Die russische Fahrstuhl-Produktion stagniert. Die Branche konnte zwar nach dem Krisenjahr 2022, als die Herstellung von 32.000 auf 22.000 Einheiten eingebrochen war, wieder Boden gut machen. 2023 und 2024 stieg die Produktion auf rund 27.000 Aufzüge. Allerdings setzte 2025 wieder eine Abwärtsbewegung ein. Für vergangenes Jahr wies die russische Statistikbehörde Rosstat 25.400 hergestellte Fahrstühle aus.
Experten erklären dies mit dem Nachfragerückgang in der russischen Bauwirtschaft. Zudem wurden russlandweit weniger Kernsanierungen des Wohnungsbestands durchgeführt. Laut dem russischen Fahrstuhlverband (RLO) ging die Zahl installierter Aufzüge 2025 um 10% auf 40.000 zurück. Für mehr Tempo bei der Installation von Fahrstühlen fehlen oft die Spezialisten. Heute bediene ein Fahrstuhlmechaniker 100 bis 150 Aufzüge im Monat, in der Sowjetunion sei so ein Spezialist für durchschnittlich 50 bis 60 Lifts zuständig gewesen, sagt Pjotr Charlamow, Geschäftsführer des Nationalen Fahrstuhlverbands NLS.
Dringender Erneuerungsbedarf
Dabei herrscht bei Aufzügen hoher Erneuerungsbedarf. Russland will bis Ende des Jahrzehnts rund 109.000 ausgediente Fahrstühle ersetzen. Das macht 20.000 Einheiten pro Jahr. Laut Marktvertretern schafft die Branche derzeit allerdings lediglich 13.000 bis 17.000 Lifts im Jahr. Der Staat setzt sich damit ein ambitioniertes Ziel. Laut russischem Bauministerium gibt es russlandweit 640.000 Aufzüge in Wohngebäuden. Die angepeilte Erneuerungsquote macht daran einen Anteil von 18% aus.
Nach Angaben des russischen Bauministeriums gibt es in Russland 70.000 Fahrstühle, welche die empfohlene Nutzungsdauer von 25 Jahren bereits überschritten haben. Dennoch dürfen sie noch bis 2030 in Betrieb bleiben. Die empfohlene Lebensdauer von Aufzügen ist von Land zu Land unterschiedlich: In China beträgt sie 15 Jahre. In Deutschland sind ebenso wie in Russland 25 Jahre üblich. Laut dem Anlagensicherheitsreport des deutschen TÜV-Verbands hat mehr als jeder zehnte Aufzug in Deutschland erhebliche bis gefährliche Mängel. Im vergangenen Jahr wurden bundesweit 723.270 Aufzüge geprüft.
Steigendes Sicherheitsrisiko
Beunruhigend ist die Zahl tödlicher Fahrstuhlunfälle in Russland. Seit 2018 kamen in Russland 195 Menschen wegen defekter Aufzüge ums Leben, 338 wurden verletzt. Im vergangenen Jahr gab es 17 tödliche Fahrstuhlunfälle. Laut dem Nationalen Fahrstuhlverband (NLS) besteht der größte Aufzugbedarf in den Gebieten Samara, Saratow, Jaroslawl, Uljanowsk, Murmansk, Astrachan und Twer sowie in den Republiken Tschuwaschien, Udmurtien und Karatschai-Tscherkessien. Am besten schneiden die Aufzüge in Moskau, St. Petersburg sowie den Gebieten Moskau und Nischni Nowgorod ab. Dort gibt es dem Verband NLS zufolge keinen einzigen Fahrstuhl mit mehr als 25 Jahren Nutzungsdauer.
Der Staat müsste 600 Mrd. Rubel, umgerechnet 6,4 Mrd. Euro, für den Komplettaustausch bereitstellen, rechnet der NLS-Geschäftsführer Pjotr Charlamow vor. Eine Alternative zu diesem teuren Unterfangen wäre eine Erneuerung einzelner Bestandteile wie Antrieb und Traggurte eines Aufzugs. „Im Schnitt kostet der Komplettaustausch eines Fahrstuhls 4 Mio. Rubel, ca.42.800 Euro: Auf den Aufzug selbst entfallen 2 Mio. Rubel (21.400 Euro), genauso viel macht die Deinstallation eines alten Aufzugs plus Installation eines neuen aus. Das alles dauert in der Regel einen Monat“, führt Charlamow aus.
Nächster Stock: Importsubstitution
Nach Angaben des russischen Marktdatenanbieters BusinessStat ging der Import von Aufzugsanlagen in Russland 2024 um 3,5% von 18.400 auf 17.800 Einheiten zurück. Nach dem Krisenjahr 2022 steigerten Belarus, China und die Türkei ihre Fahrstuhl-Ausfuhren nach Russland erheblich. 2024 war Belarus größtes Lieferland (53%), gefolgt von China (35%) und der Türkei (11%). 1% der importierten Aufzugsanlagen kamen aus anderen Ländern.
Der Rückzug führender westlicher Branchenführer wie Otis, Kone und ThyssenKrupp aus Russland hinterließ 2022 tiefe Einschnitte in dem russischen Liftgewerbe. In dem Jahr brach die Produktion um 30% ein. Russische Hersteller steuerten schnell um und ersetzten fehlende Komponenten westlicher Zulieferer mit Lieferungen aus der Türkei und China. Darüber hinaus gelangen Komponenten der größten westlichen Fahrstuhlhersteller über den Parallelimport weiterhin nach Russland. Dieses staatlich regulierte Verfahren erlaubt den Import von notwendigen und schwer ersetzbaren Waren und Dienstleistungen, die ohne Erlaubnis des Rechtinhabers erfolgen. Mit Stand 2021 erreichte der Anteil der in russischen Fahrstühlen verbauten ausländischen Komponenten 30%.
Im Herbst 2023 teilte das russische Wirtschaftsministerium mit, dass inzwischen 80% der Bauteile in Standardaufzügen aus russischer Produktion stammen. Bei aufwendigen Aufzugsanlagen wie etwa in Wolkenkratzern sind die Hersteller aber nach wie vor auf den Import angewiesen, räumen Marktvertreter ein. Das Moskauer Aufzugswerk Schtscherbinka ist derzeit Russlands Branchenführer und kommt auf einen Marktanteil von rund 30%. Weitere wichtige Fahrstuhlhersteller sind Meteor Lift mit seiner Hauptproduktionsstätte in St. Petersburg, Moskauer Elektroausrüstung und Lifts sowie das Fahrstuhlwerk Serpuchow im Moskauer Gebiet.
Wichtige Branchenvertreter gehen
Laut dem russischen Wirtschaftsministerium stammten 2021 rund 30% der nach Russland eingeführten Aufzugsanlagen aus dem Ausland. Davon entfielen 13% auf Fahrstühle aus den USA, Europa und weiteren westlichen Ländern. 15% kamen aus dem Nachbarland Belarus.
Ein Verlust für den russischen Markt war der Marktaustritt des US-Unternehmens OTIS Elevator Company, des größten Fahrstuhlproduzenten der Welt. Otis hielt bis 2022 einen Anteil von 16% am russischen Fahrstuhlmarkt. Im Sommer 2022 verkaufte der Konzern sein Russlandgeschäft an die russische Holding S8 Capital, welche die Tochterfirma von Otis daraufhin in Meteor Lift umbenannte. 2023 räumten mit den Aufzugherstellern Kone aus Finnland, ThyssenKrupp Elevator aus Deutschland und Schindler aus der Schweiz weitere ausländische Marktakteure das Feld. Anders als bei Otis war ihr Marktanteil 2021 allerdings gering: Kone (3%), ThyssenKrupp Elevator (1,1%), Schindler (0,7%).
Quelle: Rossijskaja Gaseta, Tadaviser, Kommersant 1, 2, RBC, Secret Firmi, I Trast (alle RU), TÜV Rheinland
ℹ️ Auch interessant
- Landmaschinen: Schwacher Absatz drosselt Branchenmotor
- Industrieroboter: Russlands stockende Aufholjagd