Fast Food in Russland: Wachstum, Preisdruck, Expansion nach Osten

Russlands Gastronomiemarkt hat sich seit 2021 auf 4,29 Bio. Rubel Umsatz verdoppelt, umgerechnet rund 45 Mrd. Euro, ermittelt der Marktforscher BusinesStat. Kein Segment trägt diesen Boom so stark wie das Fast Food: Schnellrestaurants sind das einzige Format, das zuverlässig Gäste gewinnt, während die klassische Gastronomie Kunden verliert. Rund 115.000 Kettenstandorte konkurrieren um die Kundschaft. Vier Jahre nach dem Abzug der westlichen Marken gehört der wachsende Markt vor allem russischen Eigentümern.

Mehr Umsatz, kaum mehr Gäste

Das nominale Wachstum des russischen Fast-Food-Markts ist eindrucksvoll, das reale nüchterner. Im vergangenen Jahr 2025 wuchs der Gastronomieumsatz um 8,7% auf 4,29 Bio. Rubel, doch der Zuwachs kam fast vollständig über die Preise: Der Durchschnittsbon stieg laut einer Auswertung des Kassendienstleisters Saby um 11% auf 1492 Rubel (ca. 15,70 Euro). Die Gästezahlen der klassischen Restaurants sanken, während Schnellrestaurants 7% mehr Besucher zählten.

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Fast Food ist damit das Zugpferd der Branche: Der durchschnittliche Kassenzettel stieg um 10% auf 563 Rubel (6 Euro), die Kauffrequenz legte um 7% zu, berichtet die Parlamentszeitung Parlamentskaja Gaseta. Die Zahl der Gastronomiebetriebe überschritt 240.000, mit wachsendem Gefälle zwischen den Regionen: In Tschetschenien stieg der Bestand um 30,2%, in Dagestan um 25%, im Gebiet Samara schrumpfte er um 12,1%.

Die Zahl asiatischer Marken hat sich gegenüber der Zeit vor 2022 auf 71 mehr als verdoppelt, meldet das Branchenportal Sostav. Die Nachfrage im Gastronomiesektor verlagerte sich seit 2022 ins mittlere und ins Budget-Segment. Der boomende Inlandstourismus, neue Foodcourts und der Ausbau der Straßengastronomie stützten den Konsum.

Für 2026 erwartet die Moskauer Wirtschaftszeitung Kommersant Preisaufschläge von bis zu 20%, getrieben von Löhnen, Mieten und Lebensmittelkosten. Schärfster Konkurrent für Fast Food ist inzwischen Supermarkt-Essen: 51,5% der Russen kaufen Fertiggerichte im Einzelhandel, der Ready-to-Eat-Markt wuchs um rund 18% auf über 1,12 Bio. Rubel (11,8 Mrd. Euro).

Vom Puschkin-Platz zum Rückzug: Die Geschichte von McDonald’s in Russland

Das erste McDonald’s der Sowjetunion eröffnete am 31. Januar 1990 als sowjetisch-kanadisches Gemeinschaftsunternehmen im ehemaligen Café Lira – mit 900 Plätzen das damals größte McDonald’s -Restaurant der Welt, erinnert das Moskauer Stadtportal The City.

Schon am frühen Morgen warteten mehr als 5000 Menschen, die Schlange reichte bis zum Nowopuschkinski-Platz. Bis zum Abend zählte das Restaurant mehr als 30.000 Gäste – Weltrekord für die Kette. Ein Big Mac kostete 3,75 Rubel, ein Fünfundzwanzigstel des sowjetischen Durchschnittsgehalts von 150 Rubel. Für 600 Arbeitsplätze bewarben sich 30.000 Moskauer.

Die amerikanischen Burgerbrater expandierten schnell im russischen Riesenreich: Als der Konzern im Mai 2022 nach über 30 Jahren seinen Rückzug erklärte, betrieb er 850 Restaurants mit 62.000 Beschäftigten. Käufer wurde der sibirische Unternehmer und McDonald’s-Lizenznehmer Alexander Gowor; der Vertrag enthält laut der Moskauer Wirtschaftszeitung Kommersant eine Rückkaufoption über 15 Jahre.

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Schicksalsjahr 2022: Die Erben der Amerikaner

Wkusno i totschka („Einfach lecker“) hat das McDonald’s-Netz nicht nur gehalten, sondern ausgebaut. Im ersten Quartal 2026 betreiben die russischen Burgerbrater rund 980 Restaurants in 66 Regionen, ein Umsatz von 218,6 Mrd. Rubel 2025 (2,3 Mrd. Euro) und 16,7% mehr als im Vorjahr, meldet die Nachrichtenagentur Interfax.

Im ersten Betriebsjahr 2022 stand laut dem Wirtschaftsportal RBC ein Verlust von 11,3 Mrd. Rubel, nach damaligem Kurs mehr als 150 Mio. Euro. In den folgenden Jahren wurde das russifizierte Unternehmen jedoch profitabel und erwirtschaftete Millionen-Profite.

Im vergangenen Jahr sank der Nettogewinn um 15,1% auf 14,4 Mrd. Rubel (152 Mio. Euro), weil die Kosten schneller wuchsen als die Erlöse. Ende 2026 will die Kette nach Kirgisistan expandieren, und Generaldirektor Oleg Parojew formuliert die Rückkehrfrage der Amerikaner als erledigt: „Nach meinem Eindruck hat inzwischen niemand mehr Zweifel, dass wir auf lange Zeit hier sind“, sagte er Kommersant.

Ähnlich stabil stehen die anderen Erben da. Rostic's, der Nachfolger von KFC unter der Betreibergesellschaft Unirest, führt mit 1257 Standorten (Stand: 2025) das Ketten-Ranking an und eröffnete allein 2025 rund 80 Restaurants. Stars Coffee, hervorgegangen aus Starbucks, plant laut der russischen Ausgabe des amerikanischen Wirtschaftsmagazins Forbes 45 neue Franchise-Filialen bis Ende 2026. Burger King blieb im Land und wuchs auf 880 Standorte – auch wenn der Nettogewinn 2025 um 61% einbrach auf rund 8 Mio. Euro, berichtet das Wirtschaftsportal vc.ru.

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Big Hit gegen Big Mac: Preise und Ausgaben

Der Big Hit, der Nachfolger des Big Mac bei Wkusno i totschka, kostet laut dem Menüportal der Kette rund 220 Rubel (ca. 2,30 Euro). In Deutschland müssen Kunden pro Big Mac 6,30 Euro auf den Tisch legen und in den USA 6,22 US-Dollar (rund 5,40 Euro), zeigt der Big-Mac-Index des britischen Magazins The Economist. Auf dessen Weltskala – von der Schweiz mit 9,04 US-Dollar bis Indonesien mit 2,38 US-Dollar – läge der russische Big Hit nahe dem unteren Ende.

Kaffee, Bäckereien, Streetfood: die Formate der Stunde

Jenseits der Burger-Riesen sortiert sich der Markt entlang neuer Formate. Die Kaffeekette Coffee Like liegt mit 1153 Standorten fast gleichauf mit den Marktführern, dahinter drängen Bäckerei-Ketten wie Chlebniza (970 Standorte) und Buchanka (545) in die Fläche: Grab-and-Go-Konzepte führen die Neueröffnungen der Branche an, zeigt eine Erhebung des Branchenmagazins FoodService.

Am schnellsten wächst das Streetfood: Die Doppelmarke TscheburekMi/Senjor Djoner legte um 12,7% auf 463 Standorte zu und macht aus Tscheburek und Döner ein Franchise-Produkt. Der auffälligste Trend kommt aus dem Osten: Teehäuser haben ihre Zahl binnen eines Jahres mehr als verdoppelt, während klassische Sushi-Ketten um 7,5% und Pizzerien um 6,7% schrumpften.

Auch die Erben mischen in den neuen Formaten mit: Rostic's testet Kaffeezonen in den eigenen Restaurants, Stars Coffee setzt auf Franchise-Expansion. Dodo Brands baut mit Drinkit eine volldigitale Kaffeemarke auf: 253 Shops gibt es mittlerweile in Russland, dazu Ableger in Kasachstan und Dubai. Bestellt wird ausschließlich per App oder Terminal. Die Kette expandiert sehr schnell. Allein von Januar bis Mai 2026 kamen 33 Moskauer Standorte hinzu. Seit März 2026 wagt Drinkit zudem als erste russische Kette seit dem Teremok-Rückzug den Schritt in die USA und eröffnete eine Filiale in West Hollywood, geführt vom langjährigen Dodo-Franchise-Partner Ilja Farafonow, mit rund 400.000 US-Dollar Investment und russischen Klassikern wie Raf-Kaffee auf der Karte, berichtet das Branchenportal Klenmarket. Bis 2028 will Drinkit-Chef Alexander Umarow auf 3.000 Kaffeeshops wachsen, sagte er dem Fachportal Retail Tech.

Verlierer sind die Einzelbetriebe: Während die Ketten expandieren, sank die Gesamtzahl der Gastronomiestandorte um 3,1%. Der Markt konsolidiert sich bei sinkendem Gästestrom und steigenden Kosten.

Russisches Fast Food: Von der Blini-Bude nach Manhattan

Neben den Nachfolge-Firmen westlicher Fast-Food-Ketten wachsen die Ketten, die in Russland seit 1990 entstanden sind. Ihre Gründungsgeschichten beginnen fast alle im Krisenjahr 1998.

Teremok, von Michail Gontscharow als Blini-Kiosk gegründet, betreibt 349 Standorte in Russland. Der Umsatz betrug im vergangenen jahr 25 Mrd. Rubel (266 Mio. Euro) und 17,3% mehr als im Vorjahr, berichtet das Branchenportal Retail.ru. Für 2026 plant Gontscharow Bar-Formate mit seltenen Tees und Cocktails nach russischen Rezepturen.

Kroschka Kartoschka, im selben Jahr von Andrej Konontschuk und Witali Naumenko gegründet, brachte die gefüllte Ofenkartoffel an die Moskauer Metro-Ausgänge. Gestartet sind die Kartoffelverkäufer mit zwei Straßenständen, die ersten Franchise-Lizenzen gingen für 15.000 US-Dollar an Freunde.

Die erfolgreichste russische Fast-Food-Geschichte kommt aus der Provinz: Dodo Pizza, 2011 vom Unternehmer Fjodor Owtschinnikow in der nördlichen Stadt Syktywkar in der Republik Komi gegründet, verband als erste russische Kette Pizza-Franchise mit einer eigenen IT-Plattform und ist mit 1156 Standorten und 20,4% Wachstum die Nummer zwei des Marktes. Das besondere an den Pizzabäckern aus dem hohen Norden: Jede Filiale legt ihre Umsätze in Echtzeit offen.

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Den Sprung in den Westen haben die russischen Fast-Food-Ketten früh versucht – mit gemischtem Ergebnis. Gontscharow eröffnete 2016 zwei Teremok-Ableger in Manhattan und schloss sie im Juni 2018 wieder: „Wir sind auf offene Feindseligkeit gestoßen“, sagte er damals RIA Nowosti mit Blick auf die New Yorker Gesundheitsaufsicht.

Dodo kam weiter: Brighton, Hangzhou, USA, Baltikum, listet der Unternehmensreport als Standorte, doch die aktuelle Expansionskarte zeigt vor allem nach Süden und Osten: Laut der aktuellen Strategie betreibt Dodo über 1300 Pizzerien in 25 Ländern, peilt 1,5 Mrd. US-Dollar Systemumsatz an und wächst vor allem in der Türkei, den Emiraten, Katar, Usbekistan und Kasachstan. Bis 2030 sollen es 4000 Standorte sein, davon 1000 außerhalb Russlands. Russisches Fast Food expandiert dort, wo die politische Reibung gering ist: in GUS-Staaten, am Persischen Golf und in Asien. Auch Wkusno i totschka folgt dieser Route mit dem geplanten Markteintritt in Kirgisistan.

Lieferdienste und Digitalisierung als Wachstumsmotor

64% der russischen Restaurants bieten Lieferung an, in Millionenstädten sind es sogar 72%, erhebt die Forschungsagentur Data Insight. Auf die Lieferung entfällt im Schnitt mehr als ein Viertel der Bestellungen, im Großraum Moskau nahe 30%.

FastFood-Ketten treiben die Entwicklung zum Lieferdienst: 78% von ihnen fahren Essen aus, gegenüber 59% der Einzelbetriebe. Bei den Bestellmöglichkeiten dominieren die Aggregatoren um Yandex Eda mit 49%, eigene Apps und Websites kommen auf 36%. Telefonbestellungen sanken seit 2021 von 53% auf 42%. Sogenannte Dark Kitchens, reine Lieferküchen ohne Gastraum, wachsen.

Der Konsum habe sich „atomisiert", sagt die Delivery-Marketingmanagerin Jewgenija Grets der Parlamentskaja Gaseta. Ein-Personen-Haushalte treiben Personalisierung und kleine Bestellgrößen. Gegen den Kostendruck rüsten die Ketten technisch auf: KI-gestützte Nachfrageprognosen und verschlankte Menüs sollen 5% bis 15% der Wareneinsatzkosten einsparen.

Vergleich mit Deutschland: halber Markt, doppelte Bevölkerung

Der deutsche Gastronomiemarkt ist pro Kopf deutlich größer als der russische. Die deutsche Systemgastronomie setzte 2025 laut den Branchendaten des Bundesverbands der Systemgastronomie 36 Mrd. Euro um, 4% mehr als 2024.

Damit stehen Kettenrestaurants für 41% des gesamten Außer-Haus-Essen-Markts von 88,6 Mrd. Euro. Auf sie entfallen 47% aller Gastronomiebesuche.

Auch in Deutschland kam das Umsatzplus allein über höhere Ausgaben pro Besuch, der Durchschnittsbon von 7,15 Euro liegt 33% über dem Niveau von 2019. Die 18- bis 29-Jährigen stellen mit 27% die größte Besuchergruppe. Bei der Kettendichte liegt Deutschland weit vorn: Allein McDonald’s betreibt 1364 Restaurants für 84 Mio. Einwohner, bewirtet täglich 1,85 Mio. Gäste und setzte im vergangenen Jahr 5,19 Mrd. Euro um – mehr als das Doppelte von Wkusno i totschka. Investitionen von 3 Mrd. Euro in 500 neue Restaurants sind angekündigt.

Die Spitze des deutschen Fast-Food-Markts ist fest in amerikanischer Hand. Nach McDonald’s mit 1364 Restaurants folgen Burger King mit über 750 und Subway mit rund 680 Standorten. Die Hähnchenbrater von KFC kommen auf gut 200 Filialen, listet das Branchenportal Preisemenu.

Die größten deutschen Anbieter spielen eine Liga unter den US-Giganten: Die Snack-Kette BackWerk zählt rund 300 Filialen, der Fisch-Imbiss Nordsee hält sich als ältester heimischer Systemgastronom im Markt und betreibt rund 250 Filialen.


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19.08.2026

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