SPIEF 2026: Kritische und positive Stimmung zur deutschen Beteiligung

Die am Vorabend des Sankt Petersburger Wirtschaftsforums (SPIEF) veröffentlichte Geschäftsklimaumfrage der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer und der von der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer initiierte Deutsch-Russische Business-Dialog sorgten allein in Deutschland für mehr als 500 Veröffentlichungen in deutschen und russischen Medien.

Das Nachrichtenportal Focus Online lieferte eine abwägende Analyse unter dem Titel „Unternehmer bei Putin: In St. Petersburg tun sich Risse auf“. Der Autor fragt: „Zum ersten Mal seit Beginn des Ukraine-Krieges reisen deutsche Unternehmer zu Putins Wirtschaftsforum nach St. Petersburg. Für die einen halten sie eine Gesprächsleitung offen. Für andere helfen sie dem Kreml aus der Isolation. Wer hat Recht?“ Hier die Kernaussagen aus dem Beitrag:

♦ „Wenn Russlands Präsident Wladimir Putin am Mittwoch die Türen zum Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg öffnet, geht es um mehr als Wirtschaft. Das Treffen wird zum politischen Seismografen, an dem sich ablesen lässt, wie tief der Graben zwischen Russland und dem Westen ist. Erstmals seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine treten deutsche Wirtschaftsvertreter wieder offiziell auf dem Forum auf.“

♦ „Unternehmer wie Milchproduzent Stefan Dürr und Globus-Chef Thomas Bruch sind dabei. AfD-Vertreter wie Sachsens Landeschef Jörg Urban haben sich ebenfalls angekündigt. Die entscheidende Frage: Wollen sie einen Gesprächsfaden wiederaufnehmen, den Europa eines Tages brauchen könnte? Oder beginnt hier die schleichende Erosion der Sanktions- und Isolationspolitik, auf die Deutschland und die EU seit 2022 setzen? Damals startete Putin seine Ukraine-Invasion.“

♦ „Die Befürworter der Reise argumentieren, dass Diplomatie kein Lichtschalter ist, den man nach Belieben an- und ausschalten kann. Sie verweisen darauf, dass noch immer rund 1600 deutsche Unternehmen in Russland tätig sind und deutsche Vermögenswerte von mehr als 100 Milliarden Euro im Land gebunden sind. Das Treffen ist ein vorsichtiger Versuch, eine Leitung offen zu halten, die eines Tages für Verhandlungen, Wiederaufbau und wirtschaftliche Stabilisierung gebraucht werden könnte. Wer jetzt nicht miteinander spricht, so die Logik, wird später kaum verhandeln können.“

♦ „Kritiker sehen in jeder westlichen Delegation dagegen einen propagandistischen Gewinn für den Kreml. Russland kann mit den Bildern aus St. Petersburg suggerieren, dass die Isolation aufgebrochen wird und westliche Vertreter wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren.“

♦ „So steht über dem Forum eine Frage: Ist St. Petersburg ein Versuch, einen Gesprächsfaden für die Zeit nach dem Krieg zu sichern? Oder erleben wir hier die ersten sichtbaren Risse in der westlichen Front gegenüber Russland?“

♦ „Die Antwort liegt vermutlich dazwischen. Das Forum wird weder die Sanktionen beenden noch die europäische Russlandpolitik neu schreiben. Aber es zeigt, dass unter der Oberfläche der politischen und kriegerischen Konfrontation wirtschaftliche Interessen durchscheinen.“

Die Bild, Deutschlands größte Boulevardzeitung, hingegen titelte: „Schamlos in St. Petersburg: Diese deutschen Bosse treten bei Putins Gipfel-Show auf“ und schrieb: „Während Putins Morden im Krieg gegen die Ukraine weiterläuft und er jeden Tag Städte bombardiert und Familien auseinanderreißt, läuft in St. Petersburg seine große Wirtschafts-Propagandashow! … Und einige Gäste kommen schon wieder aus Deutschland!“ Als „unpatriotisch“ bezeichnete CDU-Außenpolitiker Jürgen Hardt die Beteiligung der Deutschen am SPIEF und sprach von einer „Propaganda-Auffrischung für Putin“. „Alle, die daran teilnehmen, sollten sich fragen, ob sie nicht das Lied von Herrn Putin singen“, kritisierte SPD-Politiker Michael Roth.

„Deutsche Unternehmen in Russland: Warum nicht?“, fragte die Berliner Morgenpost und kommentierte: „Sanktionen allein reichen nicht aus. Wenn Frieden überhaupt möglich sein soll, führt kein Weg an Gesprächen und Verhandlungen vorbei.“ Hier die Kernaussagen des Artikels:

♦ „Mit Russland reden? Ohne Vorbedingungen? Bundeskanzler Merz sagt nein. Doch Manager deutscher Firmen machen es vor. Auf dem Petersburger Wirtschaftsforum gibt es erstmals wieder einen offiziellen deutsch-russischen Wirtschaftsdialog.“

♦ „Mancher Unternehmer aus der gebeutelten deutschen Wirtschaft wird – mehr oder minder heimlich – denken wie Matthias Schepp, der Vorstandsvorsitzende der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer: ‚Der Westen sollte Russland, seinen großen Markt und seine Rohstoffe nicht auf Dauer anderen überlassen.‘“

♦ „Die Russen lieben deutsche Autos, bevorzugt Verbrenner. Die Bar eines Moskauer Luxushotels ist stolz auf ihren Namen: Mercedes-Bar. Inzwischen dominieren chinesische Fahrzeuge die Straßen Russlands. Kühlschränke, Waschmaschinen, Konsumgüter: Der Markt wäre da. Und die deutsche Wirtschaft braucht Märkte und auch günstige Energie.“

♦ „Was also tun? Kuscheln mit Putin wie Trump? Ganz sicher nicht. Aber reden, verhandeln. Die EU versteht sich nicht als Kriegspartei. Wenn das so ist, dann könnte man vermitteln. Vielleicht hätte man eine Chance. Vom Frieden würden alle profitieren. Immer neue Sanktionen allein helfen jedenfalls nicht.“

Die russische Boulevardzeitung Moskowski Komsomolez schrieb: „Deutsche Geschäftsleute laufen zum SPIEF, um ihre Milliarden zu retten.“ Das Blatt kommentierte, die deutsche Wirtschaft kehre „demonstrativ auf den russischen Markt zurück, ohne politische Barrieren zu beachten“.

„Ausländer wurden in eine neue Realität eingetaucht“, betitelte die russische Wirtschaftszeitung Kommersant ihren Beitrag über das deutsch-russische Panel am Donnerstag vergangener Woche. Laut dem Kommersant-Bericht müssen ausländische Unternehmen die Tatsache akzeptieren, dass seit 2022 viele Lücken auf dem russischen Markt durch asiatische Akteure gefüllt wurden. Zugleich zitiert die Zeitung Kammer-Chef Matthias Schepp, der mit Blick auf China betonte, das Land sei „keine Mutter Teresa“. Chinesische Lieferanten verlangten für die Waren, die Russland benötigt, drei- bis viermal höhere Preise, betonte Schepp.

Eine Übersicht der deutschen Medienreaktionen zur Teilnahme der deutschen Delegation am SPIEF 2026 finden Sie hier.

09.06.2026

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