Fußball-WM 2026: verhaltenes Interesse in Russland

Die teuerste Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten wird seit dem 11. Juni in gleich drei Ländern ausgetragen – den USA, Kanada und Mexiko. Der Weltfußballverband FIFA verspricht sich und den Gastgeberländern Milliardeneinnahmen in Rekordhöhe. In Russland ist derweil von der WM-Euphorie trotz guter Einschaltquoten wenig zu spüren, auch weil die russische Nationalmannschaft wegen des Waffengangs in der Ukraine von allen FIFA-Turnieren ausgeschlossen wurde. In Deutschland sind die Fans vom erneuten, frühen Ausscheiden ihrer Nationalmannschaft enttäuscht.

Nach Angaben des Steuerdatenbetreibers Check Index ging die Besucherzahl von Moskauer Gaststätten und Sportkneipen im Zeitraum vom 11. bis zum 21. Juni 2026 um 6% zum Vorjahreszeitraum zurück. Das Marktforschungsunternehmen Focus Technologies schätzt den Rückgang der Kneipengänger in Moskau auf 11%. In St. Petersburg betrug das Besucherminus der Sportbars 12%. Laut Vertretern des russischen Gastronomiegewerbes sorgten noch die Fußballweltmeisterschaften von 2022 und insbesondere 2018 mit Russland als Gastgeber für volle Lokale.

Auf den Nachfragerückgang wirkt sich auch die allgemeine Zurückhaltung der Russen angesichts steigender Gastronomiepreise aus. Nach Berechnungen von Check Index betrugen die Durchschnittsausgaben für eine Moskauer Sportkneipe in den ersten zehn WM-Tagen 4900 Rubel, umgerechnet 56 Euro, in den restlichen russischen Regionen 3500 Rubel (40 Euro). In beiden Fällen beziffern die Analysten die Teuerung auf 10% zum Vorjahreszeitraum. Das WM-Interesse wird mit fortschreitender K.o.-Phase des Turniers aber anziehen, sind sich Lokalbetreiber sicher. Auch russische Bierbrauer und Sportartikelanbieter beobachten derzeit keine erhöhte Nachfrage. Unter den russischen Supermarktketten meldet nur Pjatjorotschka bei Bier einen Absatzzuwachs von 7% durch Werbeaktionen anlässlich der WM. Bei Snacks beläuft sich das Plus auf 20-30%

Russland im Abseits

Der Chefanalyst des Marktforschungsunternehmens Infoline-Analitika Michail Burmistrow sieht für das gedämpfte Interesse einen klaren Grund. „Die russische Nationalelf nimmt an dem Turnier nicht teil. Zudem sind russische Zuschauer nicht immer bereit, europäische Mannschaften anzufeuern“, erklärt der Analyst mit Blick auf die angespannte weltpolitische Lage. Die russische Nationalmannschaft wurde 2022 wegen des Ukraine-Konflikts von allen Wettbewerben des Weltfußballverbands FIFA ausgeschlossen. Ein weiterer Grund für weniger Live-Zuschauer sind die unbequemen Anstoßzeiten, da viele Spiele wegen der Zeitverschiebung in Amerika teils spät in der Nacht beginnen.

Dennoch gute Einschaltquoten

Gleichzeitig verzeichnen russische Fernsehsender und Online-Plattformen gute Einschaltquoten. Laut dem TV-Index des russischen Medienforschungsunternehmens Mediascope sahen sich vom 11. bis 21. Juni 28,4 Mio. Menschen die WM-Spiele an. Die Analysten berücksichtigen in der Statistik alle Live-Übertragungen, Spieleaufzeichnungen auf Abruf und Zuschauer, die mindestens für eine Minute eingeschaltet haben. Der führende russische Sportsender Match TV bezifferte für denselben Zeitraum seine Einschaltquoten auf 631.700 Zuschauer – ein Anstieg um mehr als das Vierfache gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Laut einer Umfrage des staatlichen Meinungsforschungszentrums WZIOM verfolgten noch 2018 mehr als 70% der Russen die WM im eigenen Land. Weltweit schauten sich damals 3,572 Mrd. Menschen das Turnier an.

Teuerste WM aller Zeiten

Die Gastgeberländer USA, Mexiko und Kanada erhoffen sich von der WM Einnahmen in Milliardenhöhe. Die Welthandelsorganisation WTO schätzte im vergangenen Jahr die potenziellen WM-Einnahmen auf 47 Mrd. Dollar. FIFA-Präsident Gianni Infantino brachte Anfang des Jahres beim Weltwirtschaftsforum in Davos eine noch beeindruckendere Zahl ins Spiel: rund 80 Mrd. US-Dollar. Kritiker halten die Erwartungen für überzogen. Der FIFA-Präsident versprach zudem für die USA 185.000 neue Vollzeitjobs und einen Effekt auf die Wirtschaftsleistung von 17,2 Mrd. Dollar. Zum Vergleich: Den ökonomischen Effekt der Fußball-WM in Russland bezifferte die russische Regierung auf 867 Mrd. Rubel (13,85 Mrd. US-Dollar). Die Kosten beliefen sich auf 13,2 Mrd. US-Dollar.

Der Weltfußballverband erwartet rund 6,5 Mio. Besucher in den Stadien, etwa 40% davon sollen aus dem Ausland kommen. Laut dem US-Tourismusbeauftragten Nick Adams sind Tickets für WM-Spiele für weniger als 300 US-Dollar erhältlich. Nach FIFA-Schätzungen gibt ein Besucher während des Turniers durchschnittlich 416 US-Dollar pro Tag aus. Zudem geht die FIFA davon aus, dass Touristen im Schnitt zwölf Tage bleiben und zwei Spiele besuchen.

Hohe Reisekosten

Die russische Tourismusbranche profitiert kaum von der Fußball-Weltmeisterschaft auf dem amerikanischen Kontinent. Nach Angaben des russischen Verbandes der Tourismusindustrie waren organisierte Sportreisen schon immer ein Nischenprodukt. Jährlich begaben sich im Schnitt 20.000 Menschen auf solche Reisen. Doch die Nachfrage ist derzeit im Sinkflug, einzige Ausnahme bilden Tennistourniere. Laut der russischen Buchungsplattform Ostrowok liegen die Reisen nach Mexiko, Kanada und die USA wie auch im vergangenen Jahr bei unter 1% an der Gesamtnachfrage. Hinzu kommen die schwierigen Reisebedingungen und die erschwerte Visavergabe für russische Touristen. Laut dem russischen Reiseveranstalter OneTwoTrip kostete im Juni ein durchschnittliches Ticket (hin und zurück) in die USA 134.000 Rubel (1533 Euro), nach Kanada 131.000 Rubel (1500 Euro) und nach Mexiko 350.000 Rubel (4000 Euro).

Deutschland ohne Fußballfieber

Die deutsche Nationalelf ist am vergangenen Montag nach einem dramatischen Elfmeterschießen gegen Paraguay im Sechzehntelfinale ausgeschieden. Diese als Schmach empfundene Niederlage hat der Fußballstimmung in Deutschland einen mächtigen Dämpfer verpasst. Eine Vergleichsrechnung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln schätzte im Vorfeld der WM, dass das Turnier der deutschen Gastronomie rund 67,4 Mio. Euro zusätzliche Einnahmen bescheren könnte. Würden die Spiele nicht so spät ausgetragen, könnte das Gewerbe sogar 103 Mio. Euro verdienen.

Doch auch in Deutschland liegt der Ball bei den Sparern. Laut einer Umfrage des Befragungsinstituts Yougov wollen 71% der Deutschen im Kontext der Fußball-WM nicht mehr Geld ausgeben. Gleichzeitig teilte Adidas-Chef Bjørn Gulden Ende Juni mit, dass sich die aktuellen Trikots der Nationalmannschaft in Deutschland etwa dreimal so gut verkauften wie noch bei der vorangegangenen WM vor vier Jahren in Katar. Das aktuelle Deutschlandtrikot kostet rund 100 Euro, die Spielerversion „Authentic“ sogar 150 Euro. 

Quelle: Kommersant, RBC, WZIOM, Forbes (alle RU), Handelsblatt 1, 2, 3, 4, Spiegel


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2.5

03.07.2026

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