Russischer Servermarkt: Hohe Preise, neue Risiken

Server haben sich in Russland seit Oktober vergangenen Jahres im Schnitt um mehr als das Doppelte verteuert, die Preise für Cloud-Dienste stiegen im selben Zeitraum dagegen lediglich um 10–15%. Die Miete von Rechenkapazität sei derzeit günstiger als der Betrieb eigener Server, rechnete Oleg Ljubimow, Chef des Cloud-Anbieters Selectel, Anfang Oktober vor. In derselben Woche kam es zu den ersten ukrainischen Drohnenangriffen auf russische Rechenzentren. Unternehmen, die ihre Rechenleistung bisher in solche Zentren ausgelagert haben, könnten in Zukunft wieder auf eigene Server ausweichen, sagen Marktanalysten voraus.

2024 sank der Absatz von Servern in Russland laut dem Elektronikhersteller-Verband ARPE im zweiten Jahr in Folge, um 15% auf 148.000 Geräte, während die Umsätze um 1,4% auf 1,78 Mrd. Dollar zulegten. Die Verkäufe des vergangenen Jahres schätzt Yadro, einer der größten heimischen Serverhersteller, auf rund 135.000–145.000 Geräte, was etwas unter dem Vorjahresniveau gelegen habe. Bei den Umsätzen kommt Yadro zu einem Rückgang gegenüber 2024 um 5–10% auf 150 Mrd. Rubel (1,6 Mrd. Euro) netto bzw. 180 Mrd. Rubel (1,9 Mrd. Euro) mit Umsatzsteuer. Laut dem Elektronikhersteller Fplus, der auch Server anbietet, blieb der Absatz 2025 mit 140.000–150.000 Geräten stabil, während die Umsätze um 30% auf 180 Mrd. Rubel (1,9 Mrd. Euro) zulegten. Für 2026 rechnete das Unternehmen Anfang August mit stagnierenden Umsätzen und um 5–10% weniger verkauften Servern als im Vorjahr.

Der globale Servermarkt legte 2025 laut dem US-Marktforscher IDC um mehr als 80% auf den Rekordwert von 444 Mrd. Dollar zu. Im 2. Quartal 2026 waren für KI-Anwendungen ausgelegte Server im Schnitt um 44% und herkömmliche Server um ein Drittel teurer als ein Jahr zuvor. In Russland verteuerte sich ein typischer Server bei staatlichen Ausschreibungen im 1. Halbjahr 2026 laut Yadro um rund 25% auf durchschnittlich 2,5 Mio. Rubel (26.700 Euro) netto. Rund 80% des Preisanstiegs entfallen nach Einschätzung von Branchenvertretern auf Arbeitsspeicher und SSD-Laufwerke. Server für große KI-Modelle kosten in Russland laut Ljubimow mit mehr als eine Mio. Dollar etwa doppelt so viel wie in den USA, auch weil der US-Chipkonzern Nvidia die Lieferungen seit Mitte 2026 strenger kontrolliere. Der Systemintegrator Jet Infosystems beziffert die Teuerung bei russischen Servern im laufenden Jahr bisher auf rund 35%. Für 2027 empfehlen Hersteller laut dem Unternehmen, bei Beschaffungen weitere 40% Preisanstieg einzuplanen.

Neben den Komponentenpreisen treiben auch längere Lieferzeiten die Kosten. Sie haben sich laut dem russischen IT-Dienstleister T1 im 1. Halbjahr von 10 auf 24 Wochen mehr als verdoppelt. Händler preisten höhere Transporttarife, komplizierte grenzüberschreitende Zahlungen und das Risiko von Vertragsstrafen bei Verzug ein. Eine größere Bestellung mit Lieferung bis Jahresende sei derzeit eine Utopie, so Fplus.

Auch die Einschränkung der Parallelimporte seit Ende Mai 2026 dürfte die Preise weiter steigen lassen, erwartet das Moskauer Fachportal ComNews. Dabei wurden Rechnersysteme und Speichergeräte von 22 Marken, darunter HPE, IBM, Cisco und Intel, von der Liste der Waren gestrichen, die seit 2022 ohne Zustimmung des Rechteinhabers eingeführt werden durften. Dies sei kein Importverbot, sondern die Rückkehr zur Regel von vor 2022, stellt der Jurist Alexander Maljutin auf der IT-Plattform Habr klar. Ohne die Zustimmung der ausländischen Hersteller drohten Klagen, auch könne der Zoll Lieferungen zurückhalten. Solche Risiken dürften sich in höheren Preisen niederschlagen, so Maljutin. 2024 waren ausländische Server noch bis zu 30% günstiger als vergleichbare russische Geräte, berichtete die Wirtschaftszeitung Kommersant damals.

Gerade die heimischen Hersteller hatten immer wieder auf Beschränkungen für ausländische Konkurrenz gedrängt. Als heimisch erkennt das Industrieministerium einen Server an, wenn genügend Fertigungsschritte im Inland erfolgen und ein Mindestanteil der Bauteile von dort stammt. Hightech-Bauteile wie Prozessoren, Arbeitsspeicher und Controller werden weiterhin importiert, während in Russland vor allem Gehäuse entstehen und die Montage erfolgt. Mit Elbrus und Baikal gibt es zwar russische Prozessoren, für ihre Fertigung fehlen im Land aber die Kapazitäten. Der Marktanteil der russischen Hersteller belief sich laut ARPE auf 43% im Jahr 2024, nach 41,3% im Jahr zuvor. Seit 2021 müssen staatliche Auftraggeber Angebote mit importierten Servern ablehnen, sobald ein Angebot russischer Hersteller vorliegt. Auf Staatsaufträge entfallen laut Fplus rund 65% des Marktes.

Nach den Angriffen auf die Rechenzentren wächst das Interesse an dezentraler Infrastruktur, berichtet das russische Unternehmen Netwell, das Rechenzentrumstechnik und auch sogenannte Container-Rechenzentren anbietet. Die Nachfrage nach solchen mobilen Modulen sei im Oktober gegenüber dem 1. Halbjahr 2026 um mindestens 50% gestiegen, so das Unternehmen. Die Container seien in wenigen Monaten einsatzbereit, während der Bau eines Rechenzentrums mehrere Jahre dauere. Einen Trend zur Dezentralisierung erwartet auch der Digital-Experte der Moskauer Unternehmensberatung Strategy Partners, Sergej Kudrjaschow. Die großen Rechenzentren seien aus wirtschaftlichen Gründen entstanden, da sie Kosteneinsparungen ermöglichten. Je kleinteiliger die Infrastruktur werde, desto höher seien die Kosten, so Kudrjaschow. 

Quellen: ComNews 1, 2, Kommersant 1, 2, 3, Vedomosti, CNews 1, 2, 3, IT-World, Habr (alle RU), connect professional, StorageReview


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20.10.2026

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