In Russland wurde der Frauentag erstmals 1919 begangen. Offiziell stand der Tag für Gleichberechtigung und die Rolle der Frau beim Aufbau des Sozialismus. An die Stelle politischer Parolen rückten mit der Zeit Geschenke und Gesten der Wertschätzung, die dem 8. März zunehmend eine persönliche und emotionale Note verliehen. Das heute übliche Szenario für den Frauentag in Russland etablierte sich Kulturforschern zufolge in den 1960-1970er Jahren.
Was Frauen sich (nicht) wünschen
Mehr als die Hälfte der Russinnen (56%) wünschen sich zum Frauentag Blumen und Geld als Geschenk, wie eine Umfrage der russischen T-Bank ergab. An zweiter Stelle kommen Kosmetik und Parfüm (49%). 27% der Frauen wünschen sich etwas aus der Kategorie Elektronik. Tatsächlich entscheiden sich Männer der Umfrage zufolge meistens für Blumen (54%) und Kosmetik (46%). Das Budget für ein Geschenk liegt im Schnitt bei 5700 Rubel, umgerechnet 63 Euro.
Was sich viele Frauen hingegen nicht wünschen, sind Souvenirs. Fast die Hälfte der befragten Frauen gab an, mit solchen Staubfängern nichts anfangen zu können, wie aus einer anderen Umfrage des russischen Zahlungsdienstleisters Yoomoney hervorgeht. Zudem wäre ein Fünftel der Umfrage-Teilnehmerinnen über eine geschenkte Kochpfanne oder -schüssel sichtlich enttäuscht. Die meisten Männer (48%) verlassen sich bei der Geschenkwahl auf den eigenen Geschmack. 34% der Männer fragen bei ihrer zweiten Hälfte nach.
Die berühmte Kombo aus Blumen und Schachtel Pralinen scheint etwas aus der Zeit gefallen. Laut der Befragung setzen 70% der Männer auf dieses Geschenk, wobei nur 30% der Frauen diese Geschenkkombination gerne bekommen würden. Die russische Kleinanzeigenplattform Avito fand in einer eigenen Studie heraus, dass sich ein Fünftel der befragten Frauen darüber freuen würde, wenn ihnen der Partner bei der Tilgung eines Kredits hilft oder sich um die Rechnung für die Wohnnebenkosten kümmert. Mehr über die explodierenden Nebenkosten in Russland können Sie hier nachlesen.
Frauen beschenken sich gegenseitig
Ein interessanter Befund der Studie: 50% der befragten Männer wollen der Dame ihres Herzens am 8. März eine Freude bereiten, wobei nur 38% der befragten Frauen in Festlaune sind. Laut den Autoren der Studie könnte dies bedeuten, dass Männer den Tag als wichtiges Ritual der Zuneigung betrachten, während Frauen diesen Tag oft für ein Treffen mit Freundinnen oder wichtigen Frauenfiguren in ihrem Leben wie der Mutter oder Großmutter nutzen. Je nach Umfrage gaben 40-65% der Frauen an, ihren Freundinnen und weiblichen Familienangehörigen zum Frauentag Geschenke zu machen.
Pragmatisch statt romantisch
Die Suche nach dem richtigen Geschenk geht meistens zwei-drei Wochen vor dem 8. März los. Die Geschenke zum Frauentag werden dabei immer praktischer, wie eine Studie der Technologie-Plattform Rafinad zeigt. Einen großen Nachfrageanstieg stellen die Analysten bei Smartphones, Laptops und elektronischen Haushaltsgeräten fest. In diesem Segment stieg die Durchschnittsrechnung um 81% gegenüber dem Vorjahreszeitraum und lag bei 52.300 Rubel, 567 Euro. Die Zahl der Bestellung legte um 23% zu. Ebenso praktisch sind Abonnements für Onlinedienste, die mit 85% den höchsten Nachfrageanstieg aufwiesen. Die Durchschnittsrechnung in diese Warengruppe betrug 1350 Rubel, ca. 15 Euro, was einen Rückgang von 54% zum Vorjahreszeitraum bedeutete.
Traditionelle Frauentag-Geschenke wie Kosmetik- und Hygieneartikel verlieren etwas an Anziehungskraft. Die Durchschnittsausgaben in dieser Warengruppe gingen um 16% auf 5300 Rubel (58 Euro) zurück, bei den Bestellungen betrug das Minus 6%.
Eine eigene Kategorie bilden von langer Hand geplante Geschenke. Hierzu zählen Schmuck und Accessoires sowie Reisen. Bei Schmuck gab es einen drastischen Nachfrage-Einbruch. Zwar stiegen die Ausgaben um 90% auf 17.600 Rubel, 194 Euro. Allerdings schrumpfte die Zahl der Bestellungen um 98%. Bei Reisen blieb die Nachfrage stabil bei gleichzeitigem Anstieg der Ausgaben auf 26.300 Rubel, 290 Euro (+10).
Blumige Preise
Eine Schnittblume könnte am 8. März russlandweit im Schnitt 247 Rubel (2,70 Euro) kosten, prognostiziert die nationale Ratingagentur (NRA). Laut der russischen Statistikbehörde Rosstat hat sich die Schnittblume seit 2021 von 113 Rubel auf 220 Rubel im vergangenen Jahr verteuert, dies entspricht einer Teuerung von 95%. Laut der Online-Blumenplattform Flowwow betrug der Durchschnittspreis für einen Blumenstrauß im Februar 3900 Rubel, 43 Euro – +2% gegenüber dem Vorjahresmonat.
Die Preise steigen laut Marktkennern in der Vorwoche zum Frauentag traditionell an. Im Vorfeld des Valentinstags und Frauentags schnellt die Blumennachfrage für gewöhnlich um das 15- bis 30-Fache hoch. Am vergangenen Frauentag kostete ein Strauß Blumen im Schnitt 4500 Rubel, umgerechnet 50 Euro. Die Blumenplattform Flowwow geht auch in diesem Jahr von einem ähnlichen Preis aus.
Vom Protest zum Blumenstrauß
Seinen Ursprung hat der Frauentag in der Protestbewegung für Frauenrechte. Die deutsche Sozialistin und Feministin Klara Zetkin schlug 1910 auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen vor, einen Internationalen Frauentag einzuführen. Allerdings brauchte es mehr als ein halbes Jahrhundert, bis die Organisation der Vereinten Nationen 1975 den 8. März als Internationalen Frauentag verkündete.
Doch warum der 8. März? An diesem Tag 1917 begann der Massenstreik der Textilfabrik-Arbeiterinnen in Petrograd, dem heutigen St. Petersburg, dem sich immer mehr Frauen anschlossen. In dieser unruhigen Zeit traten die Arbeiter der wichtigsten Petrograder Rüstungswerke ebenfalls in den Ausstand. Russland befand sich damals im Ersten Weltkrieg, der sich für das Zarenreich längst in ein Desaster verwandelt hatte. Die Proteste mündeten schließlich in der Februarrevolution.
Traditionell bekommen Frauen in Russland am 8. März einen Tulpenstrauß geschenkt. Dieses Symbol verfestigte sich in den Köpfen sowjetischer Bürger dank eines Zeitungsartikels von Izvestia aus dem Jahr 1973. Millionen Leser waren von einem charmanten Foto begeistert: Im Bild war der Betriebsleiter des lettischen Landwirtschaftsunternehmens Rigas Zieds mit einem Strauß Tulpen zu sehen. Die Zeitung berichtete, dass der Betrieb pünktlich zum Frauentag 40.000 Tulpen gezüchtet hat, die nun an die Genossinnen verschenkt werden.
Quelle: Yandex, New Retail, Gazeta.ru, Finance.mail.ru, Kommersant 1, 2, Kultura Peterburga, Livekuban (alle RU)
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