Wirtschaftliche Folgen des Irankrieges: Ölpreis, Russland, Tourismus

Die militärische Eskalation zwischen Israel, den USA und dem Iran hat binnen weniger Tage zentrale Schlagadern der Weltwirtschaft erfasst. Ölpreise steigen, Tanker drehen ab, Flugrouten werden gestrichen, der Tourismus in der Golfregion kommt ins Stocken.

Ölpreis

Im Zentrum der Marktturbulenzen steht die Straße von Hormus. Täglich passieren rund 20 Mio. Barrel Rohöl diesen nur 33 Kilometer breiten Seeweg zwischen Iran und Oman. Das entspricht etwa 20% des weltweiten Flüssigölverbrauchs. Nach Angaben der US-Energieinformationsbehörde (EIA) lag der jährliche Handelswert 2024 des durch dieses Nadelöhr transportierten Öls bei rund 500 Mrd. US-Dollar.

Bob McNally von der amerikanischen Energieanalysefirma Rapidan Energy Group sagte gegenüber dem amerikanischen Börsensender CNBC am Tag des amerikanisch-israelischen Angriffs auf den Iran: „Eine längere Sperrung der Straße von Hormus führt garantiert zum globalen Abschwung.“ Die amerikanische Investmentbank JPMorgan warnt vor einem Anstieg auf bis zu 130 Dollar je Barrel bei einer längeren Blockade. Einige Händler nannten in Schockszenarien 150 Dollar.

Das britische Beratungsunternehmen Oxford Economics modellierte mehrere Eskalationspfade. Im Basisszenario, ein Wegfall iranischer Exporte, würde das globale Öl-Angebot um vier Prozent sinken. Brent läge dann bei rund 90 Dollar. Das weltweite BIP fiele um 0,3%. Im Szenario einer vollständigen längerfristigen Sperrung der Straße von Hormus könnte Brent auf 130 Dollar steigen. Die US-Inflation würde in diesem Fall auf sechs Prozent klettern, in der Eurozone auf fast vier Prozent.

Hamad Hussain, Finanyanalyst von Capital Economics erklärte gegenüber dem katarischen Fernsehsender Al Jazeera: „Wenn der Rohölpreis auf 100 Dollar pro Barrel steigen und länger dort verharren würde, könnte das die globale Inflation um 0,6 bis 0,7 Prozentpunkte erhöhen.“

Mehrere Tanker, darunter US- und britische Schiffe, wurden beschossen. Reedereien ließen Schiffe vor Anker warten oder mieden die Passage. Die Frachtraten für VLCC-Supertanker vom Nahen Osten nach China stiegen auf über 170.000 Dollar pro Tag – der höchste Stand seit sechs Jahren.

Der russische Energieexperte Kirill Rodionov sagte im Radiosender RBC, zusätzliche Lieferwege würden einen starken Preissprung begrenzen. Er rechnet deshalb mit einem Anstieg bei Erdöl der Marke Brent auf lediglich 80 Dollar. Insgesamt werde der Effekt geringer ausfallen als zu Beginn des russisch-ukrainischen Konfliktes 2022, als Brent-Öl mehrere Monate über 100 Dollar lag.

Igor Juschkow vom russischen Nationalen Energiesicherheitsfonds warnte hingegen vor einem schweren Schock bei anhaltender Störung des Transits. Die Gaspreise könnten in der Heizperiode 1000 bis 1200 Euro je tausend Kubikmeter erreichen.

Folgen für Russland

Seit den US-Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil im Oktober 2025 liegt der Abschlag auf Urals bei mehr als 30 Dollar je Barrel. Die Preise bewegten sich zuletzt nur bei 40 bis 45 Dollar, während der Haushalt 2026 mit 59 Dollar kalkuliert. Steigt Brent infolge der Krise auf 90 oder 100 Dollar, könnte Urals auf 60 bis 70 Dollar klettern – also wieder in die Nähe der Haushaltsplanung.

Der Moskauer Militär- und Energieexperte Andrej Koschkin hält eine längerfristige Blockade für „unwahrscheinlich“. Sollten die Fördermengen des Iran jedoch kurzfristig um ein bis zwei Millionen Barrel pro Tag sinken, könne Brent auf 90 bis 120 Dollar steigen; bei mehreren Wochen Unterbrechung seien 150 bis 200 Dollar möglich. „Bei einem Brent-Preis von mehr als 80 US-Dollar würden die russischen Staatseinnahmen trotz Exportrabatten auf dem geplanten Niveau bleiben“, so Koschkin.

An den Märkten wurde diese Logik sofort eingepreist. Zum Handelsstart am 2. März stiegen die Aktien von Lukoil um 3,35%, die von Rosneft um 3,97%, die von Gazprom Neft um 4,97%. Der breite Markt gab dagegen nach.

Wassili Karpunin von Alfa Investments erwartet, dass sich bei Lieferengpässen „die bestehenden Abschläge auf russische Sorten verringern werden“. Höhere Weltmarktpreise könnten also doppelt wirken: über das absolute Preisniveau und über einen schrumpfenden Discount.

Für Russland bedeutet das: Kurzfristig wirken höhere Ölpreise stabilisierend. Die Ratingagentur AKRA bleibt dennoch konservativ und erwartet für 2026 einen durchschnittlichen Exportpreis von nur 50 Dollar. Ob die Krise zu einer nachhaltigen fiskalischen Entlastung führt, hängt weniger von den ersten Preissprüngen ab als von der Dauer der Störung in der wichtigsten Energie-Schlagader der Welt.

Folgen für Deutschland

Die Eskalation im Nahen Osten trifft Deutschland in einem besonders sensiblen Bereich: der Energieversorgung. Neben dem Ölmarkt geriet auch der Gasmarkt unter erheblichen Druck. Nach einem Angriff auf die Anlagen in Ras Laffan in Katar setzte der staatliche Gaskonzern Qatar Energy die gesamte Produktion von Flüssigerdgas (LNG) aus. Katar ist der weltweit größte LNG-Produzent und steht für nahezu 20% der globalen LNG-Produktion. Ein solcher Ausfall hat unmittelbare Auswirkungen auf die internationalen Spotmärkte.

Entsprechend stark reagierten die Preise in Europa. Die europäischen Gaspreise stiegen binnen kurzer Zeit um bis zu 50%. Für Deutschland, das seit 2022 einen erheblichen Teil seiner Gasimporte über LNG-Terminals bezieht, bedeutet dies steigende Beschaffungskosten. 

Hören Sie eine aktuelle Einschätzung zum Gasmarkt von Dr. Heiko Lohmann von energate Gasmarkt und zu den geringen Gasspeicherfüllständen im Podcast der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer „Zaren. Daten. Fakten.

Parallel dazu verteuerten sich Kraftstoffe deutlich. Herbert Rabl vom Tankstellen-Interessenverband berichtete von „langen Schlangen an den Tankstellen“ und sprach von einem spürbaren Andrang. Nach Angaben des ADAC stieg der Preis für Super E10 von 1,78 Euro am Freitag auf 1,83 Euro am Montag, Diesel verteuerte sich von 1,74 Euro auf 1,80 Euro je Liter. 

Ökonomen warnen vor breiteren Effekten. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), erklärte: „Kurzfristig dominiert die gravierende Unsicherheit über das Ausmaß des Konflikts.“ Entscheidend sei, ob die Auseinandersetzung regional begrenzt bleibe oder sich ausweite. Eine anhaltende Störung zentraler Energieexporteure würde die Inflation erneut antreiben und die ohnehin schwache Konjunktur in Deutschland zusätzlich dämpfen.

Die Lufthansa-Gruppe setzte alle Flüge in die Region bis mindestens 8. März aus, betroffen sind unter anderem Tel Aviv, Beirut, Amman, Erbil, Dammam und Teheran. Neben Einnahmeausfällen entstehen operative Mehrkosten durch Umleitungen und Umbuchungen. Die Lufthansa-Aktie fiel um bis zu 7%.

Tourismus VAE

Nach Angaben des russischen Reiseverbandes RTIC halten sich bis zu 100.000 russische Touristen in den Vereinigten Arabischen Emiraten auf. Weitere 1000 Reisende befinden sich in Saudi-Arabien, 800 bis 900 im Oman. 

Rund 30.000 Urlauber von deutschen Reiseveranstaltern sind von der aktuellen Krise im Nahen Osten betroffen. Auf Anfrage der Boulevard-Zeitung Bild erklärte das Auswärtige Amt, dass in den Vereinigten Arabischen Emiraten „derzeit eine hohe vierstellige Zahl deutscher Staatsangehöriger registriert“ sei.

Artur Muradyan vom Russischen Verband der Reiseindustrie bezifferte die Verluste russischer Veranstalter auf mindestens 1,5 Millionen Dollar pro Tag. Die Unterbringung eines Touristen koste 80 bis 100 Dollar täglich.

Mehr als 3400 Flüge wurden laut der Flugdienstseite Flightradar24 gestrichen.„Dies ist Dubais ultimativer Albtraum, denn sein gesamtes Wesen hing davon ab, eine sichere Oase in einer unruhigen Region zu sein“, erklärte Cinzia Bianco vom European Council on Foreign Relations.

Immobilienmarkt Dubai

Dubais Immobilienmarkt startete 2026 mit Rekordwerten. Im Januar registrierte das Dubai Land Department Transaktionen von 55,18 Milliarden AED, rund 12 Mrd. Euro, ein Plus von 43,9 Prozent zum Vorjahr. 2025 summierten sich die Verkäufe auf rund 160 Mrd. US-Dollar bei mehr als 215.000 Transaktionen. 

Die amerikanische Ratingagentur Fitch hatte bereits vor der Eskalation am Persischen Golf eine mögliche Preiskorrektur von 10 bis 15% für 2026 in Aussicht gestellt, da zu viele neue Wohnungen 2026 angeboten würden.

Die geopolitischen Ereignisse treffen einen Markt, der stark von internationaler Mobilität und Kapitalzufluss abhängt. Der Hafen Jebel Ali, der rund 36% des BIP Dubais repräsentiert, stellte nach einem Brand zeitweise den Betrieb ein.

„Iran hat keinen Militärstützpunkt in Dubai angegriffen. Es hat die Idee von Dubai angegriffen“, schrieb der Analyst und Autor Shanaka Anslem Perera auf X. „Dubai ist eine finanzielle These. Es ist die Annahme, dass man am Eingang des Persischen Golfs eine globale Stadt errichten und sie von der Gewalt der Region abschirmen kann.“

Russisch-iranische Wirtschaftsbeziehungen

Mit dem Inkrafttreten des Freihandelsabkommens zwischen dem Iran und der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) im Mai 2025 wurden Zölle auf rund 90% der gehandelten Waren abgeschafft. Präsident Wladimir Putin nannte für das erste Halbjahr ein Wachstum von 11,4%, für drei Quartale 8%.

Trotz dieser Zuwächse bleibt das Volumen begrenzt: 2024 hatte der bilaterale Handel bei rund 4,8 Mrd. US-Dollar gelegen, was nur etwa 0,7% des russischen Außenhandels entspricht. 2022 war mit 4,9 Mrd. Dollar ein bisheriger Höchststand erreicht worden.

Die iranische Außenwirtschaft stand seit Monaten unter Druck. Von März 2025 bis Januar 2026 sank der gesamte Außenhandel des Landes um 11,4% auf 94 Mrd. Dollar, die Importe brachen um 15,6% ein.

Strategisch wollen beide Länder ihre Kooperation vertiefen. Am 17. Januar 2025 unterzeichneten Präsident Putin und Präsident Massud Peseschkian ein auf 20 Jahre angelegtes Partnerschaftsabkommen mit 47 Artikeln. Der Schwerpunkt liegt auf Energie. Rosatom erweitert das Kernkraftwerk Buschehr auf drei Gigawatt; langfristig plant Teheran eine Atomstromkapazität von 20 Gigawatt bis 2041.

Im Personenverkehr bleibt die Verflechtung gering: 2024 reisten 38.057 Russen in den Iran, im ersten Quartal 2025 sank die Zahl um 46%. Umgekehrt besuchten rund 26.000 Iraner Russland. Deutlich gestiegen ist hingegen die Zahl iranischer Studierender in Russland auf 9210 im Jahr 2024.

Eine vertiefte Analyse der strukturellen Chancen und Grenzen der bilateralen Beziehungen bietet die Auslandshandelskammer in ihren Studien vom Februar 2025 und Februar 2026. Dort wird deutlich: Politisch ist die Annäherung weit fortgeschritten, ökonomisch bleibt sie bislang von begrenzter Größenordnung.

Lesen Sie mehr in unseren Fokusanalysen 1, 2 zu den Russisch-Iranischen Wirtschaftsbeziehungen.

Politische Stimmen in Russland

Der russische Präsident Wladimir Putin übermittelte am 1. März seinem iranischen Amtskollegen Massud Peseschkian sein Beileid „im Zusammenhang mit dem Mord“ an Ajatollah Ali Chamenei und Mitgliedern seiner Familie, „der unter zynischer Verletzung aller Normen der menschlichen Moral und des Völkerrechts begangen wurde“: „In unserem Land wird Ajatollah Chamenei als herausragender Staatsmann in Erinnerung bleiben, der einen enormen persönlichen Beitrag zur Entwicklung der freundschaftlichen russisch-iranischen Beziehungen geleistet und sie auf die Ebene einer umfassenden strategischen Partnerschaft gehoben hat.“

Kremlin.ru (RU)

Dmitrij Peskow, Pressesprecher des russischen Präsidenten:

  • „Russland ist enttäuscht, dass sich die Situation zwischen dem Iran und den USA trotz der Versuche einer Verhandlungslösung zu einer direkten Aggression verschlechtert hat.“

  • „Russland hält an seiner von Präsident Putin wiederholt geäußerten Position fest, dass eine politische und diplomatische Lösung die bevorzugte Methode ist.“

  • „Wir schätzen weiterhin die Vermittlungsbemühungen sehr, die die Vereinigten Staaten unternehmen, aber wir vertrauen in erster Linie nur uns selbst.“

Kommersant, RIA Nowosti, Vedomosti (alle RU)

Andrej Kartapalow, Vorsitzender des Verteidigungsausschusses der Duma:

  • „Ich denke, [jetzt] ist allen klar, warum wir den „Burewestnik“ (strategischer Marschflugkörper) und den „Poseidon“ (Unterwasserdrohne) brauchen, warum wir letzten Endes auch Max (staatlich kontrollierter Messenger) brauchen.“

mk.ru (RU)

Fjodor Lukjanow, Chefredakteur der Zeitschrift „Russia in Global Affairs“, Vorsitzender des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik Russlands:

  • „Ein Krieg gegen den Iran verspricht, das internationale Chaos weiter zu verschärfen. Ungeachtet des Ausgangs der aktuellen Krise hat ein Angriff der USA und Israels auf den Iran schwerwiegende Folgen für die Weltpolitik. Es geht dabei nicht nur und nicht primär um die Zukunftsaussichten der Islamischen Republik. Es geht vielmehr um die Wahrnehmung dessen, was in den internationalen Beziehungen möglich und akzeptabel ist. Diese Wahrnehmung verändert sich, und diese Veränderungen verheißen nichts Gutes für die Zukunft“.
  • „Aktuell werden die grundlegenden einschränkenden Elemente der internationalen Beziehungen demontiert. Dadurch werden die internationalen Beziehungen zu einer Art russischem Roulette. Und auf diese Weise wird ihnen das Fundament entzogen.“

Rossijskaja gaseta (RU)

Quellen: Izvestia, Vedomosti 1,2,3,4, Kommersant, Gazeta.ru (alle RU) Dubai Immo, Handelsblatt (alle DE) Oxford Economics, CNBC, Politico (alle EN)


4.0

02.03.2026

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Danke, A. Franke
03.03.2026

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