eigenen Angaben erstmals 100 Mrd. Rubel Umsatz (1,1 Mrd. Euro).

Kräftig expandiert der Online-Lebensmittelhandel: Er legte laut Infoline-Berechnungen um 27% auf 1,6 Bio. Rubel (18 Mrd. Euro) zu, angeführt vom Handelskonzern X5 mit 324 Mrd. Rubel (3,7 Mrd. Euro) Online-Umsatz.

In der Rangliste folgt der Express-Lieferdienst Samokat, der aus 2400 Kleinlagern mehr als 785.000 Bestellungen pro Tag ausliefert. Dahinter liegen Vkusvill, Ozon Fresh und Yandex Lavka mit jeweils gut 200 Mrd. Rubel (2,2 Mrd Euro). Der Sektor ist auch ein Arbeitsmarktfaktor: Rund 4% der russischen Erwerbstätigen arbeiten in E-Commerce-nahen Tätigkeiten, die Zahl der Abholpunkte aller Plattformen stieg 2025 um 45% auf gut 226.000.

Regulierung und Besteuerung: neue Regeln ab Oktober 2026

Ab dem 1. Oktober 2026 gilt das neue Gesetz über die Plattformwirtschaft. Es verpflichtet Marktplätze zu Pflichtverträgen mit Händlern und Abholpunkt-Betreibern, 45 Tage Vorlauf bei Konditionsverschlechterungen, transparente Rankings und schnelle Beschwerdeverfahren. Verstöße gegen Zertifizierungs- und Kennzeichnungspflichten dürfen die Plattformen künftig nicht mehr auf die Händler abwälzen.

Konfliktstoff lieferte auch der Bankensektor. Sberbank-Chef German Gref und VTB-Chef Andrej Kostin warfen den Plattformen Ende 2025 vor, mit Rabatten für plattformeigene Bezahlkarten den Wettbewerb zu verzerren. Der Streit endete nach einer Bilanz des Wirtschaftsmagazins Expert mit einem Kompromiss: Produktkarten zeigen künftig einen einheitlichen Preis, Rabatte bleiben erlaubt, müssen aber allen Banken offenstehen.

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Vergleich mit dem deutschen Markt

Der deutsche Online-Handel spielt in einer vergleichbaren Größenordnung wie der russische, wächst aber kaum noch. Russlands E-Commerce setzte 2025 umgerechnet rund 130 Mrd. Euro um, der deutsche nach Zählung des Handelsverbands Deutschland 92,3 Mrd. Euro netto – bei etwas mehr als der halben Einwohnerzahl. Der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (bevh) meldet für 2025 einen Warenumsatz von 83,1 Mrd. Euro brutto, ein Plus von 3,2% nach vier mageren Jahren, und feiert das als „Lichtblick in der deutschen Wirtschaft“.

Auf den Corona-Rekord von 99,1 Mrd. Euro 2021 folgten zwei Minusjahre mit zusammen fast 20% Rückgang, dann Stagnation. Das Vorkrisenniveau ist bis heute nicht wieder erreicht.

Der Handelsverband Deutschland (HDE) beziffert den Online-Anteil auf 13,5%, gegenüber 18,8% in Russland.

Strukturell unterscheiden sich die Märkte deutlich. In Deutschland laufen 56% des Online-Warenhandels über Marktplätze, dominiert von einem einzigen Konzern: Amazon steht nach Zahlen des Handelsverbands und Schätzungen des Schweizer Beratungshauses Carpathia inklusive Marketplace für grob 55% bis 60% des Marktes, gefolgt von Otto und Zalando. In Russland kommen Marktplätze auf 81% der Bestellungen, verteilt vor allem auf das Duopol Wildberries und Ozon.

Zugestellt wird gegensätzlich: 86% der deutschen Pakete gehen laut einer Studie des Paketdienstleisters BPEX an die Haustür, in Russland dominiert die Abholung im Pickup-Punkt, wo Kunden anprobieren und erst dann bezahlen. Auch beim Bezahlen trennen sich die Kulturen: In Deutschland führen PayPal mit 28,5% und der Rechnungskauf mit 25,8% die Rangliste der Zahlarten an, in Russland liegt der bargeldlose Anteil am Einzelhandel laut Zentralbank bei 88,9%, abgewickelt über Karten und das Schnellzahlungssystem SBP.

In Deutschland wachsen mit den chinesischen Plattformen Temu und Shein die einzigen Herausforderer des Platzhirsches Amazon zweistellig, um 27% auf 3,7 Mrd. Euro. Laut bevh stellten sie damit rund 30% des gesamten Marktwachstums. In Russland dagegen spielt der Cross-Border-Handel mit 3,8% Marktanteil kaum noch eine Rolle.

Auch die Kundschaft wächst unterschiedlich: In Deutschland stieg die Zahl der Online-Shopper 2025 laut Handelsverband nur um 1,2%, fast ausschließlich in der Generation über 55. Russlands Plattformen gewinnen ihre Neukunden in Kleinstädten und Dörfern – bei Ozon geht schon jedes dritte Paket in Orte mit weniger als 50.000 Einwohnern.


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30.07.2026

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