Russischer Arbeitsmarkt: Vollbeschäftigung und Personalmangel

Der russischen Wirtschaft fehlen weiterhin Arbeitskräfte. Umso widersprüchlicher erscheint die derzeitige Zurückhaltung der Unternehmen in der Personalbeschaffung. Die allgemeine Nachfrage nach Arbeitskräften in Russland ist im ersten Quartal 2026 zurückgegangen. Saisonbereinigt sank der Bedarf auf 3,4 offene Stellen pro 100 Beschäftigte, dem niedrigsten Wert seit Anfang 2024, wie aus einer Analyse des russischen Marktforschungsunternehmens Euler hervorgeht. Diesen Trend beobachtet auch die größte russische Jobbörse HeadHunter: In den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres ging die Zahl der Stellenausschreibungen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 30% zurück, während die Zahl der Bewerbungen um 40% zunahm.

Laut einem Bericht der russischen Zentralbank zur Personallage russischer Unternehmen planen derzeit so wenige Firmen Neueinstellungen wie zuletzt im dritten Quartal des Coronajahres 2020. Die angespannten Phasen von 2023 und 2024 habe der Arbeitsmarkt überwunden, erklärt die Chefanalystin von Euler Elena Achmedowa. Seitdem gehe die Zahl an unbesetzten Stellen kontinuierlich zurück – dies zeuge von einer Abkühlung auf dem Arbeitsmarkt, so die Expertin weiter. Pawel Birjukow, Chefökonom der Gazprombank, spricht von einer Optimierung der Belegschaft und der Beschäftigungsmodelle, Vorsicht bei Einstellungen und sieht keinen Nachfrageeinbruch bei Arbeitskräften.

Unternehmen halten Reserven vor

Eine paradoxe Tendenz auf dem russischen Arbeitsmarkt sind die Kaderreserven einiger Unternehmen. Während manche Firmen händeringend nach neuen Mitarbeitern suchen, um ihre Produktion zu steigern, haben andere den Personalmangel bereits überwunden. Diese Unternehmen halten jedoch an überschüssigem Personal fest und nehmen Mehrkosten in Kauf, weil sie künftigen Personalmangel vermeiden wollen. Laut russischer Zentralbank verursacht dies eine ineffiziente Umverteilung von Arbeitskräften zwischen den Branchen und erschwert den Weg raus aus dem Personalmangel.

Marktforscher stellen auf dem Arbeitsmarkt starke Differenzen zwischen den Branchen fest. Der HeadHunter-Index berechnet das Verhältnis von Bewerbungen zu offenen Stellenausschreibungen in einzelnen Wirtschaftsbereichen. Als akut gilt die Personalbeschaffung mit einem Wert im einstelligen Bereich, zweistellige Werte stehen für ausgeprägte Bewerberzahlen. Den schwierigsten Stand bei der Suche nach neuen Arbeitskräften haben die Bereiche Einzelhandel, Medizin und Pharmazeutik, Arbeiterberufe, Land- und Bauwirtschaft, Tourismus und Gastronomie. Der Index für diese Bereiche reicht von 3,9 bis 7,2 Punkten. Angespannt bleibt die Personallage in der Rüstungsindustrie, Logistik und im Maschinenbau. Experten verweisen auf ein chronisches Defizit von Ingenieuren und Handwerkern, zumal eine schnelle Automatisierung dieser Arbeitsplätze nicht möglich ist. Demgegenüber ist der Bewerberandrang bei Bürojobs, Management, Juristen und Marketing groß.

Arbeitsproduktivität soll es richten

Dass der Arbeitskräftemangel Staat und Unternehmen zunehmend Sorgen bereitet, wurde auch beim diesjährigen St. Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum (SPIEF) deutlich: „Eines der größten Risiken ist der Arbeitskräftemangel und das hinter dem Lohnwachstum zurückbleibende Wachstum der Arbeitsproduktivität“, erklärte Vizepremierminister Alexander Nowak in einer Podiumsdiskussion. Er fügte hinzu, dass „ein Wandel von unproduktiven Branchen hin zu solchen mit höherer Wertschöpfung erforderlich ist und die Flexibilität der Arbeitskräfte erhöht werden muss“.

Für das erste Quartal 2026 beziffert die russische Statistikbehörde Rosstat den Zuwachs des durchschnittlichen Nominallohns auf rund 15% im Vergleich zum Vorjahresquartal, der Reallohn legte um 8,7% zu. Für dieses Jahr sagt die Chefanalystin der Verwaltungsgesellschaft Finam Olga Belenkaja einen durchschnittlichen Zuwachs der Nominallöhne um 10-11% voraus.

Die russische Regierung hat 17 branchenbezogene Förderprogramme im Rahmen des Nationalprojekts „Effektive und wettbewerbsfähige Wirtschaft“ aufgelegt. Dieses sieht eine Steigerung der Arbeitsproduktivität auf insgesamt 20,7% bis Ende des Jahrzehnts vor. Nach Angaben des russischen Wirtschaftsministers Maksim Reschetnikow ist die Arbeitsproduktivität in Russland in den vergangenen acht Jahren um 8,2% gestiegen. Dabei setzt der Staat neben der Ausbildung von Fachkräften auch auf die Automatisierung und Robotisierung von Produktionsketten sowie die Reduzierung von Ressourcenverschwendung im Herstellungsprozess.

Was die Arbeitslosenquote verschweigt

Die offizielle Arbeitslosenquote in Russland liegt mit aktuell 2,2% auf einem historischen Tiefstand. Nach Angaben der russischen Statistikbehörde Rosstat waren in den ersten drei Monaten dieses Jahres 74,6 Mio. Menschen in Russland erwerbstätig. Allerdings bezieht diese Kennzahl die verdeckte Arbeitslosigkeit in Russland nicht mit ein. Damit sind mitunter Beschäftigte gemeint, die wegen finanzieller Probleme ihrer Betriebe Kurzarbeit leisten müssen, in den Zwangsurlaub geschickt werden oder vor der Entlassung stehen. Besonders betroffen sind die Automobilindustrie, Metallurgie und Hersteller von Kunststofferzeugnissen.

Nach Angaben des Verbandes unabhängiger Gewerkschaften waren in Russland Anfang des Jahres ca. 8 Mio. in Teilzeit und Kurzarbeit beschäftigt. Die russische Zentralbank schätzte im April die verdeckte Arbeitslosigkeit auf 200.000-300.000 Menschen. Gleichzeitig benötigt die russische Wirtschaft bis Ende des Jahrzehnts laut offiziellen Angaben 3,1 Mio. Arbeitskräfte – 2024 ging die russische Regierung noch von 2,4 Mio. Erwerbstätigen aus. 

Quelle: RBC 1, 2, 3, Russ. Zentralbank, Kommersant, Forbes, Russ. Regierung, Octagon Media, Finam (alle RU)


ℹ️ Auch interessant

19.06.2026

War dieser Beitrag für Sie hilfreich?

Bewerten Sie diesen Beitrag von 1 bis 5, wobei 5 "sehr gut" bedeutet.

Vorheriger Beitrag

Senkt Nabiullina morgen trotz Rekorddefizit den Leitzins?

Unser Telegram-Kanal

Bleiben Sie auf dem Laufenden mit unserem Telegram-Kanal

Возврат к списку